Stuttgart, Probebühne. Im riesigen Saal steht ein Podest mit wenigen Requisiten – hier bereitet Peter Konwitschny die Wiederaufnahme seiner »Götterdämmerung« von 2000 vor. Konwitschny, Jahrgang 1945, groß geworden in der DDR, zählt zu den wichtigsten Musiktheater-Regisseuren der Gegenwart und war zuletzt Chefregisseur der Oper Leipzig. Mit Wagner setzte er sich szenisch zum ersten Mal 1995 auseinander. Nun sitzt er neben der Bühne mit Udo Bermbach am Tisch. Bermbach wurde 1938 in Berlin geboren; bis 2001 lehrte er Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Seinem Lebensthema Wagner widmet er sich seit mehr als zwanzig Jahren. Zuletzt erschien sein Buch »Mythos Wagner« (Rowohlt, Berlin 2013).

ZEIT Geschichte: Herr Konwitschny, vor zwölf Jahren wurden Sie hier in Stuttgart für Ihre Götterdämmerung gefeiert. Jetzt nehmen Sie die Inszenierung wieder auf. Ist Wagners Stück unverändert interessant? Ist Ihre Interpretation aktuell geblieben?

Peter Konwitschny: Die Welt hat noch weiter eingeholt, was wir damals auf die Bühne gebracht haben. Die Nornen, die Schicksalsfrauen, sind bei uns unter den Brücken zu Hause. Die Leute, die die Wahrheit sagen, werden immer mehr abgedrängt. Wie das heute mit Europa ist, welches Ausmaß die Finanzkrise hat, darüber wird nicht wirklich gesprochen. Gesprochen wird über kurzfristige Hilfen, nicht über die Axiome, die Grundannahmen.

ZEIT Geschichte: Sie haben also nichts an Ihrer Inszenierung ändern müssen?

Konwitschny: Nein, ich wüsste nicht, was. Man muss Wagner ja auch gar nicht aktualisieren. Als Regisseur muss man ihm einfach nur folgen. Dann sieht man, dass er unsere Probleme schon kannte. Man muss das heute mit anderen theatralischen Mitteln machen. Aber ich brauche nichts dazuzuerfinden, um diese alten Stücke interessant zu machen.

ZEIT Geschichte: Liegt das auch daran, dass Wagners Welt, die Welt des späten 19. Jahrhunderts, unserer heutigen ähnelt?

Udo Bermbach: Entscheidend ist etwas anderes. Wagner hat in seinen Musikdramen Grundmuster menschlicher und politischer Konflikte offengelegt. Und die ähneln sich unabhängig von der jeweiligen konkreten Form, die Herrschaft und Gesellschaft annehmen. Tatsächlich gibt es ja kein politisches Modell, das nicht in irgendeiner Weise auf die Grundkonflikte zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Liebe und Macht, zwischen Herrschaft und Humanität zusteuern würde.

ZEIT Geschichte: Eine ziemlich hoffnungslose Weltsicht...

Bermbach: Man kann es doch im Kleinen wunderbar beobachten. Schauen Sie sich nur die Geschichte der Grünen an, die angefangen haben mit der Idee der Graswurzeldemokratie, mit der Vorstellung, man könne herrschaftsfreie Räume schaffen. Dann wurden die Grünen Teil des politischen Establishments und gerieten in einen tiefen inneren Konflikt. Eine wagnersche Geschichte! Besonders deutlich ist das Politische natürlich im Ring des Nibelungen. Aber auch in seinen anderen Dramen werden diese Konflikte immer wieder durchgespielt. Es gibt keinen anderen Komponisten in seiner Zeit, der das in dieser Weise getan hat.

ZEIT Geschichte: Aber sind es wirklich nur diese Grundmuster, die Wagners Werk so »heutig« machen? Gibt es nicht auch konkrete Parallelen? Schließlich erlebten viele Menschen schon zu Wagners Zeit die moderne Welt als Zumutung: als unübersichtlich, unerträglich beschleunigt und entfremdet...

Bermbach: Wagner verpackt diese Erfahrung nicht umsonst in mythische Stoffe. Der Mythos, hat Wagner einmal geschrieben, ist zeitlos und immer wahr. Er wollte ja eben keine Historienoper schaffen, wie es die Komponisten der sogenannten Grand Opéra zu seiner Zeit taten. Ihm ging es ums Grundsätzliche.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

ZEIT Geschichte: Allerdings griff er nur auf ganz bestimmte Mythen zurück – die germanischen.

Bermbach: Der germanische Mythos, wie er im frühen 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, meint aber nicht einfach nur Germanien. So wie der griechische Mythos nicht nur Griechenland meinte. Die antiken Mythen jedoch waren zu Wagners Zeit bereits »vernutzt«. Er suchte daher nach neuen Stoffen, wobei es seine große Kunst war, aus Figuren wie Wotan komplexe Charaktere zu erschaffen. So zeigt er den Göttervater einerseits als Machtpolitiker, als eine Art Robespierre, aber er hat bei Wagner auch eine väterliche, weiche Seite. Wagners Figuren sind immer komplex und ambivalent. Oft leiden sie an Konflikten, die sie selbst produzieren. Das macht sie bis heute so interessant.