200 Jahre Grimmsche MärchenRevolutionäre wider willen
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Verlässlichkeit war für sie eine wissenschaftliche wie eine politische Tugend

Tatsächlich entwickelten sich die Grimms zu Revolutionären, weil sie Revolutionen ablehnten. Denn ihre Kritik richtete sich nicht nur gegen den politischen Umsturz – der in ihren Augen dem natürlichen Gang der Geschichte widersprach –, sondern gegen jedweden Akt der Willkür, auch gegen diejenige von Potentaten. Wenn diese im Gefühl ihrer Souveränität die historischen Zustände und Erfordernisse ignorierten, ihre Entscheidungen ohne Gespür für das »Volk« fällten und die politische Stimmung ausblendeten, dann war dies für die Grimms nicht weniger fatal und zerstörerisch als eine Revolution von unten.

Gleichwohl formulierten sie ihre Studien nie als direkte Empfehlungen an die Adresse der Politik. Jacob und Wilhelm Grimm glaubten nicht ernsthaft, dass etwa das alte deutsche Recht wieder eingesetzt oder ein vergangener gesellschaftlicher Zustand wiederhergestellt werden könnte. Es ging ihnen vielmehr darum, eine bestimmte Art der Aufmerksamkeit zu erzeugen, eine Aufmerksamkeit für die vielen Kleinigkeiten, die in ihrer Gesamtheit eine politische Stimmungslage ausmachen. Politisch waren die Werke der Grimms also ihrer Haltung nach. Sie forderten vom Monarchen eine gleichsam empirische Gesinnung, die nicht gegen, sondern mit dem »Volk« arbeitet und ihm prinzipiell durch »Treue« verbunden ist. Verlässlichkeit war für sie eine wissenschaftliche wie eine politische Tugend. Und sie erwarteten sie von einem guten Fürsten.

Diese Erwartung jedoch fanden sie gleich mehrfach enttäuscht in ihrem Leben: zunächst auf dem Wiener Kongress, auf dem die Neuordnung Europas über den Willen der Beherrschten hinweg beschlossen wurde, dann durch den Kasseler Kurfürsten, der sie 1829 nicht beförderte und sie damit bewegte, an die Universität Göttingen zu wechseln, schließlich durch den dortigen König, denn auch in Göttingen fanden sie nicht die erhoffte Ruhe, auch hier verhielt sich die Obrigkeit nicht »treu«. So schlitterten die Grimms, kaum hatten sie sich an der ungewohnten Institution eingerichtet und sich als Professoren im neuen Umfeld etabliert, 1837 in die Affäre um die »Göttinger Sieben«.

Weil der hannoversche König beim Amtsantritt gleichsam als eine Art souveräner Revolutionär auftrat und die Verfassung, auf welche die Grimms ihren Professoreneid abgelegt hatten, mit einem Handstreich außer Kraft setzte, protestierten sie mit fünf weiteren Kollegen. Jacob und Wilhelm Grimm war der Verfassungstext dabei herzlich egal. Immer wieder betonten sie, dass sie sich um den mehr oder weniger liberalen Geist des Grundgesetzes nicht scherten. Sie forderten von König Ernst August I. lediglich jene Treue, die sie ihm zu geben bereit waren und die sie als Haltung ihren Studenten vermitteln wollten. In ihrer großen Selbstrechtfertigung betonten sie, dass sie mit einer Zustimmung zur Politik des Königs ihre Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler aufs Spiel gesetzt hätten.

Ernst August indes stellte sich brave Untertanen anders vor. Am 11. Dezember 1837 unterzeichnete er die Entlassungsurkunden für die Brüder Grimm und die anderen Professoren der »Göttinger Sieben«. Wilhelm wurde nur seines Postens enthoben, Jacob aber als Rädelsführer unmittelbar des Landes verwiesen. In Kassel trafen sie sich wieder.

Erneut hatten sie sich nach Kräften engagiert – und waren gescheitert. Auch die Stellensuche der beiden gelehrten Berühmtheiten entwickelte sich schwieriger, als sie erwartet hatten. Erst nach langem Hin und Her landeten sie schließlich in Berlin , wohin sie 1840 der just inthronisierte preußische König Friedrich Wilhelm IV. holte – im Übrigen nicht an die Universität: Dies wäre ein Affront gegen das verwandtschaftlich verbundene hannoversche Königshaus gewesen. Der »Romantiker auf dem Thron« berief die Grimms an die Berliner Akademie der Wissenschaften, damit sie sich dort – bezahlt aus seiner Privatschatulle – dem Deutschen Wörterbuch widmeten.

Mit diesem riesenhaften Lexikonprojekt, diesem Monumentalwerk, das ihre Lebenskraft völlig überfordern sollte, stellten die Brüder Grimm ihr Arbeitsethos ein letztes Mal vor aller Augen unter Beweis – und fügten ihrer Lebensgeschichte ein weiteres typisch Grimmsches Kapitel hinzu, in dem sich Erfolg und Scheitern eigentümlich verbanden: Aufs Neue demonstrierten sie ihre »Andacht zum Unbedeutenden« und ihre »Treue« gegenüber den Äußerungen des »Volks«. Erneut zeigte sich in ihrer Methode ihre ganze, noch heute beeindruckende Modernität. Für die »geschichtliche Haltung« des Lexikonprojekts, schrieb Wilhelm Grimm 1839 an Savigny, sei alles, »was bisher in diesem Fache getan ist«, nutzlos.

Das ist ebenso konservativ wie revolutionär formuliert. Die strikte Treue gegenüber der Geschichte sollte zu einem wissenschaftlichen Umsturz führen, zu einer radikalen Innovation der Lexikografie – zumindest der Grimmschen Selbstwerbung zufolge. Doch die Terminpläne erwiesen sich als illusorisch. Was die Grimms sich mit ihrem Wörterbuch vorgenommen hatten, war nicht in einem, nicht in zwei Menschenleben zu schaffen. Erst ein Jahrhundert nachdem sie die Arbeit aufgenommen hatten, erschien der Abschlussband ihres Wörterbuchs. Das Interesse der Leser indes verpuffte nach anfänglichem Enthusiasmus schon zu Lebzeiten der Autoren.

Wieder einmal waren die Grimms ein hohes Risiko eingegangen, für ein Projekt, das am Ende in vielem zu einem Sinnbild für ihre Biografie und ihr gesamtes Schaffen wurde: erfolgreich und gescheitert zugleich, so zukunftsfähig wie vergänglich. Was aus dem Werk wurde, hatten sie nicht mehr in der Hand. Vielleicht hätten sie sich darüber geärgert, dass die nachfolgenden Bearbeiter die Konzeption des Wörterbuchs permanent revidierten. Gewundert hätte es sie sicherlich nicht, auch wenn sie es sich gewiss in manchem anders gewünscht hätten. Jedem großen Erfolg, das wussten diese beiden modernen Traditionalisten, wohnt ein Scheitern inne und jedem grandiosen Scheitern ein Erfolg. Die Zeiten aber, als das Wünschen noch geholfen hatte, waren unwiederbringlich vorbei.

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Leserkommentare
  1. Ein schöner Artikel über zwei der bedeutendsten Autoren am Anfang der Moderne. In einer Zeit in der es an Revolutionärem nicht fehlte. Die Veränderungen, die ihren Anfang in technischen, wohnbedingten, sozialen etc. Neuerungen haben, hallen in den alltäglichen Gepflogenheiten bis heute nach. Wohl ebenso wie die Inhalte der Märchen. So traditionell und bewahrend die Märchen auch sein mögen, haben sie als Motive doch auch immer ein Funken Hoffnung auf Besserung in sich. Der Mangel, den zahlreiche Helden am Beginn ihrer Geschichte auf einem mühsamen Weg zu einer besseren Welt ausgesetzt sind, kann auch als Projektion der gesellschaftlichen Befindlichkeit gedeutet werden. Ernst Bloch hat dies als einer von wenigen erkannt. So können auch utopische Vorstellungen, die Überwindung der Gegenwart, Kritik an den Verhältnissen und das Aufzeigen eines guten Ausganges, sich in den Geschichten wiederspiegeln. Aber das Scheitern gehört scheinbar zum Erfolg dazu.

  2. Ich finde es bedenklich dass die Brüder Grimm hier als Heroen der Wissenschaft dargestellt werden. Sicher war der Blick auf das Einfache, auf die Kultur der kleinen Leute ein wichtiger Paradigmenwechsel, zu dem die Grimms durchaus ihren Teil beigetragen haben. Allerdings ist nicht erst seit kurzem bekannt, dass gerade bei der Sammlung der "urdeutschen Sagen und Märchen" die zu Grunde liegende Kontinuitätsprämisse (Das einfache Volk ist nicht so verbildet/ durch die abgeschiedene Lage am Land hält sich "altes Wissen" über Generationen) wissenschaftlich nicht tragbar ist. Na gut, falsche Hypothesen gehören zum Wissenschaftsprozess dazu. Aber: Das Gewährsmännerprinzip, die Methode zur Absicherung und Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse, ist nicht nur an sich ungenügend, die Grimms haben hier auch nachweislich getrickst. So wurden Gewährsfrauen erfunden, französische Großmütter eingedeutscht, und auch sonst wurde das Material sehr frei bearbeitet.
    Man mag sich fragen, wieso die "urdeutschen Grimmschen Märchen" merkwürdig starke Übereinstimmungen mit den vorher veröffentlichten "contes de feés" von Charles Perrault besitzen, verfolgt man aber die Spur der angeblichen Gewährsfrauen, so lässt sich die französische Herkunft so manches "deutschen Märchens" deutlich nachzeichnen.
    Die Grimms nahmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Ihnen lag doch mehr am nationalen Gedanken, den sie mit einer gehörigen Portion gemeinschaftsstiftender Mythologie zu unterfüttern suchten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • vonDü
    • 24. November 2012 7:25 Uhr

    Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

    Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?

    • vonDü
    • 24. November 2012 7:25 Uhr

    Ein Teil der Märchen, geschätzt ca. 1/3, sind hugenottischen Ursprungs und durch den Kontakt der Grimms zu den Kindern hugenottischen Familie Hassenpflug in deren Märchensammlung gelangt. Deren einziger Sohn, mit der Schwester der Grimms in erster Ehe verheiratet war, als Minister Karriere machte, und als "Hassenpflug der Hessenfluch" in die Geschichte eingegangen ist. Seine äußert umstrittene Politik war die Ursache des Zerwürfnisses beider Familien. http://de.wikipedia.org/w...

    Dass ein Teil der Märchen, Analogien im französischen Sprachraum hat, ist daher kein Mysterium. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügten die Grimms nicht, wobei die Frage ist, ob das Absicht oder Zweck bei den gesammelten Märchen war?

    • Trypsin
    • 01. Dezember 2012 15:54 Uhr

    'Auch die Entscheidung des Kasseler Kurfürsten gegen die Grimms hatte politische Gründe: Der Fürst hatte bei ihnen eine bestimmte Form der Untertänigkeit vermisst'

    Wieso erinnert mich das an mein eigenes Leben?!

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