Eine Atombombe wird mit einer Sonde ins All geschickt und am Rande des Mondes zur Detonation gebracht; ein gigantischer Atompilz steigt auf – und ist sogar von der Erde aus zu sehen. Eine absurde Fantasie? Nein, ein ehrgeiziger Plan, der unter dem Kürzel A119 Ende der fünfziger Jahre ernsthaft von den Amerikanern erwogen wurde, um ein Zeichen ihrer technischen Überlegenheit zu setzen. Erst im Jahr 2000 wurde das Vorhaben bekannt, das zu den skurrilsten Episoden des space race zählt, des Wettlaufs ins All, den sich die USA und die UdSSR über mehr als zwei Jahrzehnte lieferten.

Bereits kurz nach Kriegsende gab es Anzeichen, dass der Weltraum zu einem strategisch wichtigen Thema im Kalten Krieg werden könnte. Im September 1946, ein Jahr nach Hiroshima und Nagasaki, warnte der amerikanische Publizist George E. Pendray in der Zeitschrift Collier’s davor, dass sowjetische Raketen die USA vom Mond aus angreifen könnten: »Mit einer geeigneten Führungsvorrichtung sind solche Raketen in der Lage, jede Stadt der Erde zu zerstören.« In der Oktober-Ausgabe 1948 wurde in der Zeitschrift gar das Szenario eines »Raketenblitzkriegs vom Mond« skizziert. Abbildungen zeigten bedrohlich aus Mondkratern ragende Raketen und Feuerkugeln über New York. Vielen Lesern, denen der japanische Überraschungsangriff auf Pearl Harbor 1941 noch in Erinnerung war, schienen diese Fantasien durchaus plausibel. Technisch aber war ein »star war« Ende der vierziger Jahre noch unmöglich.

Das sollte sich bald ändern: Bereits seit Herbst 1945 stand der deutsche Raketenexperte Wernher von Braun in amerikanischen Diensten. Braun war SS-Offizier gewesen und hatte während des Nationalsozialismus als technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde die V2 mitentwickelt. Nach der deutschen Kapitulation stellte er sich den US-Streitkräften und ging mit seinem Forscherteam in die USA. Binnen 25 Jahren, schätzte Braun Anfang der fünfziger Jahre, werde es möglich sein, auf dem Mond zu landen.

Bevor die Amerikaner aber zu ihren ersten Weltraumabenteuern antraten und A119 planten, kam ihnen die UdSSR zuvor. Im Oktober 1957 schossen die Sowjets als Erste einen Satelliten in die Erdumlaufbahn: den Sputnik. Nur einen Monat später folgte Sputnik 2, mit der Hündin Laika an Bord. Die USA waren geschockt. Nicht nur, weil sie raumfahrttechnisch ins Hintertreffen geraten waren, sondern weil die Sowjetunion Nuklearwaffen besaß. Und wer einen Flugkörper ins All katapultieren konnte, dessen Raketen waren ohne Zweifel auch stark genug, um den Atlantik oder den Pazifik zu überfliegen.

In diese Phase des Kalten Krieges fiel die geplante Bombardierung des Mondes, das Geheimprojekt A119. Geleitet wurde es, im Auftrag der amerikanischen Luftwaffe, von dem Physiker Leonard Reiffel. Bei der Armour Research Foundation in Chicago (heute: Illinois Institute of Technology Research) hatte Reiffel ein zehnköpfiges Team unter sich. Sein Forschungsprojekt trug dort den bewusst vage formulierten Titel A Study of Lunar Research Flights.

Die Mondbombe, so der Plan, sollte ein Zehntel der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe haben. Dass die Explosion die zukünftige Erforschung des Mondes stark beeinträchtigt hätte, störte die Air Force nicht. Ziel war es, zu demonstrieren, dass die USA der Sowjetunion technisch überlegen waren.

Dort bereitete man unterdessen eine ähnliche Unternehmung vor. Unter dem Codenamen E planten sowjetische Wissenschaftler, den Mond zu erreichen, ihn mit einer Sonde zu umrunden, um ihn schließlich nuklear zu bombardieren. Wie Boris Chertok, ein führender Raketenspezialist in der Frühphase des sowjetischen Weltraumprogramms, 1999 erklärte, sollten Astronomen die Explosion filmen. Der Plan (intern E4 genannt) wurde verworfen, nachdem man berechnet hatte, dass eine Atomexplosion wohl nur als kurzer Lichtblitz oder kleine Staubwolke sichtbar werden würde.