Dass die hochgebildete Marie Hassenpflug über ein anderes Märchenrepertoire verfügte als die unbelesene, alte hessische Kinderfrau, erscheint logisch. Vor allem aber hatte eine in besten städtischen Verhältnissen aufwachsende Dame eine Vorliebe für einen bestimmten Typ von Märchen: jenen nämlich, der ihrer Lebenserfahrung und ihren Lebensumständen entspricht.

Als die Forschung die junge Marie Hassenpflug und ihre beiden Schwestern Amalie und Jeanette als wichtigste Märchenbeiträgerinnen identifiziert hatte, stellte sich heraus, dass ihre Herkunft mütterlicherseits auf hugenottische Flüchtlinge aus dem Dauphiné zurückgeht. Die Schlüsselfigur innerhalb dieser französisch geprägten familiären Märchenkultur war die Urgroßmutter der Schwestern Hassenpflug. Sie hieß Marie Madeleine Debély (1713–1791), stammte aus dem Schweizer Jura, war nach Hanau gezogen und hatte dort den aus dem Dauphiné nach Hessen geflohenen Pfarrer Etienne Droume (1695–1751) geheiratet. Ihre mit einem Offizier namens Dresen verheiratete Tochter starb jung, sodass ihre Enkelin Marie Magdalene Dresen vom vierten Lebensjahr an in ihre Obhut kam und im französischsprachigen Haushalt kein deutsches Wort mehr sprechen durfte. Die derart ganz und gar französisch geprägte Marie heiratete den späteren Kasseler Regierungspräsidenten Johannes Hassenpflug und wurde die Mutter der drei märchenerzählenden Töchter. Was Wunder also, dass deren Repertoire sich zum größten Teil aus der reichen französischen Märchentradition des 17. und 18. Jahrhunderts speiste. Und dass sich in ihren Erzählungen viele Passagen finden, die wörtlich mit ganzen Abschnitten aus der Märchensammlung Contes de Fées von Charles Perrault übereinstimmen.

Doch nicht nur diese Entdeckungen machten spät deutlich, wie sehr die Grimmschen Märchen durch die französische Erzähltradition beeinflusst sind. Selbst Dorothea Viehmann, die noch in der Vorrede von 1814 als »ächt hessische« Bäuerin charakterisiert ist, wurde später als Abkömmling hugenottischer Einwanderer namens Pierson identifiziert. Unter ihren Ahnen befinden sich nicht weniger als fünf aus Frankreich stammende Hugenotten. Es ist anzunehmen, dass Jacob und Wilhelm Grimm das wussten und dass sie es absichtlich verschwiegen haben. Sie wollten die nationale Idee ihrer Märchensammlung auf gar keinen Fall durch fremde Einflüsse verwässert sehen. Sie wollten deutsche Märchen sammeln, nicht französische!

Dorothea Viehmann schien auf den ersten Blick die ideale Märchenerzählerin nach Grimmschem Gusto abzugeben. Sie sollte von den Lesern stellvertretend für die drei Dutzend Märchenbeiträger, die den Grimms Geschichten erzählten, wahrgenommen werden. Auch das von Ludwig Emil Grimm gezeichnete Porträt mit der Unterschrift »Märchenfrau« war mit genau dieser Intention abgedruckt worden. Seit 1819 fand es sich auf dem Innentitel jeder Auflage an der Stelle, wo sonst das Porträt des Buchautors platziert wurde.

Wilhelm Grimm schrieb über Dorothea Viehmann: »Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Theil der hier mitgetheilten, darum ächt hessischen Märchen [...] haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heißt Viehmännin [...] und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß [...], dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsamer, so daß man ihr mit einiger Uebung nachschreiben kann. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten.« Der letzte Satz belegt, dass die Grimms die Erzählungen ihrer Beiträger nicht unverändert übernommen haben. Sie haben in die Texte eingegriffen. Denn wenn vom Wortlaut der Märchen dieser Ausnahmeerzählerin nur »manches wörtlich beibehalten« ist, dann heißt das im Umkehrschluss, dass vieles nicht wörtlich übernommen worden ist – sowohl in den Geschichten von Dorothea Viehmann als auch in denen der anderen Beiträger. Doch nicht die Zahl der Texteingriffe wollte Wilhelm mit seiner Beschreibung thematisieren, sein Fokus lag auf der Beschreibung dieser idealen Märchenerzählerin: auf »Bäuerin«, »Dorf«, »ächt hessisch«, »alt«, »Gedächtniß«. Und das stimmt fast alles so nicht mit der Wirklichkeit überein.

Diese Frau [...] bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß, dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran
Wilhelm Grimm über Dorothea Viehmann

Die Behauptung, das gesamte Repertoire der Viehmann (immerhin an die 40 Texte) verdanke sich ausschließlich hessischer Tradition, haben die Grimms schon in der zweiten Auflage stillschweigend aus ihrer Vorrede gestrichen. Auch die Bezeichnung »Bäuerin« ist nicht korrekt. Zwar verkaufte Dorothea Viehmann in Kassel Gemüse und Kräuter aus ihrem kleinen Garten, aber sie war seit 1777 mit einem Schneidermeister verheiratet, nicht mit einem Bauern. Zwar lebte sie tatsächlich in dem Dorf Niederzwehren, doch hatte sie ihr Märchenrepertoire in der Jugend erworben, die sie in der Gastwirtschaft ihres Vaters, der Knallhütte im heutigen Baunatal, verbracht hatte. Dort hatte sie als Wirtstochter mehr Umgang mit städtischen als mit dörflichen Gästen. Demzufolge dürfte sich ein Teil ihrer Märchen den Erzählungen eines in der Knallhütte verkehrenden Publikums verdanken: also Kauf- und Geschäftsleuten, Fuhrknechten und Soldaten. Auch »alt« ist ein relativer Begriff, denn mit 57 Jahren war sie jedenfalls noch nicht so alt, wie man sich gemeinhin Märchen erzählende Großmütter vorstellt.

Was also von der Grimmschen Charakterisierung bleibt, ist Dorothea Viehmanns wohl in der Tat phänomenales Gedächtnis. Das belegt ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Brief Wilhelms an seinen Bruder Ferdinand. Darin ist bezeichnenderweise keine Rede von »ächt hessisch« oder »Bäuerin«, stattdessen wird sie beschrieben als »eine alte Frau, die uns Ramus zugewiesen haben, aus Zwern, die unglaublich viel weiß und sehr gut erzählt [...]. Sie kommt fast alle Wochen einmal [...]. Die Frau kriegt jedesmal ihren Kaffee, ein Glas Wein und Geld obendrein, sie weiß es aber auch nicht genug zu rühmen und erzählt dann bei Ramus, was ihr all für Ehre widerfahren sey, und sie habe ihr silbern Löffelchen beim Caffee so gut« wie jeder andere Gast bekommen. Das »silbern Löffelchen« scheint Dorothea Viehmann als vorübergehend verliehenes Statussymbol wichtiger gewesen zu sein als das kleine Honorar, das sie erhielt. Es ist rührend, wie sie im allerletzten der von ihr beigetragenen Märchen (Der Teufel und seine Großmutter) zweimal dezidiert von einem »silbernen Löffel« erzählt.