Muslime in Europa : "Sie wollten uns vernichten"

Im Krieg zeigte sich mir so deutlich, wie nie zuvor, dass der Islam eine Religion der Toleranz und der Friedfertigkeit ist. Von Sead Numanovic, Sarajevo
Die Stadt Srebrenica Jahre nach dem Krieg. Bei einem Massaker wurden im Juli 1995 in Srebrenica etwa 8.000 Bosniaken getötet. © Stringer/AFP/Getty Images

Der Islam war für mich nie eine Religion. Der Islam ist für mich eine Lebensweise. Lerne! Erwirb Wissen im Namen Gottes, deines Herrn, heißt es im Koran: Dieser Satz ist die Richtschnur für mein Leben. Und er bedeutet für mich auch, Dogmen infrage zu stellen.

Sollen sich Frauen verschleiern? Keine soll es müssen. Soll man Alkohol trinken? Ich trinke keinen, weil es mir nicht guttut. Früher, als Student, habe ich mit meinen katholischen Zimmergenossen Wein getrunken.

Wie sehr der Islam Toleranz und Friedfertigkeit verkörpert, erfuhr ich im Krieg: Die ersten Tage des Bosnienkrieges 1992 verbrachte ich bei meinen Eltern in Novi Pazar, der Hauptstadt von Sandschak, einer kleinen muslimischen Enklave zwischen Bosnien, Serbien, dem Kosovo und Montenegro. Ich hatte damals gerade begonnen, als Journalist zu arbeiten. Im Fernsehen sah ich, wie Sarajevo zerstört wurde.

Sead Numanovic

wurde 1968 in Bosnien geboren. Er arbeitet als Journalist für die Balkan-Redaktion von Al-Dschasira in Sarajevo.

Ich hielt es für eine Frage der Ehre, in Sarajevo, in Bosnien zu sein, wenn mein Land angegriffen wurde. Ich sagte zu meiner Mutter, dass ich gehe. Sie schwieg, sah mich an, als wäre es das letzte Mal. Mein Vater war außer sich, er drohte sogar, sich und der Familie etwas anzutun, wenn ich, sein einziger Sohn, fortginge. Meine Schwester, zehn Jahre alt, blickte erschrocken, ohne zu verstehen, was los war. Am nächsten Morgen küsste ich meine schlafende Mutter auf die Stirn und schlich mich aus dem Haus. Ich war 24 Jahre alt. Und ich hatte keine Ahnung davon, was mich erwartete.

Die ersten Tage in Sarajevo waren das reine Chaos. Ich irrte umher, hatte Hunger. Bald stieß ich zu einer Gruppe junger Journalisten, die in einer Wohnung in der Innenstadt Unterschlupf gefunden hatten. Die nächtlichen Bombardements begannen. Eines Nachts, während einer der schwersten Attacken, sangen wir alte bosnische Lieder. Traurige, die vom Verlust einer Liebe erzählen, heitere, welche die Schönheit des Landes preisen. Das war unsere Antwort auf die Bomben, die unser Haus erzittern ließen. Ein wenig später trat ich in die bosnische Armee ein.

Die Einheit, in der ich diente, wurde im ganzen Land eingesetzt. Am schlimmsten war es 1993/94. Wir hatten zu wenig zu essen und schlechte Kleidung, waren miserabel ausgerüstet. Aber wir glaubten an unsere Sache.

Es war Krieg. Und es geschah, was in jedem Krieg geschieht. Dann kam der Fall von Srebrenica. Ich war damals in Kladanj stationiert, 75 Kilometer nördlich von Sarajevo. Srebrenica war in Ratko Mladićs Hand, und erste Meldungen über das Massaker, das die serbischen Truppen dort an den Muslimen verübten, drangen zu uns durch. Ich kann darüber nicht sprechen, ohne dass mir die Tränen kommen. Vor allem ein Bild steht mir vor Augen: eine Frau, die einen zwölf oder 13 Jahre alten Jungen umarmt und küsst. Der Junge ist als Mädchen verkleidet. So schaffte es seine Mutter, ihn durch die serbischen Kontrollen zu schmuggeln.

Im Koran heißt es: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, der tötet die gesamte Menschheit und ist zur Hölle verdammt. Wer aber ein einziges unschuldiges Leben rettet, der rettet die gesamte Menschheit. Der Mann, der das predigte, vor 25 Jahren, war Alija Izetbegović, der erste Präsident des unabhängigen Bosnien.

Über Jahrhunderte existierte der Islam in der Gegend des heutigen Bosnien in engster Nachbarschaft mit dem Christentum und dem Judentum. Es gibt wenige Orte in Europa, an denen sich Gotteshäuser aller drei monotheistischen Religionen auf so engem Raum finden. Im Koran heißt es: Ich, Gott, habe eine so vielfältige Welt nicht erschaffen, damit die Menschen einander hassen, sondern damit sie die Vielfalt lieben und aus ihr lernen.

In Bosnien – und andernorts – gibt es leider auch einen anderen Islam. Den wahhabitischen, den fundamentalistischen, dogmatischen. Dieser Islam ist gefährlich. Zum Glück scheint der Einfluss der Wahhabiten in Bosnien nachzulassen.

Mein Imam erklärte mir einmal: Der Dschihad, der Heilige Krieg, darf sich niemals gegen andere richten. Er ist ein Kampf in dir. Um das Böse in dir zu besiegen. Während des Krieges verstand ich, was er meinte. Wir Muslime waren damals mit einem Gegner konfrontiert, der uns auslöschen wollte. Im Namen des Kreuzes. Dennoch haben die Muslime in Sarajevo, während überall im Land Moscheen zerstört wurden, keine Kirche angerührt.

Später, als Student am Lehrstuhl für Journalistik an der Columbia University in Missouri, war ich stolz darauf, mit so vielen Muslimen aus den unterschiedlichsten Ländern Schulter an Schulter zu beten. Und es machte mich traurig, dass der Muezzin nicht zum Gebet rufen durfte – so hatte man es dort entschieden. Unvorstellbar, dass einer christlichen Kirche in Sarajevo das Läuten der Glocken verboten würde.

Aus dem Englischen von Christian Staas

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

nun sind

im artikel ebenfals suren als bezugspunkt aufgeführt
das macht ander suren dagegensetzen legitim, nicht schwachsinnig
denn letztlich ist das lob der toleranz zwar richtig
aber da bosnien als teil jugoslaviens lange zeit teil eines hauptsächlich von christen bewohnten landes waren, kann man diese diesen für diesen zeitraum durchaus auch atestieren
danach gingen die christen sich erstmal gegenseitig an die gurgel, bevor sie beschlossen auf die zahlenmässig unterlegenen und schlechter bewaffneten muslime losgingen
nicht das ich die dann aufgekommene kreuzfahrerrethorik vergessen machen will.

Die Bibel

Todesstrafe für widerspenstige und ungehorsame Söhne!

"Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes und zu den Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist widerspenstig und ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Prasser und Trunkenbold. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe, ..."

(5. Mose 21,18-21)
Todesstrafe für vergewaltigte Mädchen, wenn sie nicht oder nicht laut genug geschrien haben!

"Wenn eine Jungfrau verlobt ist und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt ihr bei, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen, dass sie sterben, die Jungfrau, weil sie nicht geschrien hat, obwohl sie doch in der Stadt war, den Mann, weil er seines Nächsten Braut geschändet hat; ..."

(5. Mose 22,23-24)
Todesstrafe für Homosexuelle!

"Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; ..."

"Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!"

(Psalm 137,9)
Andersdenkende und Andersgläubige (sogenannte "Gottlose") sollen sterben!

"Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! ..."

(Psalm 139,19)

als nachkomme

von protestanten
fühle ich mich mit dem alten testament nicht verbunden
sry

„Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Matthäus, 10,34,
: "Er sprach nun zu ihnen: Aber jetzt, wer eine Börse hat, der nehme sie und gleicherweise eine Tasche, und wer keine hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert."
Lukas 22,36

giebt doch auch was her