Kalter Krieg"Wir glaubten keiner Propaganda"
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"Die Kriegsangst war unglaublich mächtig"

ZEIT Geschichte: Gab es ein bestimmtes Ereignis, das die beiden vom Glauben an den Kommunismus abfallen ließ?

Scherbakowa: Da war zunächst die Erfahrung des Großen Terrors in den späten dreißiger Jahren, dem auch viele Freunde meiner Großeltern zum Opfer fielen. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs begann die Blockkonfrontation: Der fortdauernde Militarismus stieß meine Eltern ab. Grundsätzliche Zweifel lösten dann die antisemitischen Kampagnen der frühen fünfziger Jahre aus. Stalin hatte gehofft, den neu gegründeten israelischen Staat seiner Einflusssphäre einverleiben zu können. Als das nicht klappte, begann eine geradezu paranoide Hetze gegen die Juden, die man als »heimatlose Kosmopoliten« diffamierte. Juden wurden pauschal verdächtigt, für den Westen zu spionieren; jüdische Ärzte beschuldigte man, »Giftmischer« zu sein. Es kam massenweise zu Entlassungen und Verhaftungen. Auch in meiner Familie. Es kursierten sogar Gerüchte, dass die Juden deportiert werden sollten. Dann, 1956, brach Chruschtschow auf dem XX. Parteitag mit dem Stalinismus. Viele Menschen kamen aus den Straflagern zurück und erzählten, was sie Schreckliches erlebt hatten. Im Oktober 1956 lieferte das Regime den letzten Anstoß, falls es den noch brauchte...

ZEIT Geschichte: ...als sowjetische Truppen den Aufstand der Ungarn für Freiheit und Demokratie brutal niederschlugen.

Scherbakowa: Ich war sechs Jahre alt und begriff nicht wirklich, was vor sich ging. Die Bilder aus den eingeschmuggelten Westzeitschriften, die meine Eltern lasen, aber haben sich mir eingebrannt: die Barrikaden auf den Straßen mitten in Budapest, die Toten, die bewaffneten Männer. So klein ich damals war – ich wusste, dass etwas Schreckliches geschah.

ZEIT Geschichte: Weil hier die Hoffnung auf Reform und Befreiung mit Gewalt erstickt wurde?

Scherbakowa: Ja, und weil es Kriegsbilder waren. Die Kriegsangst, die war unglaublich mächtig. Das vorherrschende Gefühl in der sowjetischen Bevölkerung war nach der schrecklichen Erfahrung der Jahre 1941 bis 1945: Komme, was wolle, nur kein Krieg! Angst macht gefügig. Die Propaganda versuchte, sich das zunutze zu machen, und stellte den Westen als Bedrohung für den Frieden dar. Meine Eltern aber sahen sich durch die Ereignisse von Budapest in ihrer regimekritischen Haltung bestätigt.

ZEIT Geschichte: Wie kommt es, dass nicht schon der 17. Juni 1953 diese Wirkung hatte?

Scherbakowa: Das habe ich meinen Vater später auch gefragt. Warum Budapest 56 und nicht schon das brutale Vorgehen gegen die Proteste in der DDR? Er hat gesagt: »Damals wussten wir noch zu wenig, und das war in Deutschland.« Dass dort acht Jahre nach Kriegsende noch irgendwelche faschistischen Kräfte lebendig sein könnten, schien meinem Vater nicht unplausibel.

ZEIT Geschichte: Auch im Westen ging die Angst vor einem neuen Krieg um, vor einem atomaren Weltkrieg – zumal nach 1962. War das in der Sowjetunion ähnlich?

Scherbakowa: Nein, die Kubakrise ist mir eher als etwas irgendwie Abenteuerliches, beinahe Romantisches im Gedächtnis geblieben. Fidel Castro, Che Guevara – Kuba hatte nicht nur für die westliche Linke, sondern auch für uns etwas Anziehendes. Aber die Angst vor einem atomaren Krieg? Nein. Dass wirklich Atomwaffen eingesetzt würden, war einfach undenkbar. Erst im Nachhinein wurde klar, wie gefährlich die Situation war.

ZEIT Geschichte: Lebte man nicht auch in der Sowjetunion in dem Bewusstsein, dass ein dritter Weltkrieg die Menschheit auslöschen könnte?

Scherbakowa: Nicht soweit ich mich erinnern kann. Und es ist keineswegs so, dass ich diesem Thema hätte ausweichen können: Mein Mann hat 20 Jahre lang als Atomphysiker gearbeitet – im Kurtschatow-Institut, in dem die sowjetische Atombombe entwickelt worden ist. Einer seiner älteren Kollegen hat einmal erzählt, wie es damals, 1949, zuging, beim ersten Test. Wie sie da im Bunker saßen, wie der Knopf gedrückt wurde – und erst einmal nichts passierte! Der mächtige Lawrenti Berija, Stalins Geheimdienstchef, war anwesend, und die Wissenschaftler dachten schon: Das war’s, jetzt sind wir dran. Bis dann endlich die Bombe hochging. Alle bekamen sie hohe Auszeichnungen.

ZEIT Geschichte: Wie erklären Sie sich, dass die Angst vor der atomaren Apokalypse die Menschen in der Sowjetunion nicht beschäftigte?

Scherbakowa: Vielleicht weil wir durch eine ganz andere Kriegserfahrung geprägt waren? Vielleicht erschien vor diesem Hintergrund des konkreten Schreckens, des Mordens und Abschlachtens, die Atomgefahr als etwas vollkommen Irreales, Abstraktes? Vielleicht hatte es aber auch mit der Größe des Landes zu tun – nach dem Motto: Die Sowjetunion ist so riesig, was soll uns schon passieren? Tschernobyl war da eine wichtige Lektion. Am wahrscheinlichsten aber scheint mir eine dritte Erklärung: Der Alltag war bis weit in die siebziger Jahre hinein für die meisten Menschen sehr hart. Sie hatten zu viele handfeste Sorgen, um sich auch noch vor der Bombe zu fürchten.

ZEIT Geschichte: Wie haben Sie den Systemwettstreit zwischen Ost und West erlebt, das Wettrüsten auf allen Gebieten?

Scherbakowa: Ich erinnere ich mich noch gut an den ersten Flug ins All, Juri Gagarin, 1961. Und ich weiß noch, mit welchem Hochgefühl mich dieses Ereignis erfüllt hat. Der Raumflug war für mich ein Freiheitsversprechen. Natürlich war es toll, dass »wir« die Ersten waren. Doch das stand nicht im Mittelpunkt. Ich habe diesen Raumflug vielmehr als ein Zeichen empfunden, dass auch wir Sowjetbürger zur ungeteilten, den Erdball bevölkernden Menschheit gehören. Nach oben gab es keinen Eisernen Vorhang! Und Gagarin war ein so netter, aufgeschlossener Mensch. Bei einer Parade auf dem Roten Platz lösten sich seine Schnürsenkel. An dieser kleinen Begebenheit zeigte sich: Da geht ein Mensch, nahbar, verletzlich, kein sowjetischer Held aus Bronze.

Leser-Kommentare
    • sioux
    • 30.08.2012 um 20:04 Uhr

    Gerade, wenn man auf der anderen Seite stand.Es wundert mich, dass ich ein solches Interview mit einer russischen Historikerin zum ersten Mal lese. Ich habe mich z.B. immer gefragt, wie "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" in der Sowjetunion aufgenommen wurde. Übrigens auch darüber, wie Chrustschow überhaupt in die Lage kommen konnte, Stalins System zu beseitigen. Letzteres wurde leider nicht hinterfragt.
    Es ist ja auch nicht so, dass wir wesentlich neutraler informiert wurden. Mein Geschichtslehrer in der Oberstufe war US-Amerikaner und verteilte gute Noten, wenn angemessen über die Sowjetunion hergezogen wurde. Und die US-Kultur und deren Wirtschaftsprodukte überflutet und ja noch heute (Fernsehen, Kino, Microsoft, Apple, McDonalds usw.).

    2 Leser-Empfehlungen
  1. 2. Prima

    Danke an die Autoren, die Zeit und auch Frau Scherbakowa für dieses Interview. Sehr gut! aj

    2 Leser-Empfehlungen
    • maudoc
    • 31.08.2012 um 10:45 Uhr

    Danke für dieses zutiefst menschliche Gespräch!

  2. Das war für mich neu, dass die Bürger der Sowjet Union in den 1960er - 1980er Jahren keine Ängste im Kalten Krieg vor Auslöschung und atomarer Apokalypse hatten wie wir Westeuropäer und US-Amerikaner.

    Scherbakowa beschreibt das mit der Gegenwärtigkeit der WK2-Katastrophe des Abschlachtens und Mordens einerseits und der daraus noch resultierenden riesigen materiellen Nachteile im sowjetischen System für die Bürger bis tief in die 1970er Jahre hinein.

    In jeder Familie waren Kriegsopfer bei 27 Millionen kriegsbedingter Toter und 15 Millionen Kriegsinvaliden und dazu der Opfer des Stalinismus in der Sowjet Union.

    Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken.
    Neben Deutschland war ja kein Land so verwüstet wie die Sowjet Union in Europa und diese Mondlandschaften mußten aus eigenen Kräften erst wieder bewohnbar gemacht werden.

    Der Stalinismus und der WK2 hat die Russen Europa bis heute massiv entfremdet.

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    • tobmat
    • 31.08.2012 um 12:50 Uhr

    "Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."

    Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.

    • tobmat
    • 31.08.2012 um 12:50 Uhr

    "Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."

    Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.

    • tobmat
    • 31.08.2012 um 12:50 Uhr

    "Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."

    Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.

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    "Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."

    Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!

    Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?

    Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.

    Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?

    "Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."

    Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!

    Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?

    Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.

    Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?

  3. "Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."

    Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!

    Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?

    Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.

    Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?

    Antwort auf "............."
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    Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
    Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.

    • tobmat
    • 31.08.2012 um 15:38 Uhr

    "Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!

    Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?"

    Es ging um die Angst der Bevölkerung und nicht um das Wissen der Regierung oder der beteiligten Forscher. Die Unterschiede sind ihnen bewusst?

    Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
    Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.

    • tobmat
    • 31.08.2012 um 15:38 Uhr

    "Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!

    Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?"

    Es ging um die Angst der Bevölkerung und nicht um das Wissen der Regierung oder der beteiligten Forscher. Die Unterschiede sind ihnen bewusst?

  4. Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
    Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.

    Antwort auf "Der Westen"
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    Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????

    Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"

    Bitte richtig lesen :D

    Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????

    Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"

    Bitte richtig lesen :D

  5. Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????

    Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"

    Bitte richtig lesen :D

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