Wagners Minderwertigkeitskomplex
Aber kann dieses Argument wirklich überzeugen? Das Entscheidende an Sinfonien ist schließlich nicht eine Melodie oder das, was Wagner das Motiv nennt, sondern dessen Verarbeitung.
Wagners eigenem Anspruch nach sollten Sinfonie und Oper im Gesamtkunstwerk des Musikdramas aufgehoben sein – mittels einer gleichsam sinfonischen Motivtechnik. Spezialisten für diese Technik waren Sinfonienkomponisten wie Mendelssohn oder Schumann. Nicht ganz zu Unrecht argwöhnte Wagner, dass diese ihn, den Opernkomponisten, nicht für einen vollgültigen Musiker hielten. Der daraus resultierende Minderwertigkeitskomplex verführte Wagner zu seiner gröbsten Entgleisung: der unseligen Polemik Das Judenthum in der Musik. Der sich zunächst hinter einem Pseudonym verbergende Autor benutzte darin das antisemitische Vorurteil von der mangelnden künstlerischen Originalität der Juden, um jüdische Künstler zu diffamieren. Treffen wollte er damit wohl weniger Meyerbeer, den Erfolgskomponisten der Großen Oper, als vielmehr den führenden Repräsentanten der sinfonischen Leitkultur: den zum Christentum konvertierten Felix Mendelssohn Bartholdy.
Dass Wagner sich zu Mendelssohn irgendwie verhalten musste, liegt auf der Hand, schließlich versuchte er bei aller Fortschrittlichkeit sein Glück auch auf dem Gebiet von Spinnerliedern und Hochzeitsmärschen, mit denen der Komponist der Lieder ohne Worte und des Sommernachtstraums erfolgreich war. Ebenso hellhörig wie hämisch hörte Wagner Mendelssohns Quelle sprudeln, wenn er dessen Namen zu »Händelssohn« verschiebt. Aber es war ein Gespräch über Mendelssohn, in dem Wag- ner selbst einmal ausdrücklich von »den Plagiaten meiner Jugend« sprach. Später präzisierte er die Selbstanalyse noch: »Wie stümperhaft kam ich mir vor als junger Mann, nur vier Jahre jünger als Mendelssohn, der ich erst mühsam anfing Musik zu treiben, während jener schon ein ganz fertiger Musiker war und auch als gesellschaftlicher Mensch die anderen völlig in die Tasche steckte. Ich wusste damals nichts Besseres zu thun, als ihm nachzuahmen, was ich freilich seitdem gründlich verlernt habe.«
Hansjörg Ewert, Jahrgang 1965, lehrt Musikwissenschaft an der Universität Würzburg.
In Wagners Musik lassen sich viele Anklänge an Mendelssohn finden. So erinnert die Todesverkündung im zweiten Akt der Walküre stark an den Beginn der Schottischen Sinfonie. Die gemeinsame Assoziation eines bedeutungsschweren nordischen Tonfalls und der damit verbundenen mythischen Stimmung bindet die beiden Stellen dicht aneinander. Noch mehr als die melodisch-melancholische Reminiszenz aber stechen die analoge Behandlung der musikalischen Figur und ihre Wiederholung hervor. Ein reines Zitat hingegen ist das berühmte Dresdner Amen, das sich in Mendelssohns Reformations-Sinfonie ebenso findet wie bei Wagner im Liebesverbot und im Tannhäuser. Ob Wagner das nun von Mendelssohn kannte oder aus der Kirche, ist dabei nebensächlich. Denn erst das Hineinweben dieses Motivs in die Textur des Parsifal entfaltet die Bedeutung der schönen, aber an sich harmlosen Tonfolge.
Wagners Musik hat jedoch nicht nur motivisch und klanglich von Mendelssohn profitiert, sondern auch strukturell. In dessen chorsinfonischen Werken sind Verfahren vorgeprägt, die Wagner weiter ausarbeiten konn- te. Nicht zuletzt wirkte der religiöse Ton auf sein mythisches Musikverständnis ein. Paradoxerweise jedoch qualifizierte ausgerechnet der Klangflächenvirtuose Wagner den Komponisten der von ihm bewunderten Hebriden-Ouvertüre als musikalischen »Landschaftsmaler« ab. Vielleicht versuchte er damit aber auch – bewusst oder unbewusst –, Spuren des Mendelssohnschen Einflusses auf seine Musik zu verwischen.
Der abtrünnige Wagnerianer Friedrich Nietzsche hat Wagner einmal musikalischen Dilettantismus vorgehalten, und womöglich war es Wagners ureigene Angst, dilettantisch und ein bloßer Epigone zu sein, die ihn dazu trieb, seine Vorbilder immer wieder zu verleugnen und abzuwerten. In der musikalischen Komödie von den Meistersingern arbeitet sich der Komponist an dieser Angst ab. Und es spricht einiges dafür, dass besonders der Komponist des Sommernachtstraums, Felix Mendelssohn Bartholdy, in der meistersingerlichen Johannisnacht sein Wesen treibt.
Am Ende aber ist das Werk Wagners zu vielschichtig, um nach der einfachen Entgegensetzung von Original und Plagiat kategorisiert zu werden. Wer nichts hören will als Wagners Originalität, geht seiner Selbstmythisierung auf den Leim. Wer nur hört, was ihm irgendwie bekannt vorkommt, überhört Wagners originelle Analyse und Auswertung seiner Vorbilder. Wagner aber war unauflösbar beides: Meisterdieb und Originalgenie.











Da haben wir jetzt also wieder mal gelesen, dass Wagner alles aus Werken abgeschrieben hat, die heute kein Mensch mehr kennen würde, wenn man sie nicht gelegentlich in dem Zusammenhang mit der Theorie erwähnen könnte, dass Wagner alles aus ihnen abgeschrieben hat (vielleicht abgesehen von Mendelssohns "Sommernachtstraum")
zwischen Nachahmung der Vorbilder/Lehrer und Abkehr von dieser Nachahmung ist so ziemlich der älteste und zugleich (wenn der Superlativ erkaubt ist) aktuellste Hut der Kunst- und also auch der Musikgeschichte. Wagner hat aus den Anleihen viel gemacht, sehr viel, und einen so ziemlich unvergleichlichen Personalstil entwickelt - sodass von 'alles nur geklaut' längst nicht mehr die Rede sein kann.
Der niederländische Kunsttheoretiker Karel van Mander hat einst (1604) sinngemäß geschrieben, stehlen sei erlaubt, wenn die Suppe nur gut gekocht ist. Entscheidend ist, das etwas Neues entsteht.
Es ist ganz natürlich, daß sich ein Komponist von den Kompositionen anderer "Meister" inspirieren läßt. Mozart hat die Sinfonien auch nicht erfunden und einiges von "Papa Haydn" übernommen, ist die "Entführung aus dem Serail" kein Meisterwerk, weil er von Janitscharenmusik "geklaut" hat? Bach hat von seinen französischen Zeitgenossen gelernt, niemand würde ihm aber vorwerfen er hätte nur abgekupfert. Gluck diente als Vorbild für die Opernkomponisten der Klassik und Puccini hat von Verdi UND Wagner gelernt.
stehen drei Komponisten als Plagiatoren heraus: Händel, Vivaldi und Wagner. Allesamt waren sie aber auch originelle Komponisten. Dass Wagner ein mieser Charakter war weil er a) geklaut und b) die diffamiert hat, von denen er geklaut hat, ist eine andere Angelegenheit. Danke besonders für das Aufdröseln der vielfältigen Verbindungen zu Mendelssohn.
Eher komisch "Louis Pasteur": Musik, die keiner mehr kennt? Hebriden Ouverture, Schottische Sinfonie, Lieder ohne Worte??
behauptet nicht einmal Herr Ewert - Glückwunsch zu Ihrer ureigensten Originaltheorie, cmaul
behauptet nicht einmal Herr Ewert - Glückwunsch zu Ihrer ureigensten Originaltheorie, cmaul
... Meyerbeer, viel etwa von dessen Robert, der Teufel im Fliegenden Holländer und im Tannhäuser, aber eben keine wiedererkennbaren Melodien, sondern klangfarbliche Effekte, musikdramatische Zuspitzungen oder die Strategien eines wirkungsvollen musikalischen Timings. Solche Ideenplagiate lassen sich allerdings schwer nachweisen. Und wer kennt heute noch den Teufel im Detail?"
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Es kann in der Tat sehr kompliziert sein, Plagiate nachzuweisen oder eine "leitende Täuschungsabsicht". Bei Wagner könnte sich ein solcher "Gutachter" zudem lächerlich machen.
Wagner berührt.
Seine Musik begann sächsisch, entstand europäisch und in Bayreuth wurde sie deutsch. Dem "dekadenten Theater" seiner Zeit hat er gezeigt, was eine Harke ist.
Seine Musik ist zum Weinen schön.
Er war ein Großer.
behauptet nicht einmal Herr Ewert - Glückwunsch zu Ihrer ureigensten Originaltheorie, cmaul
Es ist schwer, Musik neu zu erfinden. Jeder Musiker ist durch andere geprägt bzw. beeinflusst. Das Debut von Rush anno 1973 ist eine gute Kopie von Led Zeppelin - und dennoch entstand daraus eine der bedeutensten Rockbands dieses Planeten.
Ich finde Wagner über weite Teile sehr stressig. Ich mag eher Mahler. Aber das ist persönliche Vorliebe. Die Ouverture der 'Meistersinger von Nürnberg' ist für mich ganz groß, weil sie mir einfach nur gefällt. Ich unterscheide ungern zwischen "guter" und "schlechter" Musik. Mir gefällt was, oder aber es gefällt mir nicht. Ich weiß, dass in einem Song von Dream Theater mehr Können steckt, als in einem ganzen Album von AC/DC, abe trotzdem mag ich AC/DC.
Ich sehe Wagners Musik als etwas recht Fernes, das jedoch immer Aktualität hat. Als Person mag er strittig sein. Aber hat beeindruckende Klanglandschaften geschaffen. Mit Sicherheit hatte er seine Inspirationsquellen. Wie hätte er ohne auskommen sollen? Wichtig ist, dass er eine eigene Note hinzugefügt hat (und das hat er, indem er Instrumenten mehr Individualität beigemessen hat). Ich muss das nicht zwingend mögen, aber ich ich kann es bemerken.
Und so kann ich als Prog-Rocker und Jazzer auch anerkennen, wenn eine Rihanna einen Song macht, der mir gefällt, ohne dass mein gefühltes Niveau fällt. Musik muss Spaß machen.
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