LieblingsmärchenMit Aschenputtel und Hans im Glück
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Der Bärenhäuter und die Gänsemagd

Der Bärenhäuter

Woran erkennt man die Liebe? An der Leidenschaft? An der Unvernunft? An dem Wunsch, den Rest der Welt für immer zu vergessen? Ja, das auch. Aber die wahre Liebe erkennt man noch an etwas anderem: an wilder Großzügigkeit und der Lust, einen anderen Menschen zu beglücken. Dieses noble Gefühl tritt uns nun also in der abstoßenden Gestalt des Bärenhäuters entgegen.

Der Bärenhäuter ist ein Soldat, der aus Not einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, sich sieben Jahre lang nicht zu waschen, das Haar und die Nägel nicht zu schneiden und das Fell eines erlegten Bären zu tragen. Bald meiden ihn die Leute, denn er sieht aus, als sei er selber der Leibhaftige. Nur ein Mädchen läuft nicht weg. Sein Vater ist von dem Bärenhäuter gerettet worden und hat diesem zum Dank die Hand der Tochter versprochen – wie man das im Märchen halt macht, wenn man nichts anderes zum Bezahlen hat.

Doch das Mädchen wendet den bösen Handel zum Guten. Es vermutet nämlich, dass ein hilfreiches Wesen, und sei es noch so hässlich, ein Herz haben muss, also Gegenliebe verdient. Deshalb reicht die Schöne dem Scheusal die Hand. Und oh Wunder: Großzügigkeit erzeugt Großzügigkeit. Der Bärenhäuter verzichtet auf die dargebotene Hand und verspricht, erst nach Ablauf der sieben Jahre zurückzukehren. Erlöst und frisch gewaschen werden die beiden schließlich heiraten. Doch die Moral von der Geschicht’ heißt nicht Hochzeit, sondern Liebe. Die gewinnt nur, wer alles zu verschenken bereit ist. Merke: Das Unmäßige ist dem Märchen gemäß. Und die wahre Liebe – neben dem Tod das größte Thema des Genres – erfordert mehr Mut als das Erlegen des Drachen. Nur die Besten, die Stärksten, die Zärtlichsten werden sie erringen.

Evelyn Finger

Die Gänsemagd

In dem Märchen Die Gänsemagd gibt es ein Pferd namens Falada, welches, obwohl ihm der Kopf abgehackt wurde, denken und sprechen kann. Genauer: Es ist Faladas Kopf, der, seines Leibes beraubt, weiterlebt und die Menschen beobachtet. Man hängt ihn über dem Stadttor auf, und so blickt Falada wissend und voller Schmerz auf seine eigene Nachwelt herab.

Der große, unglückliche Dichter Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, den unter diesem Namen niemand kennt, las das Märchen, sah den Pferdekopf vor sich und nannte sich fortan: Hans Fallada. Den Vornamen borgte er sich ebenfalls bei den Brüdern Grimm, nämlich bei Hans im Glück. Aus diesen beiden Grimmschen Figuren also ist der Dichter Hans Fallada (und vielleicht jeder Dichter) zu erklären: aus einem Hans und einem Falada. Aus einem großen Naiven, der voller Zuversicht den nächsten Moment als Geschenk begreift, und aus einem Nachweltwesen, das voller Wehmut zurückblickt auf die Welt und so gerne eingreifen würde.

Peter Kümmel

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Leserkommentare
    • krister
    • 27. Dezember 2012 6:36 Uhr

    1."1.1. Grandios!
    Mit besten Empfehlungen, auch an Drewermann und Fetscher"

    Ich finde auch,man muß die Analysen von Drewermann gelesen haben,
    erst dann erschließt sich die Wahrheit ganz.

  1. Will hier jemand an die Wand geworfen werden?

    Hans Jellouschek freut sich. ;)

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