Kalter KriegMit der Bombe zum Mond

Unabhängig voneinander verfolgten die USA und die Sowjetunion einen aberwitzigen Plan: Sie wollten über dem Erdtrabanten einen Atompilz aufsteigen lassen. von Bernd Brunner

Der Mond im Schatten der Erde, während des Beginns einer Mondfinsternis im Dezember 2010

Der Mond im Schatten der Erde, während des Beginns einer Mondfinsternis im Dezember 2010  |  © Bill Ingalls/NASA via Getty Images

Eine Atombombe wird mit einer Sonde ins All geschickt und am Rande des Mondes zur Detonation gebracht; ein gigantischer Atompilz steigt auf – und ist sogar von der Erde aus zu sehen. Eine absurde Fantasie? Nein, ein ehrgeiziger Plan, der unter dem Kürzel A119 Ende der fünfziger Jahre ernsthaft von den Amerikanern erwogen wurde, um ein Zeichen ihrer technischen Überlegenheit zu setzen. Erst im Jahr 2000 wurde das Vorhaben bekannt, das zu den skurrilsten Episoden des space race zählt, des Wettlaufs ins All, den sich die USA und die UdSSR über mehr als zwei Jahrzehnte lieferten.

Bereits kurz nach Kriegsende gab es Anzeichen, dass der Weltraum zu einem strategisch wichtigen Thema im Kalten Krieg werden könnte. Im September 1946, ein Jahr nach Hiroshima und Nagasaki, warnte der amerikanische Publizist George E. Pendray in der Zeitschrift Collier’s davor, dass sowjetische Raketen die USA vom Mond aus angreifen könnten: »Mit einer geeigneten Führungsvorrichtung sind solche Raketen in der Lage, jede Stadt der Erde zu zerstören.« In der Oktober-Ausgabe 1948 wurde in der Zeitschrift gar das Szenario eines »Raketenblitzkriegs vom Mond« skizziert. Abbildungen zeigten bedrohlich aus Mondkratern ragende Raketen und Feuerkugeln über New York. Vielen Lesern, denen der japanische Überraschungsangriff auf Pearl Harbor 1941 noch in Erinnerung war, schienen diese Fantasien durchaus plausibel. Technisch aber war ein »star war« Ende der vierziger Jahre noch unmöglich.

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Das sollte sich bald ändern: Bereits seit Herbst 1945 stand der deutsche Raketenexperte Wernher von Braun in amerikanischen Diensten. Braun war SS-Offizier gewesen und hatte während des Nationalsozialismus als technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde die V2 mitentwickelt. Nach der deutschen Kapitulation stellte er sich den US-Streitkräften und ging mit seinem Forscherteam in die USA. Binnen 25 Jahren, schätzte Braun Anfang der fünfziger Jahre, werde es möglich sein, auf dem Mond zu landen.

ZEIT Geschichte 3/2012

Bevor die Amerikaner aber zu ihren ersten Weltraumabenteuern antraten und A119 planten, kam ihnen die UdSSR zuvor. Im Oktober 1957 schossen die Sowjets als Erste einen Satelliten in die Erdumlaufbahn: den Sputnik. Nur einen Monat später folgte Sputnik 2, mit der Hündin Laika an Bord. Die USA waren geschockt. Nicht nur, weil sie raumfahrttechnisch ins Hintertreffen geraten waren, sondern weil die Sowjetunion Nuklearwaffen besaß. Und wer einen Flugkörper ins All katapultieren konnte, dessen Raketen waren ohne Zweifel auch stark genug, um den Atlantik oder den Pazifik zu überfliegen.

In diese Phase des Kalten Krieges fiel die geplante Bombardierung des Mondes, das Geheimprojekt A119. Geleitet wurde es, im Auftrag der amerikanischen Luftwaffe, von dem Physiker Leonard Reiffel. Bei der Armour Research Foundation in Chicago (heute: Illinois Institute of Technology Research) hatte Reiffel ein zehnköpfiges Team unter sich. Sein Forschungsprojekt trug dort den bewusst vage formulierten Titel A Study of Lunar Research Flights.

Bernd Brunner

Jahrgang 1964, lebt als freier Autor in Berlin

Die Mondbombe, so der Plan, sollte ein Zehntel der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe haben. Dass die Explosion die zukünftige Erforschung des Mondes stark beeinträchtigt hätte, störte die Air Force nicht. Ziel war es, zu demonstrieren, dass die USA der Sowjetunion technisch überlegen waren.

Dort bereitete man unterdessen eine ähnliche Unternehmung vor. Unter dem Codenamen E planten sowjetische Wissenschaftler, den Mond zu erreichen, ihn mit einer Sonde zu umrunden, um ihn schließlich nuklear zu bombardieren. Wie Boris Chertok, ein führender Raketenspezialist in der Frühphase des sowjetischen Weltraumprogramms, 1999 erklärte, sollten Astronomen die Explosion filmen. Der Plan (intern E4 genannt) wurde verworfen, nachdem man berechnet hatte, dass eine Atomexplosion wohl nur als kurzer Lichtblitz oder kleine Staubwolke sichtbar werden würde.

Leserkommentare
    • Ingor
    • 05. November 2012 10:25 Uhr

    explodieren zu lassen, nur um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren, ist wirklich unglaublich dumm. Und richtig schlimm ist, dass die Menschen seither kaum klüger geworden sind.

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    • aadam
    • 05. November 2012 11:31 Uhr

    Hiroshima und Nagasaki wurden auch zur Demonstration der eigenen Überlegenheit vernichtet. Mondlandung und Pyramidenbau haben da im Vergleich schon etwas mehr Charme.

    Dann lesen Sie auch über die Tests auf Nowaja Semlja im russischen Norden. Da wurden gewaltige Bomben noch vor Ende des Kalten Krieges gezündet, die nur Macht demonstrieren sollten — sonst gar nichts. Die Folge: Bis heute Sperrgebiet und ungewisse Informationen über Nachwirkungen wie geparktem Strahlschrott.

    • xNCx
    • 05. November 2012 11:12 Uhr

    Anstatt die Überlegenheit der eigenen Wirtschafts- bzw. Gesellschaftsform dadurch zu beweisen, dass man das System ist, in dem es den meisten Menschen am besten geht, realisiert man sinnlose Prestigeprojekte zur Ablenkung.
    Andere Beispiele für derartiges Verhalten verrückt gewordener Eliten: Die Mondlandung, der Pyramidenbau, das Kolosseum.

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    • GDH
    • 05. November 2012 16:04 Uhr

    Selbst in unserer Zeit geben Staaten öffentliches Geld zur Förderung des Spitzensports aus. Da werden Leute vom Staat dafür bezahlt, dass sie sich hauptberuflich dem Verteilungskampf (die Gesamtmenge an Goldmedaillien, nationalem Prestige usw. wächst ja nicht - es geht nur um die Verteilung zwischen Staaten) widmen. Da man medizinisches "Nachhelfen" auch noch verbietet, dürfte selbst der wissenschaftliche Nutzen weit geringer sein als bei irgendwelchen Weltraumprogrammen.

    • aadam
    • 05. November 2012 11:31 Uhr

    Hiroshima und Nagasaki wurden auch zur Demonstration der eigenen Überlegenheit vernichtet. Mondlandung und Pyramidenbau haben da im Vergleich schon etwas mehr Charme.

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    • Slater
    • 05. November 2012 14:37 Uhr

    "Hiroshima und Nagasaki wurden auch zur Demonstration der eigenen Überlegenheit vernichtet."

    um es nicht so stehen zu lassen, Sie hätten es gleich dazuschreiben können:
    verneinen Sie damit die allgemeine Theorie, Vermeidung der Invasion in Japan, Millionen Tote auf beiden Seiten?

    so schlimm die beiden Bomben für auch sind, wenn man diese gedankliche Alternative sieht, bzw. in Deutschland die reale Alternative, muss man sie dann nicht als bessere Wahl bewerten?

    über reine Demonstration ohne direkten militärischen Zweck,
    zumal zu Friedenszeiten des Kalten Krieges, geht das doch hinaus,
    oder ist jeder 'normale' Einsatz einer Waffe letztlich eine Demonstration?

    vielmehr kann man fragen, ob es nicht damals angebracht gewesen wäre, tatsächlich zunächst eher zu demonstrieren, auf einen eher unbewohnten Landstrich in Japan,

    falls die USA damals deutlich mehr als zwei Bomben hatten,
    gibt es dazu Wissen?

  1. Das hätten die Jungs aber echt vorher wissen können, dass es ohne Atmosphäre auch keinen Atompilz geben kann ...

    4 Leserempfehlungen
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    • Laoyafo
    • 08. Januar 2013 16:04 Uhr

    Und wahrscheinlich weiter als in einer Atmosphäre, weil diese die Staubpartikel ja hemmt. Aber es hätte ganz anders ausgesehen. Und einen eigenen Krater hätten sie auch fabriziert. Ja, darauf hätten sie stolz sein können :-(

  2. Skrupellose Länder, die die Vernichtung von anderen billigend in Kauf nehmen.
    Ich denke, daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich wäre nur allzu gerne ein Mäuschen und würde dann die geheimen Europa-Strategiepapiere der NATO ausspionieren. Denn es ist klar: Der nächste Weltkrieg findet sicher wieder nicht in den USA statt!

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    • SvenW7
    • 08. April 2013 2:04 Uhr

    "Der nächste Weltkrieg findet sicher wieder nicht in den USA statt!"

    Die letzten Weltkriege haben stattgefunden, weil Deutschland und Japan populistische totalitäre Regime hatten, die sich die militärische Eroberung der Welt zum Ziel gesetzt hatten. Warum bitte schön sollten solche Kriege in den USA stattfinden, anstatt bei denen, die sie ausgelöst haben?

  3. Skrupellose Länder, die die Vernichtung von anderen billigend in Kauf nehmen.
    Ich denke, daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich wäre nur allzu gerne ein Mäuschen und würde dann die geheimen Europa-Strategiepapiere der NATO ausspionieren. Denn es ist klar: Der nächste Weltkrieg findet sicher wieder nicht in den USA statt!

    • Slater
    • 05. November 2012 14:37 Uhr

    "Hiroshima und Nagasaki wurden auch zur Demonstration der eigenen Überlegenheit vernichtet."

    um es nicht so stehen zu lassen, Sie hätten es gleich dazuschreiben können:
    verneinen Sie damit die allgemeine Theorie, Vermeidung der Invasion in Japan, Millionen Tote auf beiden Seiten?

    so schlimm die beiden Bomben für auch sind, wenn man diese gedankliche Alternative sieht, bzw. in Deutschland die reale Alternative, muss man sie dann nicht als bessere Wahl bewerten?

    über reine Demonstration ohne direkten militärischen Zweck,
    zumal zu Friedenszeiten des Kalten Krieges, geht das doch hinaus,
    oder ist jeder 'normale' Einsatz einer Waffe letztlich eine Demonstration?

    vielmehr kann man fragen, ob es nicht damals angebracht gewesen wäre, tatsächlich zunächst eher zu demonstrieren, auf einen eher unbewohnten Landstrich in Japan,

    falls die USA damals deutlich mehr als zwei Bomben hatten,
    gibt es dazu Wissen?

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    Antwort auf "Hiroshima"
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    Verehrter Slater,

    Tote mit Toten abzuwägen ist sehr absurd, wenn man das Leben eines Individuums als einzigartig betrachtet und dessen Schutz an die Menschenwürde knüpft. Beide Lösungsansätze sind daher weder Alternativen noch relativ besser. Beide sind Tragödien und beherbergen Gräuel, die die Ausdruckskraft aller gesprochenen Sprachen sprengen.

    Der Abwurf der Atombomben auf Japan war ein Verbrechen, da gibt es nichts zu ruetteln.
    Die Schutzbehauptung, dass man dadurch zehntausende US-Amerikaner (bei Ihnen sind es jetzt schon Millionen) retten wuerde, kam erst nach Abwurf der Bomben und der daraufhin einsetzenden Kritik auf.
    In Japan hatte man im Sommer 1945 nachweislich nicht einmal mehr genug Oel, um die Flugzeuge zu betanken und da rechnen sie heute noch mit vielen Toten?

  4. Dann lesen Sie auch über die Tests auf Nowaja Semlja im russischen Norden. Da wurden gewaltige Bomben noch vor Ende des Kalten Krieges gezündet, die nur Macht demonstrieren sollten — sonst gar nichts. Die Folge: Bis heute Sperrgebiet und ungewisse Informationen über Nachwirkungen wie geparktem Strahlschrott.

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