Der Islam war für mich nie eine Religion. Der Islam ist für mich eine Lebensweise. Lerne! Erwirb Wissen im Namen Gottes, deines Herrn, heißt es im Koran: Dieser Satz ist die Richtschnur für mein Leben. Und er bedeutet für mich auch, Dogmen infrage zu stellen.

Sollen sich Frauen verschleiern? Keine soll es müssen. Soll man Alkohol trinken? Ich trinke keinen, weil es mir nicht guttut. Früher, als Student, habe ich mit meinen katholischen Zimmergenossen Wein getrunken.

Wie sehr der Islam Toleranz und Friedfertigkeit verkörpert, erfuhr ich im Krieg: Die ersten Tage des Bosnienkrieges 1992 verbrachte ich bei meinen Eltern in Novi Pazar, der Hauptstadt von Sandschak, einer kleinen muslimischen Enklave zwischen Bosnien, Serbien, dem Kosovo und Montenegro. Ich hatte damals gerade begonnen, als Journalist zu arbeiten. Im Fernsehen sah ich, wie Sarajevo zerstört wurde.

Ich hielt es für eine Frage der Ehre, in Sarajevo, in Bosnien zu sein, wenn mein Land angegriffen wurde. Ich sagte zu meiner Mutter, dass ich gehe. Sie schwieg, sah mich an, als wäre es das letzte Mal. Mein Vater war außer sich, er drohte sogar, sich und der Familie etwas anzutun, wenn ich, sein einziger Sohn, fortginge. Meine Schwester, zehn Jahre alt, blickte erschrocken, ohne zu verstehen, was los war. Am nächsten Morgen küsste ich meine schlafende Mutter auf die Stirn und schlich mich aus dem Haus. Ich war 24 Jahre alt. Und ich hatte keine Ahnung davon, was mich erwartete.

Die ersten Tage in Sarajevo waren das reine Chaos. Ich irrte umher, hatte Hunger. Bald stieß ich zu einer Gruppe junger Journalisten, die in einer Wohnung in der Innenstadt Unterschlupf gefunden hatten. Die nächtlichen Bombardements begannen. Eines Nachts, während einer der schwersten Attacken, sangen wir alte bosnische Lieder. Traurige, die vom Verlust einer Liebe erzählen, heitere, welche die Schönheit des Landes preisen. Das war unsere Antwort auf die Bomben, die unser Haus erzittern ließen. Ein wenig später trat ich in die bosnische Armee ein.

Die Einheit, in der ich diente, wurde im ganzen Land eingesetzt. Am schlimmsten war es 1993/94. Wir hatten zu wenig zu essen und schlechte Kleidung, waren miserabel ausgerüstet. Aber wir glaubten an unsere Sache.

Es war Krieg. Und es geschah, was in jedem Krieg geschieht. Dann kam der Fall von Srebrenica. Ich war damals in Kladanj stationiert, 75 Kilometer nördlich von Sarajevo. Srebrenica war in Ratko Mladićs Hand, und erste Meldungen über das Massaker, das die serbischen Truppen dort an den Muslimen verübten, drangen zu uns durch. Ich kann darüber nicht sprechen, ohne dass mir die Tränen kommen. Vor allem ein Bild steht mir vor Augen: eine Frau, die einen zwölf oder 13 Jahre alten Jungen umarmt und küsst. Der Junge ist als Mädchen verkleidet. So schaffte es seine Mutter, ihn durch die serbischen Kontrollen zu schmuggeln.

Im Koran heißt es: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, der tötet die gesamte Menschheit und ist zur Hölle verdammt. Wer aber ein einziges unschuldiges Leben rettet, der rettet die gesamte Menschheit. Der Mann, der das predigte, vor 25 Jahren, war Alija Izetbegović, der erste Präsident des unabhängigen Bosnien.

Über Jahrhunderte existierte der Islam in der Gegend des heutigen Bosnien in engster Nachbarschaft mit dem Christentum und dem Judentum. Es gibt wenige Orte in Europa, an denen sich Gotteshäuser aller drei monotheistischen Religionen auf so engem Raum finden. Im Koran heißt es: Ich, Gott, habe eine so vielfältige Welt nicht erschaffen, damit die Menschen einander hassen, sondern damit sie die Vielfalt lieben und aus ihr lernen.

In Bosnien – und andernorts – gibt es leider auch einen anderen Islam. Den wahhabitischen, den fundamentalistischen, dogmatischen. Dieser Islam ist gefährlich. Zum Glück scheint der Einfluss der Wahhabiten in Bosnien nachzulassen.

Mein Imam erklärte mir einmal: Der Dschihad, der Heilige Krieg, darf sich niemals gegen andere richten. Er ist ein Kampf in dir. Um das Böse in dir zu besiegen. Während des Krieges verstand ich, was er meinte. Wir Muslime waren damals mit einem Gegner konfrontiert, der uns auslöschen wollte. Im Namen des Kreuzes. Dennoch haben die Muslime in Sarajevo, während überall im Land Moscheen zerstört wurden, keine Kirche angerührt.

Später, als Student am Lehrstuhl für Journalistik an der Columbia University in Missouri, war ich stolz darauf, mit so vielen Muslimen aus den unterschiedlichsten Ländern Schulter an Schulter zu beten. Und es machte mich traurig, dass der Muezzin nicht zum Gebet rufen durfte – so hatte man es dort entschieden. Unvorstellbar, dass einer christlichen Kirche in Sarajevo das Läuten der Glocken verboten würde.

Aus dem Englischen von Christian Staas