LieblingsmärchenMit Aschenputtel und Hans im Glück

Märchen sind zauberhaft – deshalb lieben Kinder sie. Doch auch so mancher Erwachsene hat eine Schwäche für die Sagen: Fünf ZEIT-Autoren stellen ihre Lieblingsmärchen vor. von , , , und

Aschenputtel

Ich verstehe sie nicht. Aber welche Märchenfigur will schon verstanden werden. Stattdessen rührt mich dieses junge Mädchen, dessen einzige Zuflucht das Grab der Mutter ist. Sie ist keine Heilige, die sich demütig in ihr Elend schickt. Im Gegenteil, sie will auch alles haben, was junge Mädchen sich bis heute überall auf der Welt wünschen: Gold, Silber, Kleider, einen Prinzen. Dennoch muss sie in der Asche leben, muss vor Sonnenaufgang aufstehen, Feuer anzünden, Wasser schleppen.

Was mir gefällt: Sie ist mit der Natur, vor allem mit den Tieren im Bunde. Das ist ihr entscheidender Vorteil im sexuellen Verteilungskampf. Der Vogel auf dem Haselnussbaum am Muttergrab sorgt für ihre Garderobe. Die Tauben verraten die falschen Schwestern, als die mit dem Prinzen schon zum Standesamt eilen wollen. Denn das Märchen ist ja nebenbei auch eine richtige sex in the castle-Soap, in der es um mächtige Männer und heftigsten Zickenkrieg geht.

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Was mir nicht gefällt: dass Aschenputtel den Prinzen am Ende nur bekommt, weil sie die tollsten Kleider und die zartesten Füßchen hat. Seit sich die Erde dreht, fallen Männer auf so etwas herein. Da kann man nichts machen.

Iris Radisch

Hans im Glück

Wenn es eine antikapitalistische Parabel gibt, dann ist es das Märchen Hans im Glück. Hans zieht mit einem dicken Goldklumpen unterm Arm in Richtung Heimat und kommt mit leeren Händen zu Hause an. Aber es schadet ihm nicht, und es macht ihm nichts.

ZEIT Geschichte 4/2012
ZEIT Geschichte 4/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Zwischen Aufbruch und Ankunft sind es eine Menge Menschen, die Hans dabei helfen, seinen Reichtum zu verlieren: Aus dem Gold wird durch Tausch ein Pferd, daraus eine Kuh, dann ein Schwein, eine Gans, ein Schleifstein, der beim kühlen Trunk auch noch in einen Brunnen plumpst. Und der um alles gebrachte Hans? Er rechnet nicht, er weint nicht, schon gar nicht wirft er sich selbst in den Brunnenschacht. Nein, er ist – in des Wortes ureigenster Bedeutung – erleichtert.

Er wandert heim zu seiner Mama. Denn er hat etwas viel Wertvolleres als Gold, Pferd oder Kuh: Er hat ein Ziel. Und dort jemanden, der ihn liebt. Meine eigene Mutter seufzte zwar immer, wenn ihre vielen Kinder etwas ruiniert oder zerstört hatten, aber dann sprach sie: »Letztlich ist es nur Geld.« Das bedeutete: Hauptsache, ihr seid gesund und wir haben einander lieb. Denn es gibt Dinge, die man verlieren kann und die nicht zu bezahlen und nicht zu ersetzen sind.

Sabine Rückert

Der gestiefelte Kater

Eine wundersame Gestalt. Allerdings nicht aus den Tiefen des teutschen Waldes. Die Grimms nahmen die Geschichte vom listigen Kater, der einem Müllerburschen zu Schloss und Prinzessin verhilft, zwar in die Erstausgabe ihrer Märchen auf, dann aber wurde Der gestiefelte Kater wieder des Buches verwiesen. Denn er war verdächtig welsch – vielleicht auch zu frech, zu ab- und aufgeklärt.

Woher er stammte? Wer weiß das so genau! Aus dem Orient vermutlich, aus dem so vieles Gute stammt. Zur Zeit der Renaissance haben italienische Erzähler ihn gefeiert, und 1697 nahm ihn Charles Perrault in seine Märchensammlung auf. Mitten in Paris steht Perraults Denkmal. Es zeigt den Kater, nicht den Dichter.

Wer dieses Märchen in der Kindheit hörte, wer diesen Kater je auf der Bühne sah, auf der Theater-, Opern-, Marionetten-, Filmbühne, der wird ihn nie mehr vergessen. Seinen Willen, seine Überlebenslist. Vor allem aber seinen souveränen Witz, mit dem er, der Regisseur dieser Geschichte, auf der Klaviatur der menschlichen Eigenschaften und Leidenschaften spielt. Die Welt ist eine Bühne, der Mensch will betrogen sein. Ein riskantes, ein heiteres Spiel. Am Ende aber wird alles gut – nicht trotzdem, sondern gerade deshalb. Tatsächlich: kein sehr deutsches Märchen.

Benedikt Erenz

Der Bärenhäuter

Woran erkennt man die Liebe? An der Leidenschaft? An der Unvernunft? An dem Wunsch, den Rest der Welt für immer zu vergessen? Ja, das auch. Aber die wahre Liebe erkennt man noch an etwas anderem: an wilder Großzügigkeit und der Lust, einen anderen Menschen zu beglücken. Dieses noble Gefühl tritt uns nun also in der abstoßenden Gestalt des Bärenhäuters entgegen.

Der Bärenhäuter ist ein Soldat, der aus Not einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, sich sieben Jahre lang nicht zu waschen, das Haar und die Nägel nicht zu schneiden und das Fell eines erlegten Bären zu tragen. Bald meiden ihn die Leute, denn er sieht aus, als sei er selber der Leibhaftige. Nur ein Mädchen läuft nicht weg. Sein Vater ist von dem Bärenhäuter gerettet worden und hat diesem zum Dank die Hand der Tochter versprochen – wie man das im Märchen halt macht, wenn man nichts anderes zum Bezahlen hat.

Doch das Mädchen wendet den bösen Handel zum Guten. Es vermutet nämlich, dass ein hilfreiches Wesen, und sei es noch so hässlich, ein Herz haben muss, also Gegenliebe verdient. Deshalb reicht die Schöne dem Scheusal die Hand. Und oh Wunder: Großzügigkeit erzeugt Großzügigkeit. Der Bärenhäuter verzichtet auf die dargebotene Hand und verspricht, erst nach Ablauf der sieben Jahre zurückzukehren. Erlöst und frisch gewaschen werden die beiden schließlich heiraten. Doch die Moral von der Geschicht’ heißt nicht Hochzeit, sondern Liebe. Die gewinnt nur, wer alles zu verschenken bereit ist. Merke: Das Unmäßige ist dem Märchen gemäß. Und die wahre Liebe – neben dem Tod das größte Thema des Genres – erfordert mehr Mut als das Erlegen des Drachen. Nur die Besten, die Stärksten, die Zärtlichsten werden sie erringen.

Evelyn Finger

Die Gänsemagd

In dem Märchen Die Gänsemagd gibt es ein Pferd namens Falada, welches, obwohl ihm der Kopf abgehackt wurde, denken und sprechen kann. Genauer: Es ist Faladas Kopf, der, seines Leibes beraubt, weiterlebt und die Menschen beobachtet. Man hängt ihn über dem Stadttor auf, und so blickt Falada wissend und voller Schmerz auf seine eigene Nachwelt herab.

Der große, unglückliche Dichter Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, den unter diesem Namen niemand kennt, las das Märchen, sah den Pferdekopf vor sich und nannte sich fortan: Hans Fallada. Den Vornamen borgte er sich ebenfalls bei den Brüdern Grimm, nämlich bei Hans im Glück. Aus diesen beiden Grimmschen Figuren also ist der Dichter Hans Fallada (und vielleicht jeder Dichter) zu erklären: aus einem Hans und einem Falada. Aus einem großen Naiven, der voller Zuversicht den nächsten Moment als Geschenk begreift, und aus einem Nachweltwesen, das voller Wehmut zurückblickt auf die Welt und so gerne eingreifen würde.

Peter Kümmel

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Leserkommentare
    • MichaT.
    • 26. Dezember 2012 23:32 Uhr

    Mit besten Empfehlungen, auch an Drewermann und Fetscher:

    Keep on searching for a heart of gold!

    • krister
    • 27. Dezember 2012 6:36 Uhr

    1."1.1. Grandios!
    Mit besten Empfehlungen, auch an Drewermann und Fetscher"

    Ich finde auch,man muß die Analysen von Drewermann gelesen haben,
    erst dann erschließt sich die Wahrheit ganz.

  1. Will hier jemand an die Wand geworfen werden?

    Hans Jellouschek freut sich. ;)

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