200 Jahre Grimmsche MärchenRevolutionäre wider willen
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Das Werk der Grimms ist durchdrungen vom Pathos des "noch"

Mit vielen späteren Werken erging es den Brüdern nicht anders. Immer wieder wurden ihre Hoffnungen enttäuscht. Ihre sprach- und literaturhistorischen Forschungen, ihre Untersuchungen zu Sagen, Märchen und Mythen, ihre Schriften zur Geschichte des Rechts, der Sitten und Gebräuche oder ihre politischen Aktivitäten wurden selten so geschätzt, wie sie es selbst für angemessen hielten. Die Zeitgenossen, so schien es, waren einfach nicht zu jener »Andacht zum Unbedeutenden« bereit, die der Kunsthistoriker Sulpiz Boisserée den Brüdern Grimm 1815 in einem Brief an Goethe abschätzig zugestanden hatte.

Der Autor

Steffen Martus, Jahrgang 1968, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien seine große Doppelbiografie »Die Brüder Grimm« (Rowohlt Berlin, Berlin 2009)

Und tatsächlich: Warum sollte man sich mit schwer verständlichen Bruchstücken aus den Schutthalden der mittelalterlichen Poesie aufhalten? Warum sich in die Wortkolonnen der Deutschen Grammatik vertiefen und die Feinheiten der historischen Sprachlehre erkunden? Warum sich als aufgeklärter Mensch für Geschichten von alten Recken und Rittern, von Hexen und Zauberern interessieren? Und führten die Kinder- und Hausmärchen die Fantasie von Kindern nicht eher auf Abwege, als dass sie zur Erziehung taugten? Doch die Grimms glaubten an das, was sie taten. Immer wieder waren sie bereit, das Risiko des Misserfolges auf sich zu nehmen, mit jedem ihrer Projekte aufs Neue.

Den Grund für diese erstaunliche Beharrlichkeit entdeckten sie selbst in ihrer Kindheit. So handelt denn auch ein beachtlicher Teil ihrer Selbstdarstellung im Gelehrtenlexikon von 1831 nicht von heroischen Forschungsleistungen, von bedeutenden Entdeckungen und wissenschaftlichen Großtaten, sondern von der Kindheit und Jugend der Gelehrten: vom Pfirsichbaum hinter dem Haus der Eltern, vom Garten, in dem sie gespielt hatten, vom Lesen- und Schreibenlernen, von Kinderkrankheiten, von Soldatenparaden, Kutschfahrten mit Verwandten oder von der Schulzeit in Kassel.

Die arrivierten Gelehrten bestückten ihre Autobiografien also mit genau jenem Material, das viele ihrer Zeitgenossen für unwichtig und belanglos halten mussten: mit Reflexionen über Kinderwesen und Kindersitten , wie der Titel eines Essays von Wilhelm Grimm aus dem Jahr 1819 lautet. Mehr noch: Sie erklärten mit großer Lust an der Provokation die kindliche Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeit für das Kindliche zum wesentlichen Element ihres Forschungsprogramms. Wer mit den »reinen Augen« eines Kindes in die Welt schaue, der interessiere sich für jene Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten, die dem erwachsenen Blick entgingen.

Ebendiese Offenheit für das Kleine habe in den wissenschaftlichen Revolutionen der vergangenen Jahrzehnte zu großen Entdeckungen geführt. »Naturforscher«, so erklärt Jacob Grimm in seiner Studie Über Frauennamen aus Blumen (1852), »beachten, mit gewaltigem Erfolg, das Kleine wie das Große gleich sorgsam, da im Kleinsten Beweise für das Größte enthalten liegen.« Warum also, fragt er, »sollte nicht auch in der Geschichte und in der Poesie das scheinbar auch Geringste [...] gesammelt werden und betrachtet?« Im Detail liege der Schlüssel zur Welt, nicht im Großen, Sensationellen und Spektakulären.

Daher schwärmt Wilhelm in seinem Lebensbericht auch von Studien, die sich dem »Besondern« widmen, wie etwa Pierre Lyonets Werk über die Weidenraupe: »Solche Beiträge für die Wissenschaft können an Umfang gering sein, aber ihr Einfluß ist unberechenbar und ihr Werth unvergänglich.« Lyonets Traité anatomique de la chenille, qui ronge le bois de saule von 1762 ist eine mehr als 600 Seiten lange, monumentale Studie über ein winziges Tier. Wie andere Werke der im 18. Jahrhundert florierenden Insektenkunde zählt sie zu den Büchern der Aufklärung und dokumentiert eine fundamentale Veränderung des Weltverhältnisses. Die Autoren der Aufklärung pflegten nicht die barocke Kultur des Staunens, es ging ihnen nicht um die Erforschung dessen, was jedermann überrascht, sondern um die Beobachtung von gewöhnlichen Dingen, die man leichthin unterschätzt und übersieht. Aufmerksam zu sein wurde zu einer Arbeitshaltung. Permanent damit zu rechnen, dass einem ein wichtiges Detail, eine scheinbare Nebensächlichkeit entgehen könnte, galt fortan als unabdingbar für jedwede Art von wissenschaftlicher Erkenntnis.

Diese aufklärerische »Andacht zum Unbedeutenden« bildete den Kern des Grimmschen Selbstverständnisses – und diente ihnen zugleich als Verteidigung gegen die Kritik all jener, die ihre Arbeiten nicht angemessen wahrnehmen wollten. »Leicht wird [...] als unnütz hinweg geworfen, worin sich das Leben am bestimmtesten ausgeprägt hat, und man ergiebt sich Betrachtungen, die vielleicht berauschen, aber nicht wirklich sättigen und nähren.« Mit diesen Worten beendet Wilhelm Grimm den Abschnitt über die kindliche Sammelleidenschaft in seiner Autobiografie. Leicht also landen die unscheinbaren Details, auf die es ankommt, auf dem Abfallhaufen der Geschichte. Und ebenso leicht konnte man ignorieren, wie fundamental wichtig die Studien der Grimms waren.

Diese Haltung wissenschaftlicher »Andacht« ging mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Dinge und des Lebens einher. Das Werk der Grimms ist durchdrungen vom Pathos des »noch«. Sie erlebten am eigenen Leib, wie stabile Lebensentwürfe sich in Staub auflösen können, wie schnell sich die Zeitläufte mitunter ändern, und so begründeten sie auch die Dringlichkeit ihrer Forschungsvorhaben damit, eiligst retten zu wollen, worüber die Geschichte sonst hinwegzugehen drohe: »Noch« gebe es Reste alter Sprachformen, die deren Rekonstruktion erlaubten. »Noch« stoße man auf Spuren des alten deutschen Rechts, die sich gegen den Erfolg des römischen behauptet hätten. »Noch« könne die alte deutsche Poesie vor dem völligen Vergessen bewahrt werden. »Später könnte es für immer zu spät geworden sein«, schreibt Jacob Grimm in seiner Aufforderung an die gesammten Freunde deutscher Poesie und Geschichte (1811), die wie so viele Appelle der Grimms ungehört verhallte.

Leserkommentare
  1. Ein schöner Artikel über zwei der bedeutendsten Autoren am Anfang der Moderne. In einer Zeit in der es an Revolutionärem nicht fehlte. Die Veränderungen, die ihren Anfang in technischen, wohnbedingten, sozialen etc. Neuerungen haben, hallen in den alltäglichen Gepflogenheiten bis heute nach. Wohl ebenso wie die Inhalte der Märchen. So traditionell und bewahrend die Märchen auch sein mögen, haben sie als Motive doch auch immer ein Funken Hoffnung auf Besserung in sich. Der Mangel, den zahlreiche Helden am Beginn ihrer Geschichte auf einem mühsamen Weg zu einer besseren Welt ausgesetzt sind, kann auch als Projektion der gesellschaftlichen Befindlichkeit gedeutet werden. Ernst Bloch hat dies als einer von wenigen erkannt. So können auch utopische Vorstellungen, die Überwindung der Gegenwart, Kritik an den Verhältnissen und das Aufzeigen eines guten Ausganges, sich in den Geschichten wiederspiegeln. Aber das Scheitern gehört scheinbar zum Erfolg dazu.

  2. Ich finde es bedenklich dass die Brüder Grimm hier als Heroen der Wissenschaft dargestellt werden. Sicher war der Blick auf das Einfache, auf die Kultur der kleinen Leute ein wichtiger Paradigmenwechsel, zu dem die Grimms durchaus ihren Teil beigetragen haben. Allerdings ist nicht erst seit kurzem bekannt, dass gerade bei der Sammlung der "urdeutschen Sagen und Märchen" die zu Grunde liegende Kontinuitätsprämisse (Das einfache Volk ist nicht so verbildet/ durch die abgeschiedene Lage am Land hält sich "altes Wissen" über Generationen) wissenschaftlich nicht tragbar ist. Na gut, falsche Hypothesen gehören zum Wissenschaftsprozess dazu. Aber: Das Gewährsmännerprinzip, die Methode zur Absicherung und Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse, ist nicht nur an sich ungenügend, die Grimms haben hier auch nachweislich getrickst. So wurden Gewährsfrauen erfunden, französische Großmütter eingedeutscht, und auch sonst wurde das Material sehr frei bearbeitet.
    Man mag sich fragen, wieso die "urdeutschen Grimmschen Märchen" merkwürdig starke Übereinstimmungen mit den vorher veröffentlichten "contes de feés" von Charles Perrault besitzen, verfolgt man aber die Spur der angeblichen Gewährsfrauen, so lässt sich die französische Herkunft so manches "deutschen Märchens" deutlich nachzeichnen.
    Die Grimms nahmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Ihnen lag doch mehr am nationalen Gedanken, den sie mit einer gehörigen Portion gemeinschaftsstiftender Mythologie zu unterfüttern suchten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • vonDü
    • 24. November 2012 7:25 Uhr

    Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

    Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?

    • vonDü
    • 24. November 2012 7:25 Uhr

    Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

    Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?

    • Trypsin
    • 01. Dezember 2012 15:54 Uhr

    'Auch die Entscheidung des Kasseler Kurfürsten gegen die Grimms hatte politische Gründe: Der Fürst hatte bei ihnen eine bestimmte Form der Untertänigkeit vermisst'

    Wieso erinnert mich das an mein eigenes Leben?!

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