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Seit 1.300 Jahren gehört der Islam zu Europa. Dennoch begegneten sich Muslime und Christen immer wieder in erbitterter Feindschaft.

Der Patio de los Arrayanes in der Alhambra in Granada: Spuren der islamischen Kultur in Spanien

Der Patio de los Arrayanes in der Alhambra in Granada: Spuren der islamischen Kultur in Spanien

Menschen erklären sich die Welt, die sie nicht kennen, nach dem Vorbild der Welt, die ihnen bekannt ist. In der Beurteilung des Anderen, des Fremden folgt jeder den Vorgaben seiner »mentalen Festplatte«, auf der seine persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen gespeichert sind, auf der seine Herkunft verzeichnet ist und auf der sich – oft nach dem Zufallsprinzip – Wissen und Meinungen ablagern und miteinander verknüpfen. Das Bild, das eine Gesellschaft von anderen Völkern, Kulturen, Religionen und Menschen in sich trägt, ist nichts anderes als die Summe solcher mentalen Muster. Das gilt auch für das europäische Bild vom Islam.

Im Lauf der Jahrhunderte hat es sich immer wieder rasant gewandelt. Anlass waren dabei oft weniger Veränderungen im Orient als vielmehr in Europa selbst. So schlug Faszination in Angst um, Angst in romantische Verklärung und romantische Verklärung in eine vorurteilsverzerrte, abwertende Sicht, wie sie vielerorts auch heute wieder vorherrscht.

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Das tatsächliche Wissen über die Geschichte des Islams ist indes gering. Den meisten ist nicht bewusst, wie viele Errungenschaften und Techniken unseres heutigen Lebens – die Rechenprozesse in unseren Computern, die Prognoseverfahren von Wirtschaftsexperten, das Wissen von Ärzten, Chemikern, Mathematikern, Geografen und Astronomen – auf den Leistungen muslimischer Gelehrter beruhen.

Nach dem Zerfall der antiken Welt erlebten die Wissenschaften unter der Herrschaft des Islams vom 9. bis zum 14. Jahrhundert im Nahen Osten und in Teilen Europas eine neue Blüte. Durch Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische und schließlich ins Lateinische fand damals auch das Wissen der griechischen Antike wieder Eingang in die westliche Kultur. Es wäre sonst wohl zu großen Teilen verloren gegangen und in Vergessenheit geraten.

ZEIT Geschichte 2/2012

»Im Jahr 632, als Mohammed gerade gestorben war und die große arabische Expansion noch nicht begonnen hatte, waren die Araber ein relativ primitives Volk mit geringem materiellen Besitz und einer Literatur, die nicht viel mehr umfasste als einen überlieferten Schatz von Dichtungen und Reden sowie das heilige Buch des Koran«, schreibt der Brite William Montgomery Watt, einer der großen Orientalisten des 20. Jahrhunderts. Noch 80 Jahre später, als die Araber in Spanien einfielen, sei ihr kulturelles Niveau kaum höher gewesen. Mit der Expansion nach Mesopotamien, Syrien und Ägypten während des 7. und 8. Jahrhunderts aber kamen einige der großen geistigen Zentren des Nahen Ostens unter arabische Herrschaft. »Viele Träger der früheren Kulturen«, schreibt Watt, »traten zum Islam über, und es begann ein geistiger Gärungsprozess, der noch Jahrhunderte andauern sollte. [So] sammelten sich die jahrtausendealten Erfahrungen von städtischen Zivilisationen, die bis auf Sumer, Akkad und das Ägypten der Pharaonen zurückgingen, und alles, was in diesen Jahrtausenden wertvoll gewesen war, fand jetzt im Arabischen neuen Ausdruck.«

Zentren der frühen islamischen Hochkultur waren Bagdad, Isfahan im Iran, Buchara und Samarkand in Zentralasien, Damaskus, Kairo, Kairouan in Tunesien und Fes in Marokko. Dass der Islam in den folgenden Jahrhunderten einen so großen Einfluss auf Europa ausüben konnte, war aber hauptsächlich eine Folge der muslimischen Eroberung Spaniens und Siziliens.

Michael Lüders

Jahrgang 1959, war viele Jahre Nahostkorrespondent der ZEIT und lebt heute als Politik- und Wirtschaftsberater, Publizist und Autor in Berlin.

Das islamische Spanien, Al-Andalus genannt, umfasste zu seiner Hochzeit fast die gesamte Iberische Halbinsel mit Ausnahme eines Grenzstreifens entlang der Pyrenäen. Die Eroberung begann im Jahr 711, vier Jahre später hatten die Muslime – Araber und nordafrikanische Berber – alle wichtigen Städte Spaniens und Portugals besetzt.

Viele Spanier waren darüber keineswegs unglücklich. Die Muslime beendeten die Fremdherrschaft der Westgoten, und auch die jüdische Bevölkerung, die bisher unter dem Druck der Kirche gelitten hatte, war erleichtert: Sie konnte unter dem Halbmond freier leben als zuvor.

Bis zum Jahr 1492, in dem Granada als letzte islamische Provinz durch die Reconquista (»Rückeroberung«) wieder unter christliche Herrschaft kam, galten Spanien und Portugal im übrigen Europa als islamische Länder. Nach dem Fall Granadas wurden dann fast alle Juden und sämtliche Muslime vertrieben, sofern sie nicht zum Christentum konvertierten. Viele starben auf dem Scheiterhaufen.

Leser-Kommentare
  1. 161. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf rein provokative Vergleiche. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "Allianzen (1)"
    • th
    • 25.05.2012 um 14:11 Uhr

    dass die frustrierte Linke, anstatt nach dem Scheitern des "Realsozialismus" einmal ihre politischen Ziele ernsthaft zu überprüfen und die Ursachen der Pleite nüchtern zu analysieren, es vorgezogen hat, zu einer generellen Kritik des Westens, der eigenen Gesellschaft und der eigenen Landsleute überzugehen, und prinzipiell jeden Vorwurf ohne Rücksicht auf Widersprüche aufzugreifen. Und in Bausch und Bogen das meiste zu verdammen, was unsere Kultur hervorgebracht hat und was sie zusammenhält, von Ehe und Familie bis zu Kraftwerken, Brücken und Tunneln, Industrie und Landwirtschaft (alles, wonach sich die ärmeren Länder auf der Welt bei ihrem Aufholversuch die Finger lecken) und gleichzeitig alles zu begrüßen, was mit dieser Gesellschaft auf irgendeine Weise in Konflikt gerät. Egal, ob z.B. der Islam noch rigidere Konzepte von Familie und Sexualmoral hat
    - oder ob z.B. Chinesen und Ostasiaten allgemein wahre Technik-Freaks sind, ob viele junge Inder weit nationalistischer und patriotischer sind als die meisten Europäer - ob überhaupt manche Staaten außerhalb des Westens tyrannischer und eroberungslustiger sind.

    Alles was den Westen, seine Kultur und Tradition in Frage stellt, wird erst einmal, und zwar mit moralischem Aplomb, begrüßt.

    Zitat:
    "Man träumte vom Ende des kalten Kriegs, hätte sich aber nicht träumen lassen, dass solcher "kalter Kaffee" vom Gegenstand des Interesses an Geschichte und Kultur abgesehen, noch mal auf die politische Tagesordnung gelangen könnte."

    7 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "@157 Ally Allyson"
  2. aber nicht gemeint, sondern ich habe einfach nur meine Wahrnehmung der Realität beschrieben! Ich sag es noch einmal so: Ich habe mich immer schon gewundert, daß Islamkritiker hier in Deutschland in der Regel gleich in die rechte Ecke gesteckt werden, deren innere Haltung garnicht antifaschistischer sein könnte!
    Es werden heutzutage, aus welchen Gründen auch immer, geistige Verbindungen erfunden, die real nicht existieren!

    8 Leser-Empfehlungen
  3. Ein etwas deftiger Humor, dass deutsche Rassisten, nachdem sie ihre jüdischen Mitbürger in den Ofen geschoben haben, sich anschließend schelmisch zur "jüdischen Tradition des Abendlandes" bekennen.
    Deswegen wollen die jüdischen Gemeinden von dieser plötzlichen "Solidarität" auch nichts wissen, denn sie kennen ihre deutschen Pappenheimer zu gut.

  4. "Zu Deutschland gehören der Rechtsstaat, die Gleichstellung der Geschlechter, die Freiheit der Kunst, die Meinungs- und Religionsfreiheit, die Solidargemeinschaft, das Recht auf Bildung und gewaltfreie Erziehung. Aber nicht der Islam."

    ein Zitat aus dem Tagesspiegel..., der genau die Argumente bring , warum "der Islam" nicht zu Deutschland gehört.
    Danke für den Link

    7 Leser-Empfehlungen
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    Rechtsstaat ? Der von Berlusconi oder von Guantánamo ?
    Gleichstellung der Geschlechter ? Grundrechte für Frauen konnten in Deutschland nur gegen erbitterten Widerstand der Konservativen und der Kirche durchgesetzt werden.
    Meinungsfreiheit ? Gotteslästerung ist in Bayern Straftat.
    Recht auf Bildung ? Wer keine reichen Eltern hat, darf in vielen angelsächsischen Ländern nicht einmal das Abitur machen, geschweige denn studieren.
    Gewaltfreie Erziehung ? Ich höre immer, das sei Gutmenschentum.

    Rechtsstaat ? Der von Berlusconi oder von Guantánamo ?
    Gleichstellung der Geschlechter ? Grundrechte für Frauen konnten in Deutschland nur gegen erbitterten Widerstand der Konservativen und der Kirche durchgesetzt werden.
    Meinungsfreiheit ? Gotteslästerung ist in Bayern Straftat.
    Recht auf Bildung ? Wer keine reichen Eltern hat, darf in vielen angelsächsischen Ländern nicht einmal das Abitur machen, geschweige denn studieren.
    Gewaltfreie Erziehung ? Ich höre immer, das sei Gutmenschentum.

  5. 166. Türkei

    ist ein schönes Beispiel für die Toleranz von Muslimen.
    Da ist von der christlichen Vergangenheit nichts mehr übrig. Sogar Klöster, die jahrhunderte vor Mohammed dort bereits existierten, werden heute von den Moslems beansprucht, weil sie angeblich aus islamischen Fundamenten stehen.
    Ach ja...

    10 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf
  6. Rechtsstaat ? Der von Berlusconi oder von Guantánamo ?
    Gleichstellung der Geschlechter ? Grundrechte für Frauen konnten in Deutschland nur gegen erbitterten Widerstand der Konservativen und der Kirche durchgesetzt werden.
    Meinungsfreiheit ? Gotteslästerung ist in Bayern Straftat.
    Recht auf Bildung ? Wer keine reichen Eltern hat, darf in vielen angelsächsischen Ländern nicht einmal das Abitur machen, geschweige denn studieren.
    Gewaltfreie Erziehung ? Ich höre immer, das sei Gutmenschentum.

    Antwort auf "F.Hofstätter"
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    Dass Sie hier so reden können, verdanken Sie der Meinungsfreiheit. Sie haben hier sicher ein freieres Leben als in einem islamischen Staat. Sie mussten sogar auf angelsächsische Länder zurückgreifen, um den "Islam" in seiner
    " Freiheitlichen" Ausprägung zu verteidigen.
    Die Frauen werden sich sicher bedanken, wenn sie nach islamischen Gesetzen hier leben müssten, auch wenn Sie die katholische Kirche bemühen müssen. In Bayern lebt es sich als Frau sicher nicht schlechter als im Iran...
    Ich kann Ihre Vergleiche nicht ganz ernst nehmen, denn Sie wissen ganz genau, dass wir uns hier freier bewegen können als in jedem islam Land. Also, was wollen Sie uns wirklich mitteilen?

    Was beschreiben Sie hier? Sie meinen, wegen Berlusconi oder Guantanamo sei die Rechtsstaatlichkeit Deutschlands, daß der Rechtstaat zu Deutschland gehöre, obsolet?
    Weil die Gleichstellung der Geschlechter nur gegen Widerstände durchgesetzt werden konnte, gehöre diese Gleichstellung nicht zu Deutschland? Wohl aber der Islam?
    Weil Gotteslästerung in Bayern (warum nur dort?) strafbar sei, gehöre Meinungsfreiheit nicht zu Deutschland? Wenn Sie dies als Einschränkung empfinden (wie ich es tue), so wirken Sie dagegen - wir leben in einer Demokratie - auch die Demokratie gehört zu Deutschland.
    Und was ein angelsächsisches Abitur (was ist das?) mit dem Recht auf Bildung bei uns zu tun hat - schleierhaft. Vielleicht können Sie mir die einschlägigen Paragraphen nennen, die in GB oder den USA verhindern, daß Kinder nicht-reicher Eltern dort keinen Abschluß machen "dürfen" (sic), oder nicht studieren. Meine (recht intimen) Kenntnisse des amerikanischen Bildungssystems zeigen zwar, daß es dort nicht nur Elite-Unis mit vielen Stipendien für wenigere bemittelte Begabte gibt, ganz zu schweigen von der Vielzahl der gewöhnlichen Unis - aber Sie werden mich sicher eines besseren belehren können.....
    Oder meinen Sie, wegen Guantanamo oder Berlusconi und all dem obigen Sammelsurium gehöre der Islam zu Deutschland? Ich bemühe mich, aus Ihren Einlassungen ein wenig Logik und Konsistenz herauszulesen, doch es gelingt mir nicht - es bleibt übrig der Eindruck einer leeren gedankenlosen Polemik.

    • postit
    • 25.05.2012 um 20:08 Uhr

    möchte ich darauf hinweisen, dass in Bayern seit 1872 das deutsche Strafgesetzbuch gilt.

    Schöne Feiertage,
    postit

    Das Abitur als Bildungsstufe gibt es in keinem angelsächsischen Land, daher können auch Kinder reicher Eltern dort kein Abitur machen.

    Dass Sie hier so reden können, verdanken Sie der Meinungsfreiheit. Sie haben hier sicher ein freieres Leben als in einem islamischen Staat. Sie mussten sogar auf angelsächsische Länder zurückgreifen, um den "Islam" in seiner
    " Freiheitlichen" Ausprägung zu verteidigen.
    Die Frauen werden sich sicher bedanken, wenn sie nach islamischen Gesetzen hier leben müssten, auch wenn Sie die katholische Kirche bemühen müssen. In Bayern lebt es sich als Frau sicher nicht schlechter als im Iran...
    Ich kann Ihre Vergleiche nicht ganz ernst nehmen, denn Sie wissen ganz genau, dass wir uns hier freier bewegen können als in jedem islam Land. Also, was wollen Sie uns wirklich mitteilen?

    Was beschreiben Sie hier? Sie meinen, wegen Berlusconi oder Guantanamo sei die Rechtsstaatlichkeit Deutschlands, daß der Rechtstaat zu Deutschland gehöre, obsolet?
    Weil die Gleichstellung der Geschlechter nur gegen Widerstände durchgesetzt werden konnte, gehöre diese Gleichstellung nicht zu Deutschland? Wohl aber der Islam?
    Weil Gotteslästerung in Bayern (warum nur dort?) strafbar sei, gehöre Meinungsfreiheit nicht zu Deutschland? Wenn Sie dies als Einschränkung empfinden (wie ich es tue), so wirken Sie dagegen - wir leben in einer Demokratie - auch die Demokratie gehört zu Deutschland.
    Und was ein angelsächsisches Abitur (was ist das?) mit dem Recht auf Bildung bei uns zu tun hat - schleierhaft. Vielleicht können Sie mir die einschlägigen Paragraphen nennen, die in GB oder den USA verhindern, daß Kinder nicht-reicher Eltern dort keinen Abschluß machen "dürfen" (sic), oder nicht studieren. Meine (recht intimen) Kenntnisse des amerikanischen Bildungssystems zeigen zwar, daß es dort nicht nur Elite-Unis mit vielen Stipendien für wenigere bemittelte Begabte gibt, ganz zu schweigen von der Vielzahl der gewöhnlichen Unis - aber Sie werden mich sicher eines besseren belehren können.....
    Oder meinen Sie, wegen Guantanamo oder Berlusconi und all dem obigen Sammelsurium gehöre der Islam zu Deutschland? Ich bemühe mich, aus Ihren Einlassungen ein wenig Logik und Konsistenz herauszulesen, doch es gelingt mir nicht - es bleibt übrig der Eindruck einer leeren gedankenlosen Polemik.

    • postit
    • 25.05.2012 um 20:08 Uhr

    möchte ich darauf hinweisen, dass in Bayern seit 1872 das deutsche Strafgesetzbuch gilt.

    Schöne Feiertage,
    postit

    Das Abitur als Bildungsstufe gibt es in keinem angelsächsischen Land, daher können auch Kinder reicher Eltern dort kein Abitur machen.

  7. 168. Treffend!

    Danke, sehr treffende Analyse sowohl unserer heutigen Lage als auch der kritischen Einschätzung von Lüders Artikel.

    Antwort auf "Schöne Chronologie"

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