Ich liebe Wagner
Denn seine Musik ist wie ein gewaltiger, alles mitreißender Strom

Die Musik Richard Wagners entdeckte ich als junger Musikstudent. Ich hatte eine Sängerin bei Opernproben am Klavier zu begleiten, und so vertiefte ich mich in die Klavierauszüge des Rings. War ich nach diesen Proben dann allein, konnte ich mich von der Musik nicht mehr trennen. Also spielte ich weiter Klavier und sang zu meiner eigenen Begleitung. Wagners Musik verlangt dieses Mitsingen oder Mitsummen geradezu, obwohl sie nicht aus einprägsamen Melodien oder Rhythmen besteht. Denn sie will etwas ganz anderes sein als eine Folge gepflegter oder raffinierter Harmonien.

Wie ein sich langsam anschleichender, gewaltiger, alles mitreißender und nicht aufhörender Strom besetzte Wagners Musik meinen Körper, lud ihn mit diesem Strömen auf und trieb ihn ins Freie, sodass ich sie noch zu hören glaubte, als ich den Frankfurter Probenraum in der Hochschule am frühen Abend längst verlassen hatte.

Der Vorfrühling draußen mit seinen regennassen Straßen und dem lauwarmen Wind, der einen durch die fahlen Alleen schob, passte ideal dazu. Die Natur erschien wie von Wagner komponiert: säuselnd, summend, sich biegend, aufschäumend, verebbend – weiche, nachgiebige Materie, voll flutender Energie. Selbst der Straßenverkehr reihte sich in Wagners Musik ein: ein gleitender Autostrom, sanfte, rotierende Bewegung, rote Scheinwerferlinien in Sinuskurven. So bestanden die Dinge nicht mehr einzeln, für sich, sondern waren integriert in einen wallenden übergeordneten Klang, dem ich wie eine kleine, schwankende Figur ausgesetzt war.

Ganz ähnlich ergeht es ja auch Wagners Figuren in seinen Opern. Im Grunde tragen sie vor allem die Musik, sind Klangzustände von vielen Minuten. Dass Wagner ihnen dennoch einen Text verschrieben hat, weil sie nun einmal in einer Geschichte auftreten müssen, empfand ich lange als Zumutung. Was hatten Wagners Figuren mit Texten zu tun? Und waren diese Texte, die den übergeordneten Klangzuständen beinahe devot unterlegt waren, nicht unendlich peinlich?

»Winterstürme wichen dem Wonnemond...« – mit solchen Vorfrühlingstexten hatte Wagner sich in der Walküre beholfen und sie seinem Siegmund offeriert, damit er strömen und singen konnte, vollkommen betört und verzaubert von Natur-Atmosphären, die etwas anderes waren als der bekannte liebliche Vorfrühlingskoller. Denn »Winterstürme wichen dem Wonnemond...« macht aus der Natur ein flirrendes und auch unheimliches Medium der Entrückung und der Ekstase. Weite, Unendlichkeit – das waren die geheimen Ziele, auf die eine solche Musik hinarbeitet, und genau deshalb war sie die erste Musik, die von vornherein als reine Droge gedacht war. Wenn man sie einnahm, wirkte sie so, dass die gestammelten Zeilen von »Winterstürme wichen dem Wonnemond...« der passende Halb-Unsinn zur Musik waren, ein Drogenlallen, ein Rausch.

So gesehen, war es nur konsequent, dass Wagner sich nie um einen Librettisten bemühte, sondern das Libretto für seine Opern gleich selber schrieb. Die Libretti bestehen daher aus halbgarer, brodelnder, köchelnder Sprache, die wie ein Gemenge großer Blasen in Musik aufgehen soll. Man sollte das Experiment wagen und Wagners Musik andere Texte unterlegen, Texte von heute, frei erfundenes, an der Grenze zum Unsinn lauerndes Wortkauderwelsch; ich bin überzeugt, das Experiment würde gelingen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Am Frankfurter Hauptbahnhof stieg ich damals nach der Probe in einen Regionalzug nach Mainz und setzte mich irgendwohin. Doch es war ja Vorfrühling, und ich hatte bereits eine gewaltige Dosis Wagner in mir. Also stand ich rasch wieder auf und lief durch den Zug, riss hier und da ein Fenster herunter, steckte den Kopf in den Fahrtwind und sang (noch verhalten und nur für mich) mein »Winterstürme wichen dem Wonnemond«. Es hatte etwas von Raserei, aber ich konnte nicht damit aufhören, so sehr steckte ich nun drin in diesem Wehen und Weben.

In Mainz ging es rasch hinaus aus dem Zug und sofort in die Altstadt. All diese geduckten Fachwerkhäuschen und der sandsteinfarbene Dom und die Weinstuben mit ihren schimmernden Butzenscheibchen – hatte es mich plötzlich mitten in die Meistersinger (»das Blut, es wallt mit Allgewalt«) verschlagen? Und hatte mein Feuer nicht etwas vom Sangesfeuer Walther von Stolzings, der sich in den Meistersingern als Genie des Gesangs gegen die regelbesessenen Meistersinger mühelos behauptet?

Ich kehrte irgendwo ein, und da waren die Freunde, und da gab es den guten Rheingauer Wein. Wein mit Wagner in Verbindung zu bringen – das war die ultimative Überdosis, die mich in der kleinen Weinstube direkt am Rhein an ein verstimmtes Klavier trieb, um dort weiterzumachen, wo ich in der Frankfurter Hochschule aufgehört hatte. Nach kaum fünf Minuten standen die Mainzer Zecher auf Stühlen und Bänken und wiederholten: »in milden Lüften leuchtet der Lenz«. Und nach kaum einer Stunde war der orgiastische Kreis nicht mehr zu halten, und wir zogen hinaus auf die Gassen, und ich hatte endlich den großen Chor, den ich brauchte, um mitten in der nächtlichen Mainzer Altstadt Walthers Traumlied anzustimmen: »Nächtlich umdämmert der Blick sich mir bricht...«

Die Türen vieler Weinstuben öffneten sich, und die Trinker strömten nach draußen, ins Freie. Der Verkehr kam zum Erliegen, und am Ende mündete mein Singen im mitsummenden Chor: »Dein Sang erwarb dir Meisterpreis!« Eigentlich hätte zum Lohn (so wie in den Meistersingern) nun ein Evchen an meine Seite gehört (»Keiner wie du so hold zu werben weiß« – mitsamt Kuss, Meisterurkunde und Ehevertrag), aber damals, in den siebziger Jahren, gab es solche Evchen nicht mehr.

Heute dagegen träume ich in unruhigen Vorfrühlingsnächten manchmal von Katharina Wagner. Sie liegt einsam auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, und ein Feuer umlodert sie. Schon lange wartet sie auf den Helden, der diesem Feuer trotzt und ein Wagnersches Werbungslied anstimmt. Ich stehe unten, am Fuß des Hügels, und blicke hinauf. Ich kenne meine Aufgabe, und die ist nicht leicht: Ein Wagnersches Werbungslied, ganz aus heutigem Text! Ich summe, ich taste mich vor, ich eile ans Klavier und mache mich an die Arbeit. Es-Dur, reines Werben und Weben: »Keine wie du...« Katharina lauscht und hebt den Kopf. Dann mache ich mich auf den Weg, den Grünen Hügel hinauf, mitten durch die lodernden Flammen.

Hanns-Josef Ortheil