Islamische Kulturgeschichte : Tausendundeine Idee

Vom Kaffee bis zum Taschenrechner: Viele unserer Alltagsdinge bergen ein Stück islamischer Kulturgeschichte.

Der Kaffee

Noch vor wenigen Generationen reimte sich "blass und krank" auf "Türkentrank", doch schon damals hatte der Kaffee seinen weltweiten Siegeszug vollendet. Glaubt man der Legende, so begann er vor 1.200 Jahren in Äthiopien: Ein Hirte trieb seine Ziegen in neues Hügelland, und dort fraßen die Tiere rote Beeren mit starker Wirkung. Bald hielt die Frucht, ausgekocht zu einem bitter-aromatischen Getränk, auch Menschen wach, und durch Pilger, Händler, Reisende verbreiteten sich Rezept und Pflanze in der muslimischen Welt.

Im 15. Jahrhundert erreichte der Kaffee Mekka, etwa zeitgleich wurde er zum Trank der Türken (die das Pulver der gerösteten Beeren, Wasser und Zucker zusammen kochten und ungefiltert ausschenkten), die Bürger Kairos genossen ihn wohl erstmals im 16. Jahrhundert. Nun war es nicht mehr weit.

1645 eröffnete das erste Kaffeehaus Europas in Venedig; ein türkischer Kaufmann brachte die Beeren fünf Jahre darauf nach London; in Wien, so heißt es, ließ das geschlagene Heer der Osmanen 1683 gleich säckeweise Kaffee zurück. Nur die Städter des 21. Jahrhunderts, die ihn meist gehend zu sich nehmen, in Pappe und Plaste, halten ihn womöglich (Allah bewahre!) für einen Amerikaner.

Verlagsangebot

Der Kult ums gesunde Essen

Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht: Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich? Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

224 Kommentare Seite 1 von 21 Kommentieren

Das Ende der islamischen Bluetezeit

laesst sich zumindest zeitlich ziemlich gut festlegen. Im Westen der Verlust Granadas (das Ende der Reconquista), im Osten die Eroberung Konstantinopels.

Die Gruende sind vielfaeltig (und wie der Niedergang Roms wird sich darueber wohl nie ein Konsens finden), aber bezeichend ist schon, dass sich mit dem osmanischen Reich ein einziges islamisches Grossreich etablierte, dass jahrhundertelang aus den frueheren Errungenschaften bequem leben und ueberleben konnte. Aehnlich wie in anderen statische Kulturen (China) fehlten einfach Impulse von aussen, die zur Aenderung zwangen.

Die Kleinstaaterei Europas, in der sich nach Rom nie wieder eine unwidersprochene Hegemonialmacht etablierte (was hauptsaechlich geostrategische Gruende hat, Europa endgueltig zu unterwerfen war durch Gebirge, Waelder, und Fluesse praktisch unmoeglich), befoerderte dagegen Konkurrenz und Entwicklung. Nachdem sich Europe erstmal von der kulturellen Katastrophe des roemischen Niedergangs erholt hatte, war es kaum noch aufzuhalten. Bereits das Spaetmittelalter brummt schon wieder von Erfindungen und Leistungen, die den arabischen nicht nachstehen (und teilweise Produkte der Endzeit der islamischen Bluete direkt uebernahmen, etwa durch Kopernikus).

ich bin ja vielleicht doof ...

aber: ich weiss nicht ob die konstruktion eines autos mit römischen ziffern gelungen wäre.
auch nicht, ob viren und bakterien ohne fortschritte in der optik (z.b.) aber auch in der medzinischen forschung und der chemie (al-kīmiyā!, auch aus dem arabischen !) etc. entdeckt worden wären noch ob irgendwas, was mit naturwissenschaften zusammenhängt fortgetrieben worden wäre - immerhin war europa zu der zeit geprägt von magischem denken ... selbst die kathedralen brauchten einfluss aus dem "morgenland" ... !
ausserdem: bagdad und cordoba (nur als beispiel) sind nun nicht gerade in persien, und persien hatte viel wiederum aus china entlehnt... aber weiter auch weiter entwickelt oder angepasst!
zu 1: habe sie schonmal was von den kreuzzügen und der reconquista gehört?
übrigens wurden da auch grosse und reiche jüdische gemeinden aus spanien vertrieben, die nämlich hatten in der zeit als die araber dort herrschten ein recht gutes leben - ohne progrome... soviel dann auch zu den menschenrechten: vielleicht lesen sie mal was über die eroberung jerusalems 1099....

Handlicher sind sie

Ich sage nicht, dass die arabischen Zahlen für den Menschen nicht intuitiver zum Rechnen per Hand zu gebrauchen sind. Auch syntaktisch sind sie sinnvoller. Jedoch darf man die eigene Gewöhnung hier nicht außer Acht lassen. Ist wie bei Diskussionen um Windows vs Linux. Viele tun sich mit letzterem zum Großteil Schwer weil es ungewohnt ist. Aber an sich tut es für den Mathematiker nicht wirklich was zur Sache wie die Elemente in N etc. aussehen. Und R (was Sie als Zahlen nach dem Komma beschreiben) sind kein Problem. Die Menge R liegt zwischen N und C. Man könnte also zum Beispiel 'X.X' für '10.10' hernehmen.

Die Syntax ist egal, aber die Systematik nicht

Wenn Sie gesagt hätten, die "Repräsentation der Ziffern" oder die Basis der Zahlensystem ist egal, könnte ich zustimmen. Das Problem der römischen Schreibweise ist aber, dass es kein systematisches Zahlensystem (keine Null, kein Stellenwertsystem) gibt. Das macht das Rechnen sehr kompliziert bis unmöglich, und hat die wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung sicher behindert.
Versuchen Sie doch mal, diese beiden Zahlen nach einen systematischen System zu multiplizieren, dann wissen Sie, was ich meine :-)
DCCCCLXXXXVIIII * MCMLXXXIV = ?

Meinte ich eigentlich

Sie haben schon recht. Den Begriff der Semantik hätte ich noch nehmen müssen. Darauf bezog sich eigentlich gedanklich mein unvollständiger Satz mit der "syntaktisch besseren Handhabbarkeit" der arabischen Zahlen. Eine Bremse waren sie mit Sicherheit, aber ich bezweifle dass sich die Erkenntnisse der Mathematik auf arabische Ziffern zurückführen lassen. Ein Buch über Algebra lässt sich ja nahezu komplett ohne Ziffern schreiben. Ich denke das Fehlen der Null bei römischen Zahlen hätte man gut nachfügen können. Angenehmer wären sie dennoch nicht gewesen :).

hätte man,

hat man(n) aber nicht ;-).
mich interessiert nur, was so schlimm dran sein könnte dass diese fortschritte und entwicklungen und entdeckungen nicht aus europa (bzw. aus dem christlichen europa) sondern von anderswo auf der welt herkamen? alle (hoch-)kulturen haben zu allen zeiten von einander profitiert.
oder sollte sich da gar ein zusammenhang erschliessen mit der aktuell (wieder mal in mode kommenden) "islamophobie"?
wenn dann wäre das schade.

Dies ist absolut richtig.

Man musste nach dem zivilisatorischen Kahlschlag durch Römer und Germanen im Westen Europas fast bei NULL wieder anfangen.

Der Philosoph (Aristoteles) und sein Kommentator (Averroes)waren ein Einstieg und im Mittelalter so etwas wie die Quelle und Grundlage der wissenschaftlichen Zivilisation. Die Geschichte hinter der Geschichte, die die meisten (wenn ich von mir aus extrapolieren darf) in der Schule oder der Uni gelernt haben, ist aber wohl etwas komplizierter als sie durch ein einheitliches Bild der "Antike" suggeriert wird. Die Entwicklungen im griechischen Sprachraum müssen offenbar in einzelnen Epochen sehr differenziert werden und machen in jeder Beziehung staunen.

Empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist das Buch "Die vergessene Revolution" von Lucio Russo, der zum Niveau der hellenistischen Wissenschaft und Technik einen sehr guten Überblick liefert.

Schönen Tag noch, postit

Ändert jedoch nichts um den zentralen Punkt

Mir ging es darum, trotz der wesentlich umständlicheren Rechnung, dass Ihr Beispiel der Autokonstruktion mit römischen Zahlen dennoch möglich gewesen wäre. Ganz unabhängig davon, dass ich in dem einen Post vergessen habe den Begriff Semantik zu erwähnen. Noch konkreter ist ja Ihr Besipiel mit den Kommazahlen. Eine Darstellung 'X.X' ist sicher nicht die vorteilhafteste, insbesondere das Beispiel von Herrmann62, jedoch hindert das die Mathematik nicht daran Modelle aufzustellen. Anders ausgedrückt, machen die arabischen Ziffern, das Rechnen (was eben nur die praktische Umsetzung von Mathematik ist) einfacher, sind aber keine Vorraussetzung für weitere Erkenntnisse. Im Bezug zum Arktikel ist es viel mehr der Schritt zur 'modernen Algebra' durch al-Chwarizmi die man als wichtigen Einfluss hervorheben kann. Jedoch suggeriert der Artikel irgendwie, dass es sich um 'islamische Kultur' handelt die diese Erkenntisse hervobrachte. Das passt nicht (man nehme als analoges Beispiel Gauß oder Euklid) und im Artikel hätte von mir genannter Diophant erwähnt werden müssen. Und das hat sicher nichts mit Islamphobie zu tun, sondern es wirkt hier so, dass man den ein oder anderen Punkt zwecks positiver Darstellung des Islams vermischt oder weglässt. Ach ja, was ich noch schreiben wollte: Das hat alles nichts mit 'doof' sein zu tun. Zahlentheorie und Algebra sind ja nicht gerade triviale Dinge. Ich hoffe jedoch dass ich Ihnen meinen Gedanken dennoch rüberbringen konnte.

dachte ich ja

nicht --- deswegen so vorsichtig formuliert :-)
zum anderen. ja, ich bin keine mathematikerin. und die zahlenmengensymbole kenne ich auch nicht mehr adhoc aber ihre einlassungen konnte ich schon nachvollziehen, vor allem auch, dass es sich um gedankenmodelle und nicht um schieres rechnen handelt. und - in der tat ist es egal, welches symbol für eine zahl benutzt wird. allerdings ist ein *=1 #=2 usw. einfacher als ein +=1 ++=2 +++=3 usw. ... wobei ich, was die erkenntnis angeht daran erinnere, dass diese nun nicht unabhängig von der art des denkens bzw. der logik stattfindet. und weiterentwicklung braucht eine bestimmte neugierige und wissensaffine atmosphäre - sonst nutzt alle erkenntnis nichts sondern landet bestenfalls im verstaubten regal u- udn diese atmosphäre scheint zu einer bestimmten zeit in dem gebiet was wir als islamischen kulturraum beziehnen (wobei ich nochmals darauf hinweisen möchte, dass da nicht nur muslime lebten ( anders als bei uns zu jener zeit) geherrscht zu haben.

Der Wasserhahn

Nun ja, es stimmt die mittelalterliche Stadt war eine Kloake, aber auch nur im christlichen Bezirk und nicht im Stadtteil der Juden, bzw in deren Ghetto. Diese hatten auch schon Körperpflegerituale. Warum die damalige Bevölkerung es nicht übernommen hat, keine Ahnung? Aber das die von den Arabern übernommen wurde lässt sich wohl nicht eindeutig klären...
Im Bezug auf die Wasserschnecken, wenn die Römer das schon hatten, dann ist es ein bisschen anmaßend von islamischer Kulturgeschichte zu schreiben.
Ja, die Araber haben viele Innovationen in das dunkle Mittelalter bzw in die darauffolgenden Geschichtszeiten gebracht, aber alles nun auch wieder nicht und nur, weil man anderer Generationenentdeckungen nochmal neu verkauft, ist es definitiv nicht deren Innovation....