Modernes ChinaRitt auf dem Tiger

Maos Nachfolger Deng Xiaoping war Reformer und Reaktionär: Er verwarf die Dogmen der Planwirtschaft – und ließ Panzer gegen Regimegegner rollen. Seine Politik leitete Chinas Aufstieg zur Supermacht ein. von Sebastian Heilmann

Deng Xiaoping im Jahr 1975 auf einer Frankreichreise. Im Folgejahr stirbt Mao.

Deng Xiaoping im Jahr 1975 auf einer Frankreichreise. Im Folgejahr stirbt Mao.  |  © AFP/Getty Images

Aus Sicht unserer von Märkten und Technologien getriebenen Welt sind die kommunistischen Revolutionäre, die China im 20. Jahrhundert prägten, nur schwer zu begreifen: Sie glaubten an die unbedingte Macht der Politik. Sie waren durch jahrzehntelangen Kampf zu Kommandeuren militärisch disziplinierter und ideologisch indoktrinierter Organisationen geworden. Und sie verstanden sich als Teil einer welthistorischen Mission, die zum Ziel hatte, eine radikal neue Staats- und Gesellschaftsform aufzubauen. Das galt für Mao Zedong – und nicht minder für Deng Xiaoping, seinen Nachfolger und Überwinder. Von den späten siebziger Jahren bis kurz vor seinem Tod 1997 lenkte er die Geschicke der Volksrepublik. Autoritär und pragmatisch, vorwärtsgewandt und zugleich der Vergangenheit verhaftet, ebnete er dem Land mit Wirtschaftsreformen den Weg in die Zukunft.

Deng Xiaoping wurde am 22. August 1904 in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas geboren. Bereits mit zwölf Jahren besuchte er einen Vorbereitungskurs für einen Aufenthalt im Ausland; als 16-Jähriger schließlich ging er als Werkstudent nach Frankreich, wo er in eine Exilorganisation chinesischer Kommunisten aufgenommen wurde. Sein Leben – auch sein Privatleben – war dadurch schon früh untrennbar mit der Kommunistischen Partei Chinas verknüpft. Parteigenossen arrangierten alle drei Ehen Dengs. Er lebte in der und für die kommunistische Bewegung. Militärische Niederlagen bedeuteten für ihn daher oft nicht nur einen Verlust von Soldaten, sondern auch von engen Freunden und Familienmitgliedern.

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Deng kämpfte selbst bei schweren Rückschlägen weiter. Er stand die lange Durststrecke der dreißiger Jahre durch, als die Kommunisten durch die Vernichtungsfeldzüge der Kuomintang in die Defensive gedrängt wurden. Er überlebte den Langen Marsch, mit dem sich die zersprengte KPCh vor den Kuomintang-Gruppen rettete. Er kämpfte im Bürgerkrieg. Als politischer Kommissar war er schließlich an den Siegen der kommunistischen Truppen in den späten vierziger Jahren beteiligt.

ZEIT Geschichte 1/2012
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Im Rückblick hat Deng diese Revolutionsjahre als die glücklichsten seines Lebens bezeichnet. Zeitlebens zog er aus ihnen ein starkes Selbstvertrauen. Und er entwickelte ein unerschütterliches Sendungsbewusstsein. Wie auch andere Revolutionäre in der KPCh betrachtete er sich als historisch legitimierten Anführer des neuen China – und war sich sicher, langfristig als Sieger aus dem Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus hervorzugehen.

Dengs Persönlichkeit zeichnete sich durch große Entschlossenheit und Härte aus. Die Erfahrung des revolutionären Kampfes prägte sein Denken und Handeln bis an sein Lebensende. Er verstand sich als Parteisoldat. Und nie ließ er einen Zweifel daran, dass jeder ausgeschaltet werden müsse, der den Führungsanspruch dieser Partei infrage stellte. 1989 befahl er aus diesem Grund, Panzer gegen die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking einzusetzen – ein Vorgehen, das in einer Reihe mit zahlreichen anderen Repressionsmaßnahmen steht: Im Revolutionskrieg der Jahre 1927 bis 1949 verhängte Deng immer wieder harte Strafen gegen "Konterrevolutionäre", 1957/58 ließ er parteikritische Intellektuelle verfolgen, Mitte der siebziger Jahre ging es gegen ethnische Minderheiten in Südwestchina, Ende der achtziger gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen in Tibet. Die Studenten auf dem Tiananmen-Platz verkannten 1989 Dengs Härte. Trotz Vorwarnungen liefen sie schutzlos in die Bajonette und Panzer der Armee.

Es waren indes nicht Unerbittlichkeit und Entschlossenheit allein, die Deng den Weg in die Führungsspitze der KPCh ebneten. Er verfügte auch über ein außergewöhnliches Organisations- und Koordinationstalent. Nach 1949 stieg er dank dieser Fähigkeiten rasch in die höchsten Entscheidungsebenen von Partei und Regierung auf.

Der künftige Reformer war dort zunächst ein williger Helfer. Bis 1959 profilierte sich Deng Xiaoping als loyaler Vollstrecker der Entscheidungen Mao Zedongs. Die Hungersnöte und wirtschaftlichen Einbrüche infolge des "Großen Sprungs" aber, mit dem Mao das Land binnen weniger Jahre in eine Industriemacht verwandeln wollte, lösten erste Zweifel in ihm aus. Nach und nach distanzierte er sich von der Politik des "Großen Vorsitzenden". Während der Kulturrevolution, die 1966 begann, fiel Deng bei Mao deshalb in Ungnade und wurde für mehrere Jahre in eine arme ländliche Gegend in Zentralchina verbannt. Dort entwickelte er erste Ideen, wie sich Chinas innere Konflikte lösen ließen und er das Land aus seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit herausführen könnte.

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