Friedrich der StauferStaune und herrsche

Kaiser Friedrich II., der auch König von Sizilien war, gilt als mittelalterlicher Vordenker von Aufklärung und Toleranz. Aber war er wirklich ein Freund der Muslime, wie so oft behauptet wird?

Eine Abbildung zeigt Friedrich II. mit seinem Falken. Das Bild stammt aus seinem Buch "De arte venandi cum avibus" aus dem 13. Jahrhundert.

Eine Abbildung zeigt Friedrich II. mit seinem Falken. Das Bild stammt aus seinem Buch "De arte venandi cum avibus" aus dem 13. Jahrhundert.   |  © Public Domain/Wikipedia

Friedrich II. und der Islam: Glaubt man den Verehrern des mittelalterlichen Herrschers, so war dies eine Geschichte von wechselseitiger Achtung und Zuneigung. Nach dem Kreuzzug der Jahre 1228/29 berichteten schon Zeitgenossen, der normannisch-staufische Kaiser, der zugleich König von Sizilien war, sei den Muslimen in Freundschaft zugetan, ja benehme sich beinah selbst wie ein Muselman. Wie sonst, fragten sie, hätte er ganz ohne Kampf erreichen können, was Richard I. Löwenherz und Philipp II. August, die mächtigen Könige von England und Frankreich, mit dem Schwert nicht geschafft hatten: das ersehnte Jerusalem zu erobern? Steckte Friedrich also mit den Muslimen unter einer Decke?

Vieles schien dafür zu sprechen: Konnte er, in dessen sizilianischem Herrschaftsgebiet nicht wenige Muslime lebten, neben einigen anderen Sprachen nicht auch Arabisch? Besaß er nicht eine Leibwache aus Sarazenen und einen Harem, wie man an der Kurie munkelte? Ließ er nicht arabische Jagdtraktate und philosophische Schriften sammeln? Und pflegte er nicht sogar Kontakte zu den Assassinen, jenen berüchtigten Attentätern, die im Haschischrausch zu politischen Meuchelmördern wurden?

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Viele dieser Fragen kann man tatsächlich mit Ja beantworten. Und doch ist die Sache komplizierter. Man muss die Verhaltensweisen des Herrschers vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Gepflogenheiten analysieren, nur so sind sie zu verstehen. Und es gilt, die historischen Tatsachen von den späteren Zuschreibungen zu trennen, die Friedrich als ersten Europäer, als rationalen Denker und eben als Freund der Muslime ausweisen. Schon der englische Benediktiner Matthaeus Paris (um 1200–1259) bezeichnete Friedrich in seinem Werk Chronica Maiora als »stupor quoque mundi et immutator mirabilis« – als Staunen der Welt und deren wunderbarer Verwandler. Dieses Staunen, das seinerzeit eine Portion Furcht mit einschloss, zog sich durch die Jahrhunderte. So entstand das Bild vom multikulturellen Wunderkaiser.

ZEIT Geschichte 2/2012
ZEIT Geschichte 2/2012

In Deutschland spielte im 19. Jahrhundert vor allem das Urteil des Basler Historikers Jacob Burckhardt eine große Rolle, der den Kaiser als »ersten modernen Mensch[en] auf dem Throne« bezeichnete. Allerdings deutete Burckhardt Friedrich II. – im Gegensatz zur landläufigen Meinung und besonders zu jener in den Feuilletons – gar nicht als positive Gestalt. Anders Friedrich Nietzsche. In Der Antichrist, seiner polemischen Abrechnung mit dem Christentum, kommentierte er: »›Krieg mit Rom aufs Messer! Friede, Freundschaft mit dem Islam‹: so empfand, so that jener grosse Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern, Friedrich der Zweite.« Diese Einschätzung hallte lange nach und wurde immer wieder zitiert. Auch der Künstlerkreis um Stefan George, und hier vor allem der Friedrich-Biograf Ernst Kantorowicz, modellierte mit an einem überhöhten Bild des Herrschers.

Will man Friedrich II. nüchtern betrachten, muss man in seinem Verhältnis zum Islam drei Fragen unterscheiden: Wie ging er mit den Muslimen um, die auf Sizilien lebten? Wie sah sein Verhältnis zu den arabischen Wissenschaften aus? Und schließlich: Welche Politik betrieb er im Heiligen Land?

Olaf B. Rader

Jahrgang 1961, arbeitet an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Im 9. Jahrhundert hatten die Araber Sizilien erobert und sich dort angesiedelt. Dann, im 11. Jahrhundert, nahmen die Normannen die Insel ein. Der wachsende Einfluss des römisch-katholischen Christentums drängte die islamische Kultur nach und nach zurück. Ein Teil der Muslime konvertierte, ein anderer Teil verließ Sizilien in Richtung Südspanien, Nordafrika oder Naher Osten.

Die auf der Insel verbliebenen Muslime, die zunächst an ihren traditionellen Lebensformen festhielten, zogen am Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts in die westlich und südlich der Metropole Palermo gelegenen Berge, in denen sich schon länger vornehmlich Araber niedergelassen hatten. Einige richteten sich dort fest ein und leisteten dauerhaften Widerstand gegen die christlichen Eroberer. Bereits in den 1220er Jahren begann Friedrich, die Aufständischen zu bekämpfen, um seine Herrschaft zu sichern – der Anfang eines Guerillakrieges, der fast seine gesamte Regierungszeit lang andauerte.

Leserkommentare
  1. Das Freidrich II. zum Islam konveriteirt sein, ist wenig glaubhaft.

    Denn seine Position im Reich wäre damit ruiniert gewesen.

    Die Gründe für den "Ausgleich" mit den Moslems in Jerusalem auf seinem Kreuzzug, lag eher am Zufall, dass beide Konfliktparteien sich in "dynastischen Stretigkeiten" befunden haben, zurzeit F~s, Ankunft in Jerusalem.

    Außerdem war Friedrich wohl intelligent genug, dass er eingesehen hat, dass man die "Kreuzfahrer-Staaten" nicht, ohne "stehende Flotte" halten konnte und die wollte kein Reich in Europa bezahlen.

    Antwort auf "Ich neige....."
  2. Die Idee der Kaiser konvertiert ist, können sie komplett vergessen. Der Kaiser war nach damalige Lesart der weltliche Stellvertreter Gottes auf Erden. Wäre der konvertiert, dann hätte er sich keine 6 Monate an der Macht halten können.

    Der Kreuzzug wurde ja gerade durchgeführt, um Gerüchte zu zerstreuen, der Kaiser sei kein guter Christ.

    Wie ist dass denn vorher mit den Kreuzzügen abgelaufen? Da haben sich sehr mächtige Streitmachten aus Europa aufgemacht und haben dort alles kurz und klein geschlagen. (Einschließlich diverser, gewinbringer Ausflüge.) Das Land dort ist aber jemseits des Symbolischen nicht viel wert und hat eine extrem lange Versorgungsroute von Europa. Mit anderen Worten: Wenn die Kaiser und Könige nach ihren Kreuzzügen wieder abgedackelt waren, um sich um die wichtigen Aufgaben zu können, bliebt ein recht kleines und armseeliges Häufchen als Lehnsherren zurück.

    Für den Sultan war es eine einfache Rechnung: Gegen Kaiser kämpfen und womöglich verlieren, einschließlich der Schwächung des relevanten Herrschaftsbereichs oder dort halt einen schwachen Kreuzfahrerstaat akzeptieren, denn man hinterher leich beseitigen kann. Der Kaiser hatte ähnliche Erwägungen. Warum im Hl.Land Truppen verlieren, die man woanders besser gebrauchen kann. Ein diplomatischer Sieg tut es auch.

    Antwort auf "Ich neige....."
  3. ...dass Rader, ausgewiesener Friedrich-Spezialist, eine sehr außergewöhnliche Deutung des Fiaskos von Damiette 1221 liefert (S. 3). Da wünschte ich mir schon einen Beleg. Die Kreuzzugsforschung sieht den Gegenstand völlig anders: Das Angebot al-Kamils umfasste einen langjährigen Waffenstillstand, die Rückgabe des ehemaligen Königreichs Jerusalem (ohne Transjordanien), zudem 30000 Byzantiner Entschädigung. Übrigens nicht 1221, sondern 1219 (wichtig, weil die politisch-militärische Situation in Ägypten 1221 völlig anders aussieht). Im selben Jahr wiederholte der Sultan das Angebot und erhöhte es um die Rückgabe des von Saladin erbeuteten "wahren" Kreuzes und die Wiederbefestigung Jerusalems. Im Gegenzug sollten die Kreuzfahrer Ägypten verlassen. Derjenige, der das Angebot ablehnte, war der päpstliche Legat Pelagius gemeinsam mit den Ritterorden, die der Meinung waren, jerusalem ließe sich nicht ohne Transjordanien verteidigen, und den italienischen Seestädten, die in Damiette Handelsniederlassungen einrichten wollten. Lediglich Johann von Brienne, Regent von Jerusalem, befürwortete das Angebot. Der Kaiser hatte an der Entscheidung aus verschiedenen Gründen praktisch keinen Anteil (frei nach Mayer, Geschichte der Kreuzzüge).
    Bin gespannt, was Rader dazu sagen würde - ein klitzekleiner Beleg würde mir schon reichen, er ist ja schließlich Wissenschaftler...

  4. Übrigens deutet KEIN EINZIGER ernstzunehmender Historiker der Kreuzzüge diese als primär witschaftlich motivierte Phänomene. Einige Blicke beispielsweise in die Urkundensprache, den Urkundeninhalt und die Stiftungsfrömmigkeit jener Epoche unterstützen diese Sichtweise. Seid also nicht zu bequem: Bevor man den Mund aufmacht und der Menschheit seine Meinung mitteilt, sollte man ebendiese Meinung zumindest fundieren.

    2 Leserempfehlungen
  5. 1215 hatte FriedrichII sein Kreuzzugsgelübde vor Papst Innozenz III abgelegt, der seine Königswahl in Deutschland unterstützt und den welfischen Kaiser Otto IV abgesetzt hatte.
    Nach seiner Kaiserwahl 1220 setzte er seinen Sohn HeinrichVII zum König in Deutschland ein und konzentrierte sich auf die beiden Sizilien, wo er den ersten modernen Staat Europas etablierte und dadurch das Papstum mit seinem Kirchenstaat wieder herausforderte, dass sich von den beiden Staufer-Herrschern umklammert fühlte und ihn deshalb durch Bannung zum 5. Kreuzzug nach Jerusalem zwingen wollte.
    1228 führte FriedrichII sein Gelübde aus und zog mit seinen Kräften aus den beiden Sizilien und dem Deutschen Ritterorden, dem er zuvor durch die Bulle von Ravenna die Länder der Pruzzen und Balten zur Ausdehnung der Staufer-Herrschaft im Osten zugesagt hatte.
    Er erreichte dann für die lateinische Christenheit per Vertrag den freien Zugang für die wichtigsten Stätten der Christenheit im "Heiligen Land": Jerusalem-Bethlehem durch sein von den Muslimen des Orient anerkanntes Königtum über Jerusalem und zog sich dann schleunigst auf seine beiden Sizilien zurück, die vom Papst attakiert wurden.

    Ihm ging es beim Aushandeln des Vertrages von Jaffa bestimmt in 1.Linie nicht um die Balance zwischen lateinischer Christenheit und dem Islam, sondern um die Vollendung des Dritten Kreuzzuges seines Großvaters Barbarossas und seines Onkels Friedrich zu bewerkstelligen, die 1190 auf dem Weg nach Jerusalem scheiterten.

  6. In einer guten historischen Arbeit weden drei Kategorien unterschieden:
    1. Das weiß ich.
    2. Das halte ich für sehr wahrscheinlich.
    3. Das spekuliere ich.

    Bringt der Historiker diese drei Kategorien durcheineander bzw. ist es für den Leser unklar, auf welcher Darstellungsbene er sich befindet, ist das Werk nicht "sauber" geschrieben.

    Daher kann ich den Arikel nicht sonderlich ernst nehmen. Er ist Vermischtest aus Fakten und Spekulation.

    Eine Leserempfehlung
  7. .......hat er den Islam gar nicht verstanden. Denn wie kann man den Islam beherzigen und gleichzeitig Muhammad als Scharlatan bezeichnen? Muhammad ist kein Papst, sondern ein Prophet, d.h., wer am Islam glauben will, muss auch an Muhammad glauben.
    Cassanova ist eben kein Gelehrter, sondern ein Schuerzenjaeger, der auch trank und Drogen zu sich nahm.

    Antwort auf "casanova"
  8. ... Maßstab von heute messen zu wollen?
    Es ist doch erstaunlich genug, dass F2 die Dinge pragmatisch angegangen ist, ohne wie die meisten seiner Zeitgenossen der Ideologie den Vorrang zu geben, bei minimalen Kosten ( Geld + Leben ), wir würden heute "effizient" und "guter Wirkungsgrad" dazu sagen, eine Eigenschaft, die vielen heutigen Politikern fehlt. Nichtsdestotrotz möchte ich F2 heute nicht zum Chef haben.

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  • Schlagworte Islam | Friedrich II | Orient | Europa | Geschichte | Sizilien
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