Wagner wusste immer genau, was gut für ihn war und was ihn inspirierte, und so war das Hotel Schweizerhof in Luzern ein idealer Ort. Der Blick aus dem Fenster auf den Vierwaldstätter See beruhigte sein nervöses Gemüt; hier vollendete er am 6. August 1859 seine Oper Tristan und Isolde. Hinter ihm lagen strapaziöse Wochen, Monate, Jahre. Seit 1849, seit den Dresdner Revolutionstagen, wurde er steckbrieflich gesucht. Er hatte in der Schweiz gelebt, dann in Venedig. Von dort aus war er nun abermals unter abenteuerlichen Bedingungen geflohen.

In der Schweiz, seinem alten und neuen Refugium, schwor er aber nicht nur auf den Luxus der Neutralität: Nie konnte es ihm üppig genug sein. Das Hotel Schweizerhof ist bis heute ein nobles Etablissement. Prunk, aber diskret. In den breiten Betten konnte er träumen, ewig träumen. Seine Frau Minna hatte er nach Dresden geschickt, er musste klare Gedanken fassen und vor allem: den Tristan zu Ende komponieren.

Den hatte er zwei Jahre zuvor in der Schweiz begonnen – eine künstlerische Verklärung seiner Liebschaft zu Mathilde Wesendonck, mit der Wagner die zaghafte, doch amüsierwillige helvetische Gesellschaft unterhalten hatte. Die Beziehung war typisch für Wagners frivolen Sachverstand: Die Frau war die Gemahlin seines Gönners Otto Wesendonck, betete ihn aber so offensichtlich an, dass Wagner in ihr die ideale Muse erblickte – fügsam, hemmungslos parteiisch, gut aussehend, bereit für Grenzübertritte.

Sündigen war Wagners Spezialität, von den Zehn Geboten brach er alle bis auf das Verbot zu morden regelmäßig, und je näher sich der Ehemann der Verehrten aufhielt, desto animierender für Wagner. In diesem Rausch, den ein Ehebruch als Nebenenergie erzeugte, kam Wagner auch künstlerisch in Fahrt.

Als die Causa im April 1858 aufflog und wenig später allseits einvernehmlich zu den Akten gelegt wurde, brauchte es keine drei Monate, bis Wagner das nächste ahnungslose Pärchen zuflog: Hans und Cosima von Bülow – er aufstrebender Dirigent, sie die uneheliche Tochter des Komponisten Franz Liszt. Beide schwärmten für Wagner wie glühende Novizen. Für Wagner war dies wieder einmal eine ideale Situation: Bülow konnte seine Werke dirigieren, Cosima ihn verwöhnen, vorerst heimlich. Wie Wagner später schrieb, legten die beiden auf einer Kutschfahrt im November 1863 in Berlin ein Gelübde ab: "Unter Tränen und Schluchzen besiegelten wir das Bekenntnis, uns einzig gegenseitig anzugehören."

Unverhohlen sprach er von seiner Rolle als Messias

Diese zwei Kurzbesuche in Richard Wagners erotischem Gewächshaus zeigen die ganze Unverfrorenheit und libidinöse Schaffensenergie dieses durchgeknallten und einzigartigen Mannes. Wer ihm begegnete, erschrak und wunderte sich – wie kindisch er sich benahm; wie pompös und monomanisch er Gesellschaften unterhielt; wie unverhohlen er von seiner Rolle als Messias sprach; wie er im Plüsch schwelgte; wie er mit wenigen Akkorden am Klavier eine unheimliche Eindringlichkeit erzeugte; wie er auf Kaiser und Könige einredete und sich benahm wie ein unerzogenes Kind; wie er von jetzt auf gleich in Weinkrämpfe fiel und im nächsten Momente vor Freude Luftsprünge vollführte; wie er edelste Gemüter ungeniert um Geld anpumpte.

Das Genialische zeigte sich seinen Bewunderern auch darin, wie Wagner alles, was ihm widerfuhr, sogleich zur Kunst überhöhte. So trägt nicht nur der Tristan unverkennbar autobiografische Züge. Durch den Liebestod am Ende heiligt Wagner in gleich mehreren seiner Musikdramen die irdische Verzückung, das allzu menschliche Leiden. Zurück bleibt – in der Oper – der gefasste Dritte, dem Isolde als Braut und Tristan als Vertrauter verloren gehen: König Marke. Den Liebenden wird vergeben. Aber auch im wirklichen Leben konnte kein Marke lange böse sein auf Wagner. Sogar Wesendonck begriff mit einem resignierten Lächeln: Der Mann kann nicht anders; er braucht das.