NudismusIm Lichtkleid zum Lebensglück

Die Freikörperkultur war der radikalste Ausdruck lebensreformerischer Zivilisationskritik im Kaiserreich. Ihre Vorgeschichte begann schon im Zeitalter der Aufklärung. von Jürgen Overhoff

In keiner anderen Epoche hat sich das deutsche Bürgertum so zugeknöpft gegeben wie in den moralisch rigiden, prüden Jahrzehnten des wilhelminischen Kaiserreichs: Sittenstreng war die Mode, nüchtern und hochgeschlossen.

Die Herren trugen Überröcke und steife Kragen und deckten ihre Gesichter mit Bärten zu. Die Damen zwängten sich ins Korsett und versetzten ihre langen Röcke mit Stahl und Fischbein in anständige Starre. Einheitlich und meist dunkel waren die bürgerlichen Anzüge, die auch den Geschmack anderer Schichten beeinflussten. Und doch entdeckte eine erstaunliche Anzahl von Deutschen seit Mitte der 1890er Jahre, auf dem Höhepunkt dieser lustfeindlichen Uniformierung, den Reiz der Nacktheit.

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Auf einmal fanden viele Erholungssuchende ein "Luftbad" oder ein Bad im See mit vollständig entblößtem Leib wohltuender als mit den üblichen Badetrikotagen, die den Körper weitgehend verhüllten. Das erste deutsche Nacktbaderesort wurde bereits 1903 eröffnet, bei Klingberg in der Lübecker Bucht.

Nicht einmal zehn Jahre später gab es bereits 380 solcher Areale für Nackte. Schriften, die das Nacktsein in hymnischen Tönen priesen – wie Heinrich Pudors 1893 erschienene Aphorismensammlung Nackende Menschen. Jauchzen der Zukunft –, avancierten zu Bestsellern. Die einschlägigen Bücher des völkischen Schriftstellers Richard Ungewitter, der sich 1903 mit dem Essay Wieder nackt gewordene Menschen hervortat, dem er sechs Jahre später die kritische Studie Nackt folgen ließ, erreichten sogar eine Gesamtauflage von mehr als 300.000 Exemplaren.

Allein als spontane Reaktion auf die als beengend empfundene Kleiderordnung lässt sich dies kaum deuten. Denn um ein größeres Maß an Bewegungsfreiheit zu erlangen, mussten sich die Deutschen nicht zwangsläufig ganz entkleiden. Röcke oder Hosen, Mäntel und auch die Unterwäsche konnten ja auch luftig und leicht geschneidert werden.

Und tatsächlich fanden solche Forderungen nach einer ungezwungenen, lässigen Kleidung viel Zuspruch: Der Hygieniker Max Rubner warb 1892 für eine weiche Unterbekleidung nur aus Wolle und Baumwolle. 1896 wurde in Berlin der Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung gegründet, um Mieder und Korsett den Kampf anzusagen. Kleider wurden bequemer, und seit der Jahrhundertwende trug man auch vermehrt weit geschnittene Schuhe. Woher rührte dann der mitunter missionarische Drang, trotz sichtbarer Fortschritte alle Hüllen fallen zu lassen? Was machte die gemeinschaftlich genossene Nacktheit, die "Freikörperkultur", für eine wachsende Schar von Anhängern so attraktiv?

Der Autor

Jürgen Overhoff, Jahrgang 1967, lehrt an den Universitäten Hamburg und Münster Historische Pädagogik und Neuere Geschichte

Offenkundig ging es um mehr als nur Bequemlichkeit und Gesundheit. Denn mit dem vollständigen Verzicht auf Bekleidung verbanden die Nudisten oder Naturisten, wie man die Befürworter der Nacktkultur jetzt auch nannte, eine radikale Protesthaltung. Kleider symbolisierten die Konventionen der Gesellschaft. Wer sich von den Zwängen der modernen Zivilisation also umfassend und vollständig lossagen wollte, der musste sich nicht nur umziehen, sondern ausziehen – und zwar ganz.

So finden sich im Nudisten-Schrifttum denn auch zahlreiche Polemiken gegen die Lebensweise der scheinbar so "gesitteten Bürger" des Kaiserreichs, in denen diese als "behoste Spießer" verhöhnt wurden. Den heuchlerischen Moralvorstellungen dieser überzivilisierten "Kleidermenschen" setzten die Nudisten das Ideal einer lebendigen, vitalen und reinen Nacktheit entgegen. In teils nostalgischen, teils utopistischen Formulierungen erhoben sie dabei die Nacktheit zum Ausdruck einer ästhetisch-sentimentalen Hinwendung zu einem naturnahen Leben – einem Leben abseits der Städte, fern der Hässlichkeit und den Zumutungen der modernen Welt.

Diese kraftvolle, vom energischen Protest gegen die Moderne getragene Naturbeschwörung gründete allerdings nicht allein auf dem Unbehagen an der wilhelminischen Gesellschaft, sondern hat eine lange Vorgeschichte. Sie reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert, als die mit einer radikalen Zivilisationskritik gepaarte Naturverherrlichung erstmals – und in kaum zu steigernder Form – artikuliert wurde: von dem Aufklärer und Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Dieses Ursprungs ihrer eigenen Lebensreformbemühungen waren sich die Nudisten der wilhelminischen Ära durchaus bewusst. Doch was genau hatte Rousseau seinen Epigonen mit auf den Weg gegeben?

ZEIT Geschichte 2/2013
ZEIT Geschichte 2/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Im Discours sur les sciences et les arts (der Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste) – seiner berühmten Antwort auf die 1749 von der Akademie von Dijon formulierte Preisfrage, "ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe" – hatte Rousseau wortreich und voller Pathos einen in ganz Europa festzustellenden Niedergang von Ehrbarkeit und Tugend beklagt. Dabei war es ihm gelungen, das naive, freie und tugendhafte Dasein von Völkern, die von den entzaubernden und sittenverderbenden Auswüchsen der wissenschafts- und technikversessenen Moderne verschont waren, in so eingängiger Weise zu schildern, dass er bei seinen Lesern eine tiefe Sehnsucht nach dem "natürlichen Menschen" weckte.

Als Urbild dieses Naturmenschen figurierte bei Rousseau der nordamerikanische Indianer, den er dem Sprachgebrauch seiner Zeit gemäß als "Wilden" bezeichnete, aber wegen der ihm noch nicht abhanden gekommenen "ursprünglichen Freiheit und Tugend" beneidete. Die Irokesen-Völker seien "glücklichere Nationen" als die wissenschaftlich und technisch versierten europäischen Kulturnationen, schrieb Rousseau – und ließ seine Leser wissen, dass die von der Jagd lebenden amerikanischen Ureinwohner "ganz nackend einhergehen". Der wahrhaft zufriedene und redliche Mensch, lautete Rousseaus frappierende Botschaft, war unzivilisiert und unbekleidet.

Leserkommentare
  1. Vielleicht bedurfte es schlicht dieses einstmals betriebenen "quasi-reformatorischen Eifers", um uns heute unbefangener mit der Nacktheit des Menschen umgehen zu lassen. (Obwohl da imho noch eine ganze Menge "Luft nach oben" ist.)
    Um extrem einengende Geisteshaltungen zu "knacken", benötigt man häufig eine nicht minder extreme Gegenkraft. Wenn sich beide Kräfte anschließend in einem gesunden Gleichgewicht auflösen, ist es gut.

    3 Leserempfehlungen
  2. warum die Menschen so eine verkrampfte Haltung zu dem Zustand haben in dem sie geboren wurden. Wahrscheinlich liegt es daran, weil ich mit FKK aufgewachsen bin.

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  3. Nichts ist langweiliger als ein nackter Mensch und ein Geschenk ohne Verpackung.

    4 Leserempfehlungen
  4. Der letzte Absatz spricht von einer quasi glücklichen Auflösung aller Verklemmtheiten mit dem Nacktsein in der Gegenwart.
    Ist das wirklich die ganze Realität?

    Guter Artikel über die Historie. Eine offenbar "gesonderte Entwicklung" in der DDR könnte tiefer beleuchtet werden.
    These: die beschriebenen klassischen Ansätze der Lebensreformer haben hier länger (nach-)gewirkt.
    Im Westen gab es die Adenauer-Restauration, die 68iger mit all ihren "Revolutionen", und die Porno- und Werbeindustrie mit ihrer Bilderflut. Was hier wie kausal verknüpft sei, bleibe mal dahingestellt.

    Empfundenermaßen waren die, die "effi" badeten, bis vor 20 Jahren an jedem Baggersee im Osten die Mehrheitskultur.
    Das scheint systematisch abzuschmelzen, heute sind da quasi die Alten die Fossilien in der Sache. Die Jugend badet textil. Zwar schrillbunt, aber bedeckt.
    Parallel dazu die Mode der Schamhaarentfernung. Die scheint aber eher mit einer Bedeckung am Badestrand einherzugehen.

    Und der muslimische Teil der zugewanderten Bevölkerung? Das geht ja wohl garnicht, aus vielerlei Gründen......

    Es wäre interessant, all diese Tendenzen mal zusammen auf einen Zeitstrahl zu setzen.

  5. In den Niederlanden Urlaub machend, sind wir an einen Strand gelandet, wo der textile und der FKK Strand direkt neben einander lagen. Und wie selbstverständlich, gingen am direkten Meerufer beide Gruppen durcheinander entlang.
    Es meckerte keiner und die kleinsten waren so wie sie es am schönsten finden. Das war der schönste Strandurlaub, den wir nach langer Zeit hatten.
    (an vielen Stränden in den USA darf man den Kleinkindern nicht öffentlich die Windel wechseln, das gibt eine hohe Geldstrafe, wenn nicht sogar Gefängnis)
    Warum muss über solch schöne Dinge nicht mal unverkrampft geredet werden. Ich mag mich z.B.s. nicht öffentlich nackt ausziehen, aber wenn alle um mich herum das tun wollen und mir meinen Badeanzug lassen, ist doch alles gut. Das in das frühe Nacktbaden, schon wieder so viel hineinprojktiert wird, oder in die Nacktkultur der DDR, finde ich allerdings seltsam.

    2 Leserempfehlungen
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    ...wenn die Leute sich aufregen, dass es getrennte Strände gibt.
    Ich finde es nicht normal, das sich Leute darüber aufregen, wenn ein Kind am Strand gewickelt werden muss.
    Und was ich am Schlimmsten finde, wenn Deutsche in andere Länder reisen und ihre Kultur aufzwingen.
    Was fürchterlich ist nackter Sport. Sportclub Dynamo. Siehe DSF- Sportfernsehen. Das sie mit Frauen nicht können.

    • FranL.
    • 24. Mai 2013 20:18 Uhr

    Nacktbaden ist in Ordnung, wenn man nicht dazu genötigt wird, ich kann aber den Frust der Nacktbader aus dem Osten verstehen, wenn aus "ihrem" FKK-Strand plötzlich ein reiner Textilstrand mit Badekleidungszwang wird, weil die Neutouristen aus dem Westen sich von den Nackten gestört fühlen. FKK mit der eigenen Familie ist auch nicht jedermanns Sache. Viele der heutigen "Textilbader" sind mit FKK aufgewachsen. Wenn man von den Eltern quasi dazu genötigt wird, vor allem als Teenager, schlägt das Pendel halt zur anderen Seite aus.

    FKK ist auch nicht gleich FKK. Nach der Wende hofften die Nudistenvereine im Westen auf viele neue Mitglieder aus dem Osten, weil sich ja die Ossi alle am Strand nackig machen (außerhalb der Ostsee aber auch nicht selbstverständlich). Aber die Ossis hatten keine Lust in einen Club einzutreten, nur weil sie am Strand lieber auf Badehose, bzw. -anzug verzichten. FKK-Clubs sind Spießigkeit in Reinkultur.

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    ..."FKK-Clubs sind Spießigkeit in Reinkultur", wobei das Spießige nicht die Nacktheit ist, sondern die Vereinshuberei!

    • KHans
    • 17. Juli 2013 23:44 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/au

    • mores
    • 20. Juli 2013 18:00 Uhr

    Vom Kaiser über Nazis bis zu Ulbricht liess man den FKK-lern ihre Spielwiese, um sie vom Nachdenken über Wichtigeres abzuhalten.Mit dem Ende der DDR scheint auch bei FKK die Luft/Lust raus zu sein. Man welkt dahin!

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    und verträgt sich schwer mit den Idolen der Konsumgesellschaft. Das gestörte Verhältnis zum eigenen Körper ist eine Riesen-Einnahmequelle: von der Schönheits-OP bis zu modischen Kleidungsstücken, die das eigene "Elend" überdecken sollen.

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