Muslime in Europa"Unter dem Walnussbaum"

Wer ich bin, das erfuhr ich von einem Mann, den ich nie kennengelernt habe: Von meinem Urgroßvater. Von Kübra Gümüsay, Hamburg von 

Ich musste lachen, als ich zum ersten Mal einen türkischen Friedhof besuchte und auf den Grabsteinen Daten wie 1290–1928 oder 1305–1940 las. So lange lebt doch niemand; was für ein bitterer Fehler ausgerechnet auf dem Grabstein, dachte ich. Bis ich vor dem meines Urgroßvaters Molla Mehmet stand. Er lebte von 1328 bis 1990, in aufwühlenden Zeiten.

In einer kleinen Hütte ohne Fenster, versteckt zwischen den Orangenbäumen neben seinem Haus, lehrte Molla Mehmet 18 Jahre lang jede Nacht seine Schüler den Koran, bis im Morgengrauen der Gebetsruf Tanr uludur, tanr uludur, haydi namaza (»Gott ist groß, Gott ist groß, auf zum Gebet«) von den Minaretten der kleinen Stadt im Südwesten der Türkei ertönte. Seine Schüler, Kinder und Erwachsene, verschwanden in der Dunkelheit. Molla Mehmet ging dann in sein Haus, wusch sich, zog sich ein sauberes weißes Hemd an, kämmte seinen Bart und machte sich – als sei nichts gewesen – auf den Weg zum Morgengebet in die Moschee. In die Moschee, wo das Lesen und Lehren des Korans neuerdings verboten war.

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Die laizistische Türkische Republik hatte der Religion den Kampf angesagt. Unter anderem war der Kalender umgestellt worden. Es galt nicht mehr der islamische, der 622, mit dem Jahr der Auswanderung des Propheten Mohammed aus Mekka, beginnt und der in Mondjahren zählt, sondern der gregorianische. So folgte in der Türkei auf den 31. Dezember 1341 der 1. Januar 1926. Auch das arabische Alphabet wurde abgeschafft und stattdessen das lateinische eingeführt.

Von einem Tag auf den anderen wurden Tausende von Gelehrten und Studierten zu Analphabeten. Und statt des arabischen Gebetsrufes Allahu Akbar ertönte nun der türkische, Tanr uludur, von den Minaretten. Militärs patrouillierten vor den Moscheen und inhaftierten Imame, die sich den Anordnungen widersetzten. Schließlich stürmten Soldaten sogar in die Häuser und verbrannten alle Korane, die sie finden konnten. Molla Mehmet versteckte seine in der kleinen Hütte zwischen den Orangenbäumen. Dort führte er seinen ganz eigenen Widerstand.

Kübra Gümüsay

wurde 1988 in Hamburg geboren. Sie betreibt das Weblog ein fremdwoerterbuch und schreibt alle zwei Wochen die Kolumne Das Tuch für die taz.

Viele Jahre später war mein Urgroßvater einer der angesehensten Männer der Stadt. Durch sein Wissen, seine Ehrlichkeit, seine tiefe Religiosität und seine ruhige, weise Art war er für viele in der Kleinstadt zu einer Respektsperson geworden. Menschenschlangen bildeten sich vor seinem Haus. Die Leute fragten ihn um Rat. Neuankömmlinge – Lehrer, Bürokraten und Gäste – klopften bei ihrer Ankunft in der Stadt zuerst an seine Tür. Er baute zwei Moscheen und gründete in den siebziger Jahren ein religiöses Gymnasium. »Und trotzdem nahm er sich für jeden seiner Enkel Zeit«, erinnert sich meine Mutter. Sie erzählt, wie er sie bei den Hausaufgaben für die Schule unterstützte, sie ermahnte, sich zu bilden, und sie viel religiöses Wissen lehrte. »Deshalb haben wir, seine Enkel, ausnahmslos alle studiert.« Noch heute ist meine Mutter voller Bewunderung für ihn, für seine Geduld, sein Wissen, seine Offenheit.

Ich habe meinen Urgroßvater nie kennengelernt. Aber ich finde überall seine Spuren. Etwa wenn wir im Sommer unter dem großen Walnussbaum vor seinem Haus sitzen und die Älteren uns von früher erzählen, zum Beispiel von der Kindheit meines Urgroßvaters.

ZEIT Geschichte 2/2012
ZEIT Geschichte 2/2012

Er kam als Halbwaise zur Welt. Sein Vater, ebenfalls ein Gelehrter und Imam, war auf der Pilgerreise in Mekka erkrankt und gestorben. Als Molla fünf Jahre alt war, starb auch seine Mutter. Er wurde von seinen Tanten großgezogen, die ihn als Jugendlichen in eine Madrasa, eine religiöse Schule, schickten. Als kurz vor dem Ende seiner Ausbildung die Madrassen auf Geheiß Atatürks geschlossen wurden, kehrte er zurück zu seiner Familie. »Wir stammen von den Yörüks ab«, erzählt mein Großonkel. Die Yörüks waren ein urtürkischer Nomadenstamm, der mit seinem Vieh durch das Land zog. Und so kam es, dass mein Urgroßvater damals als Hirte in den Bergen lebte und sich gleichzeitig weiterbildete, Bücher las, philosophierte.

Manchmal frage ich mich, woher die Rastlosigkeit in mir kommt, während ich durch die Welt reise, immer auf der Suche nach neuen Orten, neuen Menschen. Ich frage mich, woher mein Durst nach Wissen kommt. Und die Liebe zur Religion, die Bindung zu ihr.

Wenn ich dann durch die kleine Stadt im Südwesten der Türkei gehe, durch die Orangenhaine, wenn von den Minaretten der Gebetsruf ertönt, wenn ich an den Moscheen vorbeilaufe und wenn ich vor dem Grab meines Urgroßvaters stehe, weiß ich, wie die Antwort lautet.

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Leserkommentare
    • eeee
    • 22. Juli 2012 13:47 Uhr

    Entfernt. Bitte nutzen Sie den Kommentarbereich, um mit sachlichen und ausführlichen Beiträgen eine Diskussion anzustoßen. Danke. Die Redaktion/sh

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Spekulationen. Danke, die Redaktion/mk

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    Nur ist es auch so, dass gerade die religiöse Gemeinschaften genug Bildung und Zeit und Geld besaßen, um die Wissenschaft foran zu treiben. Das war auch hier so, dass viele wissenschaftliche Erkenntnisse im Kloster
    erworben sind (z.B. über Heilkunde).

    Das rechtfertigt die Gewalt und Unterdrückung durch Religionsgemeinschaften nicht.

    Das sind zwei Seiten der Medaille.

    Nur: Wissen und Religion sollte man nicht immer trennen, denn oft oft gehörten sie zusammen. Und die Religionsinstitute (sei es Kloster, Moschee oder Tempel) haben den Nachwuschs gebildet (z.B. Lesen, Schreiben und Rechnen an Kinder gelehrt, die sonst dazu nicht gekommen wären).

    Problematisch wird es erst, wenn die Wissenschaft und Religion in Konflikte kommen. Da sind meine Religionen flexibeler als andere.

    Der Kommentar strotzt nur so von Unwissenheit, Ignoranz, Vorurteilen und Rasissmus.

    Religiöses Wissen ist nicht nur immer Regelkunde, vielmehr umfasst es auch Spiritualität und Philosophie. Da geht es nicht um Kopftuch, Vorhaut und Ungläubige, sondern um generelle Fragen, was wir auf dem Planeten eigentlich wollen.

    • chino1
    • 22. Juli 2012 18:57 Uhr

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    die von dir gezeigte geballte Intoleranz und Unwissenheit ist der Grund warum Fortschritt nicht vorangeht. Wichtig ist natürlich das man wissen muss wovon man spricht, was bei dir absolut nicht der Fall ist. Wenn man sich zu einer Materie äußert und 33 Leute es mögen heisst es nicht das es gut geschrieben war, sondern nur in den Sinn der 33 weiter ungebildeten Followers passt. Wer sich mit der Geschichte des Landes auskennt sollte wissen, dass nicht die Religion oder der Glaube die Entwicklung verlangsamt hat. Aber woher solltest du auch ein solches weltliches Wissen haben? An der Art zu argumentieren wird klar das dein Horizont am Ende der nächsten Kreuzung endet. Die Geschichte der Menschheit ist von Glauben geprägt und waren wir jemals unterentwickelt? Der Mensch hat sich seit seiner Entstehung immer entwickelt und selbst zu Zeiten wo der Glaube allumfassend war, wurde fleißig erfunden und entwickelt. Nicht der Glaube hat die Menschen daran gehindert sich weiterzuentwickeln, sondern andere Menschen die ebenfalls intolerant waren wie andere hier im Forum, die aus Neid und Gier sowas verhindern wollten und die Religion schön als Sündenbock in den Vordergrund stellten. Das das nicht eindeutig ist in den Köpfen vieler ist mir ein Paradoxon.

    Zum Thema Entwicklung in der Heimat meiner Eltern und so wie es sich hier entwickelt auch bald meine neue Heimat, sieht man das das religiöses Regime plötzlich alle Hilfe der Welt, vor allem aus Deutschland bekommt um bloss zu wachsen

    Ein Blick auf die demoskopische Situation der Gebiete der ehemaligen DDR im Verhältnis zu den alten, westlichen und südlichen Bundesländern, einschließlich des Nord-Süd-Gefälles in der BRD dürfte genügen,
    um sich vom Gegenteil der Behauptung,
    Religion korreliere mit Wissensmangel, zu überzeugen.

    • TDU
    • 23. Juli 2012 10:26 Uhr

    Nuin haben Sie ja schon genügend fundierte Antworten bekommen. Es sei noch hinzugefügt, dass es vieles Wissen ohne die fleissigen Mönche nicht gäbe, und die Museen nicht so zahlreich wären. Die äskularen Herrscher habne längst nicht soviel getan.

    Ausserdem sind die letzen Weltwunder, die Pyramiden, auch aus religiösen Gründen gebaut worden, mit Geheimnissen in Konstruktion, die noch keiner entschlüsselt hat. Und die Sternenbeobachtung war schon sehr gut, auch wenn man da irgndwelche Götter vermutete.

    Und wäre die Bibliothek von Alexandria nicht verbrannt, hätten wir noch einen Riesenfundus mehr. Ich weiss gar nicht, welche bedeutenden Forstchritte oder Erkennisse eine unreligiöse Gesellschaft bis heute gebracht hätte.

    Gar keine, geht auch nicht, denn es gab keine unreligiösen Gesellschaften. Nur Gesellschaften in denen die Religion unterdrückt wurde. Und was kam davon an großen Etsdeckungen, oder Erkenntnissen?

    Und das was die Autorin beschreibt, ist doch interessant und berührend. Da müssen sich die Atheisten noch anstrengen, um solche Dinge hin zubekommen. Nichts gegen Religionskritik aber so einfach ist es nicht. Es kommt immer drauf an, was Menschen draus machen.

    flächendeckend das Lesen und Schreiben beigebracht haben?

  2. "Von einem Tag auf den anderen wurden Tausende von Gelehrten und Studierten zu Analphabeten. Und statt des arabischen Gebetsrufes Allahu Akbar ertönte nun der türkische, Tanr uludur, von den Minaretten. Militärs patrouillierten vor den Moscheen und inhaftierten Imame, die sich den Anordnungen widersetzten. Schließlich stürmten Soldaten sogar in die Häuser und verbrannten alle Korane, die sie finden konnten."
    Aus meiner Sicht ist dies der Grund, warum die Türkei (vorübergehend!) ein relativ moderner, säkularer Staat ohne Kopftuchzwang und mit relativer Religionsfreiheit und Frauenrespekt werden konnte.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Diffamierungen. Danke, die Redaktion/ls

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    ...frag mal Aramär und Kurden wie fortschrittlich diese Säkularisierung war...
    Zwei Kommentare ins Blaue geschrieben ohne Grundlage. Eine Meinung sollte man erst bilden, wenn man hinreichend wissen in diesem Themengebiet aufgebaut hat und nicht wenn man denkt es sei richtig weil es alle anderen so sagen. Bildet euch!!!

    Spricht der Türkei-Experte, der richtig viel Ahnung hat, was in der Türkei die letzten 100 Jahre so abging.

    Aus meiner Sicht ist dies der Grund, warum die Türkei (vorübergehend!) ein relativ moderner, säkularer Staat ohne Kopftuchzwang und mit relativer Religionsfreiheit und Frauenrespekt werden konnte.
    ----------

    Ich empfinde es eher so, dass weil dieser "Fortschritt" erzwungen wurde, es auch zwangsläufig irgendwann mal zu einem "Rückschritt" kommt. Es ist wie ein Pendel.

    Was ist schon "modern"? Wegwerfwirtschaft und Plasik made in China ist modern, und traditonelle Handarbeit aus Holz ist rückständig?

    Mit Gewalt Koran zu verbrennen und andere Schriften einzuführen, ist auch übergriffig.

    Das Ziel rechtfertigt nicht immer das Mittel. Man kann auch das Richtige mit falschen Mitteln tun. Und dann gibt es auch Widerstand gegen das falsche Mittel.

    Was schreiben Sie denn da? Ist doch nicht war. Weil äh. nun ja... darf halt nicht war sein.

  3. ...frag mal Aramär und Kurden wie fortschrittlich diese Säkularisierung war...
    Zwei Kommentare ins Blaue geschrieben ohne Grundlage. Eine Meinung sollte man erst bilden, wenn man hinreichend wissen in diesem Themengebiet aufgebaut hat und nicht wenn man denkt es sei richtig weil es alle anderen so sagen. Bildet euch!!!

    Eine Leserempfehlung
  4. Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ag

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    ... sollte man lesen und verstehen. Das ist leicht zu lernen, aber schwer zu meistern.

    Ich habe mehrfach das Wort "Relativ" verwendet. Bitte solche Feinheiten nicht ignorieren. Dann kommt es auch zu keinem unnötigen Gepöbel.

    Danke.

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit inhaltlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/jz

  5. ... sollte man lesen und verstehen. Das ist leicht zu lernen, aber schwer zu meistern.

    Ich habe mehrfach das Wort "Relativ" verwendet. Bitte solche Feinheiten nicht ignorieren. Dann kommt es auch zu keinem unnötigen Gepöbel.

    Danke.

    Antwort auf "Schöner Beitrag"
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    ...relativ oder absolut, die Säkularisierung der Türken und die Machtverteilung durch die Briten im Nahen Osten (Autokratien oder Mornarchien) haben viele Opfer gefordert und fordern sie immer noch! Siehe Syrien. Religionen haben bisher nur Fortschritt gebracht - Menschen ohne Wissen, Charakter aber mit erheblicher Ignoranz lassen uns immer wieder eine Rolle Rückwert machen!

    UND: Der Islam übt keinen Zwang aus, sondern Menschen die nicht ausreichend Wissen, keinen Charakter besitzen und ignorant sind!

    • tuxman
    • 22. Juli 2012 16:07 Uhr
    7. lalala

    "Manchmal frage ich mich, woher die Rastlosigkeit in mir kommt, während ich durch die Welt reise, immer auf der Suche nach neuen Orten, neuen Menschen. Ich frage mich, woher mein Durst nach Wissen kommt. Und die Liebe zur Religion, die Bindung zu ihr.

    Wenn ich dann durch die kleine Stadt im Südwesten der Türkei gehe, durch die Orangenhaine, wenn von den Minaretten der Gebetsruf ertönt, wenn ich an den Moscheen vorbeilaufe und wenn ich vor dem Grab meines Urgroßvaters stehe, weiß ich, wie die Antwort lautet."

    Ja richtig, denn Charaktereigenschaften sind ja, wie wir seit 70 Jahren wissen, erblich. Wer etwas über seine Herkunft erfahren will muss in seiner eigenen Vergangenheit suchen, und nicht in der seiner Vorfahren, diese Lektion müssen viele noch lernen.

  6. ist eine anthropologische Grundkonstante.
    Das hindert uns aber nicht daran, den Verstand zu gebrauchen.

    Atatürk hat den Klerus wohl nicht ohne Grund zurück gedrängt. Und dass die Türkei heute so modern und prosperierend da steht verdankt sie sicher nicht dem moslemischen Klerus.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/jz

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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit inhaltlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/jz

    • chino1
    • 22. Juli 2012 19:00 Uhr

    Die Türkei war unter den Militärs stets Auswanderungsland und verarmt. Erst als Erdogan, mit seiner islamischen Partei AKP, an die Macht kam begann der Aufstieg der Türkei zur 17. größten Wirtschaftsmacht der Erde.

    Wieso schreiben Sie Dinge von den Sie überhaupt keine Ahnung haben??

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  • Schlagworte Muslim | Islam | Hamburg | Religion | Türkei
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