Chinas GeschichteFeuer und Papier

Ich verehrte Mao – und wurde sein Opfer. Bis heute blickt China den Schrecken der Kulturrevolution nicht offen ins Auge. von Mao Yushi

Ich habe einige der wichtigsten Ereignisse der jüngeren Geschichte Chinas miterlebt: den Krieg mit Japan, den Bürgerkrieg nach 1945, den »Großen Sprung nach vorn« und die »Große Proletarische Kulturrevolution«. Das wichtigste Ereignis aber war der Tod Mao Zedongs 1976.

Zum ersten Mal habe ich Maos Namen 1945 gehört: Der Japanisch-Chinesische Krieg war zu Ende, und die KP Chinas verhandelte mit der Nationalpartei. Später las ich Maos Texte Über die Koalitionsregierung, Über den Dauerkrieg, Über die Neue Demokratie – und war beeindruckt von seinem Weitblick. Dass die Kommunistische Partei nach dem Krieg das Vertrauen des Volkes gewann, lag indes weniger an Mao als am Versagen von Chiang Kai-sheks Nationalpartei, der Kuomintang (KMT). Die Nationalisten waren nicht vorbereitet auf den Frieden. Sie hatten nicht genügend qualifizierte Funktionäre, um in den Gebieten, die von Japan besetzt waren, eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. In ihren Reihen gedieh die Korruption. Sie führten in den ehemaligen Besatzungsgebieten eine Währungsreform durch, die den Menschen einen Großteil ihres Vermögens raubte. Hinzu kam ihr arrogantes Auftreten gegenüber der Bevölkerung.

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Die Kuomintang vertat dadurch eine historische Chance: China hatte im Krieg zahlreiche Territorien zurückerobert, unter anderem Taiwan. Es wurde 1945 Gründungsmitglied der UN. Die einhundertjährige Demütigung des Landes ging zu Ende. Doch die Nationalisten enttäuschten die Menschen. »Das Unglück ist es, worauf das Glück beruht; das Glück ist es, worauf das Unglück lauert«, heißt es bei Laotse. Die Kommunistische Partei nutzte die Gelegenheit: Sie besiegte die KMT im Bürgerkrieg, obwohl deren Armee anfangs fünfmal so groß war.

ZEIT Geschichte 1/2012
ZEIT Geschichte 1/2012

1949, ein Jahr bevor ich in Shanghai mein Studium der Ingenieurwissenschaft abschloss, wurde die Volksrepublik gegründet. Anschließend rief die KP die Intellektuellen zur »geistigen Erneuerung« auf. Wir mussten ausgewählte Werke Maos studieren, und ich tat es mit Begeisterung – auch wenn mir manches rätselhaft erschien. So behauptete Mao zum Beispiel, die Nationalisten hätten nicht gegen die Japaner gekämpft, sondern sich nach 1945 ins gemachte Nest gesetzt. Das widersprach meinen persönlichen Erfahrungen. Meine Familie hielt während des achtjährigen Krieges treu zu Chiang Kai-shek, und über nichts wurde so viel gesprochen wie über den Widerstand gegen Japan. So viele Schlachten waren geschlagen worden, so viele Soldaten und Zivilisten waren ums Leben gekommen! Wie konnte man behaupten, dass sie nicht gekämpft hätten? Aber solche Fragen konnten meiner Verehrung für Mao nichts anhaben.

Nach 1949 folgte eine Reihe von Kampagnen: Unterdrückung der Konterrevolutionäre, antikapitalistische Bewegung, Anti-Hu-Feng-Bewegung... Ich arbeitete damals an der staatlichen Akademie für Eisenbahntechnik in Peking, und ich war nicht einverstanden mit diesen Kampagnen, habe aber auch nicht protestiert. Erst als die Bewegung gegen die sogenannten Rechtsabweichler begann, fing ich an, Maos Linie infrage zu stellen – denn nun stand ich selbst auf der Seite der Opfer. 1956 hatte Mao in der sogenannten Hundert-Blumen-Kampagne dazu aufgefordert, Kritik offen zu äußern. Ich sagte damals, China müsse sich ökonomisch wie politisch öffnen und sich demokratisieren. Vielen erging es damals wie mir: Sie äußerten offen ihre Meinung und wurden dann dafür bestraft.

Während der grauenhaften Hungerkatastrophe nach dem »Großen Sprung nach vorn« wurden meine Zweifel an Mao zur Gewissheit. 1961 schickte man mich in ein Dorf in der Shandong-Provinz. Viele Intellektuelle mussten damals aufs Land: Sie sollten unter einfachen Bauern und Landarbeitern lernen, gute Kommunisten zu sein. Man brachte mich bei der Familie des örtlichen Parteisekretärs unter. Alle Nachbarn hatten Familienmitglieder durch die Hungersnot verloren. Ich war neun Monate dort, und noch immer herrschte fürchterlicher Mangel. Ich überlebte nur, indem ich Heuschrecken aß. Bis heute denke ich an die damalige Zeit, wenn ich auf Banketten den Überfluss an Essen sehe: Wenn wir all diese Köstlichkeiten doch damals gehabt hätten! 

1962 erholte sich die Volkswirtschaft allmählich wieder. Doch das Land kam nicht zur Ruhe. 1966 rief Mao die Kulturrevolution aus. Die Nachricht wurde überall durch Lautsprecher verbreitet. Ich wusste, dass es zu einer Katastrophe kommen würde. Peking verwandelte sich in einen Ort des Grauens. Ich wohnte in einer Gasse im Viertel Wangfujing. Ich sah, wie kleine Händler auf die Straße gezerrt und totgeschlagen wurden. Am 23. August 1966 wurde meine Wohnung geplündert. Ich galt als Rechtsabweichler, aber es konnte damals alles als Grund herhalten. Die Rotgardisten beschlagnahmten unser Hab und Gut. Sie setzten uns auf die Straße. Sie schoren meiner Frau den Kopf. Meiner Mutter verpassten sie eine »Yin-Yang-Frisur« – sie rasierten die Hälfte ihres Kopfes kahl. Eines Tages wurden mein Vater und ich durch die Straßen getrieben.

Die Rotgardisten peitschten uns mit Gürteln, und sie hätten uns wahrscheinlich totgeprügelt, wenn nicht eine Frau aus dem örtlichen »Komitee der vereinigten Rotgardisten-Bewegung« zufällig eingeschritten wäre. Sie mahnte: »Wir müssen kultiviert kämpfen und nicht sinnlos Gewalt ausüben.« Noch im selben Jahr, 1966, wurde ich zur Fabrikarbeit in die Shanxi-Provinz verbannt. Als ich in den Zug stieg, sah ich rings um den Bahnhof Familien mit Kind und Kegel: »Klassenfeinde«, die aufs Land getrieben wurden. Die Schrecken der Kulturrevolution währten zehn Jahre.

Leserkommentare
  1. Bis heute hat sich die VRChina, eine kommunistische Dikatatur, nicht für die Greuel der Kulturrevolution entschuldigt. Die koloniale Besetzung Tibets und die Unterdrückung der Tibeter wie auch der Uiguren geht permanent weiter. Die VRChina ist und bleibt halt eine imperiale Diktatur.

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