200 Jahre Grimmsche Märchen : Revolutionäre wider willen

Die Grimms wollten das Alte bewahren – und bahnten Neuem den Weg. Sie sammelten Mythen und Märchen, erforschten die Sprache und legten sich mit der Obrigkeit an. Eine Erfolgsgeschichte? Ja. Aber eine, die vom Mut zum Scheitern handelt
Sammler, Forscher, Gelehrte: Wilhelm (links) und Jacob Grimm auf einem Ölgemälde von Elisabeth Jerichau-Baumann von 1855

Im Jahr 1831 veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm ihre Autobiografien in einem hessischen Gelehrten- und Künstlerlexikon. Man zählte sie damit zu jenen Männern, auf die »unser Vaterland stolz zu seyn Ursache hat« – so stand es im Vorwort des Nachschlagewerks. 45 und 46 Jahre waren die beiden damals alt. Berühmtheiten schon zu Lebzeiten.

In Erinnerungssplittern scheint in den Lexikonartikeln die Kindheit in Hanau auf, wo die Brüder 1785 und 1786 kurz vor der Französischen Revolution geboren wurden. Auch von den idyllischen Jahren in Steinau ist die Rede, von der Schulzeit in Kassel und dem Jurastudium in Marburg . Die beiden Gelehrten erinnern sich an die Jahre der französischen Herrschaft 1806 bis 1813, als Kassel die Hauptstadt des napoleonischen Modellstaats Westphalen war und Jacob Grimm die Privatbibliothek Jérôme Bonapartes betreute. Sie lassen die Befreiungskriege und den Wiener Kongress Revue passieren. Abschließend wird die Zeit bis 1829 geschildert, jene Phase ruhiger Arbeit an der kurfürstlichen Bibliothek im Museum Fridericianum.

Der Zeitpunkt für diesen biografischen Rechenschaftsbericht ist bezeichnend. Von Außenseitern des Gelehrtenbetriebs waren die Brüder während der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts in dessen Zentrum vorgerückt. Sie hatten Maßstäbe gesetzt für die Beschäftigung mit Sprache, Literatur, Recht und Mythologie, während sie im Brotberuf als Bibliothekare arbeiteten. Die beiden ersten Fassungen der Kinder- und Hausmärchen (von 1812/15 und von 1819) lagen vor. Die Grimms hatten einen Band mit Deutschen Sagen (1816/19) herausgegeben und Editionen mittelalterlicher Gedichte wie des Armen Heinrich , die Geld für die hessischen Freiwilligentruppen der antinapoleonischen Befreiungskriege einbringen sollten. 1819 war zudem der erste Band von Jacob Grimms Deutscher Grammatik erschienen, ein Meilenstein der historischen Sprachforschung. 1821 kam Wilhelm Grimms monumentale Studie Über deutsche Runen heraus. 1829 knüpfte Jacob Grimm mit den Deutschen Rechtsalterthümern an sein Jurastudium bei Friedrich Carl von Savigny an, der ihn 1805 als studentische Hilfskraft bei seinen rechtshistorischen Studien in Paris beschäftigt hatte, während Wilhelm Grimm mit seiner Arbeit Die deutsche Heldensage seinen literarischen Neigungen folgte. Zweifellos also zählten die Grimms zum Kreis jener Gelehrten und Künstler, die der »gebildete Vaterlandsfreund« mit Achtung nannte, wie der Herausgeber des Gelehrtenlexikons versprach. Auch sie selbst betonten nachdrücklich ihre patriotische Gesinnung.

Und doch: Genau diese vaterländische Achtung hatte man den Grimms noch kurz zuvor schroff verweigert. In völliger Verkennung ihrer Verdienste hatte ihnen der Kurfürst von Hessen-Kassel 1829 die Beförderung an der dortigen Bibliothek vorenthalten, mit der sie seit Jahren gerechnet hatten. Stattdessen war der Marburger Professor Johann Ludwig Völkel an ihnen vorbei zum Direktor der kurfürstlichen Bibliothek ernannt worden, ein Mann, den sie nicht ernst nehmen konnten, hatte er doch tatsächlich einmal Scherben aus Kasseler Haushalten für Zeugnisse der Antike und ein anderes Mal Wurmspuren auf Steinen für Überbleibsel von germanischen Runen gehalten. Die Grimms waren brüskiert. Gerüchteweise hörten sie von den Worten, mit denen der Kurfürst ihren Abgang nach Göttingen halb ironisch kommentiert haben soll: »Die Herrn Grimms gehn weg! grosser Verlust! sie haben nie etwas für mich gethan!«

Es sollte dies nicht das letzte Mal bleiben, dass die Grimms verkannt und gekränkt wurden. Immer wieder gerieten Jacob und Wilhelm mit ihren Vorgesetzten aneinander. Immer wieder erlebten sie, dass die Zeitgenossen ihre Leistungen nicht anerkannten. Genau deshalb aber ist die Karriere der Grimms so aufregend: weil sie eben nicht nur von Triumph zu Triumph führte.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Dies gilt auch für die Geschichte der Kinder- und Hausmärchen , die erst spät zu jenem Welterfolg wurden, der sie bis heute sind. Zunächst war die Sammlung alles andere als ein Bestseller. Bereits kurz nach Erscheinen der ersten Auflage gab es heftige Kritik an der Märchensammelei der Grimms. Zu den »Ammenmärchen«, die sich 1813 in ihrer Zeitschrift Altdeutsche Wälder fanden, bemerkte der prominente und einflussreiche Romantiker August Wilhelm Schlegel in einer harschen Rezension: »Wenn man die Rumpelkammer wohlmeinender Albernheit ausräumt und für jeden Trödel im Namen der ›uralten Sage‹ Ehrerbietung begehrt, so wird in der That gescheiten Leuten allzu viel zugemuthet.«

Wie Schlegel dachten damals viele: Als 1819 die zweite Auflage der Kinder- und Hausmärchen erschien, war der erste Band von 1812 zwar vergriffen, von den rund tausend Exemplaren des zweiten Bandes aus dem Jahr 1815 aber war rund ein Drittel liegen geblieben und wurde eingestampft. Auch danach riss man den Händlern die Märchenbücher nicht gerade aus den Händen. 1833 zog der Berliner Verleger Georg Andreas Reimer Bilanz: Von der zweiten Auflage, notierte er, habe er noch mehrere Hundert Stück auf Lager.

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„Es war einmal…“

Ein schöner Artikel über zwei der bedeutendsten Autoren am Anfang der Moderne. In einer Zeit in der es an Revolutionärem nicht fehlte. Die Veränderungen, die ihren Anfang in technischen, wohnbedingten, sozialen etc. Neuerungen haben, hallen in den alltäglichen Gepflogenheiten bis heute nach. Wohl ebenso wie die Inhalte der Märchen. So traditionell und bewahrend die Märchen auch sein mögen, haben sie als Motive doch auch immer ein Funken Hoffnung auf Besserung in sich. Der Mangel, den zahlreiche Helden am Beginn ihrer Geschichte auf einem mühsamen Weg zu einer besseren Welt ausgesetzt sind, kann auch als Projektion der gesellschaftlichen Befindlichkeit gedeutet werden. Ernst Bloch hat dies als einer von wenigen erkannt. So können auch utopische Vorstellungen, die Überwindung der Gegenwart, Kritik an den Verhältnissen und das Aufzeigen eines guten Ausganges, sich in den Geschichten wiederspiegeln. Aber das Scheitern gehört scheinbar zum Erfolg dazu.

Heroen der Wissenschaftlichkeit?

Ich finde es bedenklich dass die Brüder Grimm hier als Heroen der Wissenschaft dargestellt werden. Sicher war der Blick auf das Einfache, auf die Kultur der kleinen Leute ein wichtiger Paradigmenwechsel, zu dem die Grimms durchaus ihren Teil beigetragen haben. Allerdings ist nicht erst seit kurzem bekannt, dass gerade bei der Sammlung der "urdeutschen Sagen und Märchen" die zu Grunde liegende Kontinuitätsprämisse (Das einfache Volk ist nicht so verbildet/ durch die abgeschiedene Lage am Land hält sich "altes Wissen" über Generationen) wissenschaftlich nicht tragbar ist. Na gut, falsche Hypothesen gehören zum Wissenschaftsprozess dazu. Aber: Das Gewährsmännerprinzip, die Methode zur Absicherung und Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse, ist nicht nur an sich ungenügend, die Grimms haben hier auch nachweislich getrickst. So wurden Gewährsfrauen erfunden, französische Großmütter eingedeutscht, und auch sonst wurde das Material sehr frei bearbeitet.
Man mag sich fragen, wieso die "urdeutschen Grimmschen Märchen" merkwürdig starke Übereinstimmungen mit den vorher veröffentlichten "contes de feés" von Charles Perrault besitzen, verfolgt man aber die Spur der angeblichen Gewährsfrauen, so lässt sich die französische Herkunft so manches "deutschen Märchens" deutlich nachzeichnen.
Die Grimms nahmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Ihnen lag doch mehr am nationalen Gedanken, den sie mit einer gehörigen Portion gemeinschaftsstiftender Mythologie zu unterfüttern suchten.

Die Ursprünge der Märchen

Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?