200 Jahre Grimmsche MärchenRevolutionäre wider willen
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Die Aufmerksamkeitshaltung der Brüder hatte nicht zuletzt eine politische Seite

Dieses Pathos des »noch«, die Sorge um die Vergangenheit, ergab sich nicht zuletzt aus einer historischen Erfahrung. Infolge der Französischen Revolution hatte sich Europa in atemraubendem Tempo verändert: Napoleon überrannte den Kontinent, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hörte auf zu existieren, der Deutsche Bund wurde gegründet unter dem Vorsitz Fürst Metternichs, während zugleich nationale, liberale und demokratische Ideen in den deutschen Landen Fuß fassten. In seiner Autobiografie von 1831 bemerkt Wilhelm Grimm: »Wir fühlen es nicht immer, wie unaufhaltsam alles versinkt, aber ich kann mich der Bewegung nicht erwehren, wenn eine Erinnerung mich auf einen Augenblick in eine längst untergegangene Zeit, die andern Schmerz und Freuden hatte, mitten hinein rückt.«

Noch sehr viel früher pointiert Jacob Grimm in einem Brief an Achim von Arnim diese Haltung, die das Gedächtnis an die Jugend mit der Erinnerung an alte Zeiten und Kulturen im Zeichen von Verlust und Vergänglichkeit verbindet: »Glaubst Du nicht, daß etwas ebenso unwiederbringlich untergehe als die Jugend, und ebenso nothwendig ein anderes kommen muß als das Alter? Ausgegangen sind die großen reinen Thiere, welche Pflanzen aßen, und die Elephanten vermindern sich; die großen viel Tage langen Wälder sind ausgehauen worden, und das ganze Land ist mehr und mehr in Wege, Canäle und Ackerfurchen getheilt – warum sollte die epische Poesie allein können geblieben sein?«

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»Noch« also lassen sich zumindest Überbleibsel und Reste der Vergangenheit erfassen, bald aber werden sie für immer verloren sein. Wenn sich die Grimms an die Erinnerungsreste ihrer Kindheit klammern, dann stellen sie ihre Angst vor dem Vergessen aus. Sie führen an ihrem eigenen löchrigen Gedächtnis vor, wie schnell »etwas ebenso unwiederbringlich [untergeht] als die Jugend«.

Das Pathos des »noch« bedeutet umgekehrt: Jeder Moment der Vergangenheit ist bewahrenswert, um die geschichtlichen Zusammenhänge zu verstehen. Vielleicht sieht man gerade am Unscheinbaren, dass die Welt einmal ganz anders gewesen ist, ganz anders erfahren wurde. Dass andere Werte wichtig waren, dass andere Verhältnisse geherrscht haben, dass sich die Ordnung der Dinge seitdem verändert hat.

Genau dieser Sinn für die Vergänglichkeit und für die Andersartigkeit historischer Epochen weist die Grimms als moderne Forscher aus. Ihre Wahrnehmung der Vergangenheit als flüchtig und der Gegenwart als immens beschleunigt gehört zu den Grunderfahrungen der Moderne. Und auch die Grimms selbst waren Revolutionäre. Sie haben der wissenschaftlichen Neugierde kulturhistorische Gebiete erschlossen und neue Forschungshaltungen ausgeprägt. Ihre Arbeitsformen und Darstellungsweisen waren radikal modern, ihre Unnachgiebigkeit und Kompromisslosigkeit in Sachfragen kannte keinen Respekt vor verbürgten Autoritäten. Geradezu umstürzlerisch bewahrten sie so die Sprache und deren Geschichte, die Mythen, Märchen und Sagen. Jacob und Wilhelm Grimm waren moderne Traditionalisten. Ihr Blick richtete sich in die Vergangenheit, ihre Haltung aber gehörte ganz der Gegenwart.

Und sie stellten die Vergangenheit nicht still. Im Gegenteil: Die Forschungen der Grimms lieferten sie vielmehr jener Unruhe aus, die sie in der Gegenwart erfuhren. Die Kinder- und Hausmärchen etwa legte Wilhelm, der diese Sammlung federführend betreute, bis zur Fassung letzter Hand kurz vor seinem Tod am 16. Dezember 1859 in immer neuen Versionen vor. Und Jacob hinterließ der Germanistik sein unvollendetes Monumentalwerk der Deutschen Grammatik nicht nur als eine gigantische Ruinenlandschaft. Neue Einsichten, Erkenntnisse und Materialien bewegten ihn dazu, die einzelnen Bände – jene »Quader an Gelehrsamkeit«, die Heinrich Heine vermuten ließen, Jacob Grimm habe »dem Teufel seine Seele verschrieben« – ständig zu überarbeiten, zu renovieren, neu zu konzipieren, umzuschreiben und zu ergänzen. 1819 lag der erste Band vor, 1822 die zweite Fassung, 1840 die dritte; im Nachlass fanden sich weitere Materialien. Selbst das Deutsche Wörterbuch , ein Lexikon also, bei dem man glauben sollte, es diene der Fixierung von Wissen, war für die Grimms in der ersten Fassung nur ein vorläufiges Ergebnis ihrer Arbeit. Unmittelbar nach Erscheinen legten sie Korrekturbögen neben ihre Arbeitstische und begannen mit der Revision ihrer Wörterbucharbeit. Als wissenschaftliche Revolutionäre wider Willen wurden die Grimms zu Säulenheiligen der deutschen Kultur.

Die Aufmerksamkeitshaltung der Brüder hatte nicht zuletzt eine politische Seite. Jacob und Wilhelm Grimm waren keine Stubengelehrten, sie beobachteten die Welt nicht nur von ihren Schreibtischen aus, um dann recht schlaue, aber weltfremde Gedanken zu formulierten. Nein, sie kannten das politische Geschäft vom Anfassen. Beide arbeiteten immer wieder als Journalisten, und Jacob Grimm bekleidete viele politische Posten. 1809 wurde er von Jérôme Bonaparte im Königreich Westphalen in den Staatsrat berufen. 1813, während der Befreiungskriege, begleitete er die alliierte Armee auf dem Vormarsch nach Paris. 1814/15 diente er auf dem Wiener Kongress als Delegationssekretär. Danach gehörte er – von 1816 bis 1829 – der Kasseler Zensurkommission an. 1848 schließlich saß er im Paulskirchen-Parlament. Auch die Entscheidung des Kasseler Kurfürsten gegen die Grimms hatte politische Gründe: Der Fürst hatte bei ihnen eine bestimmte Form der Untertänigkeit vermisst.

Dennoch waren und blieben die Grimms überzeugte Monarchisten. Schon als Kinder entwickelten sie eine Abneigung gegen den Umsturz. Sehr aufmerksam beobachteten sie im Briefwechsel mit ihrem Großvater die Folgen der Französischen Revolution. Gut waren in ihren Augen die Nachrichten, die von der Niederlage der Revolutionäre berichteten, und bei allem Ärger, den die durchmarschierenden Truppen der Revolutionsgegner ihnen bescherten – Einquartierungen und »Theuerungen« durch den erhöhten Lebensmittelbedarf –, begrüßten Großvater und Enkel die Preußen und Russen: »Der Sache muß doch einmahl ein Ende gemacht werden, es gehe auch so hart wieder, als es wolle«, heißt es in einem der Briefe.

Eine durchaus untypische Haltung. So unterschiedliche Zeitgenossen wie die Dichter und Philosophen Ludwig Tieck , Wilhelm Heinrich Wackenroder, Johann Gottlieb Fichte, Joseph Görres oder Friedrich Schlegel zeigten sich, zumindest anfangs, einhellig begeistert von den Ereignissen in Frankreich und hatten den Eindruck, mit der Revolution eine historische »Morgenröte« und den Anbruch einer neuen Zeit zu erleben. Für die Grimms hingegen war von Anfang an der Eindruck prägend, dass nun die Vergangenheit für immer verloren gehen könnte.

Leserkommentare
  1. Ein schöner Artikel über zwei der bedeutendsten Autoren am Anfang der Moderne. In einer Zeit in der es an Revolutionärem nicht fehlte. Die Veränderungen, die ihren Anfang in technischen, wohnbedingten, sozialen etc. Neuerungen haben, hallen in den alltäglichen Gepflogenheiten bis heute nach. Wohl ebenso wie die Inhalte der Märchen. So traditionell und bewahrend die Märchen auch sein mögen, haben sie als Motive doch auch immer ein Funken Hoffnung auf Besserung in sich. Der Mangel, den zahlreiche Helden am Beginn ihrer Geschichte auf einem mühsamen Weg zu einer besseren Welt ausgesetzt sind, kann auch als Projektion der gesellschaftlichen Befindlichkeit gedeutet werden. Ernst Bloch hat dies als einer von wenigen erkannt. So können auch utopische Vorstellungen, die Überwindung der Gegenwart, Kritik an den Verhältnissen und das Aufzeigen eines guten Ausganges, sich in den Geschichten wiederspiegeln. Aber das Scheitern gehört scheinbar zum Erfolg dazu.

  2. Ich finde es bedenklich dass die Brüder Grimm hier als Heroen der Wissenschaft dargestellt werden. Sicher war der Blick auf das Einfache, auf die Kultur der kleinen Leute ein wichtiger Paradigmenwechsel, zu dem die Grimms durchaus ihren Teil beigetragen haben. Allerdings ist nicht erst seit kurzem bekannt, dass gerade bei der Sammlung der "urdeutschen Sagen und Märchen" die zu Grunde liegende Kontinuitätsprämisse (Das einfache Volk ist nicht so verbildet/ durch die abgeschiedene Lage am Land hält sich "altes Wissen" über Generationen) wissenschaftlich nicht tragbar ist. Na gut, falsche Hypothesen gehören zum Wissenschaftsprozess dazu. Aber: Das Gewährsmännerprinzip, die Methode zur Absicherung und Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse, ist nicht nur an sich ungenügend, die Grimms haben hier auch nachweislich getrickst. So wurden Gewährsfrauen erfunden, französische Großmütter eingedeutscht, und auch sonst wurde das Material sehr frei bearbeitet.
    Man mag sich fragen, wieso die "urdeutschen Grimmschen Märchen" merkwürdig starke Übereinstimmungen mit den vorher veröffentlichten "contes de feés" von Charles Perrault besitzen, verfolgt man aber die Spur der angeblichen Gewährsfrauen, so lässt sich die französische Herkunft so manches "deutschen Märchens" deutlich nachzeichnen.
    Die Grimms nahmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Ihnen lag doch mehr am nationalen Gedanken, den sie mit einer gehörigen Portion gemeinschaftsstiftender Mythologie zu unterfüttern suchten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • vonDü
    • 24. November 2012 7:25 Uhr

    Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

    Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?

    • vonDü
    • 24. November 2012 7:25 Uhr

    Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

    Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?

    • Trypsin
    • 01. Dezember 2012 15:54 Uhr

    'Auch die Entscheidung des Kasseler Kurfürsten gegen die Grimms hatte politische Gründe: Der Fürst hatte bei ihnen eine bestimmte Form der Untertänigkeit vermisst'

    Wieso erinnert mich das an mein eigenes Leben?!

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