Chinas Geschichte : Generation Ich
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 Chinas "Ich-Generation"

2007 berichtete das amerikanische Time Magazin über die »Ich-Generation« in China, über die chinesische Stadtjugend, die nach 1980 geboren wurde. Die Ich-Generation, schrieb der Autor, sehne sich nach Mode, sie habe einen Geschmack für Sanftes und Schönes, sie wolle nichts von Geschichte und Politik wissen. Auch ich gehöre dazu.

Diese Generation ist natürlich nicht aus dem Nichts entstanden. Nach dem Tiananmen-Vorfall von 1989 änderte sich das politische Klima in China: Die Propaganda vermied es fortan, über Politik und Geschichte zu sprechen. Stattdessen sprach sie über Konsum und Erfolg. Es sei ihm einerlei, ob eine Katze schwarz sei oder weiß, Hauptsache, sie fange Mäuse – so hatte einst Deng Xiaoping seine Abkehr von ökonomischen Dogmen begründet. Die Ich-Generation verabschiedete sich mit diesem Satz von der Politik. Hauptsache, man wurde eine Katze, die Mäuse fangen konnte. Sich Gedanken über sein Land und die Gesellschaft zu machen kam aus der Mode.

Manche nennen die »Ich-Generation« auch »Übergangs-Generation«: Wir sind am Ende der großen Unruhen geboren, wir durften »den Aufschwung der großen Nation« und das »Modell China« feiern, aber im Grunde wissen wir über die Geschichte dieses Landes so gut wie nichts. Wir leben in materiellem Reichtum, in vieler Hinsicht sind wir nicht anders als die Jugendlichen in London oder New York, aber wir haben noch nie wirkliche Freiheit und Gleichheit genießen können. Wir haben nie hungern oder brutale Konflikte erleben müssen, aber wir leben in einem erdrückenden politischen Klima. Wir haben nie unter existenziellen Schmerzen gelitten, kennen aber auch kein wahrhaftes Glück.

Und doch: Es ist etwas passiert. Und im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wann die Veränderung eintrat. 2008, nach der Olympiade in Peking und dem Erdbeben in Sichuan? Oder als das social media-Zeitalter anbrach? Es ist eine schleichende Veränderung, aber ich werde von ihr beeinflusst. Die Geschichte schreitet langsam voran und schleppt alle mit. Die Politik taucht wieder aus dem Nebel auf, der 20 Jahre lang alles eingehüllt hat. Ich und einige junge Leute, die ich kenne, fangen an, sich für Geschichte und Politik zu interessieren. Wir äußern – als Bürger – unsere Meinungen offen im Internet.

Die junge Frau, die da im Winter 2010 vor Professor He saß, war die Summe aller Ichs meiner Vergangenheit: die unglückliche Jurastudentin, das Rädchen in der Staatsmaschine, die Deserteurin, die durch Flucht versuchte, mit sich selbst ins Reine zu kommen, und die Angehörige der »Übergangs-Generation«, die nach neuen Wegen sucht, seit ihr Gemeinsinn erwacht ist.

Ich habe mich entschieden, aktiver zu sein. Ich will mehr über die Geschichte dieses Landes wissen und über alles, was es zurzeit durchmacht. Nur so kann ich diese Welt verstehen. Nur so kann ich mich von meiner Angst befreien – der Angst eines Menschen, der die Freiheit noch nicht kennt.

Aus dem Chinesischen von Zhu Yi

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