Kalter KriegWer zuerst schießt, stirbt als Zweiter

Mit ihren Atomwaffen hätten USA und UdSSR einander vollständig auslöschen können. Die Geschichte eines kalten Friedens von Eckart Conze

Kalter Krieg Atombombe

6. November 1952: Im Pazifik am Eniwetok-Atoll testeten die USA die erste Atombombe.  |  © Three Lions/Getty Images

Am 12. September 1963, zwei Monate vor seiner Ermordung, wurde der amerikanische Präsident John F. Kennedy im Nationalen Sicherheitsrat über die Folgen eines möglichen Nuklearkriegs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gebrieft. Kennedys Berater spielten verschiedene Szenarien durch. Doch ganz gleich, ob man die UdSSR in der Rolle des Angreifers sah oder einen amerikanischen Erstschlag durchkalkulierte, alle Varianten kamen zu dem Schluss, dass mit vielen Millionen Todesopfern zu rechnen sei. »Was auch immer wir tun«, resümierte ein US-General: »Wenn es zum Atomkrieg kommt, gibt es keine Möglichkeit, einen unakzeptablen Schaden in den USA zu vermeiden.«

Dass die sowjetischen Strategen vergleichbare Überlegungen anstellten, davon war man in den USA überzeugt. Seit den sechziger Jahren bildete sich daher eine Doktrin der nuklearen Abschreckung heraus, die in ihrem Kern auf der Drohung einer »wechselseitigen gesicherten Vernichtung« (Mutual Assured Destruction, kurz: MAD) beruhte. Man mochte die MAD-Doktrin für irrwitzig halten – in der ursprünglichen Bedeutung des englischen Wortes mad –, tatsächlich aber fußte das Kalkül der Abschreckung auf der Annahme, dass die Verantwortlichen in Ost und West durch und durch rational handelten. So trug die Fähigkeit beider Seiten, einander vollständig zu vernichten, dazu bei, das Ost-West-Verhältnis zu stabilisieren und einen »heißen Krieg« zwischen den USA und der Sowjetunion zu vermeiden. Waren also die tödlichsten Waffen, die die Menschheit je hervorgebracht hat, Garanten des Friedens?

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Die Welt scheint seit dem Ende des Kalten Krieges zunehmend unübersichtlicher und komplexer geworden zu sein. Nicht wenige sehnen sich zurück nach der – vermeintlichen – Klarheit, der Kalkulierbarkeit und der Stabilität des internationalen Systems in den Jahrzehnten des Ost-West-Konflikts. Das ist psychologisch nachvollziehbar, aber historisch falsch, denn ein solcher Blick übersieht nicht nur die Risiken der nuklearen Abschreckung und die Brisanz der politischen Krisen jener Jahre: Er lässt auch die Frage nach der Moralität eines auf wechselseitige Vernichtungsdrohung gegründeten Friedens außer Acht. Genau diese Frage aber begleitete die gesamte Geschichte des atomaren Wettrüstens, zumindest in den westlichen Gesellschaften, wo die Menschen sich frei äußern konnten. Zu keinem Zeitpunkt waren nukleare Rüstung und atomare Abschreckung unumstritten.

Eckart Conze

Jahrgang 1963, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Marburg.

Den Frieden zu sichern oder Energie zu gewinnen waren zunächst eher unbeabsichtigte Nebenwirkungen der Nukleartechnik: Am Anfang des Atomzeitalters stand nicht die Vision einer friedlichen Nutzung der Kernspaltung, sondern ihr todbringender militärischer Einsatz. Im Manhattan Project konzentrierten die USA ihre Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen während des Zweiten Weltkriegs mit aller Macht, denn sie sahen sich in einem Wettrennen mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Die Frage, wer als Erster im Besitz der Bombe sein würde, galt als kriegsentscheidend. Dass die Deutschen in dieser Hinsicht längst abgehängt waren, wussten die Amerikaner nicht.

Im Juli 1945 stellten sie in der Wüste von New Mexico mit dem ersten Test einer Atombombe ihre technische Überlegenheit unter Beweis. Einen Monat später verwüsteten amerikanische Atombomben Hiroshima und Nagasaki. Die Kapitulation Japans war danach nur noch eine Frage weniger Tage. Doch der Einsatz nuklearer Waffen war nicht allein gegen das pazifische Kaiserreich gerichtet. Er diente in der schon damals beginnenden Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR auch als eine Demonstration militärischer Stärke. Die Sowjetunion forcierte daraufhin ihr atomares Rüstungsprogramm, um das amerikanische Nuklearwaffenmonopol so schnell wie möglich zu beenden.

1949 fand der erste sowjetische Nukleartest statt, und es setzte ein Wettrüsten ein, das durch waffentechnische Entwicklungen immer weiter angeheizt wurde. 1952 zündeten die USA die erste Wasserstoffbombe, eine Waffe, die eine erheblich größere Zerstörungskraft besaß als die herkömmliche Atombombe. Ein Jahr später zog die Sowjetunion nach. Auf beiden Seiten wurden die Arsenale ausgebaut. Der Kalte Krieg verhinderte somit eine Internationalisierung nuklearer Waffen, wie sie etwa im Baruch-Plan von 1946 vorgesehen war. Bernard Baruch, ehemals Berater Franklin D. Roosevelts, hatte damals vorgeschlagen, ein internationales Kontrollregime unter den Auspizien der Vereinten Nationen einzurichten, um die Verbreitung von Atomwaffen zu kontrollieren.

Leserkommentare
  1. Ich denke nicht das der Einsatz der Atombomben in Japan nur eine Demonstration für Stalin war.

    Man überlege nur, wer den russischen Truppen in Europa gegenüber gestanden wäre, wenn die US Truppen mit einer verlustreichen Invasion in Japan beschäftigt gewesen wären.
    Die russischen Truppen hätten leicht bis weit nach Westen vorstoßen können. Selbst Frankreich war durch Krieg und Besatzung stark geschwächt.

    Und auch im Osten war es Zeit den Krieg schnell zu beenden, bevor es zu einer weiteren Expansion der Sowjets gekommen wäre. (Siehe http://de.wikipedia.org/w... ).

    Zudem muss man sehen das die Bombe auf Nagasaki damals die letzte im Inventar der Alliierten gewesen ist. Das heisst nach Nagasaki waren die Amerikaner für längere Zeit auch keine Atommacht mehr. Und Moskau wusste das im Gegensatz zu den Japanern.

    Eine Leserempfehlung
    • Coiote
    • 14. September 2012 12:08 Uhr

    "Zudem setzte das Prinzip eines Friedens durch Abschreckung die Handlungsrationalität aller Beteiligten voraus. Eine solche Rationalität aber lässt sich in zahlreichen heutigen Konflikten nur noch bedingt unterstellen, sei es in der Irankrise [...]"

    Ich kann der Logik des Artikels überhaupt nicht folgen. Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute. Dieser wirksame Mechanismus der Handlungsblockade bzgl. atomarer Waffen ist definitiv keine temporäre Erscheinung aus der Vergangenheit des kalten Kriegs. Das Konzept der Abschreckung ist nach wie vor gültig. Die Strategie der Abschreckung funktioniert zudem auch mit mehr als zwei Beteiligten. Und auch das iranische Regime würde rational handeln. Wieso wird das hier in Abrede gestellt?

    "Die Kubakrise, ausgelöst durch die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenwaffen auf der seit 1959 kommunistisch regierten Karibikinsel, führte allen Beteiligten vor Augen, wie riskant es geworden war, die atomare Balance einseitig zu verändern."

    Das finde ich historisch gesehen ziemlich unfair, schiebt man doch der Sowjetunion die Schuld daran in die Schuhe. Die USA hatten die Balance zuvor mit der Stationierung der Jupiterraketen in der Türkei (dem Kuba der USA sozusagen), die Balance einseitig verändert. Die Stationierung auf Kuba hätte die Balance wieder hergestellt. Also bitte: Die USA hatten einen wesentlichen Anteil (wenn nicht gar den wesentlichen Anteil) bei der Auslösung der Kubakrise.

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    • Uwe1108
    • 14. September 2012 12:13 Uhr

    Ich stimme Ihnen da voll zu und ergänze dazu folgendes:
    Im Westen wird gerne unterschlagen, dass das Ende der Kuba-Krise nicht nur durch den Abzug der Raketen aus Kuba erfolgte, sondern eben auch durch den Abzug der Raketen aus der Türkei.

    • Kobuk
    • 14. September 2012 12:18 Uhr

    Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute.

    Allerdings. ich bin auch der Meinung, dass der Fall des Ostblocks und er Verlust des Gegengewichts die Welt deutlich unstabiler und gefährlicher gemacht hat.

    Was den Iran angeht, teile ich die Meinung des von mir sehr geschätzten Kenneth N. Waltz:

    Why Iran Should Get the Bomb | Nuclear Balancing Would Mean Stability

    Foreign Affairs | Kenneth N. Waltz

    Die Handlungslogik eines Staats kann man mit verweis auf seine Ideologie erklären. Die Grundzüge der Ideologie Irans sind in der Verfassung niedergelegt. Man kann sie dort nachlesen, auch auf deutsch. Ohne ein solches Hintergrundwissen besteht aber die Gefahr, falsche Behauptungen aufzustellen, die aber an sich sehr überzeugend klingen können. Eine gute Erklärung der iranischen Rationalität: Ist Iran apokalyptisch?:

    http://irananders.de/home...

    • Kobuk
    • 14. September 2012 12:08 Uhr

    Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass nukleare Abschreckung immer noch Kern der NATO Strategie ist. Jegliches Engagement deutscher Parteien (siehe aktuellen Koalitionsvertrag), die Atomwaffen der Amerikaner von deutschem Boden zu verbannen sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer gescheitert.

    Doch nicht nur das. Diese Waffen sollen jetzt modernisiert werden. Diese Modernisierung macht aus den Abschreckungswaffen aber Einsatzwaffen. Der nukleare Fallout wird reduziert. Die Lenkbarkeit nachgerüstet. Die Kampflugzeuge, die diese Bomben tragen sollen werden auch modernisiert. Vom deutschen Steuerzahler.

    Was ist passiert mit der deutschen Aussenpolitik seit Willi Brandt? Atomwaffen in der Eifel. Hauptquartier des Raketenschirms in Rammstein. Die Bombardierung Libyens wird von Stuttgart aus befehligt und geleitet.

    Was macht die Regierung Merkel mit diesem Land und seiner sehr speziellen Vergangenheit? Sollten wir uns nicht eher von der US-dominierten NATO Politik distanzieren, anstatt uns immer mehr an diesen gefährlichen Spielchen zu beteiligen?

    2 Leserempfehlungen
    • Uwe1108
    • 14. September 2012 12:13 Uhr

    Ich stimme Ihnen da voll zu und ergänze dazu folgendes:
    Im Westen wird gerne unterschlagen, dass das Ende der Kuba-Krise nicht nur durch den Abzug der Raketen aus Kuba erfolgte, sondern eben auch durch den Abzug der Raketen aus der Türkei.

    Eine Leserempfehlung
    • Kobuk
    • 14. September 2012 12:18 Uhr

    Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute.

    Allerdings. ich bin auch der Meinung, dass der Fall des Ostblocks und er Verlust des Gegengewichts die Welt deutlich unstabiler und gefährlicher gemacht hat.

    Was den Iran angeht, teile ich die Meinung des von mir sehr geschätzten Kenneth N. Waltz:

    Why Iran Should Get the Bomb | Nuclear Balancing Would Mean Stability

    Foreign Affairs | Kenneth N. Waltz

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    Sie wissen sicher, dass der Realismus und Neo-Realismus nicht mehr Stand der Debatte in den IBs ist?

    Als ich letztlich die Phrase vom "gottgegebenen" Existenzrecht Israels aufgeedröselt habe, unter Bezug auf Waltz und den Realismus, wurde ich hier zensiert.

    Die Aussage, die er da macht, dass zum Beispiel Japan ,wegen seiner große Nuklear Industrie eine Bombe, wenn es nötig ist, innerhalb einer kurzen Zeitpspanne bauchen könnte, die Aussage gilt für jedes Land mit ausreichend Reaktoren oder kerntechnischen Anlagen.

  2. 6. ......

    War die USA nicht die Nation mit der Erstschlagsdoktrin?

  3. Die Handlungslogik eines Staats kann man mit verweis auf seine Ideologie erklären. Die Grundzüge der Ideologie Irans sind in der Verfassung niedergelegt. Man kann sie dort nachlesen, auch auf deutsch. Ohne ein solches Hintergrundwissen besteht aber die Gefahr, falsche Behauptungen aufzustellen, die aber an sich sehr überzeugend klingen können. Eine gute Erklärung der iranischen Rationalität: Ist Iran apokalyptisch?:

    http://irananders.de/home...

  4. Sie wissen sicher, dass der Realismus und Neo-Realismus nicht mehr Stand der Debatte in den IBs ist?

    Als ich letztlich die Phrase vom "gottgegebenen" Existenzrecht Israels aufgeedröselt habe, unter Bezug auf Waltz und den Realismus, wurde ich hier zensiert.

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