Im Sommer 2012 erlitt der Reporter einen deutschnationalen Anfall. Das geschah im Herzen Frankreichs, auf einer Reise zu den Schlössern an der Loire. Amboise, Chenonceau, Blois sind historisch verbürgte Kulissen französischer Königsdramen. In Ussé hingegen musste man erfahren, dies sei das Dornröschenschloss. Hier, hinter rosenumwucherten Mauern, habe der Dichter Charles Perrault sein Märchen La Belle au Bois dormant (Die schlafende Schöne im Walde) poetisch empfangen. Lebensgroße Märchenpuppen bevölkerten das Schloss, und im Turmstübchen näherte sich ein flotter Prinz La Belles Bett in erlöserischer Absicht.

Das war zu viel! Frankreich sei die Gotik zugestanden, der Impressionismus, Elsass-Lothringen. Aber Dornröschen bleibt deutsch! So grimmte der Reporter. Leider erschien Perraults ironische Dichtung bereits 1697, also 115 Jahre vor der ersten Märchensammlung der Brüder Grimm. Deren Dornröschen wird wachgeküsst, La Belle erwacht von selbst und betrachtet den Prinzen "mit weit zärtlicheren Augen, als dies eine erste Begegnung gestatten sollte". Zwar trägt die Langschläferin Mode "wie zu Großmutters Zeiten", doch werden die Entflammten unverzüglich Weib und Gatte. Das bedeutet noch kein Happy End. La Belles Schwiegermama entpuppt sich als Menschenfresserin, die nach den Enkeln gelüstet.

Rasch zurück ins Grimmsche Märchenreich. Durch Hessen und Niedersachsen führt, 600 Kilometer lang, die Deutsche Märchenstraße, gesäumt von Orten, die sich ein Märchen zuschreiben. Die Route beginnt in Hanau, wo die Brüder Grimm geboren wurden – Jacob 1785, Wilhelm im Jahr darauf. Hier steht ihr Denkmal, nicht mehr ihr Geburtshaus, das 1945 im Bombenkrieg verbrannte.

Prächtig erhalten – und heute ein Museum – ist das Kindheitshaus im nahen Steinau. Dort residierte der Vater Philipp Wilhelm Grimm als Amtmann, von 1791 bis zu seinem frühen Tod 1796. Am Brunnen vor dem Tore sitzen der Frosch und die Prinzessin, die ihre goldene Kugel ins Wasser plumpsen ließ. Der Frosch rettete die Kugel. Sein bescheidener Dankeswunsch: Tisch- und Bettgenossenschaft. Die Prinzessin versprach es ihm, und brach’s. Nein, liebe Erinnerung, sie küsste den Frosch keineswegs, sondern klatschte ihn an die Wand. Da ward der Lurch ein Traumprinz und die wortbrüchige Schnepfe für ihren Mord belohnt. So amoralisch beginnt Grimms Märchensammlung. Fast hatte man vergessen, welches Maß an Willkür und Grausamkeit diesen lebenskundigen Fantasien innewohnt. Kindsraub und Narrenglück, Sterben und Verderben, die mitleidlos exekutierten Todesurteile, der lustige Mord am Juden im Dorn, der schaurig feige Vater von Hänsel und Gretel – alles verniedlicht sich im erwachsenen Gedächtnis, eingeschreint in Kindheitsmemoiren, domestiziert zur Gute-Nacht-Geschichte und zum Brettspiel Sagaland.

Die Deutsche Märchenstraße "schlängelt sich" laut Werbung "durch bewaldete Hügellandschaften und liebliche Flusstäler, mit malerischen Fachwerkorten, Burgen und Schlössern". Das garantiert "zauberhafte Momente. Lassen Sie sich vom lieblichen Gesang einsamer Prinzessinnen auf trutzige Burgruinen locken, und folgen Sie blanken Kieselsteinen im Mondlicht bis in dichte Märchenwälder hinein." Diese magische Route kurvt bis hinter Bremen, wo Gerhard Marcks’ Standbild der Stadtmusikanten vertuscht, dass die animalischen Fab Four niemals hierhergelangten. In Buxtehude, wo die ehelichen Sportbetrüger Swinegel den armen Hasen zu Tode hetzten, endet das Reich der Brüder Grimm. Wir aber reisen in dessen Mitte: das Kasseler Land.

Bereits am Bahnhof Kassel treffen wir Rotkäppchen. Es wirbt mit seinem Korb für den verkaufsoffenen Sonntag in Nordhessen. Hinter Rengershausen wandern wir über Land. Uns begegnet Schneewittchens Biertransporter, sinnreich dekoriert. Sieben frisch Gezapfte umringen eine Flasche: "Hütt – echt märchenhaft!" Ja, das Genie der Werbung! Bald erreichen wir das Braugasthaus Knallhütte. Der Name rührt vom Peitschenknall der Fuhrleute, die am Brauereiberg signalisierten, dass sie Vorspann brauchten.