Göttingen 1837Die aufrechten Sieben

Sie boten dem König die Stirn und wurden zu Helden des Vormärz: Im November 1837 protestierten sieben Göttinger Professoren gegen die Willkür der Obrigkeit. Zu ihnen gehörten auch die Brüder Grimm. von Wilhelm Bleek

Göttinger Sieben

Eine Skulptur in Hannover erinnert an die Professoren, die sich 1837 gegen die Monarchie einsetzten.  |  © Pierre-Philippe Marcou/AFP/Getty Images

Am Morgen des 28. November 1837 erreichte König Ernst August von Hannover eine Eildepesche aus der Hauptstadt. Er war, in seinem Schloss Rotenkirchen bei Einbeck im Süden des Landes, gerade dabei, sich für den Jagdausritt anzukleiden. Nun musste er lesen, dass sieben Professoren der Göttinger Universität neun Tage zuvor ihren Protest eingelegt hatten: gegen die von ihm, Ernst August, am 1. November verfügte Aufhebung des hannoverschen Staatsgrundgesetzes und gegen die Entbindung aller hannoverschen Beamten vom Eid auf diese Verfassung.

Noch mehr erregte den Monarchen die Mitteilung, dass deutsche und selbst ausländische Zeitungen schon seit Tagen über den Widerspruch der sieben Professoren berichteten. Sofort veranlasste er Nachforschungen. Dabei stellte sich heraus, dass die Eingabe der Sieben noch im Universitätskuratorium lag: Dessen beamtete Spitzen hatten gehofft, die Unterzeichner auf gütlichem Wege zur Zurücknahme überreden zu können, indem sie ihnen den drohenden Schaden vor Augen führten – nicht nur für die Universität, sondern auch für die eigene berufliche Zukunft. Doch die Geschichte hatte sich längst verselbstständigt. Und am Ende sollte sie nicht nur den Professoren zum Verhängnis werden.

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Ernst August war in London als Prinz des britischen Herrscherhauses und Herzog von Cumberland aufgewachsen; erst im Frühjahr 1837 hatte er den Thron in Hannover bestiegen, während seine Nichte Victoria in London zum Zug gekommen war. Damit erlosch nach 123 Jahren die Personalunion zwischen Hannover und dem Vereinigten Königreich. Und in Hannover endete eine kurze Phase der Liberalisierung. Eingeleitet hatte diese Ernst Augusts Bruder und Amtsvorgänger König Wilhelm IV. 1833 gestand er den bürgerlichen Kräften in Hannover eine Verfassung zu, die das Königreich zu einer konstitutionellen Monarchie machte.

Wilhelm Bleek

Jahrgang 1940, ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er veröffentlichte unter anderem Friedrich Christoph Dahlmann. Eine Biographie (C. H. Beck, München 2010) und gemeinsam mit Bernhard Lauer Protestation des Gewissens. Die Rechtfertigungsschriften der Göttinger Sieben (Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft, Neue Folge Bd. 36, Kassel 2012).

Dem neuen König waren solche Ideen suspekt. Als ersten Schritt suspendierte der kampferprobte Reitergeneral der Napoleonischen Kriege und hochkonservative Tory daher das Staatsgrundgesetz; schließlich setzte er es ganz außer Kraft. Er rechtfertigte diese Maßnahme mit der Behauptung, bei der Verabschiedung der Verfassung seien formale Fehler gemacht worden, vor allem sei seine Zustimmung als Mitglied des Herrscherhauses nicht eingeholt worden. Das stimmte allerdings nicht ganz, hatten doch im Herbst 1832 zwei hannoversche Spitzenbeamte den Herzog in London in einem drei- bis vierstündigen Gespräch informiert. (Ernst August schrieb über diese Unterrichtung später, sie sei »im gestreckten Galopp und in einer fremden Sprache« erfolgt – auf Deutsch.)

Die wahren Gründe für den Verfassungsstreich waren denn auch politische: Jahrelang hatte Ernst August in Großbritannien gegen die von der Mehrheit des Unterhauses getragene Reformpolitik agitiert. Jetzt wollte er endlich seine Vorstellungen einer unbegrenzten königlichen Herrschaft verwirklichen, unbeeinflusst von Familienrücksichten und parteipolitischen Winkelzügen. Davon sollte ihn auch die örtliche Professorenschaft nicht abhalten, dieses »Federvieh der Tintenkleckser«, wie er sie nannte.

ZEIT Geschichte 4/2012
ZEIT Geschichte 4/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Diese abschätzige Bemerkung des Königs zielte vor allem auf Friedrich Christoph Dahlmann, der seit 1829 an der Göttinger Universität Geschichte und Politische Wissenschaften lehrte. Dahlmann hatte bei der Ausarbeitung des hannoverschen Staatsgrundgesetzes von 1833 eine wichtige Rolle gespielt und wurde nun, vier Jahre später, zum Wortführer des Widerstandes gegen den Verfassungsstreich.

Auf seine Initiative hin erklärten am 19. November 1837 sieben von insgesamt 41 Göttinger ordentlichen Professoren in einem Schreiben an das Universitätskuratorium, dass sie es ihrem Gewissen, ihren rechtsstaatlichen Überzeugungen und ihrer persönlichen Ehre als Universitätslehrer schuldeten, auch weiterhin am Staatsgrundgesetz von 1833 und am Eid auf diese Verfassung festzuhalten.

Sie erklärten, dass sie daher an Wahlen nach der vom König wieder in Kraft gesetzten altständischen Verfassung von 1819 nicht teilnehmen und die Beschlüsse einer nach dieser Verfassung gebildeten Ständeversammlung nicht anerkennen würden. Verfasst hatte das Schreiben Dahlmann selbst, am Abend des 18. November.

Leserkommentare
  1. "Messungen, die Weber gemeinsam mit Rudolf Kohlrausch zur Bestimmung des Verhältnisses der elektrodynamischen und elektrostatischen Ladungseinheiten durchgeführt hatte (1856), dienten später James Clerk Maxwell als die entscheidende Stütze für seine elektromagnetische Theorie des Lichtes. Das besagte Zahlverhältnis entsprach nämlich dem Betrag der Lichtgeschwindigkeit (im Vakuum) und verband damit in überraschender Weise Optik und Elektrizitätslehre."

    Schnelle Quelle: Wikipedia

    Ansonsten ein prima Artikel.

    Danke

    2 Leserempfehlungen
    • Hokan
    • 13. Dezember 2012 23:03 Uhr

    Schöner Text, dem man an seiner Neigung zum altväterlichen Stil das allzu lange Studium romantischer Schriften heraushört. Seinem Gegenstand entsprechend. Eine Erzählung aus einer Zeit, da liberal im Bürgertum noch für Aufklärung und Mut im Kampf um demokratische Recht stand. Wie gesagt, lang ist 's her.

  2. Ein herrlicher Artikel. Danke!
    Vor einigen Jahren gab es, wenn ich mich recht entsinne, auf ZDF eine Art Umfrage zu den "größten Deutschen" (gewonnen hat glaub ich Adenauer vor Luther). Ich war damals etwas entäuscht, dass von den Grimms weit und breit nichts zu sehen war...

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