Kalter Krieg: "Wir glaubten keiner Propaganda"
Wie die Sowjetbevölkerung den Kalten Krieg erlebte: Ein Gespräch mit der russischen Historikerin Irina Scherbakowa über ihren kommunistischen Großvater, Gagarins Flug ins All und die aberwitzige Heldentat des Matthias Rust
© AFP/Getty Images

Der sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow inmitten der Kosmonauten Yuri Gagarin (rechts) und Gherman Titov (links) auf dem Moskauer Roten Platz 1961
ZEIT Geschichte: Frau Scherbakowa, 1949, das Jahr, in dem Sie geboren wurden, war ein Schlüssel- und Krisenjahr des Kalten Krieges. 1949 wurde die Nato gegründet, die Blockade Westberlins endete, und die beiden deutschen Staaten entstanden, die Sowjetunion zündete ihre erste Atombombe, und in China rief Mao die Volksrepublik aus...
Irina Scherbakowa: Ja, in diesem Klima der Konfrontation bin ich in Moskau groß geworden, in einer zweigeteilten Welt. Der Eiserne Vorhang war für mich über Jahrzehnte eine unverrückbare Tatsache. Ich lebte in dem Bewusstsein, dass ich nie in den Westen würde reisen können. Als ich in den achtziger Jahren die DDR besuchte, blickte ich vom Ostberliner Fernsehturm hinüber in die freie Welt. Ein sonderbares, ein beklemmendes Gefühl!
ZEIT Geschichte: Wie stark hat die Sowjetpropaganda auf Sie gewirkt? Konnten Sie sich überhaupt ein realistisches Bild machen?
ist Germanistin und Historikerin. Sie lehrt an der Afanassjew-Universität in Moskau. Seit vielen Jahren unterstützt sie die Menschenrechtsgesellschaft Memorial.
Scherbakowa: Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, in dem der Propaganda kein Glaube geschenkt wurde. Natürlich blieb sie auf uns nicht ohne Wirkung, aber sie machte uns nicht blind für die Missstände im eigenen Land. Wir neigten eher dazu, ihr genaues Gegenteil für wahr zu halten; die Probleme der westlichen Welt schienen uns nicht sonderlich relevant zu sein. Wenn die Propaganda tönte: »Dort herrscht das Geld, dort herrscht der eiskalte Kapitalismus«, dann haben wir nur gelacht. Was war schon die Herrschaft des Geldes gegen die Schrecken des Gulag, der Stalinschen Straflager.
ZEIT Geschichte: Die Lager wurden nach 1956 aufgelöst. Die Erinnerung daran aber blieb präsent?
Scherbakowa: Noch lange! Ich war damals ein Kind, aber ich erinnere mich genau: 1956, in dem Jahr, in dem Chruschtschow mit Stalin abrechnete, wurde ich eingeschult. Im Schulgebäude hatte man gerade sämtliche Stalin-Bilder abgehängt – sie aber nicht weggeworfen. Sie lagerten im Keller. Ein treffliches Sinnbild für die sogenannte Tauwetterperiode: Der Wandel war spürbar und sichtbar, aber die Vergangenheit lebte untergründig fort. Der Terror hatte tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen. Die Menschen vergaßen das nicht so schnell.
ZEIT Geschichte: Im Westen wurde wenig später der Marxismus neu entdeckt. Wie haben Sie das empfunden?
Scherbakowa: Ich fand das absurd. Dieses Experiment, dachte ich, hat doch schon genug Opfer gefordert. Ich weiß noch, wie irritiert ich war, als ich – es muss in den frühen Siebzigern gewesen sein – zum ersten Mal Maoisten und Trotzkisten aus dem Westen traf. Das war für mich, als redete ich mit meinem Großvater, der als junger Mann die Revolution von 1917 miterlebt hatte und bis zu seinem Tod ein überzeugter Kommunist war. Der Witz an der Sache ist: Später, nach 1989, waren es die ehemaligen 68er, die Linken, die sich für Russland interessierten und Anteil an unserem Schicksal nahmen. Sie waren es, die zu unseren Freunden im Westen wurden, nicht die ehemaligen Antikommunisten.
ZEIT Geschichte: Ihre Eltern wandten sich in den späten fünfziger Jahren vom Kommunismus ab. Wie kam es dazu?
Scherbakowa: Die Eltern meiner Mutter waren Juden und linke Intellektuelle. Mein Großvater arbeitete für die Kommunistische Internationale, und so wuchs meine Mutter ganz im Geist des Marxismus-Leninismus auf. Sie wurde im Gästehaus der Komintern in Moskau geboren, im Hotel Lux, wo die Familie bis 1943 lebte. Mein Vater hingegen kommt aus der Provinz, aus einer unpolitischen, kleinbürgerlichen jüdischen Familie. Er diente als Leutnant im Großen Vaterländischen Krieg. 1943 wurde er bei Stalingrad verwundet und kam nach dem Kriegsende nach Moskau, um Philologie zu studieren. An der Universität hat er meine Mutter kennengelernt.
ZEIT Geschichte: Gab es ein bestimmtes Ereignis, das die beiden vom Glauben an den Kommunismus abfallen ließ?
Scherbakowa: Da war zunächst die Erfahrung des Großen Terrors in den späten dreißiger Jahren, dem auch viele Freunde meiner Großeltern zum Opfer fielen. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs begann die Blockkonfrontation: Der fortdauernde Militarismus stieß meine Eltern ab. Grundsätzliche Zweifel lösten dann die antisemitischen Kampagnen der frühen fünfziger Jahre aus. Stalin hatte gehofft, den neu gegründeten israelischen Staat seiner Einflusssphäre einverleiben zu können. Als das nicht klappte, begann eine geradezu paranoide Hetze gegen die Juden, die man als »heimatlose Kosmopoliten« diffamierte. Juden wurden pauschal verdächtigt, für den Westen zu spionieren; jüdische Ärzte beschuldigte man, »Giftmischer« zu sein. Es kam massenweise zu Entlassungen und Verhaftungen. Auch in meiner Familie. Es kursierten sogar Gerüchte, dass die Juden deportiert werden sollten. Dann, 1956, brach Chruschtschow auf dem XX. Parteitag mit dem Stalinismus. Viele Menschen kamen aus den Straflagern zurück und erzählten, was sie Schreckliches erlebt hatten. Im Oktober 1956 lieferte das Regime den letzten Anstoß, falls es den noch brauchte...
ZEIT Geschichte: ...als sowjetische Truppen den Aufstand der Ungarn für Freiheit und Demokratie brutal niederschlugen.
Scherbakowa: Ich war sechs Jahre alt und begriff nicht wirklich, was vor sich ging. Die Bilder aus den eingeschmuggelten Westzeitschriften, die meine Eltern lasen, aber haben sich mir eingebrannt: die Barrikaden auf den Straßen mitten in Budapest, die Toten, die bewaffneten Männer. So klein ich damals war – ich wusste, dass etwas Schreckliches geschah.
ZEIT Geschichte: Weil hier die Hoffnung auf Reform und Befreiung mit Gewalt erstickt wurde?
Scherbakowa: Ja, und weil es Kriegsbilder waren. Die Kriegsangst, die war unglaublich mächtig. Das vorherrschende Gefühl in der sowjetischen Bevölkerung war nach der schrecklichen Erfahrung der Jahre 1941 bis 1945: Komme, was wolle, nur kein Krieg! Angst macht gefügig. Die Propaganda versuchte, sich das zunutze zu machen, und stellte den Westen als Bedrohung für den Frieden dar. Meine Eltern aber sahen sich durch die Ereignisse von Budapest in ihrer regimekritischen Haltung bestätigt.
ZEIT Geschichte: Wie kommt es, dass nicht schon der 17. Juni 1953 diese Wirkung hatte?
Scherbakowa: Das habe ich meinen Vater später auch gefragt. Warum Budapest 56 und nicht schon das brutale Vorgehen gegen die Proteste in der DDR? Er hat gesagt: »Damals wussten wir noch zu wenig, und das war in Deutschland.« Dass dort acht Jahre nach Kriegsende noch irgendwelche faschistischen Kräfte lebendig sein könnten, schien meinem Vater nicht unplausibel.
ZEIT Geschichte: Auch im Westen ging die Angst vor einem neuen Krieg um, vor einem atomaren Weltkrieg – zumal nach 1962. War das in der Sowjetunion ähnlich?
Scherbakowa: Nein, die Kubakrise ist mir eher als etwas irgendwie Abenteuerliches, beinahe Romantisches im Gedächtnis geblieben. Fidel Castro, Che Guevara – Kuba hatte nicht nur für die westliche Linke, sondern auch für uns etwas Anziehendes. Aber die Angst vor einem atomaren Krieg? Nein. Dass wirklich Atomwaffen eingesetzt würden, war einfach undenkbar. Erst im Nachhinein wurde klar, wie gefährlich die Situation war.
ZEIT Geschichte: Lebte man nicht auch in der Sowjetunion in dem Bewusstsein, dass ein dritter Weltkrieg die Menschheit auslöschen könnte?
Scherbakowa: Nicht soweit ich mich erinnern kann. Und es ist keineswegs so, dass ich diesem Thema hätte ausweichen können: Mein Mann hat 20 Jahre lang als Atomphysiker gearbeitet – im Kurtschatow-Institut, in dem die sowjetische Atombombe entwickelt worden ist. Einer seiner älteren Kollegen hat einmal erzählt, wie es damals, 1949, zuging, beim ersten Test. Wie sie da im Bunker saßen, wie der Knopf gedrückt wurde – und erst einmal nichts passierte! Der mächtige Lawrenti Berija, Stalins Geheimdienstchef, war anwesend, und die Wissenschaftler dachten schon: Das war’s, jetzt sind wir dran. Bis dann endlich die Bombe hochging. Alle bekamen sie hohe Auszeichnungen.
ZEIT Geschichte: Wie erklären Sie sich, dass die Angst vor der atomaren Apokalypse die Menschen in der Sowjetunion nicht beschäftigte?
Scherbakowa: Vielleicht weil wir durch eine ganz andere Kriegserfahrung geprägt waren? Vielleicht erschien vor diesem Hintergrund des konkreten Schreckens, des Mordens und Abschlachtens, die Atomgefahr als etwas vollkommen Irreales, Abstraktes? Vielleicht hatte es aber auch mit der Größe des Landes zu tun – nach dem Motto: Die Sowjetunion ist so riesig, was soll uns schon passieren? Tschernobyl war da eine wichtige Lektion. Am wahrscheinlichsten aber scheint mir eine dritte Erklärung: Der Alltag war bis weit in die siebziger Jahre hinein für die meisten Menschen sehr hart. Sie hatten zu viele handfeste Sorgen, um sich auch noch vor der Bombe zu fürchten.
ZEIT Geschichte: Wie haben Sie den Systemwettstreit zwischen Ost und West erlebt, das Wettrüsten auf allen Gebieten?
Scherbakowa: Ich erinnere ich mich noch gut an den ersten Flug ins All, Juri Gagarin, 1961. Und ich weiß noch, mit welchem Hochgefühl mich dieses Ereignis erfüllt hat. Der Raumflug war für mich ein Freiheitsversprechen. Natürlich war es toll, dass »wir« die Ersten waren. Doch das stand nicht im Mittelpunkt. Ich habe diesen Raumflug vielmehr als ein Zeichen empfunden, dass auch wir Sowjetbürger zur ungeteilten, den Erdball bevölkernden Menschheit gehören. Nach oben gab es keinen Eisernen Vorhang! Und Gagarin war ein so netter, aufgeschlossener Mensch. Bei einer Parade auf dem Roten Platz lösten sich seine Schnürsenkel. An dieser kleinen Begebenheit zeigte sich: Da geht ein Mensch, nahbar, verletzlich, kein sowjetischer Held aus Bronze.
ZEIT Geschichte: Es bewegte Sie also nicht so sehr der außenpolitische Erfolg, sondern die Hoffnung auf eine innenpolitische Öffnung?
Scherbakowa: Ja. Wobei wir natürlich wussten, dass man keine großen Hoffnungen auf solche symbolischen Momente gründen durfte und dass Außen- und Innenpolitik keineswegs immer harmonierten. Denken Sie an die Chruschtschow-Jahre. Da gab es einerseits eine Liberalisierung im Innern. Man entfernte Stalins Sarg aus dem Mausoleum am Roten Platz; und 1962 erschien Solschenizyns Buch Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch über den Alltag in den Stalinschen Lagern – das war mindestens so spektakulär wie die Detonation einer sowjetischen Atombombe! Doch dann kam, im selben Jahr, die Kubakrise. Die Breschnew-Jahre waren nicht minder widersprüchlich. Einerseits schloss man Verträge mit dem Westen und unterschrieb 1975 die KSZE-Akte in Helsinki, in der man sich dazu verpflichtete, die Menschenrechte zu achten. Andererseits marschierten 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Im Grunde ist es heute noch immer so: Auch Putins Innenpolitik entspricht seiner Außenpolitik kein bisschen. Einerseits unterhält man enge wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen, auf der anderen Seite muss er als Feindbild herhalten.
ZEIT Geschichte: Wie hat sich Ihr Bild vom Westen gewandelt? Haben Sie überhaupt ein einheitliches Bild?
Scherbakowa: Nein. Amerika ist mir zum Beispiel immer fremder gewesen als Westeuropa. Der ausgeprägte Patriotismus, der Kult um die Flagge, das kam mir fast »sowjetisch« vor! Und wenn wir amerikanische Kriegsfilme anschauten, stellten wir verwundert fest: Oh, das ist ja sozialistischer Realismus – nur unter anderen Vorzeichen. Doch bei aller Skepsis: Spätestens in der Perestroikazeit wurden die USA zu einem Symbol für die Freiheit. Ich erinnere mich noch, wie die Leute auf einem Demonstrationszug riefen, als sie an der amerikanischen Botschaft vorbeikamen: Es lebe die amerikanische Demokratie! Das war absolut echt und tief empfunden. Heute hört man so etwas nicht mehr...
ZEIT Geschichte: War Reagan ein Hoffnungsträger für Sie?
Scherbakowa: Offiziell war er natürlich der Staatsfeind Nummer eins, weil er die Sowjetunion als das Reich des Bösen bezeichnet hatte. Das wurde schon den Erstklässlern eingebläut. 1980 wurde meine Tochter eingeschult. Eines Tages, als ich sie abholte, zog die Lehrerin mich beiseite. Sie hatte – stellen Sie sich vor! – die Kinder befragt: Wer ist die Person, die ihr am meisten hasst? »Ihre Tochter«, sagte sie zu mir, »war die Einzige, die geantwortet hat: Hitler.« – »Und die anderen?«, habe ich gefragt. »Die meisten haben Reagan genannt«, sagte sie in vorwurfsvollem Ton. Reagan war die richtige Antwort. So drang der Kalte Krieg in die Köpfe der Kinder ein...
ZEIT Geschichte: Wie blickten Sie auf den Westen Deutschlands? War er für Sie einfach nur ein Teil der freien Welt? Oder schwang da auch noch jenes Misstrauen mit, das Ihr Vater 1953 empfand?
Scherbakowa: Mein Verhältnis zu Deutschland war in der Tat tief gespalten. Ich habe ja deutsche Literatur studiert. Da war also eine große Faszination, ein intensives Interesse. Zugleich stellte ich mir die Bundesrepublik als einen unbehaglichen Ort vor – aufgrund dessen, was ich über den Umgang der Deutschen mit ihren Verbrechen, mit dem Krieg, mit dem Holocaust gelesen und gehört hatte. Über Fälle wie den Globkes...
ZEIT Geschichte: ...der die Nürnberger Gesetze kommentiert hatte und dann unter Adenauer Kanzleramtschef war.
Scherbakowa: Aber auch wenn man die bundesrepublikanische Literatur der fünfziger und sechziger Jahre las – Böll, Grass und andere –, hatte man das Gefühl: Da will ich lieber nicht hin. Ich hatte, als ich jung war, auch nur wenig Verständnis für die Leiden der Deutschen im Krieg. Ich erinnere mich noch an eine Episode aus meiner Studienzeit. Ich dolmetschte damals viel, und Ende der fünfziger Jahre begleitete ich eine Gruppe deutschsprachiger Schriftsteller und Journalisten auf einer Reise durch die Sowjetunion. Unter anderem stand Leningrad auf dem Programm. 1942 hatte die Wehrmacht die Stadt blockiert, um sie auszuhungern; rund eine Million Menschen sind umgekommen. In dieser Reisegruppe nun war ein Mann, der mir just in Leningrad davon erzählte, wie seine Mutter und seine Schwester 1945 von Rotarmisten vergewaltigt worden waren. Das war das erste Mal, dass ich das so offen zu hören bekam, denn dieses Thema war ein Tabu in der Sowjetunion. Voller Zorn habe ich gesagt: »Ich will in dieser Stadt nichts darüber wissen! Wir haben die Deutschen nicht zu uns eingeladen, und sie haben bekommen, was sie verdient haben.« So schematisch und unmenschlich dachte ich damals. Es vergingen Jahre, bis ich das für mich aufgearbeitet hatte.
ZEIT Geschichte: Wann waren Sie zum ersten Mal in Westdeutschland?
Scherbakowa: Das war 1989. Ich kannte damals nur die DDR. Die war mir immer unglaublich provinziell und langweilig vorgekommen, und vor allem: enger als Russland. Die Menschen hatten viel mehr Angst als wir. Dieses Angstklima war schrecklich. Im Restaurant senkte man die Stimme, man ließ Briefe unbeantwortet. Und das alles gepaart mit dieser beklemmenden Kleinbürgerlichkeit. Da dachte ich: Das Ganze in Westdeutschland noch mit immensem Reichtum verbunden, das ist bestimmt nicht auszuhalten! Aber dann fühlte ich mich unter den westdeutschen Intellektuellen wider Erwarten sofort wohl und aufgehoben.
ZEIT Geschichte: Für Deutschland war das Ende des Kalten Krieges eine Bereicherung: Das Land wurde wieder eins. Die Sowjetunion hingegen begann allmählich auseinanderzubrechen. Wie haben Sie die Jahre nach 1989 und nach dem Ende der Sowjetunion 1991 in Moskau erlebt?
Scherbakowa: Das war eine extrem schwierige Zeit für viele – wirtschaftlich, aber auch psychisch. Die Vorstellung, dass Russland nur stark sein kann, wenn es ein mächtiges Imperium ist, das von einem starken Mann regiert wird – diese Vorstellung sitzt sehr tief. Als nun das Imperium zerbrach, stand dieses Ideal auf einmal infrage, und das brachte eine große Verunsicherung mit sich, die das Land geradezu traumatisierte.
ZEIT Geschichte: Hat nicht auch der Westen zu diesem Trauma beigetragen? Durch seine Siegerrhetorik, der zufolge der Westen den Kalten Krieg gewonnen habe?
Scherbakowa: Ja, da traf eine gewisse Überheblichkeit auf einen tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplex. Gorbatschow war ja nach langer, langer Zeit in der russischen Geschichte der Erste, der keine Angst hatte von der westlichen Welt und frei war von Unterlegenheitsgefühlen. Über Jahrzehnte hatten die Russen geglaubt, ihr Land müsse eine Festung sein. Gorbatschow veränderte diese Sichtweise – und beendete so den Kalten Krieg. Zum ersten Zeichen dieses Wandels wurde eine komische Episode: die Landung von Matthias Rust auf dem Roten Platz im Mai 1987. Dass ein Hobbypilot aus dem Westen einfach so vor dem Kreml landet und dieses bis an die Zähne bewaffnete Riesenimperium hilflos davorsteht – das war ein Bild von unglaublicher Kraft. Wir witzelten damals, dass man jetzt besser schnell alle Pfützen auf dem Roten Platz trockenlegen sollte, bevor noch ein amerikanisches U-Boot auftaucht!
ZEIT Geschichte: Wie erinnert man sich heute an Gorbatschow?
Scherbakowa: Ziemlich bald nach 1991 sah man in ihm nur noch einen Mann, der Fehler gemacht und dessen Politik Russland in eine chaotische Situation gebracht habe. Seine historische Leistung geriet in Vergessenheit. Zudem war sein Nachfolger Boris Jelzin ein Mann, dem der Westen zeitlebens fremd blieb. Als Putin an die Macht kam, schien das aus westlicher Sicht erst einmal ein Signal des Aufbruchs und der Modernisierung zu sein, dabei ist dieser Mann als ehemaliger KGB-Agent vor allem eines: ein Produkt des Kalten Krieges! Dennoch hat sich der lange Zeit sehr negative Blick auf Gorbatschow ein wenig relativiert. Er wird heute wieder mehr geschätzt als noch vor ein paar Jahren, vor allem von den Intellektuellen.
ZEIT Geschichte: Artikuliert sich darin womöglich auch eine Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Regierung?
Scherbakowa: Tatsächlich nimmt die Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung zu, wie es sich ja bei den Großdemonstrationen in Moskau gezeigt hat anlässlich der Vereidigung Putins zum neuen, alten Präsidenten im Mai dieses Jahres und davor gegen die gefälschten Wahlen.
ZEIT Geschichte: Droht Russland womöglich ein Rückfall in die Muster des Kalten Krieges – im Konflikt mit dem Westen wie im Umgang mit der eigenen Bevölkerung?
Scherbakowa: Der Kalte Krieg ist vorbei, der Eiserne Vorhang existiert nicht mehr, und vielleicht ist ein eiserner Vorhang dieser Dimension unmöglich geworden. So genießen wir heute in Russland zwei sehr wichtige Freiheiten: den freien Zugang zu Information durch das Internet und die Möglichkeit zu reisen. An so gut wie allen anderen demokratischen Freiheiten – von denen die Unabhängigkeit der Justiz vielleicht die wichtigste ist – fehlt es uns. Russland ist kein Rechtsstaat. In der Politik regiert das Recht des Stärkeren. Auch das Internet versucht man zu zensieren.
ZEIT Geschichte: Macht nicht gerade sein hartes Auftreten Putin bei vielen populär?
Scherbakowa: Das glaube ich nicht. Im Gegenteil, die Politik der Härte führt dazu, dass vor allem die jungen Menschen in den Großstädten immer kritischer werden. Und mittlerweile trägt Putins Regierungsstil ja nicht nur sehr brutale, sondern auch wirklich bizarre Züge. Manches erinnert mich tatsächlich an den Kalten Krieg. Etwa wenn er, wie kürzlich, in Rüstungsfabriken auftritt und großspurige Reden vor den Arbeitern hält. Oder wenn Regimekritiker sofort unter den Verdacht gestellt werden, vom Westen bezahlte Unruhestifter und Spione zu sein.
ZEIT Geschichte: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, angesichts dieser Entwicklungen aus Russland fortzugehen?
Scherbakowa: Nein. Ich bleibe. In Russland ist meine Familie, dort leben meine Freunde, dort bin ich zu Hause. Und warum sollte man das Feld für diejenigen räumen, die drauf und dran sind, Russland erneut in eine Sackgasse zu treiben? Nein, man muss etwas dagegen tun. Und ich hoffe, viele andere denken genauso.
Die Fragen stellten Gunter Hofmann und Christian Staas










Gerade, wenn man auf der anderen Seite stand.Es wundert mich, dass ich ein solches Interview mit einer russischen Historikerin zum ersten Mal lese. Ich habe mich z.B. immer gefragt, wie "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" in der Sowjetunion aufgenommen wurde. Übrigens auch darüber, wie Chrustschow überhaupt in die Lage kommen konnte, Stalins System zu beseitigen. Letzteres wurde leider nicht hinterfragt.
Es ist ja auch nicht so, dass wir wesentlich neutraler informiert wurden. Mein Geschichtslehrer in der Oberstufe war US-Amerikaner und verteilte gute Noten, wenn angemessen über die Sowjetunion hergezogen wurde. Und die US-Kultur und deren Wirtschaftsprodukte überflutet und ja noch heute (Fernsehen, Kino, Microsoft, Apple, McDonalds usw.).
Danke an die Autoren, die Zeit und auch Frau Scherbakowa für dieses Interview. Sehr gut! aj
Danke für dieses zutiefst menschliche Gespräch!
Das war für mich neu, dass die Bürger der Sowjet Union in den 1960er - 1980er Jahren keine Ängste im Kalten Krieg vor Auslöschung und atomarer Apokalypse hatten wie wir Westeuropäer und US-Amerikaner.
Scherbakowa beschreibt das mit der Gegenwärtigkeit der WK2-Katastrophe des Abschlachtens und Mordens einerseits und der daraus noch resultierenden riesigen materiellen Nachteile im sowjetischen System für die Bürger bis tief in die 1970er Jahre hinein.
In jeder Familie waren Kriegsopfer bei 27 Millionen kriegsbedingter Toter und 15 Millionen Kriegsinvaliden und dazu der Opfer des Stalinismus in der Sowjet Union.
Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken.
Neben Deutschland war ja kein Land so verwüstet wie die Sowjet Union in Europa und diese Mondlandschaften mußten aus eigenen Kräften erst wieder bewohnbar gemacht werden.
Der Stalinismus und der WK2 hat die Russen Europa bis heute massiv entfremdet.
"Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."
Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.
"Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."
Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.
"Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."
Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.
"Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."
Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?
Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.
Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?
"Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."
Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?
Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.
Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?
"Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."
Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?
Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.
Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?
Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.
"Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?"
Es ging um die Angst der Bevölkerung und nicht um das Wissen der Regierung oder der beteiligten Forscher. Die Unterschiede sind ihnen bewusst?
Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.
"Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?"
Es ging um die Angst der Bevölkerung und nicht um das Wissen der Regierung oder der beteiligten Forscher. Die Unterschiede sind ihnen bewusst?
Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.
Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????
Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"
Bitte richtig lesen :D
Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????
Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"
Bitte richtig lesen :D
Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????
Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"
Bitte richtig lesen :D
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