Mit vielen späteren Werken erging es den Brüdern nicht anders. Immer wieder wurden ihre Hoffnungen enttäuscht. Ihre sprach- und literaturhistorischen Forschungen, ihre Untersuchungen zu Sagen, Märchen und Mythen, ihre Schriften zur Geschichte des Rechts, der Sitten und Gebräuche oder ihre politischen Aktivitäten wurden selten so geschätzt, wie sie es selbst für angemessen hielten. Die Zeitgenossen, so schien es, waren einfach nicht zu jener »Andacht zum Unbedeutenden« bereit, die der Kunsthistoriker Sulpiz Boisserée den Brüdern Grimm 1815 in einem Brief an Goethe abschätzig zugestanden hatte.

Und tatsächlich: Warum sollte man sich mit schwer verständlichen Bruchstücken aus den Schutthalden der mittelalterlichen Poesie aufhalten? Warum sich in die Wortkolonnen der Deutschen Grammatik vertiefen und die Feinheiten der historischen Sprachlehre erkunden? Warum sich als aufgeklärter Mensch für Geschichten von alten Recken und Rittern, von Hexen und Zauberern interessieren? Und führten die Kinder- und Hausmärchen die Fantasie von Kindern nicht eher auf Abwege, als dass sie zur Erziehung taugten? Doch die Grimms glaubten an das, was sie taten. Immer wieder waren sie bereit, das Risiko des Misserfolges auf sich zu nehmen, mit jedem ihrer Projekte aufs Neue.

Den Grund für diese erstaunliche Beharrlichkeit entdeckten sie selbst in ihrer Kindheit. So handelt denn auch ein beachtlicher Teil ihrer Selbstdarstellung im Gelehrtenlexikon von 1831 nicht von heroischen Forschungsleistungen, von bedeutenden Entdeckungen und wissenschaftlichen Großtaten, sondern von der Kindheit und Jugend der Gelehrten: vom Pfirsichbaum hinter dem Haus der Eltern, vom Garten, in dem sie gespielt hatten, vom Lesen- und Schreibenlernen, von Kinderkrankheiten, von Soldatenparaden, Kutschfahrten mit Verwandten oder von der Schulzeit in Kassel.

Die arrivierten Gelehrten bestückten ihre Autobiografien also mit genau jenem Material, das viele ihrer Zeitgenossen für unwichtig und belanglos halten mussten: mit Reflexionen über Kinderwesen und Kindersitten , wie der Titel eines Essays von Wilhelm Grimm aus dem Jahr 1819 lautet. Mehr noch: Sie erklärten mit großer Lust an der Provokation die kindliche Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeit für das Kindliche zum wesentlichen Element ihres Forschungsprogramms. Wer mit den »reinen Augen« eines Kindes in die Welt schaue, der interessiere sich für jene Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten, die dem erwachsenen Blick entgingen.

Ebendiese Offenheit für das Kleine habe in den wissenschaftlichen Revolutionen der vergangenen Jahrzehnte zu großen Entdeckungen geführt. »Naturforscher«, so erklärt Jacob Grimm in seiner Studie Über Frauennamen aus Blumen (1852), »beachten, mit gewaltigem Erfolg, das Kleine wie das Große gleich sorgsam, da im Kleinsten Beweise für das Größte enthalten liegen.« Warum also, fragt er, »sollte nicht auch in der Geschichte und in der Poesie das scheinbar auch Geringste [...] gesammelt werden und betrachtet?« Im Detail liege der Schlüssel zur Welt, nicht im Großen, Sensationellen und Spektakulären.

Daher schwärmt Wilhelm in seinem Lebensbericht auch von Studien, die sich dem »Besondern« widmen, wie etwa Pierre Lyonets Werk über die Weidenraupe: »Solche Beiträge für die Wissenschaft können an Umfang gering sein, aber ihr Einfluß ist unberechenbar und ihr Werth unvergänglich.« Lyonets Traité anatomique de la chenille, qui ronge le bois de saule von 1762 ist eine mehr als 600 Seiten lange, monumentale Studie über ein winziges Tier. Wie andere Werke der im 18. Jahrhundert florierenden Insektenkunde zählt sie zu den Büchern der Aufklärung und dokumentiert eine fundamentale Veränderung des Weltverhältnisses. Die Autoren der Aufklärung pflegten nicht die barocke Kultur des Staunens, es ging ihnen nicht um die Erforschung dessen, was jedermann überrascht, sondern um die Beobachtung von gewöhnlichen Dingen, die man leichthin unterschätzt und übersieht. Aufmerksam zu sein wurde zu einer Arbeitshaltung. Permanent damit zu rechnen, dass einem ein wichtiges Detail, eine scheinbare Nebensächlichkeit entgehen könnte, galt fortan als unabdingbar für jedwede Art von wissenschaftlicher Erkenntnis.

Diese aufklärerische »Andacht zum Unbedeutenden« bildete den Kern des Grimmschen Selbstverständnisses – und diente ihnen zugleich als Verteidigung gegen die Kritik all jener, die ihre Arbeiten nicht angemessen wahrnehmen wollten. »Leicht wird [...] als unnütz hinweg geworfen, worin sich das Leben am bestimmtesten ausgeprägt hat, und man ergiebt sich Betrachtungen, die vielleicht berauschen, aber nicht wirklich sättigen und nähren.« Mit diesen Worten beendet Wilhelm Grimm den Abschnitt über die kindliche Sammelleidenschaft in seiner Autobiografie. Leicht also landen die unscheinbaren Details, auf die es ankommt, auf dem Abfallhaufen der Geschichte. Und ebenso leicht konnte man ignorieren, wie fundamental wichtig die Studien der Grimms waren.

Diese Haltung wissenschaftlicher »Andacht« ging mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Dinge und des Lebens einher. Das Werk der Grimms ist durchdrungen vom Pathos des »noch«. Sie erlebten am eigenen Leib, wie stabile Lebensentwürfe sich in Staub auflösen können, wie schnell sich die Zeitläufte mitunter ändern, und so begründeten sie auch die Dringlichkeit ihrer Forschungsvorhaben damit, eiligst retten zu wollen, worüber die Geschichte sonst hinwegzugehen drohe: »Noch« gebe es Reste alter Sprachformen, die deren Rekonstruktion erlaubten. »Noch« stoße man auf Spuren des alten deutschen Rechts, die sich gegen den Erfolg des römischen behauptet hätten. »Noch« könne die alte deutsche Poesie vor dem völligen Vergessen bewahrt werden. »Später könnte es für immer zu spät geworden sein«, schreibt Jacob Grimm in seiner Aufforderung an die gesammten Freunde deutscher Poesie und Geschichte (1811), die wie so viele Appelle der Grimms ungehört verhallte.