"Mein Verhältnis zu Deutschland war tief gespalten"
ZEIT Geschichte: Es bewegte Sie also nicht so sehr der außenpolitische Erfolg, sondern die Hoffnung auf eine innenpolitische Öffnung?
Scherbakowa: Ja. Wobei wir natürlich wussten, dass man keine großen Hoffnungen auf solche symbolischen Momente gründen durfte und dass Außen- und Innenpolitik keineswegs immer harmonierten. Denken Sie an die Chruschtschow-Jahre. Da gab es einerseits eine Liberalisierung im Innern. Man entfernte Stalins Sarg aus dem Mausoleum am Roten Platz; und 1962 erschien Solschenizyns Buch Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch über den Alltag in den Stalinschen Lagern – das war mindestens so spektakulär wie die Detonation einer sowjetischen Atombombe! Doch dann kam, im selben Jahr, die Kubakrise. Die Breschnew-Jahre waren nicht minder widersprüchlich. Einerseits schloss man Verträge mit dem Westen und unterschrieb 1975 die KSZE-Akte in Helsinki, in der man sich dazu verpflichtete, die Menschenrechte zu achten. Andererseits marschierten 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Im Grunde ist es heute noch immer so: Auch Putins Innenpolitik entspricht seiner Außenpolitik kein bisschen. Einerseits unterhält man enge wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen, auf der anderen Seite muss er als Feindbild herhalten.
ZEIT Geschichte: Wie hat sich Ihr Bild vom Westen gewandelt? Haben Sie überhaupt ein einheitliches Bild?
Scherbakowa: Nein. Amerika ist mir zum Beispiel immer fremder gewesen als Westeuropa. Der ausgeprägte Patriotismus, der Kult um die Flagge, das kam mir fast »sowjetisch« vor! Und wenn wir amerikanische Kriegsfilme anschauten, stellten wir verwundert fest: Oh, das ist ja sozialistischer Realismus – nur unter anderen Vorzeichen. Doch bei aller Skepsis: Spätestens in der Perestroikazeit wurden die USA zu einem Symbol für die Freiheit. Ich erinnere mich noch, wie die Leute auf einem Demonstrationszug riefen, als sie an der amerikanischen Botschaft vorbeikamen: Es lebe die amerikanische Demokratie! Das war absolut echt und tief empfunden. Heute hört man so etwas nicht mehr...
ZEIT Geschichte: War Reagan ein Hoffnungsträger für Sie?
Scherbakowa: Offiziell war er natürlich der Staatsfeind Nummer eins, weil er die Sowjetunion als das Reich des Bösen bezeichnet hatte. Das wurde schon den Erstklässlern eingebläut. 1980 wurde meine Tochter eingeschult. Eines Tages, als ich sie abholte, zog die Lehrerin mich beiseite. Sie hatte – stellen Sie sich vor! – die Kinder befragt: Wer ist die Person, die ihr am meisten hasst? »Ihre Tochter«, sagte sie zu mir, »war die Einzige, die geantwortet hat: Hitler.« – »Und die anderen?«, habe ich gefragt. »Die meisten haben Reagan genannt«, sagte sie in vorwurfsvollem Ton. Reagan war die richtige Antwort. So drang der Kalte Krieg in die Köpfe der Kinder ein...
ZEIT Geschichte: Wie blickten Sie auf den Westen Deutschlands? War er für Sie einfach nur ein Teil der freien Welt? Oder schwang da auch noch jenes Misstrauen mit, das Ihr Vater 1953 empfand?
Scherbakowa: Mein Verhältnis zu Deutschland war in der Tat tief gespalten. Ich habe ja deutsche Literatur studiert. Da war also eine große Faszination, ein intensives Interesse. Zugleich stellte ich mir die Bundesrepublik als einen unbehaglichen Ort vor – aufgrund dessen, was ich über den Umgang der Deutschen mit ihren Verbrechen, mit dem Krieg, mit dem Holocaust gelesen und gehört hatte. Über Fälle wie den Globkes...
ZEIT Geschichte: ...der die Nürnberger Gesetze kommentiert hatte und dann unter Adenauer Kanzleramtschef war.
Scherbakowa: Aber auch wenn man die bundesrepublikanische Literatur der fünfziger und sechziger Jahre las – Böll, Grass und andere –, hatte man das Gefühl: Da will ich lieber nicht hin. Ich hatte, als ich jung war, auch nur wenig Verständnis für die Leiden der Deutschen im Krieg. Ich erinnere mich noch an eine Episode aus meiner Studienzeit. Ich dolmetschte damals viel, und Ende der fünfziger Jahre begleitete ich eine Gruppe deutschsprachiger Schriftsteller und Journalisten auf einer Reise durch die Sowjetunion. Unter anderem stand Leningrad auf dem Programm. 1942 hatte die Wehrmacht die Stadt blockiert, um sie auszuhungern; rund eine Million Menschen sind umgekommen. In dieser Reisegruppe nun war ein Mann, der mir just in Leningrad davon erzählte, wie seine Mutter und seine Schwester 1945 von Rotarmisten vergewaltigt worden waren. Das war das erste Mal, dass ich das so offen zu hören bekam, denn dieses Thema war ein Tabu in der Sowjetunion. Voller Zorn habe ich gesagt: »Ich will in dieser Stadt nichts darüber wissen! Wir haben die Deutschen nicht zu uns eingeladen, und sie haben bekommen, was sie verdient haben.« So schematisch und unmenschlich dachte ich damals. Es vergingen Jahre, bis ich das für mich aufgearbeitet hatte.
ZEIT Geschichte: Wann waren Sie zum ersten Mal in Westdeutschland?
Scherbakowa: Das war 1989. Ich kannte damals nur die DDR. Die war mir immer unglaublich provinziell und langweilig vorgekommen, und vor allem: enger als Russland. Die Menschen hatten viel mehr Angst als wir. Dieses Angstklima war schrecklich. Im Restaurant senkte man die Stimme, man ließ Briefe unbeantwortet. Und das alles gepaart mit dieser beklemmenden Kleinbürgerlichkeit. Da dachte ich: Das Ganze in Westdeutschland noch mit immensem Reichtum verbunden, das ist bestimmt nicht auszuhalten! Aber dann fühlte ich mich unter den westdeutschen Intellektuellen wider Erwarten sofort wohl und aufgehoben.






Gerade, wenn man auf der anderen Seite stand.Es wundert mich, dass ich ein solches Interview mit einer russischen Historikerin zum ersten Mal lese. Ich habe mich z.B. immer gefragt, wie "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" in der Sowjetunion aufgenommen wurde. Übrigens auch darüber, wie Chrustschow überhaupt in die Lage kommen konnte, Stalins System zu beseitigen. Letzteres wurde leider nicht hinterfragt.
Es ist ja auch nicht so, dass wir wesentlich neutraler informiert wurden. Mein Geschichtslehrer in der Oberstufe war US-Amerikaner und verteilte gute Noten, wenn angemessen über die Sowjetunion hergezogen wurde. Und die US-Kultur und deren Wirtschaftsprodukte überflutet und ja noch heute (Fernsehen, Kino, Microsoft, Apple, McDonalds usw.).
Danke an die Autoren, die Zeit und auch Frau Scherbakowa für dieses Interview. Sehr gut! aj
Danke für dieses zutiefst menschliche Gespräch!
Das war für mich neu, dass die Bürger der Sowjet Union in den 1960er - 1980er Jahren keine Ängste im Kalten Krieg vor Auslöschung und atomarer Apokalypse hatten wie wir Westeuropäer und US-Amerikaner.
Scherbakowa beschreibt das mit der Gegenwärtigkeit der WK2-Katastrophe des Abschlachtens und Mordens einerseits und der daraus noch resultierenden riesigen materiellen Nachteile im sowjetischen System für die Bürger bis tief in die 1970er Jahre hinein.
In jeder Familie waren Kriegsopfer bei 27 Millionen kriegsbedingter Toter und 15 Millionen Kriegsinvaliden und dazu der Opfer des Stalinismus in der Sowjet Union.
Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken.
Neben Deutschland war ja kein Land so verwüstet wie die Sowjet Union in Europa und diese Mondlandschaften mußten aus eigenen Kräften erst wieder bewohnbar gemacht werden.
Der Stalinismus und der WK2 hat die Russen Europa bis heute massiv entfremdet.
"Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."
Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.
"Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."
Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.
"Da sind US-Atombomben wirklich zu abstrakt, um die Ängste vor einem Dritten Weltkrieg zu vestärken."
Und man darf nicht vergessen das die Sowjetunion wesentlich abgeschotteter waren als der Westen und damit auch anfälliger für Propaganda. Der Westen hatte in Hieroshima und Nagasaki gesehen was Atombomben anrichten. Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt. Die westliche Pressefreiheit sorgte auch dafür das die Menschen das nicht vergaßen.
"Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."
Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?
Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.
Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?
"Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."
Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?
Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.
Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?
"Er hatte es nicht nur theoretisch durchdacht wie die Sowjetunion sondern praktisch erlebt."
Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?
Hiroshima war doch eine Steilvorlage für die sowjetische Propaganda.
Und der Sputnik war demnach auch nur ein theoretisches Gebilde der Raketentechnik, welches der Bevölkerung verschwiegen wurde?
Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.
"Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?"
Es ging um die Angst der Bevölkerung und nicht um das Wissen der Regierung oder der beteiligten Forscher. Die Unterschiede sind ihnen bewusst?
Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.
"Ach? Da waren die Sowjets aber wirklich saudoof!
Ich nenne nur die Namen Lew Landau und Andrej Sacharow. Die wussten ja nur theoretisch Bescheid? Und Nowaja Semlja war ja auch nur ein theoretisches Versuchsgebiet für die Zar-Bombe?"
Es ging um die Angst der Bevölkerung und nicht um das Wissen der Regierung oder der beteiligten Forscher. Die Unterschiede sind ihnen bewusst?
Das ist falsch; denn Sacharow war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe und hatte alle Tests in Kasachstan über Jahre ausgewertet und effizienter gemacht.
Aus seinen Vernichtungsprogrammen per Wasserstoffbomben wurde er zum Dissidenten des Systems wegen der immanenten Fehlerbehaftung und wegen der Gefahr der Verletzung der Geheimhaltungsverpflichtung gegenüber dem Staat -Staatsgeheimnis Wasserstoffbombenprogramm - wurde er isoliert und interniert.
Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????
Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"
Bitte richtig lesen :D
Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????
Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"
Bitte richtig lesen :D
Sie haben mich irgendwie falsch verstanden. Haben Sie die Fragezeichen in meinem Beitrag übersehen????????
Landau und Sacharow waren Koryphäen der Kernphysik im 20en Jahrhundert. Vergleichbar mit Oppenheimer und Fermi auf US-Amerikanischer Seite. Interessante Parallelentwicklung: Oppenheimer und Sacharow, beide kaltgestellt von ihrem jeweiligen System. Weil beide "weiterdachten"
Bitte richtig lesen :D
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