Der sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow inmitten der Kosmonauten Yuri Gagarin (rechts) und Gherman Titov (links) auf dem Moskauer Roten Platz 1961 © AFP/Getty Images

ZEIT Geschichte: Frau Scherbakowa, 1949, das Jahr, in dem Sie geboren wurden, war ein Schlüssel- und Krisenjahr des Kalten Krieges. 1949 wurde die Nato gegründet, die Blockade Westberlins endete, und die beiden deutschen Staaten entstanden, die Sowjetunion zündete ihre erste Atombombe, und in China rief Mao die Volksrepublik aus...

Irina Scherbakowa: Ja, in diesem Klima der Konfrontation bin ich in Moskau groß geworden, in einer zweigeteilten Welt. Der Eiserne Vorhang war für mich über Jahrzehnte eine unverrückbare Tatsache. Ich lebte in dem Bewusstsein, dass ich nie in den Westen würde reisen können. Als ich in den achtziger Jahren die DDR besuchte, blickte ich vom Ostberliner Fernsehturm hinüber in die freie Welt. Ein sonderbares, ein beklemmendes Gefühl!

ZEIT Geschichte: Wie stark hat die Sowjetpropaganda auf Sie gewirkt? Konnten Sie sich überhaupt ein realistisches Bild machen?

Scherbakowa: Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, in dem der Propaganda kein Glaube geschenkt wurde. Natürlich blieb sie auf uns nicht ohne Wirkung, aber sie machte uns nicht blind für die Missstände im eigenen Land. Wir neigten eher dazu, ihr genaues Gegenteil für wahr zu halten; die Probleme der westlichen Welt schienen uns nicht sonderlich relevant zu sein. Wenn die Propaganda tönte: »Dort herrscht das Geld, dort herrscht der eiskalte Kapitalismus«, dann haben wir nur gelacht. Was war schon die Herrschaft des Geldes gegen die Schrecken des Gulag, der Stalinschen Straflager.

ZEIT Geschichte: Die Lager wurden nach 1956 aufgelöst. Die Erinnerung daran aber blieb präsent?

Scherbakowa: Noch lange! Ich war damals ein Kind, aber ich erinnere mich genau: 1956, in dem Jahr, in dem Chruschtschow mit Stalin abrechnete, wurde ich eingeschult. Im Schulgebäude hatte man gerade sämtliche Stalin-Bilder abgehängt – sie aber nicht weggeworfen. Sie lagerten im Keller. Ein treffliches Sinnbild für die sogenannte Tauwetterperiode: Der Wandel war spürbar und sichtbar, aber die Vergangenheit lebte untergründig fort. Der Terror hatte tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen. Die Menschen vergaßen das nicht so schnell.

ZEIT Geschichte: Im Westen wurde wenig später der Marxismus neu entdeckt. Wie haben Sie das empfunden?

Scherbakowa: Ich fand das absurd. Dieses Experiment, dachte ich, hat doch schon genug Opfer gefordert. Ich weiß noch, wie irritiert ich war, als ich – es muss in den frühen Siebzigern gewesen sein – zum ersten Mal Maoisten und Trotzkisten aus dem Westen traf. Das war für mich, als redete ich mit meinem Großvater, der als junger Mann die Revolution von 1917 miterlebt hatte und bis zu seinem Tod ein überzeugter Kommunist war. Der Witz an der Sache ist: Später, nach 1989, waren es die ehemaligen 68er, die Linken, die sich für Russland interessierten und Anteil an unserem Schicksal nahmen. Sie waren es, die zu unseren Freunden im Westen wurden, nicht die ehemaligen Antikommunisten.

ZEIT Geschichte: Ihre Eltern wandten sich in den späten fünfziger Jahren vom Kommunismus ab. Wie kam es dazu?

Scherbakowa: Die Eltern meiner Mutter waren Juden und linke Intellektuelle. Mein Großvater arbeitete für die Kommunistische Internationale, und so wuchs meine Mutter ganz im Geist des Marxismus-Leninismus auf. Sie wurde im Gästehaus der Komintern in Moskau geboren, im Hotel Lux, wo die Familie bis 1943 lebte. Mein Vater hingegen kommt aus der Provinz, aus einer unpolitischen, kleinbürgerlichen jüdischen Familie. Er diente als Leutnant im Großen Vaterländischen Krieg. 1943 wurde er bei Stalingrad verwundet und kam nach dem Kriegsende nach Moskau, um Philologie zu studieren. An der Universität hat er meine Mutter kennengelernt.