Pro und Contra: Ich liebe Wagner / Ich nicht
Im Jubiläumsjahr wird lauter als sonst über Bayreuth diskutiert. Hanns-Josef Ortheil lässt sich gern mitreißen, Rolf Schneider hingegen hält nichts vom Wagner-Wahn.
© dpa/Courtesy Everett Collection

Richard Wagner in einer historischen Darstellung
Ich liebe Wagner
Denn seine Musik ist wie ein gewaltiger, alles mitreißender Strom
Die Musik Richard Wagners entdeckte ich als junger Musikstudent. Ich hatte eine Sängerin bei Opernproben am Klavier zu begleiten, und so vertiefte ich mich in die Klavierauszüge des Rings. War ich nach diesen Proben dann allein, konnte ich mich von der Musik nicht mehr trennen. Also spielte ich weiter Klavier und sang zu meiner eigenen Begleitung. Wagners Musik verlangt dieses Mitsingen oder Mitsummen geradezu, obwohl sie nicht aus einprägsamen Melodien oder Rhythmen besteht. Denn sie will etwas ganz anderes sein als eine Folge gepflegter oder raffinierter Harmonien.
Wie ein sich langsam anschleichender, gewaltiger, alles mitreißender und nicht aufhörender Strom besetzte Wagners Musik meinen Körper, lud ihn mit diesem Strömen auf und trieb ihn ins Freie, sodass ich sie noch zu hören glaubte, als ich den Frankfurter Probenraum in der Hochschule am frühen Abend längst verlassen hatte.
Der Vorfrühling draußen mit seinen regennassen Straßen und dem lauwarmen Wind, der einen durch die fahlen Alleen schob, passte ideal dazu. Die Natur erschien wie von Wagner komponiert: säuselnd, summend, sich biegend, aufschäumend, verebbend – weiche, nachgiebige Materie, voll flutender Energie. Selbst der Straßenverkehr reihte sich in Wagners Musik ein: ein gleitender Autostrom, sanfte, rotierende Bewegung, rote Scheinwerferlinien in Sinuskurven. So bestanden die Dinge nicht mehr einzeln, für sich, sondern waren integriert in einen wallenden übergeordneten Klang, dem ich wie eine kleine, schwankende Figur ausgesetzt war.
1951 in Köln geboren, ist Schriftsteller und Pianist und lehrt Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Er hat unter anderem Das Glück der Musik geschrieben.
Ganz ähnlich ergeht es ja auch Wagners Figuren in seinen Opern. Im Grunde tragen sie vor allem die Musik, sind Klangzustände von vielen Minuten. Dass Wagner ihnen dennoch einen Text verschrieben hat, weil sie nun einmal in einer Geschichte auftreten müssen, empfand ich lange als Zumutung. Was hatten Wagners Figuren mit Texten zu tun? Und waren diese Texte, die den übergeordneten Klangzuständen beinahe devot unterlegt waren, nicht unendlich peinlich?
»Winterstürme wichen dem Wonnemond...« – mit solchen Vorfrühlingstexten hatte Wagner sich in der Walküre beholfen und sie seinem Siegmund offeriert, damit er strömen und singen konnte, vollkommen betört und verzaubert von Natur-Atmosphären, die etwas anderes waren als der bekannte liebliche Vorfrühlingskoller. Denn »Winterstürme wichen dem Wonnemond...« macht aus der Natur ein flirrendes und auch unheimliches Medium der Entrückung und der Ekstase. Weite, Unendlichkeit – das waren die geheimen Ziele, auf die eine solche Musik hinarbeitet, und genau deshalb war sie die erste Musik, die von vornherein als reine Droge gedacht war. Wenn man sie einnahm, wirkte sie so, dass die gestammelten Zeilen von »Winterstürme wichen dem Wonnemond...« der passende Halb-Unsinn zur Musik waren, ein Drogenlallen, ein Rausch.
So gesehen, war es nur konsequent, dass Wagner sich nie um einen Librettisten bemühte, sondern das Libretto für seine Opern gleich selber schrieb. Die Libretti bestehen daher aus halbgarer, brodelnder, köchelnder Sprache, die wie ein Gemenge großer Blasen in Musik aufgehen soll. Man sollte das Experiment wagen und Wagners Musik andere Texte unterlegen, Texte von heute, frei erfundenes, an der Grenze zum Unsinn lauerndes Wortkauderwelsch; ich bin überzeugt, das Experiment würde gelingen.
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.
Am Frankfurter Hauptbahnhof stieg ich damals nach der Probe in einen Regionalzug nach Mainz und setzte mich irgendwohin. Doch es war ja Vorfrühling, und ich hatte bereits eine gewaltige Dosis Wagner in mir. Also stand ich rasch wieder auf und lief durch den Zug, riss hier und da ein Fenster herunter, steckte den Kopf in den Fahrtwind und sang (noch verhalten und nur für mich) mein »Winterstürme wichen dem Wonnemond«. Es hatte etwas von Raserei, aber ich konnte nicht damit aufhören, so sehr steckte ich nun drin in diesem Wehen und Weben.
In Mainz ging es rasch hinaus aus dem Zug und sofort in die Altstadt. All diese geduckten Fachwerkhäuschen und der sandsteinfarbene Dom und die Weinstuben mit ihren schimmernden Butzenscheibchen – hatte es mich plötzlich mitten in die Meistersinger (»das Blut, es wallt mit Allgewalt«) verschlagen? Und hatte mein Feuer nicht etwas vom Sangesfeuer Walther von Stolzings, der sich in den Meistersingern als Genie des Gesangs gegen die regelbesessenen Meistersinger mühelos behauptet?
Ich kehrte irgendwo ein, und da waren die Freunde, und da gab es den guten Rheingauer Wein. Wein mit Wagner in Verbindung zu bringen – das war die ultimative Überdosis, die mich in der kleinen Weinstube direkt am Rhein an ein verstimmtes Klavier trieb, um dort weiterzumachen, wo ich in der Frankfurter Hochschule aufgehört hatte. Nach kaum fünf Minuten standen die Mainzer Zecher auf Stühlen und Bänken und wiederholten: »in milden Lüften leuchtet der Lenz«. Und nach kaum einer Stunde war der orgiastische Kreis nicht mehr zu halten, und wir zogen hinaus auf die Gassen, und ich hatte endlich den großen Chor, den ich brauchte, um mitten in der nächtlichen Mainzer Altstadt Walthers Traumlied anzustimmen: »Nächtlich umdämmert der Blick sich mir bricht...«
Die Türen vieler Weinstuben öffneten sich, und die Trinker strömten nach draußen, ins Freie. Der Verkehr kam zum Erliegen, und am Ende mündete mein Singen im mitsummenden Chor: »Dein Sang erwarb dir Meisterpreis!« Eigentlich hätte zum Lohn (so wie in den Meistersingern) nun ein Evchen an meine Seite gehört (»Keiner wie du so hold zu werben weiß« – mitsamt Kuss, Meisterurkunde und Ehevertrag), aber damals, in den siebziger Jahren, gab es solche Evchen nicht mehr.
Heute dagegen träume ich in unruhigen Vorfrühlingsnächten manchmal von Katharina Wagner. Sie liegt einsam auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, und ein Feuer umlodert sie. Schon lange wartet sie auf den Helden, der diesem Feuer trotzt und ein Wagnersches Werbungslied anstimmt. Ich stehe unten, am Fuß des Hügels, und blicke hinauf. Ich kenne meine Aufgabe, und die ist nicht leicht: Ein Wagnersches Werbungslied, ganz aus heutigem Text! Ich summe, ich taste mich vor, ich eile ans Klavier und mache mich an die Arbeit. Es-Dur, reines Werben und Weben: »Keine wie du...« Katharina lauscht und hebt den Kopf. Dann mache ich mich auf den Weg, den Grünen Hügel hinauf, mitten durch die lodernden Flammen.
Hanns-Josef Ortheil








J.E. Behrendt hat in seinem Buch "Das Dritte Ohr" die Vernunft als Hörvorgang beschrieben, kommt es etymologisch doch von Vernehmen.
Und nicht vergessen: Die Quelle der Musik ist der Schmerz.
(Ali fiel vom Kamel und fing an, vor Schmerzen zu singen.)
Welcher Schmerz hat Wagner beflügelt? Gibt es da Literatur?
Ich bin kein Wagnerianer und auch kein Wagnerfeind, aber ich liebe Musik. Und ich muss sagen, manche Stücke sind atemberaubend und aussergewöhnlich, selbst nach Jahren noch. Ich habe mehrere "Opern" live erlebt. Geniessen kann ich aber nur einzelne Stücke, bemerkenswert finde ich den "Ring ohne Worte" eine nahtlose Bearbeitung des Ringes ohne Gesang. Ich finde Wagners Musik vielseitig, sie kann sehr sensibel und lieblich sein und auch gewaltig. Die Gesamtwerke sind mir zu aufwendig und zu viel. Es gibt einzelne Stücke oder nur Abschnitte von Stücken, wie die ersten 3 minuten des Rienzi Vorspieles, die einzigartig sind und die ich nicht missen möchte.
1. Libretti. Richard Wagner machte das selbst, weil er keinen Librettisten sah; in den Dresdner Jahren bis 1849 hörte er bestimmt von den Opern seines Zeitgenossen Albert Lortzing, der wie er 1848/49 auf den Barrikaden stand: Zar und Zimmermann (Leipzig 1837),Hans Sachs (Leipzig 1840),Casanova (Leipzig 1841),Der Wildschütz (Leipzig 1842),Undine (Magdeburg 1845),Der Waffenschmied (Wien 1846). Noch Fragen?
2. Musik. Die Ohren seiner Zeitgenossen waren an solche Spielopern und italienischen Belcanto gewohnt; diese Art von Melodik bedingt einen musikalischen Satz, der Nachsingen ohne Orchester zuläßt(Papagenos Auftritt in der "Zauberflöte"). Bis "Tannhäuser"(O du mein holder Abendstern") funktioniert das partiell auch bei Wagner. Dann entwickelte er aber einen musikalischen Satz, der das Nachsingen nicht zuläßt, sondern in dem die Oberstimme nicht mehr vom harmonischen Unterbau zu trennen ist: die Oberstimme allein der "Tristan"-Anfangstakte ist gar nichts, der orchestrale Anfang aber weltberühmt. Aber nachsingen? Nee. Wagner schuf eine neue Qualität des musikalischen Satzes; wer da fehlende Melodienseligkeit zum Nachpfeifen bemäkelt, hat nichts verstanden. Solche Missverständnisse sind nicht die einzige Tragik der Wagner-Rezeption.
ich habe letzte woche meine erste wagner oper gesehen. nach dem die ZEIT das zum dauerthema gemacht hat, wollte ich wissen was dran ist.
die oper war irgendwie magisch und hat mich zum nachdenken gebracht. irgendwas war faszinierend und geheimnisvoll... aber ich kann nicht beschreiben was. die musik war nicht wie in anderen opern melodisch, eher wie musik die einen dramatischen film begleitet. so fantasy-film mäßig, was ich sehr mag. aber streckenweise auch langweilig und ermüdend.
viell. hätte ich aber eine andere meinung gehabt, wenn die musik nicht ständig als rauschhaft beschrieben wird und geschichtlich nicht so belastet wäre. dadurch ist man ja automatisch leider voreingenommen. schade eigentlich.
trotzdem werde ich mir noch eine weitere oper anschauen.
mein freund wohl eher nicht, der meinte er müsse beim hören immer ans dritte reich denken.. ich denke die meisten leute kriegen das wie er nicht raus aus dem kopf.
trotzdem würde mich interessieren, was diese musik eigentlich so "rauschhaft" macht, dass sie von den hörern als Droge bezeichnet wird, von der man nicht loskommt.
die zeit-artikel wiederholen das ja immer wieder.
also warum wirkt sie so wie sie wirkt? sind es die geschichten selbst oder die art der musik? ich meine bei beethoven oder mozart sagt doch auch niemand, das seie eine droge und man würde sich berauschen lassen. wieso hat wagner so fanatische fans, das gibt es bei anderen komponisten nicht oder?
vielleicht kann das jemand beantworten, ich würde mich sehr freuen :)
Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk
Oh doch, der Verstand unterdrückt die Gefühle, wie die Gefühle den Verstand unterdrücken. Im Idealfall arbeiten die beiden Hand in Hand (oder Kopf in Bauch?). Mann muss sich um ein Gleichgewicht zwischen beiden, wenn möglich eine Einigung bemühen.
Gedanken ohne Gefühle sind kalt, Gefühle ohne Gedanken sind leer
oder so ähnlich.
Erinnert sich jemand daran, wie das Zitat eigentlich lautet? ...
Sergeant
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