Die Brüder waren wegen ihrer Überzeugung versetzt worden
Zu den ihm nahestehenden und befreundeten Kollegen, die es tags darauf unterzeichneten, gehörten auch, ja zuallererst, die Brüder Grimm.
Jacob und Wilhelm waren Ende 1829 nur wenige Monate nach Dahlmann als Professoren für deutsche Sprache und Grammatik sowie als Universitätsbibliothekare an die hannoversche Landesuniversität berufen worden, und die drei Neuankömmlinge hatten nicht nur in ihren fachlichen Interessen viel gemein. Sie waren auch alle drei nach Göttingen gekommen, weil sie in ihren vorhergehenden Stellungen von der Obrigkeit zurückgesetzt worden waren: Dahlmann hatte seine Professur in Kiel verloren, weil er für die Zugehörigkeit ganz Schleswigs zu Deutschland eingetreten war; die Grimms waren in Kassel vom hessischen Kurfürsten brüskiert worden, als dieser ihnen nicht, wie sie gehofft hatten, die Leitung der Bibliothek übertragen hatte.
Bereits acht Tage nach der Ankunft der Brüder Grimm in Göttingen erhielten sie von Dahlmann und seiner Frau eine Abendeinladung. Danach trafen sich Grimms und Dahlmanns wöchentlich zu Speis, Trank und Unterhaltung. Dahlmann und Jacob Grimm trugen Gedichte vor, Wilhelm Grimm steuerte »Hampelmanniaden« bei, kleine Frankfurter Lustspiele, die ihm aus seiner südhessischen Jugend vertraut waren. 1836 stieß Georg Gottfried Gervinus zu dem Kreis; er war als Professor für Geschichte und Literaturgeschichte nach Göttingen berufen worden. Mit der Zeit schlossen die vier Männer enge Freundschaft. Und so standen sie auch in der Krise des Jahres 1837 eng zusammen.
Die übrigen drei Unterzeichner waren gute Bekannte Dahlmanns und der Grimm-Brüder. Der Jurist Wilhelm Eduard Albrecht lehrte Staats- und Kirchenrecht, der Theologe Heinrich Ewald erforschte die Vielfalt der altorientalischen Sprachen. Sechs der sieben Göttinger Professoren waren Geisteswissenschaftler. Und fast alle fühlten sich im weitesten Sinne den Ideen der »Germanistik« verbunden, der historischen Untersuchung von deutscher Sprache und Kultur, deutschem Recht und deutscher Geschichte im Geiste der Romantik. Nur Wilhelm Weber, der siebte Unterzeichner, stand als Physiker außerhalb dieses Fächerbundes. Er war ein Schüler und enger Mitarbeiter des berühmten Göttinger Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß, mit dem zusammen er 1833 den elektromagnetischen Telegrafen entwickelt hatte.
Im Winter 1837 nun fanden sich diese sieben ehrenwerten Herren im Mittelpunkt eines Skandals wieder, mit dem sie kaum gerechnet hatten. Schließlich war ihr Protestschreiben zunächst nur eine »unterthänigste Vorstellung«, eine interne Eingabe der Unterzeichner an ihre vorgesetzte Behörde. Durch die Initiative der Göttinger Studentenschaft aber sprach man bald in ganz Deutschland über das Aufbegehren der Gelehrten. Ohne dass die Professoren es beabsichtigt hatten, war aus ihrem internen Schreiben eine öffentliche Protestation geworden.
Auf welchem Wege dies geschah, lässt sich exakt rekonstruieren: Dahlmann hatte von dem Schreiben drei Abschriften anfertigen lassen. Eine schickte er an seinen Schwager in Kiel, die zweite gab er Jacob und Wilhelm Grimm, die dritte erhielt Georg Gottfried Gervinus. Letzterer fertigte daraufhin eine Abschrift der Abschrift an, die er einem nahestehenden Kollegen gab, der nicht mitunterzeichnet hatte. Dieser lieh die Erklärung für eine halbe Stunde an einen befreundeten Studenten aus, der den Text umgehend zehn seiner Freunde diktierte, die wiederum im Schneeballsystem in der Nacht vom 19. auf den 20. November 1837 weitere Kopien anfertigten. Die fleißigen Studenten stärkten sich dabei nicht nur mit dem rasch aus dem Gasthaus Zur Krone herbeigeholten Bier, sondern feuerten sich auch immer wieder durch Pereat-Rufe (»Nieder mit ihm!«) auf Ernst August an.
Am Morgen des 20. November schließlich existierten an die 800 Kopien, die tagsüber auf mehrere Tausend anschwollen. Sie wurden von den insgesamt 900 Göttinger Studenten an ihre Eltern verschickt. Auch Zeitungsredaktionen in allen deutschen Landen und selbst im Ausland bekamen Kopien zugesandt. So berichtete die Presse in den folgenden Tagen überall in Deutschland vom Protest der sieben Göttinger Professoren; viele Zeitungen druckten die Erklärung ab. Nur im Königreich Hannover wurde jede Mitteilung unterdrückt.
Als der König auf seinem Jagdschloss von dem Protestschreiben und seiner Verbreitung hörte, erwog er zunächst, sich persönlich an die Spitze einer Gegenattacke zu setzen und ins 40 Kilometer entfernte Göttingen zu reiten, um dort die Ordnung wiederherzustellen. Doch dann überredete ihn sein leitender Kabinettsminister, lieber auf bürokratischem Wege kurzen Prozess zu machen.
Am 4. Dezember wurden die sieben Professoren vom Göttinger Universitätsgericht verhört und gaben freimütig zu, dass sie nicht nur die Erklärung unterzeichnet, sondern dass drei von ihnen den Text auch weitergereicht hatten – wenn auch nicht an die Studenten und die Presse, wie der König unterstellte.
Eine Woche darauf unterzeichnete Ernst August die Entlassungsdekrete. Die sieben Professoren, hieß es darin, hätten durch Gehorsamsverweigerung ihr Dienstende herbeigeführt. Die sieben Verfügungen wurden durch den Befehlshaber des hannoverschen Landdragonerkorps nach Göttingen gebracht und dem Prorektor – diesen Titel führte an der Göttinger Universität die akademische Spitze, da der Rektortitel dem Landesherrn vorbehalten war – am 14. Dezember 1837 um zwölf Uhr überbracht.
Zwei Stunden später hatten sich die Professoren im neuen Aula-Gebäude einzufinden (das ironischerweise ein Geschenk von Ernst Augusts Vorgänger Wilhelm IV. an die Universität war!), um dort ihre Entlassungsschreiben entgegenzunehmen. Anschließend teilte der Prorektor in knappen Worten Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm den königlichen Befehl mit, dass sie das Königreich innerhalb von drei Tagen zu verlassen hätten.
Unter den Göttinger Studenten löste diese Nachricht heftige Empörung aus. Sie planten einen Fackelzug, doch alle öffentlichen Ansammlungen wurden verboten. Die Obrigkeit setzte die Universitätspedelle in Alarmbereitschaft, verstärkte die Polizeipräsenz und zog vor der Stadt fast 300 Soldaten zusammen.
- Datum 13.12.2012 - 19:06 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte
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"Messungen, die Weber gemeinsam mit Rudolf Kohlrausch zur Bestimmung des Verhältnisses der elektrodynamischen und elektrostatischen Ladungseinheiten durchgeführt hatte (1856), dienten später James Clerk Maxwell als die entscheidende Stütze für seine elektromagnetische Theorie des Lichtes. Das besagte Zahlverhältnis entsprach nämlich dem Betrag der Lichtgeschwindigkeit (im Vakuum) und verband damit in überraschender Weise Optik und Elektrizitätslehre."
Schnelle Quelle: Wikipedia
Ansonsten ein prima Artikel.
Danke
Schöner Text, dem man an seiner Neigung zum altväterlichen Stil das allzu lange Studium romantischer Schriften heraushört. Seinem Gegenstand entsprechend. Eine Erzählung aus einer Zeit, da liberal im Bürgertum noch für Aufklärung und Mut im Kampf um demokratische Recht stand. Wie gesagt, lang ist 's her.
Ein herrlicher Artikel. Danke!
Vor einigen Jahren gab es, wenn ich mich recht entsinne, auf ZDF eine Art Umfrage zu den "größten Deutschen" (gewonnen hat glaub ich Adenauer vor Luther). Ich war damals etwas entäuscht, dass von den Grimms weit und breit nichts zu sehen war...
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