Die meisten ihrer Beiträge finden sich im zweiten Band der ersten Ausgabe, der 1815 erschienen ist, denn die Brüder Grimm haben Dorothea Viehmann erst 1813, also nach Erscheinen des ersten Märchenbandes, kennengelernt. Für die Zweitauflage von 1819 tauschten Jacob und Wilhelm dann aber einige Märchen aus dem ersten Band ganz oder abschnittsweise gegen Viehmannsche Varianten aus: Diese Versionen erschienen ihnen nun endlich »ächt hessisch«. Dagegen verdächtigten sie jetzt die Schwestern Hassenpflug, auf die wichtige Texte im ersten Band zurückgehen, französische Geschichten in die angeblich hessische oder jedenfalls deutsche Märchensammlung eingeschmuggelt zu haben. Angesichts des hugenottischen Einflusses auf das Viehmannsche Repertoire hieß das jedoch, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Trotzdem eliminierten die Grimms einige herrliche Geschichten der Schwestern Hassenpflug wie Der gestiefelte Kater oder Blaubart nach ihrem Erscheinen in der Erstauflage für immer aus der Sammlung, mit der Begründung: »Es ist noch einmal geprüft, was verdächtig schien, d. h. was etwa hätte fremden Ursprungs [...] seyn können, und dann alle ausgeschieden« (Vorrede von 1819).

Sicher auf hessischem Boden wähnten sich die Grimms bei ihrer frühen Beiträgerin Friederike Mannel, die bei Treysa in der Schwalm im weltabgelegenen Pfarr- und Lehrerhaus ihres Vaters aufwuchs. In ihr hat auch die auf Hessen fixierte Grimm- und Märchenforschung eine der letzten Bastionen gegen die Entdeckung des französischen Einflusses gesehen. Friederike Mannel (geboren 1783) schien eine ideale, wenn auch ein wenig zu junge Beiträgerin vom Lande ohne einen einzigen hugenottischen Vorfahren zu sein. Dabei wurde ignoriert, dass Friederike Mannels Vater als Pfarrer und Lehrer Kinder aus dem Hugenottendorf Gethsemane betreute, und da Friederike Mannel zuweilen schreibt, dass sie manche Erzählung den Schulkindern ihres Vaters verdanke, ist auch hier nicht auszuschließen, dass hugenottische Erzähltraditionen von Einfluss waren.

Bildungsfern war Friederike Mannel sicherlich nicht. In einem Brief an Wilhelm Grimm, in den sie sich verliebt hatte, schreibt die Pfarrerstochter: »Wie Sie von mir gegangen waren, weinte mein rechtes Auge, es weint zwar leichter wies andre, aber doch nicht gar zu leicht.« Das ist eine raffinierte Zitat-Anspielung auf Goethes Wilhelm Meister, wo auch eine Frau einen Wilhelm anredet: »In ihrem rechten Auge blinkte eine schöne Träne. ›Glauben Sie nicht, dass ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint.‹« Zumindest eine hohe literarische Allgemeinbildung muss dieser jungen Frau, die übrigens perfekt Französisch sprach, zugestanden werden.

Zählt man zu den genannten Beiträgern noch einige andere hinzu, etwa den norddeutschen Maler Philipp Otto Runge (Von dem Machandelboom), den Freiherrn August von Haxthausen (Die Bremer Stadtmusikanten) sowie den Schulrektor und Pfarrer Ferdinand Siebert (Der Arme und der Reiche), so repräsentieren sie fast allesamt die gebildeten Stände. Dass sie ihr Repertoire auch durch »einfache Leute« kennenlernten, ist natürlich nicht auszuschließen.

Unter den Zuträgern sind einige wenige Erzähler, die aus anderen gesellschaftlichen Schichten stammten, so wie der alte Soldat Johann Friedrich Krause. Der pensionierte Dragonerwachtmeister erzählte den Grimms zumeist raubauzige Geschichten von aus dem Dienst gejagten Soldaten, die sich ihr Märchenglück mit militärischer Gewalt erkämpfen müssen. Für jede seiner Geschichten bekam Krause im Tausch eine abgelegte Hose von den Grimms.

Aber die Behauptung, die meisten Grimmschen Märchen gingen direkt auf Erzählungen alter Bäuerinnen und einsiedlerischer Köhler und Hirten zurück, bleibt unhaltbar. Heute wissen wir, dass die Grimms nicht Volksmärchen gesammelt haben, sondern dass die Märchen vor allem in gebildeten Schichten von jungen Frauen erzählt wurden und sich oftmals aus französischen Quellen speisten.