Dank Dengs Wirtschaftsreformen steht China vor dem Durchbruch an die Weltspitze
Seine Erfolge als wirtschaftlicher Modernisierer sind dagegen unstrittig: Unter dem bescheidenen Vorzeichen der Reform und mit dem klaren Blick des Strategen hat Deng eine wirkliche Revolution in Gang gesetzt. Die wirtschaftliche Dynamik hat nicht nur eine breite Mittel- und Oberschicht in Chinas Städten hervorgebracht, sondern auch 200 Millionen Chinesen auf dem Land aus bitterer Armut befreit. Wirtschaftlich, technologisch und wissenschaftlich steht China vor dem Durchbruch an die Weltspitze.
Gleichwohl haben Dengs Reformen auch Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge in Gang gesetzt, deren Folgen heute eine gewaltige Herausforderung für China darstellen. So hat das Land seit den späten siebziger Jahren nicht nur einen rasanten Aufschwung erlebt: Auch die soziale und regionale Ungleichheit wächst.
Gleichzeitig haben sich Wertvorstellungen und Lebensstile stark ausdifferenziert, die Erwartungen an künftige Wohlstandssteigerungen sind hoch, durch neue Medien wie das Internet werden für immer mehr Menschen immer mehr Informationen zugänglich – eine explosive Mischung, die Dengs Nachfolger in der Partei- und Staatsführung zu entschärfen versuchen. Durch die Einführung sozialer Sicherungssysteme und staatliche Umverteilungsmaßnahmen bemühen sie sich, den sozialen Spannungen die Sprengkraft zu nehmen. Die jüngeren sozial- und umweltpolitischen Programme enthalten daher immer auch eine implizite Distanzierung gegenüber Dengs Politik, die ein »Wirtschaftswachstum um jeden Preis« forciert hatte, ohne über die sozialen und ökologischen Folgen nachzudenken. Die heutige chinesische Regierung muss eine Fülle neuer wirtschafts-, sozial- und umweltpolitischer Herausforderungen im Innern bewältigen und sieht sich zugleich wachsenden weltwirtschaftlichen Risiken gegenüber. Unter diesen Bedingungen erscheint es ungewiss, ob Chinas internationaler Aufstieg weiter so rapide und stetig voranschreiten wird, wie dies in den zwei Jahrzehnten nach Deng Xiaopings »Südreise« 1992 möglich war.
Sebastian Heilmann, Jahrgang 1965, ist Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier
Weiterlesen: Sebastian Heilmann/ Dirk Schmidt: »Außenpolitik und Außenwirtschaft der Volksrepublik China« VS Verlag, Heidelberg 2012







