Brüder GrimmMärchen über Märchen

Jacob und Wilhelm Grimm haben lange verheimlicht, wer ihnen ihre Geschichten zugetragen hat. Denn nicht alte Bäuerinnen erzählten die angeblichen Volksmärchen, sondern gebildete Töchter mit hugenottischen Vorfahren. von Heinz Rölleke

Die Brüder Grimm haben ihre Leser von Anfang an bewusst auf eine falsche Spur gesetzt. Sie haben dabei nicht getäuscht oder gar gelogen, aber sie haben versucht, den Anschein zu erwecken, dass die Märchen aus dem »einfachen Volk« stammen. In der Vorrede zum ersten Band der Kinder- und Hausmärchen schreiben sie: »Alles ist [...] nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden, in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Überlieferung gesammelt.« Diese Formulierung erweckt den Eindruck – und das sollte sie auch! –, als seien die Brüder Grimm Märchen sammelnd in ihrer Heimat umhergezogen. Das ist nachweislich nicht wahr.

Jacob und Wilhelm Grimm haben sich so gut wie alle Märchen in ihrer Kasseler Wohnung erzählen lassen. Aus eigenen Jugenderinnerungen konnten weder sie noch ihre Geschwister auch nur ein einziges zur Sammlung beisteuern. Darum schreiben sie auch nicht in der Vorrede, wir haben gesammelt, sondern »ist gesammelt«. Die eigentlichen Märchenerzähler sollten anonym bleiben. Ganz im Geist der Romantik wollten die Grimms den Eindruck erwecken, ihre Märchen seien Produkte des Volkes und kollektiv überliefert. Einen einzelnen Erzähler wollten sie deshalb gar nicht erst namentlich nennen. Auch zur Herkunft der Texte machen Jacob und Wilhelm Grimm nur vage Angaben: »aus Hessen«, heißt es in den Anmerkungen der Kinder- und Hausmärchen sehr allgemein oder: »aus den Maingegenden«.

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Im zweiten Band von 1815 wichen die Grimms davon ab. In der Vorrede stellen sie nun eine ihrer Zuträgerinnen ausführlich vor: Dorothea Viehmann (1755–1815). Ein Bildnis von ihr schmückt das Frontispiz des Buches, aber kein einziges Märchen wird ihr direkt zugewiesen. Warum nicht? Und warum haben umgekehrt die Zuträgerinnen die Zuarbeit verschwiegen? Warum haben Dorothea Viehmann, Annette und Jenny von Droste-Hülshoff, die drei Schwestern Hassenpflug und die anderen rund 20 Geschichtenzuträger, die den Grimms die meisten und wichtigsten Märchen erzählt haben, ihre Identität nicht preisgegeben? Ganz genau wissen wir das nicht. Vielleicht waren sie von den Brüdern Grimm dazu aufgefordert worden, vielleicht genierten sich die seinerzeit meist noch jungen Mädchen, die den Grimms ihre Geschichten erzählten, später, vor allem nach ihrer Heirat, sich mit solchem »Kinderkram« wie Märchenerzählen abgegeben zu haben.

Heinz Rölleke

Jahrgang 1936, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Deutsche Philologie einschließlich Volkskunde an der Bergischen Universität Wuppertal. Er gehört zu den bekanntesten Grimm-Forschern. Zuletzt erschien Es war einmal... Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte (Illustrationen von Albert Schindehütte, Eichborn, Die Andere Bibliothek, Frankfurt a. M. 2011)

Erst nach und nach fand man heraus, wer diese Beiträger gewesen sind. Fast 100 Jahre lang hatte sich die gesamte Grimm-Forschung in die Irre führen lassen. Die Identität der meisten Geschichtenerzähler konnte erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgedeckt werden.

Das hatte mehrere Ursachen. 1895 wertete Herman Grimm, der Sohn Wilhelms, jenes Handexemplar aus, in das sein Vater die Namen der Beiträger zu ihren jeweiligen Texten geschrieben hatte. Unter vielen der wichtigsten Märchen stand der Name Marie. Herman Grimm bezog diesen Namen aber fälschlicherweise auf eine alte hessische Kinderfrau, die in der Apotheke der Familie Wild gearbeitet hatte, aus der auch Wilhelms spätere Frau Dorothea Wild stammte. Geboren wurde die Kinderfrau Marie im Jahr 1749. Tatsächlich aber bezog sich der im Handexemplar notierte Name Marie auf die junge Marie Hassenpflug, die 1788 geboren wurde. Die Hassenpflugs, eine in Hanau ansässige großbürgerliche, hugenottische Emigrantenfamilie, standen in enger Verbindung zu den Grimms. Der einzige Sohn der Familie, Ludwig, heiratete später Lotte Grimm, die Schwester von Jacob und Wilhelm. Marie Hassenpflug wuchs wie die Grimms in Hanau auf, und die Familie zog – ebenso wie die Grimms – dann nach Kassel. Dort lernte Marie Hassenpflug die Brüder Grimm 1808 kennen.

ZEIT Geschichte 4/2012
ZEIT Geschichte 4/2012

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Infolge der irrigen Zuweisung durch Herman Grimm schlossen spätere Märchenforscher sogar, dass auch die Märchen, die den Grimms von den Töchtern aus der Wildschen Apotheke, nämlich Gretchen, Dorothea, Lisette und Marie-Elisabeth, übermittelt worden waren, letztlich auf deren Kinderfrau, eben die »Alte Marie«, zurückgehen – was aber nicht stimmte.

So wurden bis 1975 etwa zwei Drittel der 1812 veröffentlichten Märchen dieser einfachen Kinderfrau Marie zugeschrieben. Dabei übersah man vor allem, dass die Themen der Märchen eher einer jungen Frau entsprachen – einer wie Marie Hassenpflug.

Leserkommentare
    • vonDü
    • 22. Dezember 2012 0:19 Uhr

    und damit meine Ururururur Großmutter, die mir bis dato unbekannt war und von der ich nicht geglaubt habe, dass ich sie ausgerechnet auf ZO finde ;-)

    "Sie hieß Marie Madeleine Debély (1713–1791), stammte aus dem Schweizer Jura, war nach Hanau gezogen und hatte dort den aus dem Dauphiné nach Hessen geflohenen Pfarrer Etienne Droume (1695–1751) geheiratet. Ihre mit einem Offizier namens Dresen verheiratete Tochter starb jung...."

    Charlotte Sophie Marie Droume 1746-1771. Christian Friedrich Dresen, der Offizier, starb 1778.

    Deren Tochter Marie Magdalene *1767 den Johannes Hassenpflug heirate, der als entschiedener Gegner der fr. Revolution bekannt war. Aber wohl kaum entschiedener Gegner des Französischen gewesen sein kann, wenn er eine so französisch geprägte Frau, wie der Artikel sie beschreibt, geheiratet hat.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Hassenpflug

    Der spätere Streit und Bruch der Grimms mit dessen Sohn, der in erster Ehe Schwager der Grimms war, über dessen Politik, mag sein übrigens zur Verschleierung der Herkunft beigetragen haben. Über die Motive der Grimms, lässt sich daher nur gebildet spekulieren.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Hassenpflug

  1. Schon wieder?
    Für den einfachen Leser wie mich hat es wohl funktioniert, aber Perrault war laut Wikipedia nie ein unbekannter. Insofern erstaunlich, dass Literaturwissenschaftler erst jetzt drauf kommen.

  2. also nach diversen wunderbaren Plagiatsfunden in sog. wissenschaftlichen Arbeiten wird das Gegenteil betrieben. Es wird entdeckt, dass die Märchen der Gebrüder Grimm eine recht originäre eigene dichterische Leistung, die sich an Volkserzählungen und französische contes anlehnt, ist. Nur drolligerweise lautet die Bezeichnung der Märchensammlung ohnehin Märchen der Gebrüder Grimm. Es handelt sich selbstverständlich, wie bei Andersens Märchen um Kunstmärchen. Dabei dass die Gebrüder Grimm camoufliert haben, sie hätten Volksmärchen, die ihnen insbesondere von einer hessischen Bäuerin überliefert worden sind, handelt es sich um einen literarischen Trick. Geradezu gruselig ist die Entdeckung, sie könnten auch durch französische Märchenerzählungen angeregt worden sein. Sind wir eventuell nicht im Jahre 2012, sondern im Jahre 1910 oder sogar im Jahre 1935.

  3. Märchenerzähler/innen gibt/gab es zu allen Zeiten und Generationen. Da ist es auch nicht überraschend das es sie auch heute noch gibt. Dabei ändern sich nicht Inhalte und Botschaften sondern nur die Sprache passt sich der jeweiligen Zeit und Themen an. So sind auch die Brüder Grimm
    Märchen-Protagonisten ihrer Zeit und Medienlandschaft. Da ist es eigentlich ziemlich egal wer sie erzählt oder aufgeschrieben hat. Eine Variante unserer Jetztzeit erzählt
    Christine Bernauer-Keller in "Wo bitte gehts zum Himmel"
    bei Amazon.

  4. So viele neue Deutschlernende in aller Welt finden den Zugang zur Deutschen Literatur "uber die M"archen der Br"uder Grimm!Das hilft dem Fach Germanistik und DaF auf globaler Ebene. Es macht keinen Unterschied, woher die Texte stammen, aber es ist von "ausserster Wichtigkeit, dass die Texte allgemein zug"anglich sind!
    Ein grosses Danke an Dr. Jacob und Dr. Wilhelm Grimm!

    Antwort auf "[...]"
  5. verschwiegen wird oder die ausgelegte Spur in eine falsche Richtung führt. Die platzenden Doktoren Land auf Land ab sind ein guter Beleg dafür. Dass die tatsächliche Urheberschaft bei den Grimms über eine nationale Grenze führt, ist reiner Zufall. Dieser rüttelt aber scheint's gewaltig am nationalen Märchenempfinden einiger. Amüsant.

  6. aber brennend interessieren, wie genau die Zusammenhänge zwischen Märchen und wahren Begebenheiten aussieht. Jetzt weiss man ja schon konkreter über den Ursprung Bescheid. Gibt es eine Gegend der 7 Berge. Frau Holle hat nicht auf dem Meissner gewohnt, sondern:... und so weiter. Das wäre mal was neues als ewig dieses deutsche Korrigiergehabe um Plagiate, Betrug usw (oder sind es nur die Medien?), Gbr. Grimm haben uns eben ein Märchen aufgetischt und gut is.

  7. Oder ist das Deutschtümelei? Diese Märchen sind weder deutsch noch hugenottisch, die Leistung besteht arin, sie aufgeschrieben zu haben, bevor sie verloren gingen. Alle Völker haben sich fleißig am Kulturgut der anderen bedient, die Europäer bei den Mauren, die Mauren bei den Greichen und Römern, die Christen bei den Buddhisten... Ich glaube, einige würden gerne ein Copyright auf alles stempeln, was angeblich deutsch ist - alles außer Hitler, der ist made in Austraia.

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    #16
    ...und die werden satt und genug gehörigen Spott und Ablehnung geerntet haben, denn "Märchen schreibt man nicht auf und liest man nicht vor, DIE ERZÄHLT MAN SICH!!!"
    (Hab eine ähnliche persönliche Erfahrung im wahren Leben gemacht)

    Dass dann irgendwann nichts mehr erzählt, gesungen oder sonstwas gemacht wird, solange der Fernseher läuft, das konnte niemand vorhersehen.

    Was ein Glück, dass die Grimms das zufällig zum richtigen Zeitpunkt getan haben, als die Zeit reif war, zwischen lesen, vorlesen, erzählen bis hin zur Abspielmöglichkeit von MusicCassetten.

    In die das auch nur auf dem Umweg reinkommen konnte, denn die Dialekte wären heute auch nicht deutschlandweit verständlich.

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