Peace statt Bomben in den Siebzigern
Diese Stimmen wurden lauter, als sich Ende der siebziger Jahre eine neue Runde des Wettrüstens ankündigte. Die Sowjetunion hatte ältere Raketensysteme, die auf Ziele in Europa gerichtet waren, durch modernere Waffen (SS-20) ersetzt. Daraufhin drohte die Nato mit der Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen. In ihrem Doppelbeschluss von 1979 bot sie der Sowjetunion Verhandlungen über die Beseitigung der SS-20-Raketen an, gab sich jedoch zugleich entschlossen, selbst nachzurüsten, sollten die Gespräche scheitern. Die Ära der Entspannung war zu Ende, eine neue Phase scharfer Konfrontation hatte begonnen.
Nicht nur in der Bundesrepublik erfuhr daraufhin die Friedensbewegung großen Zuspruch und gewann in allen Generationen und Bevölkerungsschichten neue Anhänger. Eine »tödliche Utopie« nannte einer ihrer Vordenker, der sozialdemokratische Politiker Erhard Eppler, das rüstungsgestützte Sicherheitsdenken. In der Kritik der Friedensbewegung artikulierte sich aber auch ein ganz grundsätzliches Unbehagen an einer rein technisch-industriellen Modernität. Dieses Unbehagen teilte die Friedensbewegung mit der Umweltbewegung, und es ist kein Zufall, dass sich der Protest beider Gruppen – die personell eng miteinander verbunden waren – an der zivilen Nutzung der Kernenergie einerseits und der atomaren Rüstung andererseits festmachte. Die nukleare Krise der Jahre um 1980 war eine Modernitätskrise.
Aber so massiv die Proteste auch waren – größere hatte es in der Bundesrepublik bis dahin nicht gegeben –, am Ende konnten sie die Stationierung neuer Atomwaffen nicht verhindern. Die Logik der Abschreckung, so schien es, hatte sich erneut durchgesetzt. Doch das stimmte nur bedingt: Zwar verlor die Friedensbewegung nach den Parlamentsbeschlüssen zur Raketenstationierung viele Anhänger, ihre Kritik aber wirkte tief in Gesellschaft und Politik hinein (wie nicht zuletzt der Aufstieg der Grünen zeigte, die 1983 erstmals in den Bundestag einzogen). Überall im Westen hatte die Doktrin vom Gleichgewicht des Schreckens an Akzeptanz verloren – irreversibel. Selbst US-Präsident Ronald Reagan sprach 1983 davon, es müsse das Ziel der Politik sein, nukleare Waffen obsolet zu machen und eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen.
Diese Überzeugung verkündete Reagan freilich in einer Rede, in der er zugleich die Entwicklung eines weltraumgestützten Raketenabwehrprogramms bekannt gab. Die Strategic Defense Initiative (SDI), bald auch Star Wars-Programm genannt, trug den Rüstungswettlauf ins Weltall und ließ Befürchtungen aufkommen, die USA wollten sich gegen einen Nuklearangriff schützen, um so aus der Logik der Abschreckung auszubrechen und einen Atomkrieg führen – und gewinnen – zu können. Nicht wenige Hardliner in der amerikanischen Regierung argumentierten genau so.
Die Aussicht auf ein erneutes Wettrüsten hatte indes auch positive Auswirkungen auf das Verhältnis von Ost und West – denn seit 1985 war in der Sowjetunion ein Reformer an der Macht. Michail Gorbatschow wusste, dass die UdSSR in einer verschärften Rüstungskonkurrenz mit neuen Technologien nicht würde mithalten können. Und er wusste auch, dass die Rüstung Ressourcen verschlang, die er für seine Reformpolitik dringend benötigte.
So kam es – infolge von Reagans Vision einer atomwaffenfreien Welt und Gorbatschows Reformpolitik – erstmals in der Geschichte des Kalten Kriegs zu wirklichen Abrüstungsbeschlüssen. Nach einem Treffen in der isländischen Hauptstadt Reykjavík 1986 einigte man sich darauf, nukleare Waffensysteme zu beseitigen, und legte nicht nur neue Obergrenzen fest. Die gerade erst stationierten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckensysteme wurden im Zuge dieser Entwicklung abgebaut. Die Gegner dieser »Null-Lösungen« verwiesen auf die dadurch entstehenden Lücken in der Abschreckung, doch sie konnten sich nicht mehr durchsetzen.
Eine atomwaffenfreie Welt ist seither trotzdem nicht entstanden. Ja, mitunter scheint die heutige Situation sogar noch unkontrollierbarer als die des Kalten Krieges. Dennoch ist es abwegig, der vermeintlichen Stabilität der Jahre vor 1991 nachzutrauern. Denn diese Stabilität war stets prekär und moralisch zutiefst fragwürdig. Zudem setzte das Prinzip eines Friedens durch Abschreckung die Handlungsrationalität aller Beteiligten voraus. Eine solche Rationalität aber lässt sich in zahlreichen heutigen Konflikten nur noch bedingt unterstellen, sei es in der Irankrise oder im Umgang mit den Gefahren eines nuklearen Terrorismus. Nein, die Theorien des Kalten Krieges taugen nicht als Rezepte für die Welt der Gegenwart – nicht einmal als eine rein strategische Option.
- Datum 14.09.2012 - 10:16 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT Geschichte
- Kommentare 9
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Ich denke nicht das der Einsatz der Atombomben in Japan nur eine Demonstration für Stalin war.
Man überlege nur, wer den russischen Truppen in Europa gegenüber gestanden wäre, wenn die US Truppen mit einer verlustreichen Invasion in Japan beschäftigt gewesen wären.
Die russischen Truppen hätten leicht bis weit nach Westen vorstoßen können. Selbst Frankreich war durch Krieg und Besatzung stark geschwächt.
Und auch im Osten war es Zeit den Krieg schnell zu beenden, bevor es zu einer weiteren Expansion der Sowjets gekommen wäre. (Siehe http://de.wikipedia.org/w... ).
Zudem muss man sehen das die Bombe auf Nagasaki damals die letzte im Inventar der Alliierten gewesen ist. Das heisst nach Nagasaki waren die Amerikaner für längere Zeit auch keine Atommacht mehr. Und Moskau wusste das im Gegensatz zu den Japanern.
"Zudem setzte das Prinzip eines Friedens durch Abschreckung die Handlungsrationalität aller Beteiligten voraus. Eine solche Rationalität aber lässt sich in zahlreichen heutigen Konflikten nur noch bedingt unterstellen, sei es in der Irankrise [...]"
Ich kann der Logik des Artikels überhaupt nicht folgen. Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute. Dieser wirksame Mechanismus der Handlungsblockade bzgl. atomarer Waffen ist definitiv keine temporäre Erscheinung aus der Vergangenheit des kalten Kriegs. Das Konzept der Abschreckung ist nach wie vor gültig. Die Strategie der Abschreckung funktioniert zudem auch mit mehr als zwei Beteiligten. Und auch das iranische Regime würde rational handeln. Wieso wird das hier in Abrede gestellt?
"Die Kubakrise, ausgelöst durch die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenwaffen auf der seit 1959 kommunistisch regierten Karibikinsel, führte allen Beteiligten vor Augen, wie riskant es geworden war, die atomare Balance einseitig zu verändern."
Das finde ich historisch gesehen ziemlich unfair, schiebt man doch der Sowjetunion die Schuld daran in die Schuhe. Die USA hatten die Balance zuvor mit der Stationierung der Jupiterraketen in der Türkei (dem Kuba der USA sozusagen), die Balance einseitig verändert. Die Stationierung auf Kuba hätte die Balance wieder hergestellt. Also bitte: Die USA hatten einen wesentlichen Anteil (wenn nicht gar den wesentlichen Anteil) bei der Auslösung der Kubakrise.
Ich stimme Ihnen da voll zu und ergänze dazu folgendes:
Im Westen wird gerne unterschlagen, dass das Ende der Kuba-Krise nicht nur durch den Abzug der Raketen aus Kuba erfolgte, sondern eben auch durch den Abzug der Raketen aus der Türkei.
Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute.
Allerdings. ich bin auch der Meinung, dass der Fall des Ostblocks und er Verlust des Gegengewichts die Welt deutlich unstabiler und gefährlicher gemacht hat.
Was den Iran angeht, teile ich die Meinung des von mir sehr geschätzten Kenneth N. Waltz:
Why Iran Should Get the Bomb | Nuclear Balancing Would Mean Stability
Foreign Affairs | Kenneth N. Waltz
Die Handlungslogik eines Staats kann man mit verweis auf seine Ideologie erklären. Die Grundzüge der Ideologie Irans sind in der Verfassung niedergelegt. Man kann sie dort nachlesen, auch auf deutsch. Ohne ein solches Hintergrundwissen besteht aber die Gefahr, falsche Behauptungen aufzustellen, die aber an sich sehr überzeugend klingen können. Eine gute Erklärung der iranischen Rationalität: Ist Iran apokalyptisch?:
http://irananders.de/home...
Ich stimme Ihnen da voll zu und ergänze dazu folgendes:
Im Westen wird gerne unterschlagen, dass das Ende der Kuba-Krise nicht nur durch den Abzug der Raketen aus Kuba erfolgte, sondern eben auch durch den Abzug der Raketen aus der Türkei.
Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute.
Allerdings. ich bin auch der Meinung, dass der Fall des Ostblocks und er Verlust des Gegengewichts die Welt deutlich unstabiler und gefährlicher gemacht hat.
Was den Iran angeht, teile ich die Meinung des von mir sehr geschätzten Kenneth N. Waltz:
Why Iran Should Get the Bomb | Nuclear Balancing Would Mean Stability
Foreign Affairs | Kenneth N. Waltz
Die Handlungslogik eines Staats kann man mit verweis auf seine Ideologie erklären. Die Grundzüge der Ideologie Irans sind in der Verfassung niedergelegt. Man kann sie dort nachlesen, auch auf deutsch. Ohne ein solches Hintergrundwissen besteht aber die Gefahr, falsche Behauptungen aufzustellen, die aber an sich sehr überzeugend klingen können. Eine gute Erklärung der iranischen Rationalität: Ist Iran apokalyptisch?:
http://irananders.de/home...
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass nukleare Abschreckung immer noch Kern der NATO Strategie ist. Jegliches Engagement deutscher Parteien (siehe aktuellen Koalitionsvertrag), die Atomwaffen der Amerikaner von deutschem Boden zu verbannen sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer gescheitert.
Doch nicht nur das. Diese Waffen sollen jetzt modernisiert werden. Diese Modernisierung macht aus den Abschreckungswaffen aber Einsatzwaffen. Der nukleare Fallout wird reduziert. Die Lenkbarkeit nachgerüstet. Die Kampflugzeuge, die diese Bomben tragen sollen werden auch modernisiert. Vom deutschen Steuerzahler.
Was ist passiert mit der deutschen Aussenpolitik seit Willi Brandt? Atomwaffen in der Eifel. Hauptquartier des Raketenschirms in Rammstein. Die Bombardierung Libyens wird von Stuttgart aus befehligt und geleitet.
Was macht die Regierung Merkel mit diesem Land und seiner sehr speziellen Vergangenheit? Sollten wir uns nicht eher von der US-dominierten NATO Politik distanzieren, anstatt uns immer mehr an diesen gefährlichen Spielchen zu beteiligen?
Ich stimme Ihnen da voll zu und ergänze dazu folgendes:
Im Westen wird gerne unterschlagen, dass das Ende der Kuba-Krise nicht nur durch den Abzug der Raketen aus Kuba erfolgte, sondern eben auch durch den Abzug der Raketen aus der Türkei.
Vor allem: Die atomare Abschreckung funktioniert auch heute.
Allerdings. ich bin auch der Meinung, dass der Fall des Ostblocks und er Verlust des Gegengewichts die Welt deutlich unstabiler und gefährlicher gemacht hat.
Was den Iran angeht, teile ich die Meinung des von mir sehr geschätzten Kenneth N. Waltz:
Why Iran Should Get the Bomb | Nuclear Balancing Would Mean Stability
Foreign Affairs | Kenneth N. Waltz
Sie wissen sicher, dass der Realismus und Neo-Realismus nicht mehr Stand der Debatte in den IBs ist?
Als ich letztlich die Phrase vom "gottgegebenen" Existenzrecht Israels aufgeedröselt habe, unter Bezug auf Waltz und den Realismus, wurde ich hier zensiert.
Die Aussage, die er da macht, dass zum Beispiel Japan ,wegen seiner große Nuklear Industrie eine Bombe, wenn es nötig ist, innerhalb einer kurzen Zeitpspanne bauchen könnte, die Aussage gilt für jedes Land mit ausreichend Reaktoren oder kerntechnischen Anlagen.
Sie wissen sicher, dass der Realismus und Neo-Realismus nicht mehr Stand der Debatte in den IBs ist?
Als ich letztlich die Phrase vom "gottgegebenen" Existenzrecht Israels aufgeedröselt habe, unter Bezug auf Waltz und den Realismus, wurde ich hier zensiert.
Die Aussage, die er da macht, dass zum Beispiel Japan ,wegen seiner große Nuklear Industrie eine Bombe, wenn es nötig ist, innerhalb einer kurzen Zeitpspanne bauchen könnte, die Aussage gilt für jedes Land mit ausreichend Reaktoren oder kerntechnischen Anlagen.
War die USA nicht die Nation mit der Erstschlagsdoktrin?
Die Handlungslogik eines Staats kann man mit verweis auf seine Ideologie erklären. Die Grundzüge der Ideologie Irans sind in der Verfassung niedergelegt. Man kann sie dort nachlesen, auch auf deutsch. Ohne ein solches Hintergrundwissen besteht aber die Gefahr, falsche Behauptungen aufzustellen, die aber an sich sehr überzeugend klingen können. Eine gute Erklärung der iranischen Rationalität: Ist Iran apokalyptisch?:
http://irananders.de/home...
Sie wissen sicher, dass der Realismus und Neo-Realismus nicht mehr Stand der Debatte in den IBs ist?
Als ich letztlich die Phrase vom "gottgegebenen" Existenzrecht Israels aufgeedröselt habe, unter Bezug auf Waltz und den Realismus, wurde ich hier zensiert.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren