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Die Islamfeindschaft der Kreuzzug-Ära

In der gesellschaftlichen Hierarchie des hispanischen Maurenreichs standen die eingewanderten Muslime ganz oben, gefolgt von den Spaniern, die zum Islam übergetreten waren. Die größte gesellschaftliche Gruppe bildeten Spanier, die zwar nominell Christen blieben, aber die Sitten und Gebräuche des Islams übernahmen: Die Männer kleideten sich in islamische Gewänder, lernten Arabisch, waren fasziniert von der neuen, weltoffenen Kultur und lebten ihrerseits häufig in Polygamie, sofern sie sich das leisten konnten. Die islamische Lebensweise war damals, was Jahrhunderte später der American Way of Life sein würde: eine »Leitkultur«. Allein die katholische Kirche sann auf Vergeltung, denn sie sah sich schmählich entmachtet.

Wer nicht von Rachefantasien getrieben war oder zum Opfer höfischer Intrigen wurde, lebte gut in Al-Andalus, besser jedenfalls als viele Menschen nördlich der Pyrenäen. Córdoba verfügte bereits im Hochmittelalter über eine Kanalisation und Straßenbeleuchtung. Die Bevölkerung der Stadt, rund eine halbe Million Menschen, betete in 3.000 Moscheen und reinigte sich in 300 Dampfbädern, den Hamams. Córdoba, Sevilla und Granada waren bekannt für ihre Hochschulen, in denen Philosophie, Recht, Literatur, Mathematik, Medizin, Astronomie, Geschichte und Geografie gelehrt wurden. Das Statussymbol des reichen Mannes war damals eine gut ausgestattete Bibliothek.

Macht und Wohlstand des islamischen Spanien erreichten ihren Höhepunkt im 10. Jahrhundert. Danach zerfiel der Zentralstaat infolge innerer Streitigkeiten. 1085 errang die christliche Reconquista mit dem Fall Toledos einen ersten großen Sieg. In einem Jahrhunderte währenden Kampf beendete sie die islamische Vormachtstellung. Und sie richtete sich auch gegen die islamische Kultur. 1499 erreichte dieser Kulturkampf einen traurigen Höhepunkt, als Kardinal Francisco Jiménez in Granada 80.000 arabische Bücher verbrennen ließ und das Arabische als »die Sprache einer ketzerischen und verachtenswerten Rasse« bezeichnete.

In Abgrenzung vom Islam und von den Arabern propagierten die christlichen Herrscher nun einen militanten Katholizismus. Die Bewohner der Iberischen Halbinsel lernten, sich einzig und allein als Christen zu fühlen – dabei waren sie Angehörige einer hispanoarabischen Kultur. Ihre islamischen Wurzeln nahmen sie jedoch schon bald kaum noch wahr: Das arabisch-muslimische Erbe wurde verdrängt.

Dass wir die islamischen Wurzeln unserer Kultur bis heute so wenig kennen, ist eine Spätfolge solcher »Identitätspolitik«. Und sie betraf nicht Spanien allein: Die Reconquista stand im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung, die vom ausgehenden 11. Jahrhundert an ganz Europa erfasste.

Eine besondere Episode ist dabei die der arabischen Besiedlung Siziliens und der Regierungszeit des Stauferkaisers Friedrichs II. Die islamische Herrschaft auf der Mittelmeerinsel dauerte rund 200 Jahre. Sie begann 827, als Araber von Tunesien aus nach Sizilien kamen. Im 11. Jahrhundert wurden sie von den Normannen verdrängt. Die normannischen Könige waren gleichwohl keine Feinde der islamischen Kultur, manche waren sogar voller Bewunderung. Siziliens Hauptstadt Palermo blieb bis zum Tod von Kaiser Friedrich II. im Jahr 1250 ein Zentrum arabischer Kunst und Wissenschaft.

Gleichwohl siegte auch hier am Ende die sich infolge der Kreuzzüge verbreitende antiislamische Ideologie. Stoff für einen noch zu schreibenden historischen Kriminalroman bieten etwa die Intrigen klerikaler Verschwörer am Hofe Kaiser Friedrichs II. Sie sahen in den arabischen Wissenschaftlern, die dort ein und aus gingen, eine Bedrohung ihrer eigenen Macht. Daraufhin schmiedeten die Kleriker ein Komplott. Heimlich kopierten sie die Fachliteratur aus dem Nahen Osten, Wort für Wort schrieben sie dicke Wälzer ab von meist mehreren Hundert Seiten und übersetzten sie ins Lateinische. Diese Übersetzungen wiederum bildeten, ohne Angabe der Quelle, später die Grundlage für die mathematischen und astronomischen Berechnungen von Wissenschaftlern wie Kopernikus und Leonardo da Vinci. Es verwundert kaum, dass dieser Klerus die arabischen Wissenschaftler nach dem Tod von Kaiser Friedrich II. aus Sizilien verjagte.

Die Islamfeindschaft der Kreuzzug-Ära hatte indes nicht nur religiöse und ideologische Ursachen. Das Papsttum wollte auch, dass sich die christlichen Staaten Europas nicht gegenseitig bekämpften, sondern ihre Energien lieber gegen die Ungläubigen außerhalb und gegen Ketzer und sonstige Widersacher im Inneren richteten. In dieser Hinsicht waren die Kreuzzüge durchaus erfolgreich: Denn obwohl sie militärisch, politisch und ökonomisch unsinnig waren, halfen sie doch, Westeuropa eine neue Identität zu geben – die zu einem großen Teil auf der Abgrenzung zum Islam beruhte. Zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert entstand jenes entstellte Bild vom Islam, das bis heute fast ungebrochen nachwirkt. Es kreist um den Vorwurf, die Muslime seien fanatisch, gewalttätig, irrational und missionierten mit dem Schwert.

Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die Konfrontation mit dem Osmanischen Reich, das mit der Eroberung Konstantinopels 1453 Byzanz den Todesstoß versetzte, Südosteuropa islamisierte und dessen Streitmacht zweimal, 1529 und 1683, Wien belagerte, die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Nach der zweiten Belagerung wurden die Türken sukzessive zurückgedrängt. Martin Luther war nicht der einzige Kirchenobere, der sie verteufelte: »Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort und schütz uns vor der Türken Mord, die Jesum Christum, Deinen Sohn, stürzen wollen von seinem Thron«, betete er. Der Orient galt in Europa fortan als Hort der Finsternis.

Erst im Zeitalter der Aufklärung und der Romantik veränderte sich das europäische Islambild. Das Osmanische Reich war nun längst keine Bedrohung mehr. Europa erlebte den Übergang von einer ländlichen Feudal- in eine städtisch geprägte Industriegesellschaft. Das Bürgertum emanzipierte sich von Adel und Klerus. Der Orient wurde vor diesem Hintergrund neu entdeckt – als verlockende, märchenhafte Gegenwelt.

Übersetzungen persischer und arabischer Poesie inspirierten damals auch deutsche Dichter, allen voran Goethe, der 1819 seine Gedichtsammlung West-östlicher Divan veröffentlichte. Goethe und andere sahen in der orientalischen Dichtkunst den Beweis, dass Ost und West denselben sittlichen Werten und einem einheitlichen Streben nach Schönheit verbunden seien. In der Öffentlichkeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts stießen sie damit auf große Resonanz.

Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

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    • smerfs
    • 26.05.2012 um 20:41 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

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    • smerfs
    • 26.05.2012 um 20:41 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

  2. 2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ag

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  3. auf kommentar 1 gehe ich nicht ein :(

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  4. 4. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  5. ..., der mich glatt als kaufinteressenten für die ausgabe der zeit geschichte zurücklässt.

    schön auch, dass die redaktion so absurden trolls wie "preußen bla bla.." gleich das wasser abgräbt. ich plädiere für ein troll-icon neben usern, die wiederholt sowas machen.

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  6. der islam das christentum und judentum gehören nicht nur zu europa sondern zu unserer welt.
    mit all ihren guten sowie schlechten seiten.
    das kann und soll nicht verleugnet werden.
    auch wenn einige populisten die eine oder die andere religion ausschliessen möchten.
    religion ist eine gute sache würde ich behaupten erst wenn sich die übezeugung in fanatismus ausdehnt hat es kein platz auf unserer erde.
    leider gibt es diese fanatischen fundamentalisten in jeder glaubensrichtung, die nur durch aufklärung und demokratischen mittel bekämpft werden kann .
    und popullismuss ist keine lösung weder in europa noch in amerika und erst recht nicht im nahen osten.

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  7. Bis zum Abschnitt "Heute". Ab dann beginnt eine völlig undifferenzierte Einschätzung, die selbst Michael Lüder zu plakativ ist, wenn er von "oberflächlich" schreibt. Es sind auch nicht die inneren Krisen, die eine Abneigung zum Islam hervorrufen, sondern es ist die Betrachtung der Reislamisierung dr Arabischen Welt, die im Gegensatz zur Entchristianisierung des Westens steht. Bei einer objektiven Betrachtung findet allerdings auch eine Entislamisierung im Westen statt, viele, die pauschal als Muslime bezeichnet werden, haben mit Religion genau so wenig am Hut wie der durschnittliche Westbüger, wenn überhaupt, dann als Folklorebestandteil. Der Kurzschluß, der Islam gehört zu Deutschland weil Muslime in Deutschland leben ist einerseits eine Binsenweisheit und beliebig ausdehnbar auf Shintoisten und Scientologen, auf der andere Seite ist die Prägung der deutschen Kultur durch den Islam trotz Hinweis auf historische Errungenschaften marginal. Hinzu kommt, dass eine solche Prägung auch nicht als erstrebenswert erachtet wird, von einigen wenigen Ideologen und Kulturrelativisten abgesehen.
    Wo Lüders abrupt abbricht in seiner romantisch verklärten Darstellung beginnt aber der islam in seiner heutigen Form.

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    Danke, sehr treffende Analyse sowohl unserer heutigen Lage als auch der kritischen Einschätzung von Lüders Artikel.

    Danke, sehr treffende Analyse sowohl unserer heutigen Lage als auch der kritischen Einschätzung von Lüders Artikel.

  8. Ein sehr guter Artikel.
    Da auch Isfahan erwähnt wurde ist mir die Islam-Konvertierung von Sean Stone in Isfahan eingefallen , dem Sohn von Oliver Stone.

    http://parseundparse.word...

    "...Sean wurde ein schiitischer Muslim und entschied sich für den Vornamen Ali und verkündete seinen neuen Vornamen in einer Zeremonie in der iranischen Stadt Isfahan am 14.02.2012

    Ali Stone sagte: „Die Konvertierung zum Islam hebt nicht das Christentum oder das Judentum, mit denen ich geboren wurde, auf“. Es bedeutet, ich habe Mohammad (Friede sei mit ihm) und die anderen Propheten akzeptiert“, fügte er in einem kurzen Telefonat hinzu.

    Von einem jüdischen Vater und einer christlichen Mutter geboren, erklärte Ali Stone nicht, warum er zum Islam konvertierte....

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