Göttingen 1837: Die aufrechten Sieben
Sie boten dem König die Stirn und wurden zu Helden des Vormärz: Im November 1837 protestierten sieben Göttinger Professoren gegen die Willkür der Obrigkeit. Zu ihnen gehörten auch die Brüder Grimm.
- Datum: 13.12.2012 - 19:06 Uhr
© Pierre-Philippe Marcou/AFP/Getty Images

Eine Skulptur in Hannover erinnert an die Professoren, die sich 1837 gegen die Monarchie einsetzten.
Am Morgen des 28. November 1837 erreichte König Ernst August von Hannover eine Eildepesche aus der Hauptstadt. Er war, in seinem Schloss Rotenkirchen bei Einbeck im Süden des Landes, gerade dabei, sich für den Jagdausritt anzukleiden. Nun musste er lesen, dass sieben Professoren der Göttinger Universität neun Tage zuvor ihren Protest eingelegt hatten: gegen die von ihm, Ernst August, am 1. November verfügte Aufhebung des hannoverschen Staatsgrundgesetzes und gegen die Entbindung aller hannoverschen Beamten vom Eid auf diese Verfassung.
Noch mehr erregte den Monarchen die Mitteilung, dass deutsche und selbst ausländische Zeitungen schon seit Tagen über den Widerspruch der sieben Professoren berichteten. Sofort veranlasste er Nachforschungen. Dabei stellte sich heraus, dass die Eingabe der Sieben noch im Universitätskuratorium lag: Dessen beamtete Spitzen hatten gehofft, die Unterzeichner auf gütlichem Wege zur Zurücknahme überreden zu können, indem sie ihnen den drohenden Schaden vor Augen führten – nicht nur für die Universität, sondern auch für die eigene berufliche Zukunft. Doch die Geschichte hatte sich längst verselbstständigt. Und am Ende sollte sie nicht nur den Professoren zum Verhängnis werden.
Ernst August war in London als Prinz des britischen Herrscherhauses und Herzog von Cumberland aufgewachsen; erst im Frühjahr 1837 hatte er den Thron in Hannover bestiegen, während seine Nichte Victoria in London zum Zug gekommen war. Damit erlosch nach 123 Jahren die Personalunion zwischen Hannover und dem Vereinigten Königreich. Und in Hannover endete eine kurze Phase der Liberalisierung. Eingeleitet hatte diese Ernst Augusts Bruder und Amtsvorgänger König Wilhelm IV. 1833 gestand er den bürgerlichen Kräften in Hannover eine Verfassung zu, die das Königreich zu einer konstitutionellen Monarchie machte.
Jahrgang 1940, ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er veröffentlichte unter anderem Friedrich Christoph Dahlmann. Eine Biographie (C. H. Beck, München 2010) und gemeinsam mit Bernhard Lauer Protestation des Gewissens. Die Rechtfertigungsschriften der Göttinger Sieben (Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft, Neue Folge Bd. 36, Kassel 2012).
Dem neuen König waren solche Ideen suspekt. Als ersten Schritt suspendierte der kampferprobte Reitergeneral der Napoleonischen Kriege und hochkonservative Tory daher das Staatsgrundgesetz; schließlich setzte er es ganz außer Kraft. Er rechtfertigte diese Maßnahme mit der Behauptung, bei der Verabschiedung der Verfassung seien formale Fehler gemacht worden, vor allem sei seine Zustimmung als Mitglied des Herrscherhauses nicht eingeholt worden. Das stimmte allerdings nicht ganz, hatten doch im Herbst 1832 zwei hannoversche Spitzenbeamte den Herzog in London in einem drei- bis vierstündigen Gespräch informiert. (Ernst August schrieb über diese Unterrichtung später, sie sei »im gestreckten Galopp und in einer fremden Sprache« erfolgt – auf Deutsch.)
Die wahren Gründe für den Verfassungsstreich waren denn auch politische: Jahrelang hatte Ernst August in Großbritannien gegen die von der Mehrheit des Unterhauses getragene Reformpolitik agitiert. Jetzt wollte er endlich seine Vorstellungen einer unbegrenzten königlichen Herrschaft verwirklichen, unbeeinflusst von Familienrücksichten und parteipolitischen Winkelzügen. Davon sollte ihn auch die örtliche Professorenschaft nicht abhalten, dieses »Federvieh der Tintenkleckser«, wie er sie nannte.
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.
Diese abschätzige Bemerkung des Königs zielte vor allem auf Friedrich Christoph Dahlmann, der seit 1829 an der Göttinger Universität Geschichte und Politische Wissenschaften lehrte. Dahlmann hatte bei der Ausarbeitung des hannoverschen Staatsgrundgesetzes von 1833 eine wichtige Rolle gespielt und wurde nun, vier Jahre später, zum Wortführer des Widerstandes gegen den Verfassungsstreich.
Auf seine Initiative hin erklärten am 19. November 1837 sieben von insgesamt 41 Göttinger ordentlichen Professoren in einem Schreiben an das Universitätskuratorium, dass sie es ihrem Gewissen, ihren rechtsstaatlichen Überzeugungen und ihrer persönlichen Ehre als Universitätslehrer schuldeten, auch weiterhin am Staatsgrundgesetz von 1833 und am Eid auf diese Verfassung festzuhalten.
Sie erklärten, dass sie daher an Wahlen nach der vom König wieder in Kraft gesetzten altständischen Verfassung von 1819 nicht teilnehmen und die Beschlüsse einer nach dieser Verfassung gebildeten Ständeversammlung nicht anerkennen würden. Verfasst hatte das Schreiben Dahlmann selbst, am Abend des 18. November.
Zu den ihm nahestehenden und befreundeten Kollegen, die es tags darauf unterzeichneten, gehörten auch, ja zuallererst, die Brüder Grimm.
Jacob und Wilhelm waren Ende 1829 nur wenige Monate nach Dahlmann als Professoren für deutsche Sprache und Grammatik sowie als Universitätsbibliothekare an die hannoversche Landesuniversität berufen worden, und die drei Neuankömmlinge hatten nicht nur in ihren fachlichen Interessen viel gemein. Sie waren auch alle drei nach Göttingen gekommen, weil sie in ihren vorhergehenden Stellungen von der Obrigkeit zurückgesetzt worden waren: Dahlmann hatte seine Professur in Kiel verloren, weil er für die Zugehörigkeit ganz Schleswigs zu Deutschland eingetreten war; die Grimms waren in Kassel vom hessischen Kurfürsten brüskiert worden, als dieser ihnen nicht, wie sie gehofft hatten, die Leitung der Bibliothek übertragen hatte.
Bereits acht Tage nach der Ankunft der Brüder Grimm in Göttingen erhielten sie von Dahlmann und seiner Frau eine Abendeinladung. Danach trafen sich Grimms und Dahlmanns wöchentlich zu Speis, Trank und Unterhaltung. Dahlmann und Jacob Grimm trugen Gedichte vor, Wilhelm Grimm steuerte »Hampelmanniaden« bei, kleine Frankfurter Lustspiele, die ihm aus seiner südhessischen Jugend vertraut waren. 1836 stieß Georg Gottfried Gervinus zu dem Kreis; er war als Professor für Geschichte und Literaturgeschichte nach Göttingen berufen worden. Mit der Zeit schlossen die vier Männer enge Freundschaft. Und so standen sie auch in der Krise des Jahres 1837 eng zusammen.
Die übrigen drei Unterzeichner waren gute Bekannte Dahlmanns und der Grimm-Brüder. Der Jurist Wilhelm Eduard Albrecht lehrte Staats- und Kirchenrecht, der Theologe Heinrich Ewald erforschte die Vielfalt der altorientalischen Sprachen. Sechs der sieben Göttinger Professoren waren Geisteswissenschaftler. Und fast alle fühlten sich im weitesten Sinne den Ideen der »Germanistik« verbunden, der historischen Untersuchung von deutscher Sprache und Kultur, deutschem Recht und deutscher Geschichte im Geiste der Romantik. Nur Wilhelm Weber, der siebte Unterzeichner, stand als Physiker außerhalb dieses Fächerbundes. Er war ein Schüler und enger Mitarbeiter des berühmten Göttinger Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß, mit dem zusammen er 1833 den elektromagnetischen Telegrafen entwickelt hatte.
Im Winter 1837 nun fanden sich diese sieben ehrenwerten Herren im Mittelpunkt eines Skandals wieder, mit dem sie kaum gerechnet hatten. Schließlich war ihr Protestschreiben zunächst nur eine »unterthänigste Vorstellung«, eine interne Eingabe der Unterzeichner an ihre vorgesetzte Behörde. Durch die Initiative der Göttinger Studentenschaft aber sprach man bald in ganz Deutschland über das Aufbegehren der Gelehrten. Ohne dass die Professoren es beabsichtigt hatten, war aus ihrem internen Schreiben eine öffentliche Protestation geworden.
Auf welchem Wege dies geschah, lässt sich exakt rekonstruieren: Dahlmann hatte von dem Schreiben drei Abschriften anfertigen lassen. Eine schickte er an seinen Schwager in Kiel, die zweite gab er Jacob und Wilhelm Grimm, die dritte erhielt Georg Gottfried Gervinus. Letzterer fertigte daraufhin eine Abschrift der Abschrift an, die er einem nahestehenden Kollegen gab, der nicht mitunterzeichnet hatte. Dieser lieh die Erklärung für eine halbe Stunde an einen befreundeten Studenten aus, der den Text umgehend zehn seiner Freunde diktierte, die wiederum im Schneeballsystem in der Nacht vom 19. auf den 20. November 1837 weitere Kopien anfertigten. Die fleißigen Studenten stärkten sich dabei nicht nur mit dem rasch aus dem Gasthaus Zur Krone herbeigeholten Bier, sondern feuerten sich auch immer wieder durch Pereat-Rufe (»Nieder mit ihm!«) auf Ernst August an.
Am Morgen des 20. November schließlich existierten an die 800 Kopien, die tagsüber auf mehrere Tausend anschwollen. Sie wurden von den insgesamt 900 Göttinger Studenten an ihre Eltern verschickt. Auch Zeitungsredaktionen in allen deutschen Landen und selbst im Ausland bekamen Kopien zugesandt. So berichtete die Presse in den folgenden Tagen überall in Deutschland vom Protest der sieben Göttinger Professoren; viele Zeitungen druckten die Erklärung ab. Nur im Königreich Hannover wurde jede Mitteilung unterdrückt.
Als der König auf seinem Jagdschloss von dem Protestschreiben und seiner Verbreitung hörte, erwog er zunächst, sich persönlich an die Spitze einer Gegenattacke zu setzen und ins 40 Kilometer entfernte Göttingen zu reiten, um dort die Ordnung wiederherzustellen. Doch dann überredete ihn sein leitender Kabinettsminister, lieber auf bürokratischem Wege kurzen Prozess zu machen.
Am 4. Dezember wurden die sieben Professoren vom Göttinger Universitätsgericht verhört und gaben freimütig zu, dass sie nicht nur die Erklärung unterzeichnet, sondern dass drei von ihnen den Text auch weitergereicht hatten – wenn auch nicht an die Studenten und die Presse, wie der König unterstellte.
Eine Woche darauf unterzeichnete Ernst August die Entlassungsdekrete. Die sieben Professoren, hieß es darin, hätten durch Gehorsamsverweigerung ihr Dienstende herbeigeführt. Die sieben Verfügungen wurden durch den Befehlshaber des hannoverschen Landdragonerkorps nach Göttingen gebracht und dem Prorektor – diesen Titel führte an der Göttinger Universität die akademische Spitze, da der Rektortitel dem Landesherrn vorbehalten war – am 14. Dezember 1837 um zwölf Uhr überbracht.
Zwei Stunden später hatten sich die Professoren im neuen Aula-Gebäude einzufinden (das ironischerweise ein Geschenk von Ernst Augusts Vorgänger Wilhelm IV. an die Universität war!), um dort ihre Entlassungsschreiben entgegenzunehmen. Anschließend teilte der Prorektor in knappen Worten Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm den königlichen Befehl mit, dass sie das Königreich innerhalb von drei Tagen zu verlassen hätten.
Unter den Göttinger Studenten löste diese Nachricht heftige Empörung aus. Sie planten einen Fackelzug, doch alle öffentlichen Ansammlungen wurden verboten. Die Obrigkeit setzte die Universitätspedelle in Alarmbereitschaft, verstärkte die Polizeipräsenz und zog vor der Stadt fast 300 Soldaten zusammen.
Unterdessen ordneten die drei des Landes verwiesenen Professoren ihre Angelegenheiten. Immer wieder kamen Studenten, die ihre Sympathie bekundeten. Öffentliche Solidaritätsadressen hingegen wurden mit allen Mitteln unterbunden: Der Prorektor teilte den drei Professoren mit, dass die Ausreise nach Kassel über den abgelegenen kurhessischen Grenzort Witzenhausen erfolgen sollte. So wollte man sicherstellen, dass sich die Studenten auch außerhalb Göttingens nicht demonstrativ von ihren Professoren verabschiedeten.
Die Universitätsbehörde verbot den Lohnkutschern bei schwerer Strafe, Wagen und Pferde an Studenten zu verleihen. Daraufhin brachen am Abend des 16. Dezember 400 junge Männer auf, um zu Fuß in der kalten Winternacht die 25 Kilometer bis zur hessischen Grenze zurückzulegen und ihren geliebten Lehrern am nächsten Tag in Witzenhausen Lebewohl zu sagen.
Gegen neun Uhr morgens an diesem 17. Dezember 1837 ging Friedrich Christoph Dahlmann durch das Weender Tor in die Stadt zum Haus der Brüder Grimm. Dort, in der heutigen Goetheallee 6, bestieg er mit Jacob Grimm eine Kutsche, während Gervinus mit seiner Frau in einem zweiten Gefährt folgte.
Kurz nach Mittag erreichten die beiden Kutschen die Grenze zu Kurhessen. An der Werrabrücke warteten Hunderte von Studenten, empfingen ihre vertriebenen Lehrer mit einem donnernden Hoch und überreichten ihnen Kränze aus Trockenblumen. Sie spannten die Pferde von den Kutschen ab und zogen die beiden Fuhrwerke persönlich über die Brücke. Als Jacob Grimm einem kleinen Jungen die Hand anbot, der sie verschüchtert nicht annahm, soll ihn seine Großmutter mit den Worten ermuntert haben: »Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling.« Dann verließen die drei das Land. Mit obrigkeitlicher Gewalt hatte der König die Bataille gewonnen.
Der Streit aber war damit nicht zu Ende, denn die Entlassenen und Verbannten forderten ihr Recht. Doch weder erhielten die Göttinger Sieben, wie sie nun genannt wurden, von der hannoverschen Justiz Genugtuung, noch fanden sie in der Bundesversammlung, der obersten Rechtsinstanz im vormärzlichen Deutschland, Fürsprecher, denn auch diese stand unter der Knute des monarchischen Prinzips. So griffen die Professoren zu der ihnen vertrauten Waffe, der Feder. Im Januar 1838 verfassten sie, in geschickter Arbeitsteilung, binnen weniger Wochen eindrucksvolle Rechtfertigungsschriften, die wesentlich dazu beitrugen, dass sich die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihnen solidarisierte.
Der Jurist Albrecht setzte sich in seinem Text mit der Unrechtmäßigkeit der königlichen Selbstherrlichkeit auseinander. Der Theologe Ewald nahm den Protest der Göttinger Sieben zum Anlass für ein kulturprotestantisches Glaubensbekenntnis, und der Literaturhistoriker Gervinus prangerte die moralische Verworfenheit des Königs und seiner Helfershelfer an. Dahlmann konzentrierte sich als Historiker und Politiklehrer auf die zeitgeschichtliche Dokumentation des Vorganges. Seine Würdigung der Protestation gipfelte in der bis heute immer wieder zitierten Charakterisierung der Eingabe: »Sie ist von Grund aus eine Protestation des Gewissens, eine Wahrung der Rechte des Gewissens, welches sich keine pflichtwidrige Handlung aufdringen lassen will; nur durch ihren Gegenstand ist sie zugleich politische Protestation, ohne es indeß in dem vollen Umfange seyn zu wollen.«
Eine solche sittliche Rechtfertigung brachte auch Jacob Grimm vor – in seiner Broschüre Jacob Grimm über seine Entlassung. Es stehe nicht in der Macht des Königs, einen einmal vor Gott ausgesprochenen Eid zu lösen, argumentierte er. Ein Eid war für ihn, seine Mitstreiter und die Zeitgenossen eine religiös-sittliche Verpflichtung, die man nicht ohne schwere Folgen für das Seelenheil aufs Spiel setzen durfte.
In seinem Text versuchte Jacob Grimm die Leserschaft aber auch kraft seiner poetischen Sprache von der Rechtmäßigkeit der Protestation zu überzeugen. Beispielhaft steht dafür schon der erste Satz: »Der Wetterstrahl, von dem mein stilles Haus getroffen wurde, bewegt die Herzen in weitem Kreise.«
Ebendieser Satz stammte indes nicht aus der Feder Jacobs selbst, sondern von Wilhelm Grimm. Der jüngere der Brüder hatte, wie das Originalmanuskript zeigt, wesentlich an der Ergänzung und stilistischen Überarbeitung des Textes mitgewirkt, doch da er nach der Entlassung mit seiner Familie noch in Göttingen lebte, wurde er nicht als Co-Autor genannt. So beruhte auch diese Publikation auf der bewährten Arbeitsteilung: Jacob war für die präzise Wiedergabe von Quellen zuständig, Wilhelm für deren romantische Gestaltung.
Bis auf wenige Ausnahmen konnten die Rechtfertigungsschriften der Göttinger Sieben damals nicht in Deutschland erscheinen – das wusste die Zensur zu verhindern. Dahlmann aber gelang es, in Basel einen Verleger zu finden. Dort wurden die Schriften 1838 in einer Auflage von je 2.500 Stück gedruckt und fanden über diesen Umweg auch in Deutschland ihr Publikum – wenn auch nicht immer ohne Schikanen. So mussten in Göttingen die Käufer eine polizeiliche Erklärung abgeben, zu welchem Zweck sie die Schriften angeschafft hätten (manche antworteten schlicht: »Um sie zu lesen«), und natürlich lancierte die hannoversche Regierung allerhand Gegenpropaganda und ließ Schriften veröffentlichen, die für den König Stellung nahmen.
Der Monarch selbst erwies sich indes nicht immer als geschickter Sprecher in eigener Sache. So erklärte er auf einer Berliner Abendgesellschaft auf die Frage nach den sieben »verlaufenen Göttinger Professoren«: »Professoren, Tänzerinnen und Huren kann man überall für Geld wieder haben.« Alexander von Humboldt, auf den Frauen keine Anziehungskraft ausübten, überlieferte nicht nur diese königliche Entgleisung, sondern auch seine eigene süffisante Antwort: Er habe mit Tänzerinnen und Huren »nie in Verbindung gestanden« und sei selbst »ein halber Professor«.
Noch wirksamer war die Tätigkeit eines Unterstützungsvereins, den Leipziger Buchhändler, Verleger und Finanziers im Dezember 1837 gegründet hatten. In einer gesamtdeutschen Sammelaktion brachte er genug Spenden zusammen, um die sieben Entlassenen zu alimentieren, solange sie ohne Einkommen waren. Manche mussten jahrelang nach einer neuen Stellung suchen.
Der Jurist Albrecht erhielt 1839 in Leipzig wieder einen Lehrstuhl, der Theologe und Orientalist Ewald bald darauf in Tübingen. Gervinus konnte nach einer Weile auf seine Heidelberger Honorarprofessur zurückkehren. Die Brüder Grimm mussten sich gedulden, bis Friedrich Wilhelm IV. im Juni 1840 König von Preußen wurde: Nach hartnäckigen Fürbitten der Schriftstellerin Bettine von Brentano berief der »Romantiker auf dem Thron« Ende 1840 Jacob und Wilhelm Grimm zu besoldeten Mitgliedern der Berliner Akademie der Wissenschaften.
Auf diese Weise wurde die Fortführung der Arbeiten am Deutschen Wörterbuch sichergestellt, das die Brüder nach der Göttinger Entlassung angefangen hatten. Auch Dahlmann widmete sich in den Jahren der Stellungslosigkeit einem umfangreichen Projekt, einer dreibändigen Geschichte Dänemarks. Er musste als Wortführer der Göttinger Sieben fünf Jahre lang warten, bis er im November 1842 vom preußischen König an die Rheinische Hochschule in Bonn berufen wurde. Als er dort mit dem Dampfschiff aus Frankfurt am Main ankam, begrüßten ihn Böllerschüsse – so groß war das Ansehen des inzwischen 57 Jahre alten Gelehrten.
Am Ende gingen auch die übrigen sechs als Sieger, als Gefeierte aus dem Göttinger Verfassungsstreit hervor: Ihre Lauterkeit und die dramatischen Umstände ihres Protests machten die unbeugsamen Professoren zu nationalen Helden des deutschen Vormärz. In diesen gesinnungsfesten Männern sah das Bürgertum all jene Werte verkörpert, nach denen es strebte und deren es sich immer wieder aufs Neue vergewisserte: Recht und Gerechtigkeit, Ehre und Treue, Gewissen und Überzeugung, Mut und Verantwortungsgefühl. Kein Wunder, dass vier der Sieben – Albrecht, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm – 1848 in die konstituierende Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt wurden.
Für König Ernst August von Hannover hingegen war das Scharmützel der Beginn einer großen Niederlage – nicht nur im Wettstreit um die öffentliche Meinung, sondern auch im Kampf um den Erhalt seines Königreichs: 1848 hatte er exakt jene Verfassungsreformen zu konzedieren, für welche ein Jahrzehnt zuvor die sieben Professoren gestritten hatten. Und sein blinder Sohn Georg V., der 1851 nach dem Tod des Vaters König wurde, musste 1866 nach der Niederlage seines mit Österreich verbündeten Königreichs sein Land an das siegreiche Preußen abgeben und ins Exil gehen.
So drehte sich das Schicksal von Professoren und Monarchen. Und so ließ am Ende auch die Geschichte den Entlassenen Gerechtigkeit widerfahren: Ernst August und seine Regentschaft sind weitgehend vergessen, der Widerstand der sieben Professoren aber gilt bis heute als ein Sinnbild staatsbürgerlicher Verantwortung und zivilen Mutes.










"Messungen, die Weber gemeinsam mit Rudolf Kohlrausch zur Bestimmung des Verhältnisses der elektrodynamischen und elektrostatischen Ladungseinheiten durchgeführt hatte (1856), dienten später James Clerk Maxwell als die entscheidende Stütze für seine elektromagnetische Theorie des Lichtes. Das besagte Zahlverhältnis entsprach nämlich dem Betrag der Lichtgeschwindigkeit (im Vakuum) und verband damit in überraschender Weise Optik und Elektrizitätslehre."
Schnelle Quelle: Wikipedia
Ansonsten ein prima Artikel.
Danke
Schöner Text, dem man an seiner Neigung zum altväterlichen Stil das allzu lange Studium romantischer Schriften heraushört. Seinem Gegenstand entsprechend. Eine Erzählung aus einer Zeit, da liberal im Bürgertum noch für Aufklärung und Mut im Kampf um demokratische Recht stand. Wie gesagt, lang ist 's her.
Ein herrlicher Artikel. Danke!
Vor einigen Jahren gab es, wenn ich mich recht entsinne, auf ZDF eine Art Umfrage zu den "größten Deutschen" (gewonnen hat glaub ich Adenauer vor Luther). Ich war damals etwas entäuscht, dass von den Grimms weit und breit nichts zu sehen war...
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