Gewaltlos gegen die Monarchie
Unterdessen ordneten die drei des Landes verwiesenen Professoren ihre Angelegenheiten. Immer wieder kamen Studenten, die ihre Sympathie bekundeten. Öffentliche Solidaritätsadressen hingegen wurden mit allen Mitteln unterbunden: Der Prorektor teilte den drei Professoren mit, dass die Ausreise nach Kassel über den abgelegenen kurhessischen Grenzort Witzenhausen erfolgen sollte. So wollte man sicherstellen, dass sich die Studenten auch außerhalb Göttingens nicht demonstrativ von ihren Professoren verabschiedeten.
Die Universitätsbehörde verbot den Lohnkutschern bei schwerer Strafe, Wagen und Pferde an Studenten zu verleihen. Daraufhin brachen am Abend des 16. Dezember 400 junge Männer auf, um zu Fuß in der kalten Winternacht die 25 Kilometer bis zur hessischen Grenze zurückzulegen und ihren geliebten Lehrern am nächsten Tag in Witzenhausen Lebewohl zu sagen.
Gegen neun Uhr morgens an diesem 17. Dezember 1837 ging Friedrich Christoph Dahlmann durch das Weender Tor in die Stadt zum Haus der Brüder Grimm. Dort, in der heutigen Goetheallee 6, bestieg er mit Jacob Grimm eine Kutsche, während Gervinus mit seiner Frau in einem zweiten Gefährt folgte.
Kurz nach Mittag erreichten die beiden Kutschen die Grenze zu Kurhessen. An der Werrabrücke warteten Hunderte von Studenten, empfingen ihre vertriebenen Lehrer mit einem donnernden Hoch und überreichten ihnen Kränze aus Trockenblumen. Sie spannten die Pferde von den Kutschen ab und zogen die beiden Fuhrwerke persönlich über die Brücke. Als Jacob Grimm einem kleinen Jungen die Hand anbot, der sie verschüchtert nicht annahm, soll ihn seine Großmutter mit den Worten ermuntert haben: »Gib dem Herrn eine Hand, er ist ein Flüchtling.« Dann verließen die drei das Land. Mit obrigkeitlicher Gewalt hatte der König die Bataille gewonnen.
Der Streit aber war damit nicht zu Ende, denn die Entlassenen und Verbannten forderten ihr Recht. Doch weder erhielten die Göttinger Sieben, wie sie nun genannt wurden, von der hannoverschen Justiz Genugtuung, noch fanden sie in der Bundesversammlung, der obersten Rechtsinstanz im vormärzlichen Deutschland, Fürsprecher, denn auch diese stand unter der Knute des monarchischen Prinzips. So griffen die Professoren zu der ihnen vertrauten Waffe, der Feder. Im Januar 1838 verfassten sie, in geschickter Arbeitsteilung, binnen weniger Wochen eindrucksvolle Rechtfertigungsschriften, die wesentlich dazu beitrugen, dass sich die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihnen solidarisierte.
Der Jurist Albrecht setzte sich in seinem Text mit der Unrechtmäßigkeit der königlichen Selbstherrlichkeit auseinander. Der Theologe Ewald nahm den Protest der Göttinger Sieben zum Anlass für ein kulturprotestantisches Glaubensbekenntnis, und der Literaturhistoriker Gervinus prangerte die moralische Verworfenheit des Königs und seiner Helfershelfer an. Dahlmann konzentrierte sich als Historiker und Politiklehrer auf die zeitgeschichtliche Dokumentation des Vorganges. Seine Würdigung der Protestation gipfelte in der bis heute immer wieder zitierten Charakterisierung der Eingabe: »Sie ist von Grund aus eine Protestation des Gewissens, eine Wahrung der Rechte des Gewissens, welches sich keine pflichtwidrige Handlung aufdringen lassen will; nur durch ihren Gegenstand ist sie zugleich politische Protestation, ohne es indeß in dem vollen Umfange seyn zu wollen.«
Eine solche sittliche Rechtfertigung brachte auch Jacob Grimm vor – in seiner Broschüre Jacob Grimm über seine Entlassung. Es stehe nicht in der Macht des Königs, einen einmal vor Gott ausgesprochenen Eid zu lösen, argumentierte er. Ein Eid war für ihn, seine Mitstreiter und die Zeitgenossen eine religiös-sittliche Verpflichtung, die man nicht ohne schwere Folgen für das Seelenheil aufs Spiel setzen durfte.
In seinem Text versuchte Jacob Grimm die Leserschaft aber auch kraft seiner poetischen Sprache von der Rechtmäßigkeit der Protestation zu überzeugen. Beispielhaft steht dafür schon der erste Satz: »Der Wetterstrahl, von dem mein stilles Haus getroffen wurde, bewegt die Herzen in weitem Kreise.«
Ebendieser Satz stammte indes nicht aus der Feder Jacobs selbst, sondern von Wilhelm Grimm. Der jüngere der Brüder hatte, wie das Originalmanuskript zeigt, wesentlich an der Ergänzung und stilistischen Überarbeitung des Textes mitgewirkt, doch da er nach der Entlassung mit seiner Familie noch in Göttingen lebte, wurde er nicht als Co-Autor genannt. So beruhte auch diese Publikation auf der bewährten Arbeitsteilung: Jacob war für die präzise Wiedergabe von Quellen zuständig, Wilhelm für deren romantische Gestaltung.
Bis auf wenige Ausnahmen konnten die Rechtfertigungsschriften der Göttinger Sieben damals nicht in Deutschland erscheinen – das wusste die Zensur zu verhindern. Dahlmann aber gelang es, in Basel einen Verleger zu finden. Dort wurden die Schriften 1838 in einer Auflage von je 2.500 Stück gedruckt und fanden über diesen Umweg auch in Deutschland ihr Publikum – wenn auch nicht immer ohne Schikanen. So mussten in Göttingen die Käufer eine polizeiliche Erklärung abgeben, zu welchem Zweck sie die Schriften angeschafft hätten (manche antworteten schlicht: »Um sie zu lesen«), und natürlich lancierte die hannoversche Regierung allerhand Gegenpropaganda und ließ Schriften veröffentlichen, die für den König Stellung nahmen.
Der Monarch selbst erwies sich indes nicht immer als geschickter Sprecher in eigener Sache. So erklärte er auf einer Berliner Abendgesellschaft auf die Frage nach den sieben »verlaufenen Göttinger Professoren«: »Professoren, Tänzerinnen und Huren kann man überall für Geld wieder haben.« Alexander von Humboldt, auf den Frauen keine Anziehungskraft ausübten, überlieferte nicht nur diese königliche Entgleisung, sondern auch seine eigene süffisante Antwort: Er habe mit Tänzerinnen und Huren »nie in Verbindung gestanden« und sei selbst »ein halber Professor«.
- Datum 13.12.2012 - 19:06 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte
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"Messungen, die Weber gemeinsam mit Rudolf Kohlrausch zur Bestimmung des Verhältnisses der elektrodynamischen und elektrostatischen Ladungseinheiten durchgeführt hatte (1856), dienten später James Clerk Maxwell als die entscheidende Stütze für seine elektromagnetische Theorie des Lichtes. Das besagte Zahlverhältnis entsprach nämlich dem Betrag der Lichtgeschwindigkeit (im Vakuum) und verband damit in überraschender Weise Optik und Elektrizitätslehre."
Schnelle Quelle: Wikipedia
Ansonsten ein prima Artikel.
Danke
Schöner Text, dem man an seiner Neigung zum altväterlichen Stil das allzu lange Studium romantischer Schriften heraushört. Seinem Gegenstand entsprechend. Eine Erzählung aus einer Zeit, da liberal im Bürgertum noch für Aufklärung und Mut im Kampf um demokratische Recht stand. Wie gesagt, lang ist 's her.
Ein herrlicher Artikel. Danke!
Vor einigen Jahren gab es, wenn ich mich recht entsinne, auf ZDF eine Art Umfrage zu den "größten Deutschen" (gewonnen hat glaub ich Adenauer vor Luther). Ich war damals etwas entäuscht, dass von den Grimms weit und breit nichts zu sehen war...
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