Islam : Kubus, Kuppel, Konflikt

1925 entstand in Berlin die erste deutsche Moschee. Seither ist der Islam zu einem Teil unseres Landes geworden. Über den Bau muslimischer Gotteshäuser aber wird heftiger gestritten denn je.
Die Şehitlik-Moschee im Berliner Stadtteil Neukölln © Kaveh Rostamkhani/AFP/Getty Images

Die Kirche im Dorf ist der sprichwörtliche Beweis, dass man sich im christlichen Abendland befindet – auch wenn es längst nicht mehr so christlich ist, wie es früher einmal war: Staat und Kirche sind getrennt, die Religion ist Privatsache geworden und aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Bleiben die steinernen Zeugen einer großen Vergangenheit: Kapellen, Klöster und Kathedralen. Aber weil die christlichen Glaubensgemeinschaften immer mehr Mitglieder verlieren, werden mancherorts auch schon Gotteshäuser stillgelegt, abgerissen oder umgewidmet.

Die »Glaubenslücke« füllen seit einigen Jahren die Muslime; der Islam als »Teil Deutschlands« ist inzwischen ein Gemeinplatz (wenn auch ein umkämpfter!). Im Stadtbild sind seine Wahrzeichen kaum noch zu übersehen: Vielerorts ragen neben Kirchtürmen und Bürohochhäusern auch Minarette in den Himmel. Einige finden das exotisch und bunt, andere sehen darin eine bedrohliche Landnahme, den meisten aber sind Moscheen so gleichgültig wie Kirchen und andere Sakralbauten. Heimisch geworden ist der Islam in Deutschland und Europa damit jedoch noch lange nicht – nach wie vor sind Muslime die religiöse Minderheit, der die Deutschen am stärksten misstrauen.

Die ersten Moscheebauten auf deutschem Boden entstanden im 18. Jahrhundert. Sie waren allerdings keine Gebetsorte für Muslime, sondern Ausdruck der damaligen Türkenmode und dienten profanen Zwecken. So entwarf etwa der lothringische Architekt Nicolas de Pigage Ende des Jahrhunderts ein orientalisches Ziergebäude in Gestalt einer Moschee für den Schwetzinger Schlosspark – ein Denkmal für die Toleranzgedanken des Aufklärungszeitalters. Ein halbes Jahrhundert später, 1841, ließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im Sanssouci-Park zu Potsdam ein Pumpwerk mit Minarett und Kuppel nach Mamlukenart errichten; es sollte die zahlreichen Wasserfontänen des Parks kontinuierlich speisen.

Auch das Bürgertum machte bald mit und träumte von orientalischer Exotik. In Dresden wählte ein Zigarettenhersteller 1908 die Moscheeform für seine Tabakfabrik Yednize (das Minarett versteckte den Schornstein). Für die Schalterhalle des Stuttgarter Hauptbahnhofs stand ein paar Jahre später eine Kairoer Moschee Modell: Imitiert wurde der sogenannte Iwan – eine nach drei Seiten geschlossene Halle mit einem großen Rundbogenportal.

Den ersten Friedhof, auf dem nach islamischem Ritus bestattet wurde, genehmigte 1798 ein Nachfolger Friedrichs II. in Berlin-Tempelhof, nachdem der ständige osmanische Gesandte am Berliner Hof, Ali Asis Efendi, gestorben war. Noch aber lebten kaum Muslime in deutschen Landen. Das änderte sich dann im 20. Jahrhundert.

Als erstes muslimisches Gotteshaus in Deutschland eröffnete 1925 im Bezirk Wilmersdorf die Moschee der Ahmadiyya, einer aus Indien und Pakistan stammenden Reformströmung, die vom orthodoxen Islam als häretisch abgelehnt wird und die Europa und Amerika als Missionsgebiete betrachtete. Der Entwurf des Berliner Architekten K. A. Herrmann erinnert an ein Mausoleum indischer Moguln – ein kleines Tadsch Mahal inmitten eines stillen bürgerlichen Bezirks.

Claus Leggewie

Jahrgang 1950, ist Politikwissenschaftler und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen.

Anfangs stand die Moschee Muslimen aller Nationen offen und bildete, unter anderem mit der Herausgabe der Muslimischen Revue, ein spirituelles und intellektuelles Zentrum des Islams im Westen. Nach 1945 verlor der Bau zunehmend an Bedeutung; heute birgt er ein Museum. 2011 wurde ein Anschlag auf das altehrwürdig wirkende Gebäude verübt. Das insgesamt wenig tolerante Klima führte auch dazu, dass eine andere Ahmadiyya-Moschee im Osten Berlins, die Khadija-Moschee in Pankow-Heinersdorf, 2008 nur unter Protesten öffnen konnte.

Mehrfach zum Ziel von Brandanschlägen wurde auch Berlins größtes muslimisches Gotteshaus, die 1998 am Columbiadamm errichtete Şehitlik-Moschee, ein imposanter Gebäudekomplex in der Nähe des noch immer existierenden Türkischen Friedhofs aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Entworfen hat ihn ein türkisches Architekturbüro unter dem international renommierten Muharrem Hilmi Şenalp, der schon in Turkmenistan und Japan Moscheen gebaut hat. Şenalp orientierte sich dabei an der osmanischen Schule des legendären Baumeisters Yusuf Sinan (um 1490–1588), die das alteuropäische Orientbild geprägt hat: Sinans erstes großes Werk war die Şehzade-Moschee in Istanbul, die zwischen 1543 und 1548 erbaut wurde. Später entwarf er die Süleymaniye-Moschee in Istanbul und die Selimiye-Moschee in Edirne. Noch heute malt jedes Kind eine Moschee so wie diesen weltberühmten Prunkbau oder ihren Berliner Abklatsch am Columbiadamm: Kubus, Kuppel, Minarett – fertig ist die Moschee!

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Kommentare

318 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

In den meisten?

Unbestritten ist das (neue) Reglement der DITIB, daß ein Hodscha, der nach Deutschland will auch Deutsch können muß. Daß dies dann tatsächlich bereits für die "meisten" Moscheen zutrifft, möchte ich aber doch noch bezweifeln.
Außerdem steht der Hodscha dann immer noch vor dem Dilemma, das die jungen Gemeindemitglieder nicht genug Türkisch und die alten häufig nur unzureichend Deutsch können.

Ein wichtiger Satz...

"Weiß man das so genau?"

Darin sind eine Menge Antworten enthalten, nur nicht die einfachen, die dann normalerweise kommen. Tatsächlich ist die allererste sogar: Nein, man weiß es nicht, und schon mal gar nicht genau. Aber auf der Grundlage von Vermutungen und Ängsten, die daraus entstehen, wird hierzulande ein Klima erzeugt und durch die Politik bei jeder Gelegenheit befeuert, von dem ich zumindest eines genau weiß: So macht man aus Moscheen tatsächlich Probleme.

Schädelpyramiden vor Moscheen!

Vor vielen Moscheen standen früher Schädelpyramiden. Errichtet aus den Schädeln der Ungläubigen- zum höheren Ruhme Allahs. (Angefangen hatte mit dieser "Mode" übrigens Tamerlan). In der Türkei wurden die erst zu Zeiten des Kaisers Wilhelm II abgetragen. Genauer gesagt beim Beginn des Baus der Bagdadbahn.

Was die Namen betrifft:
Keine Ahnung wieviele Moscheen nach Eroberern benannt wurden und immer noch werden. Zahlen dazu gibt es ja nicht. Es ist die Regel- nicht die Ausnahme.

@26 Von Wolkenstein

Was sagen Sie dazu, dass auch viele christliche Kirche nach "Kriegsfürsten" und "Eroberern" benannt sind (z.B. Kaiser-Wilhelm, Gustav-Adolf?)

Der Vergleich hinkt, und das ist ihnen vermutlich auch klar.

Sinn würde er ergeben, wenn man in muslimischen Ländern mit schöner Regelmäßigkeit Kirchen mit so klangvollen Namen wie Pelayo, Fernando e Isabella, Urban, De Bouillon etc. begründen würden.

Zu "Ungläubiger" und Geschlechtertrennung:

Ich stimme hier "th" zu. Das arabische Wort "kafir", das in den Medien immer mit "Ungläubiger" übersetzt wird, bedeutet lediglich "Nicht-Muslim". Diese Unterscheidung ist wichtig, nur kennen die meisten Journalisten sie nicht.
Außerdem gab es zur Zeit des Propheten keine Trennung zwischen Männer und Frauen in Moscheen. Es gab nur einen Raum für alle. Die Geschlechtertrennung, die es heute in vielen Moscheen gibt, ist eine neue Entwicklung.