Am 12. September 1963, zwei Monate vor seiner Ermordung, wurde der amerikanische Präsident John F. Kennedy im Nationalen Sicherheitsrat über die Folgen eines möglichen Nuklearkriegs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gebrieft. Kennedys Berater spielten verschiedene Szenarien durch. Doch ganz gleich, ob man die UdSSR in der Rolle des Angreifers sah oder einen amerikanischen Erstschlag durchkalkulierte, alle Varianten kamen zu dem Schluss, dass mit vielen Millionen Todesopfern zu rechnen sei. »Was auch immer wir tun«, resümierte ein US-General: »Wenn es zum Atomkrieg kommt, gibt es keine Möglichkeit, einen unakzeptablen Schaden in den USA zu vermeiden.«

Dass die sowjetischen Strategen vergleichbare Überlegungen anstellten, davon war man in den USA überzeugt. Seit den sechziger Jahren bildete sich daher eine Doktrin der nuklearen Abschreckung heraus, die in ihrem Kern auf der Drohung einer »wechselseitigen gesicherten Vernichtung« (Mutual Assured Destruction, kurz: MAD) beruhte. Man mochte die MAD-Doktrin für irrwitzig halten – in der ursprünglichen Bedeutung des englischen Wortes mad –, tatsächlich aber fußte das Kalkül der Abschreckung auf der Annahme, dass die Verantwortlichen in Ost und West durch und durch rational handelten. So trug die Fähigkeit beider Seiten, einander vollständig zu vernichten, dazu bei, das Ost-West-Verhältnis zu stabilisieren und einen »heißen Krieg« zwischen den USA und der Sowjetunion zu vermeiden. Waren also die tödlichsten Waffen, die die Menschheit je hervorgebracht hat, Garanten des Friedens?

Die Welt scheint seit dem Ende des Kalten Krieges zunehmend unübersichtlicher und komplexer geworden zu sein. Nicht wenige sehnen sich zurück nach der – vermeintlichen – Klarheit, der Kalkulierbarkeit und der Stabilität des internationalen Systems in den Jahrzehnten des Ost-West-Konflikts. Das ist psychologisch nachvollziehbar, aber historisch falsch, denn ein solcher Blick übersieht nicht nur die Risiken der nuklearen Abschreckung und die Brisanz der politischen Krisen jener Jahre: Er lässt auch die Frage nach der Moralität eines auf wechselseitige Vernichtungsdrohung gegründeten Friedens außer Acht. Genau diese Frage aber begleitete die gesamte Geschichte des atomaren Wettrüstens, zumindest in den westlichen Gesellschaften, wo die Menschen sich frei äußern konnten. Zu keinem Zeitpunkt waren nukleare Rüstung und atomare Abschreckung unumstritten.

Den Frieden zu sichern oder Energie zu gewinnen waren zunächst eher unbeabsichtigte Nebenwirkungen der Nukleartechnik: Am Anfang des Atomzeitalters stand nicht die Vision einer friedlichen Nutzung der Kernspaltung, sondern ihr todbringender militärischer Einsatz. Im Manhattan Project konzentrierten die USA ihre Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen während des Zweiten Weltkriegs mit aller Macht, denn sie sahen sich in einem Wettrennen mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Die Frage, wer als Erster im Besitz der Bombe sein würde, galt als kriegsentscheidend. Dass die Deutschen in dieser Hinsicht längst abgehängt waren, wussten die Amerikaner nicht.

Im Juli 1945 stellten sie in der Wüste von New Mexico mit dem ersten Test einer Atombombe ihre technische Überlegenheit unter Beweis. Einen Monat später verwüsteten amerikanische Atombomben Hiroshima und Nagasaki. Die Kapitulation Japans war danach nur noch eine Frage weniger Tage. Doch der Einsatz nuklearer Waffen war nicht allein gegen das pazifische Kaiserreich gerichtet. Er diente in der schon damals beginnenden Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR auch als eine Demonstration militärischer Stärke. Die Sowjetunion forcierte daraufhin ihr atomares Rüstungsprogramm, um das amerikanische Nuklearwaffenmonopol so schnell wie möglich zu beenden.

1949 fand der erste sowjetische Nukleartest statt, und es setzte ein Wettrüsten ein, das durch waffentechnische Entwicklungen immer weiter angeheizt wurde. 1952 zündeten die USA die erste Wasserstoffbombe, eine Waffe, die eine erheblich größere Zerstörungskraft besaß als die herkömmliche Atombombe. Ein Jahr später zog die Sowjetunion nach. Auf beiden Seiten wurden die Arsenale ausgebaut. Der Kalte Krieg verhinderte somit eine Internationalisierung nuklearer Waffen, wie sie etwa im Baruch-Plan von 1946 vorgesehen war. Bernard Baruch, ehemals Berater Franklin D. Roosevelts, hatte damals vorgeschlagen, ein internationales Kontrollregime unter den Auspizien der Vereinten Nationen einzurichten, um die Verbreitung von Atomwaffen zu kontrollieren.