Chinas GeschichteGeneration Ich

Lange Zeit machte ich mir keine Gedanken über mein Land und seine Geschichte. Doch dann veränderte eine Reise mein Leben. von Kun Kun

Im Winter 2010 besuchte ich Professor He Weifang. Bis 2008 hatte er in Peking Jura gelehrt, nun lebte er in Shi Hezi in der Provinz Xinjiang, 2400 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Laut Wetterbericht betrug die Temperatur minus 37 Grad. Ich zog meine Schneehose an. Es war, als ob ich in eine andere Welt reiste: Die Menschen in Shi Hezi trugen fast alle schwarze Daunenjacken und sprachen sehr laut. Ihre Gesichter waren rot von zu viel Schnaps. Man konnte Professor He sofort als Fremden erkennen. Heller Anorak, weder Schal noch Handschuhe. Dann sah ich das Eis auf seinen Augenbrauen, sein Gesicht war zu einer rosafarbenen Fläche gefroren. Professor He war nicht aus freien Stücken hier. 2008 hatte er die Charta 08 unterzeichnet, die der Nobelpreisträger Liu Xiaobo initiiert hatte. Danach wurde er nach Shi Hezi »versetzt«, um die dortige Universität zu »unterstützen«. Ich wollte ihn vieles fragen. Und ich wollte mit ihm über meine Generation und mein Verhältnis zur Geschichte sprechen.

Ich wurde 1980 geboren, wuchs als Einzelkind auf. Meine Eltern kamen in den Fünfzigern zur Welt. Sie sind Überlebende der großen Hungersnot und der Kulturrevolution. Sie wurden aufs Land geschickt und konnten nicht studieren. Meine Eltern sehnen sich nach Ordnung und Stabilität. Sie wünschen sich, dass ich ein stabiles Leben habe. Deswegen wollten sie, dass ich Jura studiere und Beamtin werde.

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So kam ich vor zehn Jahren an die Chinesische Universität für Politik- und Rechtswissenschaften in Peking. Leider hatte ich nicht das Glück, Seminare von Professor He zu besuchen. Um ehrlich zu sein: Ich kann mich an den Unterricht so gut wie nicht erinnern. Sehr deutlich aber erinnere ich mich an die Atmosphäre, die Beamten-Atmosphäre, die an der Universität herrschte. Wir paukten. Wir machten einen Schein nach dem anderen. Wir schrieben Arbeiten wie am Fließband, um eines Tages eine Stelle in den staatlichen Behörden zu bekommen: Dort fängt man als assistierender Protokollführer an. Dann wird man Protokollführer. Dann wird man assistierender Gutachter, dann Gutachter, und so geht es immer weiter in Richtung Oberes Gericht. Dort kann man zum vorsitzenden Richter befördert werden. Und weiter aufsteigen und immer näher ans Zentrum der Macht heranrücken, bis man schließlich in Gebäuden arbeitet, die keine Hausnummern haben und vor denen bewaffnete Polizisten stehen. Wegen eines winzigen Fehlers kann man in diesem Prozess eine harte Bauchlandung erleiden, man kann aber auch in den »Olymp« gelangen.

ZEIT Geschichte 1/2012
ZEIT Geschichte 1/2012

Ich erwarb meine Scheine und bekam die Chance auf ein Vorstellungsgespräch in einer staatlichen Behörde. Der Prüfer fragte mich: »Falls Ihr Chef vor Publikum etwas Unangemessenes gesagt hat: Wie würden Sie ihn darauf hinweisen, ohne ihn in Verlegenheit zu bringen?« Ich dachte: Sollte er nicht selbst seinen Fehler korrigieren? Warum muss ich ihn zurechtweisen? Später habe ich bei einer anderen staatlichen Institution eine Stelle bekommen. Tag für Tag verfasste ich Schreiben in kommunistischem Amtschinesisch. Ich bin nie aus dem Rahmen gefallen. Aber ich war unglücklich.

Meine Natur rebellierte gegen die Unterdrückung. Ich habe eine angeborene Abneigung gegen Heuchelei – und gegen Langeweile. Und wenn ich jetzt zurückblicke auf all das, was ich hasste, dann war es mit das Schlimmste, einfach nur ein Rad im Getriebe zu sein. Ich brauchte nur die Paragrafen nachzubeten, ich war ein winziges Teil einer körperlosen Maschine. Ich brauchte kein Selbstbewusstsein. Nein, ich durfte keines haben, weil Teile einer Maschine austauschbar sind. Mich machte das alles konfus, es war wie in einem Albtraum: Ab und zu zuckten meine Hände und Füße, ohne dass ich aufwachte. Aber dann habe ich die Augen aufgemacht und bin aufgestanden.

Ich bewarb mich für einen Studienplatz in England und musste das Amt verlassen. Ich packte meine Koffer. Ich habe so getan, als ob ich in Europa meine wahre geistige Heimat gefunden hätte und als ob ich in China, wo ich geboren bin, eine Fremde wäre. Was kümmerte mich die Geschichte, was kümmerte mich die Zukunft dieses Landes? Was kümmerte mich das Recht? Ich desertierte. Doch ich merkte: Ich kann mich nicht von meiner Vergangenheit frei machen. Manchmal fühlte ich mich wie eine geworfene Münze, die zufälligerweise auf dem Rand zu stehen gekommen ist, weder Kopf noch Zahl. Heute arbeite ich als freie Autorin.

99 Prozent meiner Studienkollegen hingegen reiten weiter den Amtsschimmel und versuchen, nach oben zu kommen. Zu ihren Treffen gehe ich fast nie. Viele haben mittlerweile mindestens ein Drittel des Karrierewegs hinter sich. Auch die Zeit, in der sie noch hätten aufwachen können, liegt hinter ihnen. Manche sind bereits Abteilungsleiter.

»Unter einer totalitären Herrschaft wird Bosheit als alltäglich betrachtet, sogar als verantwortungsbewusst. Diese Bosheit ist banal, alltäglich, und in den Augen der Bösen ist es nicht Bosheit, sondern eine Tugend«, schreibt Hannah Arendt. An diese Zeilen muss ich manchmal denken, wenn ich meine ehemaligen Kommilitonen sehe. Und doch: Auch sie üben manchmal Kritik. Da sie mehr erfahren haben, geht ihre Kritik vielleicht sogar tiefer als meine. Die meiste Zeit aber wollen sie sich gar nicht äußern. Sie sprechen lieber über Feinkost und Luxusartikel, über unterhaltsame Filme und schöne Romane. Sie sind little men.

Die Befehle erteilen die big men, während sie nur die Ausführenden sind. Sie sind aufrichtige Menschen und denken über die Dinge nach, die sie tun. Aber es ist zu grausam für sie, der ganzen Wahrheit ins Gesicht zu blicken – der Wahrheit über die Maschine, deren Teil sie sind. Allein der Gedanke daran bringt sie vor Schreck zum Schweigen. Beim letzten Treffen sagte eine ehemalige Kommilitonin, die beim Steueramt arbeitet, dass sie diejenige war, die im Fall von Ai Weiweis »Steuerhinterziehung« ermittelte. Vor Erstaunen machte ich große Augen und hoffte, mehr zu erfahren. Doch sie schwieg.

Leserkommentare
  1. Viel Unzufriedenheit, aber nichts China-spezifisches. Eine Unmutsäußerung ja, aber eine Reportage? Nein.

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    • bossel
    • 17. März 2012 18:31 Uhr

    Da ist schon so einiges an Chinaspezifischem drin. Am besten nochmal lesen.

    • bossel
    • 17. März 2012 18:31 Uhr

    Da ist schon so einiges an Chinaspezifischem drin. Am besten nochmal lesen.

    Antwort auf "Überschrift"
  2. "Und doch: Es ist etwas passiert. Und im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wann die Veränderung eintrat. 2008, nach der Olympiade in Peking und dem Erdbeben in Sichuan? Oder als das social media-Zeitalter anbrach? Es ist eine schleichende Veränderung, aber ich werde von ihr beeinflusst."

  3. "Und doch: Es ist etwas passiert. Und im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wann die Veränderung eintrat. 2008, nach der Olympiade in Peking und dem Erdbeben in Sichuan? Oder als das social media-Zeitalter anbrach? Es ist eine schleichende Veränderung, aber ich werde von ihr beeinflusst."

    Die chinesische Generation der Nach-80er und besonders der Nach-90er wird ihr Land nach ihren Maßstäben formen und damit einen Veraenderungsprozess in Gang bringen, der dieser Welt den Atem rauben wird.

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  • Schlagworte Deng Xiaoping | Hannah Arendt | China | Geschichte | Jura | Liu Xiaobo
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