Suche nach Wagners Vorbildern
Die musikwissenschaftlichen Merker unserer Tage haben viel Mühe darauf verwendet, das Opernrepertoire des 19. Jahrhunderts durchzukämmen, um die Vorbilder in Wagners Werken aufzuspüren. Dabei sind erstaunlich viele Anklänge zutage gefördert worden, die aber in ihrer Wirksamkeit kaum überprüft werden können, weil die meisten der betreffenden Opern von der Bühne verschwunden sind.
Beckmesser macht es sich da einfacher und entzieht seine Plagiatsvorwürfe der Überprüfbarkeit. Er hört in den begeisterten Ausbruch des jungen Walther ein ganzes Wirrwarr unterschiedlicher, längst bekannter Meistertöne hinein. Nicht zufällig hätte Beckmesser nach dem ersten Entwurf der Oper Veit Hanslich heißen sollen, nach Wagners verhasstem Kritiker Eduard Hanslick, der den gesamten Wagner in der Oper Euryanthe von Carl Maria von Weber wurzeln sah: »An diese Oper«, schrieb Hanslick, »hat Wagner angeknüpft, mit seinem dramatischen Princip sowohl als mit tausend musikalischen Reminiscenzen.«
Tatsächlich gehen auf Weber einige wichtige musiktheatralische Neuerungen zurück, die Wagner stark beeinflussten. So weichte Weber etwa den Unterschied zwischen dem Sprechgesang von Rezitativen und den wirkungsvollen Arien auf, wodurch mit musikalischen Mitteln geschlossene szenische Einheiten gebildet werden konnten. Auch für seine Technik der musikalischen Vereinheitlichung und Ausdeutung des Dramas durch charakteristische Leitmotive konnte Wagner einiges von Weber lernen. Noch im Lohengrin lassen sich Einflüsse der Euryanthe nachweisen, etwa die musikalische Charakterisierung der dämonisch-bösen Antipoden-Figuren. Wagner hat im Übrigen aus seiner Bewunderung für Webers Oper keinen Hehl gemacht – sie bedeutete in ihrer grandiosen Erfolglosigkeit schließlich keine Konkurrenz für ihn.
Anders liegt die Sache bei Giacomo Meyerbeer, einem der seinerzeit einflussreichsten Opernkomponisten überhaupt. Eine beiläufige Formulierung in einer Kritik zur Tannhäuser-Premiere musste da einen wunden Punkt treffen: Wie Meyerbeer sei die Musik, nur ohne Melodie.
Ganz falsch ist das nicht. In Wagner steckt in der Tat viel Meyerbeer, viel etwa von dessen Robert, der Teufel im Fliegenden Holländer und im Tannhäuser, aber eben keine wiedererkennbaren Melodien, sondern klangfarbliche Effekte, musikdramatische Zuspitzungen oder die Strategien eines wirkungsvollen musikalischen Timings. Solche Ideenplagiate lassen sich allerdings schwer nachweisen. Und wer kennt heute noch den Teufel im Detail?
Opernkomponieren ist Learning by Doing, das hat die Analyse von Wagners Poetik in den Meistersingern und seinem eigenen Werdegang gezeigt. Originalität besteht in der Kraft der Aneignung. Aber was es in der Musik zu lernen gab, beschränkt sich nicht auf Opernmodelle, denn der Wettkampf um die wahre Meisterschaft in der deutschen Musik wurde zu Wagners Zeit nicht auf dem Gebiet der Oper, sondern demjenigen der Sinfonik ausgetragen.
Als Gewährsmann für das Komponieren von Sinfonien galt Ludwig van Beethoven, und fast die gesamte deutsche Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts ist von der Kontroverse um die rechte Beethoven-Nachfolge bestimmt. Der junge Wagner hatte sich Beethoven-Partituren zu Studienzwecken abgeschrieben und wie viele seiner Altersgenossen versucht, auch als Komponist von Sonaten, Sinfonien und Konzert-Ouvertüren zu reüssieren. In diesen heute fast vergessenen Werken erweist er sich als mehr oder weniger geschickter Epigone und teilt damit die zutiefst romantische Frustration einer originalitätssüchtigen Jugendbewegung, zu spät geboren zu sein. In seiner Novelle Eine Pilgerfahrt zu Beethoven wendet Wagner diese Selbstdiagnose um, indem er Beethoven seine zukünftige Theorie des Musiktheaters in den Mund legt. Weil also die Sinfonie mit Beethoven offensichtlich an ihr Ende gekommen sei, folgert Wagner später, könne alles Weitere in diesem Genre nur epigonal sein. Allein aus dem Drama, seinem Drama könne noch neue Musik entstehen.
In seinem Aufsatz Über das Opern-Dichten und Komponieren im Besonderen lässt er einen jungen Komponisten bang fragen, woher man denn wissen könne, ob ein musikalischer Einfall ein eigener sei. Im Habitus eines Hans Sachs bescheidet der Autor den Adepten, dass diese Frage nur die »Symphonisten« anfechten sollte. Ein dramatischer Komponist seiner eigenen Richtung hingegen werde sich so lange in eine Figur hineinträumen, bis diese ihm das Unerhörte preisgibt. Wenn andere dieses Motiv auch schon gehört haben sollten, dann mache das nichts: Es bleibe original, weil selbst gehört.








Da haben wir jetzt also wieder mal gelesen, dass Wagner alles aus Werken abgeschrieben hat, die heute kein Mensch mehr kennen würde, wenn man sie nicht gelegentlich in dem Zusammenhang mit der Theorie erwähnen könnte, dass Wagner alles aus ihnen abgeschrieben hat (vielleicht abgesehen von Mendelssohns "Sommernachtstraum")
zwischen Nachahmung der Vorbilder/Lehrer und Abkehr von dieser Nachahmung ist so ziemlich der älteste und zugleich (wenn der Superlativ erkaubt ist) aktuellste Hut der Kunst- und also auch der Musikgeschichte. Wagner hat aus den Anleihen viel gemacht, sehr viel, und einen so ziemlich unvergleichlichen Personalstil entwickelt - sodass von 'alles nur geklaut' längst nicht mehr die Rede sein kann.
Der niederländische Kunsttheoretiker Karel van Mander hat einst (1604) sinngemäß geschrieben, stehlen sei erlaubt, wenn die Suppe nur gut gekocht ist. Entscheidend ist, das etwas Neues entsteht.
Es ist ganz natürlich, daß sich ein Komponist von den Kompositionen anderer "Meister" inspirieren läßt. Mozart hat die Sinfonien auch nicht erfunden und einiges von "Papa Haydn" übernommen, ist die "Entführung aus dem Serail" kein Meisterwerk, weil er von Janitscharenmusik "geklaut" hat? Bach hat von seinen französischen Zeitgenossen gelernt, niemand würde ihm aber vorwerfen er hätte nur abgekupfert. Gluck diente als Vorbild für die Opernkomponisten der Klassik und Puccini hat von Verdi UND Wagner gelernt.
stehen drei Komponisten als Plagiatoren heraus: Händel, Vivaldi und Wagner. Allesamt waren sie aber auch originelle Komponisten. Dass Wagner ein mieser Charakter war weil er a) geklaut und b) die diffamiert hat, von denen er geklaut hat, ist eine andere Angelegenheit. Danke besonders für das Aufdröseln der vielfältigen Verbindungen zu Mendelssohn.
Eher komisch "Louis Pasteur": Musik, die keiner mehr kennt? Hebriden Ouverture, Schottische Sinfonie, Lieder ohne Worte??
behauptet nicht einmal Herr Ewert - Glückwunsch zu Ihrer ureigensten Originaltheorie, cmaul
behauptet nicht einmal Herr Ewert - Glückwunsch zu Ihrer ureigensten Originaltheorie, cmaul
... Meyerbeer, viel etwa von dessen Robert, der Teufel im Fliegenden Holländer und im Tannhäuser, aber eben keine wiedererkennbaren Melodien, sondern klangfarbliche Effekte, musikdramatische Zuspitzungen oder die Strategien eines wirkungsvollen musikalischen Timings. Solche Ideenplagiate lassen sich allerdings schwer nachweisen. Und wer kennt heute noch den Teufel im Detail?"
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Es kann in der Tat sehr kompliziert sein, Plagiate nachzuweisen oder eine "leitende Täuschungsabsicht". Bei Wagner könnte sich ein solcher "Gutachter" zudem lächerlich machen.
Wagner berührt.
Seine Musik begann sächsisch, entstand europäisch und in Bayreuth wurde sie deutsch. Dem "dekadenten Theater" seiner Zeit hat er gezeigt, was eine Harke ist.
Seine Musik ist zum Weinen schön.
Er war ein Großer.
behauptet nicht einmal Herr Ewert - Glückwunsch zu Ihrer ureigensten Originaltheorie, cmaul
Es ist schwer, Musik neu zu erfinden. Jeder Musiker ist durch andere geprägt bzw. beeinflusst. Das Debut von Rush anno 1973 ist eine gute Kopie von Led Zeppelin - und dennoch entstand daraus eine der bedeutensten Rockbands dieses Planeten.
Ich finde Wagner über weite Teile sehr stressig. Ich mag eher Mahler. Aber das ist persönliche Vorliebe. Die Ouverture der 'Meistersinger von Nürnberg' ist für mich ganz groß, weil sie mir einfach nur gefällt. Ich unterscheide ungern zwischen "guter" und "schlechter" Musik. Mir gefällt was, oder aber es gefällt mir nicht. Ich weiß, dass in einem Song von Dream Theater mehr Können steckt, als in einem ganzen Album von AC/DC, abe trotzdem mag ich AC/DC.
Ich sehe Wagners Musik als etwas recht Fernes, das jedoch immer Aktualität hat. Als Person mag er strittig sein. Aber hat beeindruckende Klanglandschaften geschaffen. Mit Sicherheit hatte er seine Inspirationsquellen. Wie hätte er ohne auskommen sollen? Wichtig ist, dass er eine eigene Note hinzugefügt hat (und das hat er, indem er Instrumenten mehr Individualität beigemessen hat). Ich muss das nicht zwingend mögen, aber ich ich kann es bemerken.
Und so kann ich als Prog-Rocker und Jazzer auch anerkennen, wenn eine Rihanna einen Song macht, der mir gefällt, ohne dass mein gefühltes Niveau fällt. Musik muss Spaß machen.
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