Frauen zur JahrhundertwendeRaus aus dem Korsett

Das lebensreformerische Ideal vom gesunden und einfachen Dasein passte gut zu den Zielen der Frauenbewegung von Elisabeth Meyer-Renschhausen

Frauen Fahrrad Jahrhundertwende

Zwei junge Frauen auf einem Spezialrad (um 1900). Sie profitieren von den neuen alltäglichen Freiheiten.  |  © Scherl/SZ Photo

Kaiserzeit war Männerzeit: schneidiger Schnurrbart, stramm sitzender Rock, selbstbewusster Auftritt. Um standesgemäß zu reüssieren, investierte der gutbürgerliche Mann unverhältnismäßig hohe Summen. Gäste wurden im Salon hinter gründerzeitlicher Prunkfassade empfangen. Die repräsentative Gattin servierte mehrgängige Diners und beförderte so die Karriere des Herrn Gemahls. Die gutbürgerliche Frau war von Beruf Gattin, die familiäre Vorherrschaft hatte der Mann inne.

Dieses Missverhältnis der Geschlechter wurde durch die Neuauflage des Bürgerlichen Gesetzbuchs von 1900 noch einmal fest- und fortgeschrieben. Ohne die Zustimmung ihres Mannes durfte eine Verheiratete weder einem Broterwerb nachgehen noch über ihr Geld verfügen, noch ihren Wohnort bestimmen. Sie hatte nicht einmal das Recht auf ihre Kinder. Das Einzige, was ihr als Hausfrau zustand, war die Schlüsselgewalt über die Speisekammer.

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Immer mehr bürgerliche Frauen aber wollten sich nicht in dieses Schicksal fügen. Die Frauenbewegung verlangte nach Befreiung, forderte Rechte ein. Sie opponierte gegen die männlich dominierte, militärisch geprägte Erziehung, gegen die eigene rein repräsentative Tätigkeit, gegen sinnentleerte Konventionen. Ebenso kritisierten viele Lebensreformerinnen der Jahrhundertwende die ungesunden und diskriminierenden Bedingungen, unter denen Frauen in der Gründerzeit-Gesellschaft lebten.

Doch während die Frauenbewegung vor allem gegen die rechtliche und finanzielle Benachteiligung und für mehr Gleichberechtigung kämpfte, wollten die Lebensreformerinnen in erster Linie das Alltagsleben verbessern. Dasselbe Ziel, zwei Wege. Aber das eine schloss das andere nicht aus. So gab es zahlreiche Frauen, die den Kampf für Rechte mit dem lebensreformerischen Bemühen um eine unmittelbare Erleichterung und Verbesserung des Alltagslebens verbanden.

Ottilie Hoffmann wollte Emanzipation

Eine dieser Frauen war Ottilie Hoffmann. 1835 wurde sie in Bremen geboren. In England lernte sie als Privatlehrerin die Mäßigkeitsbewegung kennen, die sich gegen den Alkoholmissbrauch in den Großstädten wandte. Nach Deutschland zurückgekehrt, gründete sie zusammen mit Gleichgesinnten den Bremer Frauenerwerbsverein. 1894 wurde sie in den Vorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine gewählt. Sie trat für das Frauenstimmrecht ein, und als die kirchlichen Frauenbünde die Forderung nach Gleichstellung der unehelichen Mütter ablehnten, engagierte sie sich in Helene Stöckers Bund für Mutterschutz.

Auch privat wagte Ottilie Hoffmann die Emanzipation. Wie die meisten Frauen, die um 1900 für ihre Rechte stritten – von Helene Lange bis Anita Augspurg –, blieb sie unverheiratet. Sie wollte sich nicht in die unmittelbare Abhängigkeit von einem Mann begeben. Stattdessen lebte sie in verschiedenen Städten zusammen mit Tanten, Freundinnen oder befreundeten Familien. 65-jährig zog sie mit einer jungen Frau zusammen. Auch als diese wenig später Kinder bekam, blieb die Wohngemeinschaft bestehen.

Früh erkannte Ottilie Hoffmann, dass emanzipatorische und lebensreformerische Ideen einander ergänzen. Und dass, wer für die Belange von Frauen kämpfen will, über die Grenzen des eigenen, des bürgerlichen Milieus hinausschauen muss. Zunächst tat sie dies vor allem als Publizistin: Sie schrieb Aufsätze über die Mäßigkeitsbewegung und hielt Vorträge. 1890 wurde sie in ihrer Heimatstadt Bremen dann auch ganz praktisch aktiv. Ausschlaggebend war eine Beobachtung, die sie auf der Bremer Bürgerweide machte: Dort wurde in jenem Jahr eine große Halle für eine Industrieausstellung aufgebaut. Die Arbeiter stillten ihren Durst, wie üblich, ausschließlich mit Schnaps und Bier. Denn Alkohol war billig und – im Gegensatz zum Flusswasser – keimfrei. Und so kam es auch auf dieser Baustelle zu vielen schweren Arbeitsunfällen.

Ottilie Hoffmann war entsetzt und mietete kurzerhand mit zwei Mitstreiterinnen für 300 Mark einen Glaspavillon an. Als die Halle auf der Bürgerweide dann wieder abgebaut wurde, verkauften sie an die Arbeiter Kaffee und Suppe, Milch und Bouillon. Später bekamen auch die auf dem Deich spielenden Kinder Milch und warme Getränke, damit sie nicht, wie Ende des 19. Jahrhunderts noch üblich, schon Bier tranken. Die Frauen verteilten Broschüren über die Wirkung von Alkohol, und die Arbeiter halfen, einen temporären Getränkepavillon zu bauen. Gemeinsam gründeten Arbeiter und Frauen den Bremer Mäßigkeitsverein und weitere alkoholfreie Speisehäuser, die Vorläufer der Werkskantinen. Auch eine Art Volkshochschule ging aus diesem Engagement hervor, die Unterhaltungsabende mit Vorträgen, Musik und Rezitationen veranstaltete.

Dieses sozialreformerische Engagement war so lebensreformerisch wie frauenbewegt, denn nicht wenige Männer vertranken ihren Tageslohn, mit dem die Frau eigentlich die Familie hätte ernähren sollen – und wurden im Rausch gewalttätig. Kein Wunder, dass Frauen für die Antialkoholbewegung kämpften. Vor allem sie hatten unter der Sauferei der Männer zu leiden.

Dass sie mit ihrem Engagement auch Teil der Lebensreformbewegung war, wurde Ottilie Hoffmann dabei womöglich erst allmählich bewusst. Kein Alkohol! – neben dem Verzicht auf Tabak gehörte just dies ja zu den Forderungen der Jugendbewegung. Beim Ersten Freideutschen Jugendtag 1913 auf dem Hohen Meißner verpflichtete man sich, weder zu rauchen noch zu trinken. Umgekehrt wirkte die Frauenbewegung auch auf die Jugendbünde ein: 1915 ernannte die in ihren Anfängen rein männliche Wandervogel-Bewegung Ottilie Hoffmann als erste Frau zum Ehrenmitglied.

Leserkommentare
    • FoTu3
    • 12. Juli 2013 18:05 Uhr
    1. Gender

    Frau Renschhausen,

    bei allem Respekt für Sie und die frühe Frauenbewegung, aber dieser Satz offenbart, worum es geht:

    "Damit waren sie Praktikerinnen des modernen Gender-Gedankens"

    Der moderne Gender-Gedanke ist eine Ideologie. Es ist eine männerfeindliche Ideologie. Es ist nichts wissenschaftlich hinterlegt. Diese Gender-Ideologie ist in den letzten Jahren mehr und mehr in die Kritik geraten. Und zwar inzwischen soweit in die Kritik geraten, daß die llinksgrün-nahe Böll-Stiftung eine Argumentationshilfe herausgegeben hat, um gegen Gender-Kritiker vorzugehen. Sie bedient sich in dieser Broschüre den unwissenschaftlichsten Methoden, um Journalisten zu diskreditieren, welche kritisch über die Gender-Studies berichten. Hr. Fleischauer hat dies im SpOn thematisiert:

    "Die Heinrich-Böll-Stiftung hat eine Broschüre veröffentlicht, in der vor Leuten gewarnt wird, die im Streit um Geschlechtergerechtigkeit nur diffamieren wollen. Unter den Genannten ist auch ein SPIEGEL-Redakteur."
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-kolumne-vorsicht-...

    Wenn eine Ideologie damit beginnt, Listen über Kritiker zu erstellen, hat sie sich eindeutg als gefährliche Ideologie bewiesen, aber nicht als Wissenschaft. Das dies an deutschen Universitäten so widerspruchslos hingenommen wird, ist inzwischen ein negatives Merkmal deutschen Wissenschaftsanspruchs.

    8 Leserempfehlungen
    • cmim
    • 12. Juli 2013 18:21 Uhr

    von Leben und Kunst. Die Lebensreform: Ausstellung auf der Mathildenhöhe/Darmstadt 2001. Der zweibändige Katalog ist so äusserst umfassend zu diesem Thema.
    Wer an den soziologischen Phänomenen Interesse hat, dem sei er wärmstens empfohlen

    via ZEIT ONLINE plus App

  1. 3. Haha

    Dass sich gleich der erste Kommentar über eine angeblich männerfeindliche Ideologie auslässt habe ich schon erwartet, als ich den Artikel nur auf der Startseite gesehen hab. Schade, dass man seit einigen Monaten auf Zeit online nichts mehr über Frauenbewegungen lesen kann ohne zig Kommentare von anscheinend persönlich verletzten Männern sehen zu müssen.
    Traurig und irgendwie ungewollt komisch...

    via ZEIT ONLINE plus App

    2 Leserempfehlungen
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    • FoTu3
    • 12. Juli 2013 22:56 Uhr

    Sie hätten ja auf den Inhalt meines Kommentares konkret eingehen können, aber das haben Sie leider nicht getan. Ihnen war es lieber, einen nichtssagenden und trotzigen Kommentar abzugeben. Wenn Sie Artikel über die Frauenbewegung lesen wollen, bei denen keine nicht-feministischen (nicht "antifeministischen"!) Männer kommentieren, würde ich Ihnen die EMMA empfehlen. Die liest nämlich kein nicht-feministischer Mann.

    geschrieben haben. "Genervt" (aufgrund der Dosis, in der man(n) feministische Botschaften heute in Artikel und "Quizzen" der Leitmedien serviert bekommt), trifft es nämlich viel eher als "verletzt"... ☠

    • FoTu3
    • 12. Juli 2013 22:56 Uhr

    Sie hätten ja auf den Inhalt meines Kommentares konkret eingehen können, aber das haben Sie leider nicht getan. Ihnen war es lieber, einen nichtssagenden und trotzigen Kommentar abzugeben. Wenn Sie Artikel über die Frauenbewegung lesen wollen, bei denen keine nicht-feministischen (nicht "antifeministischen"!) Männer kommentieren, würde ich Ihnen die EMMA empfehlen. Die liest nämlich kein nicht-feministischer Mann.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Haha"
  2. ... deren Auswüchse wir nach Leipzig jetzt auch in Potsdam und beim ZDF-Spot zur Frauenfußball-WM (darf man das noch so schreiben?) erleben, ist insofern völlig daneben, daß sie sich in einer Art und Weise an der Sprache festmacht, wie dies sprachwissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist. Das sprachliche Genus hat nun einmal nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. "Die Menschen" umfassen nun einmal ALLE. So wie "die Studenten" und "die Frauenrechtler". Wegen dem sprachlichen "der" wird kein Kugelschreiber zum biologischen "Mann", genausowenig, wie wegen dem sprachlichen "die" eine Worthülse zur biologischen "Frau" wird. Diese "Gender"-Sprachvergewaltigung ist einfach nur peinlich. Fragen Sie mal Ihre Salzstreuerin!

    7 Leserempfehlungen
  3. geschrieben haben. "Genervt" (aufgrund der Dosis, in der man(n) feministische Botschaften heute in Artikel und "Quizzen" der Leitmedien serviert bekommt), trifft es nämlich viel eher als "verletzt"... ☠

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Haha"
  4. Rein in das Korsett?!
    So kommen mir viele "emanzipierte" Frauen vor.

    Sie haben die Enge abgeworfen, sich dem totalen Einfluß des Mannes entzogen und was machen sie daraus?

    Sie versuchen mit aller Gewalt, mit allen Mitteln, sich jung, anziehend, atraktiv und schön zu machen. Wofür frage ich oft.
    "das mach ich für mich selbst", bekomme ich oft gesagt.

    Was macht die Frau des 21. Jh.?
    Sie kauft 15 Frauenzeitschriften, 15 Tages- und Nachtcrems, probiert 15 Abnehmkuren aus, läßt sich Botox spritzen und die Brust vergrößern - und ist so garnicht emanzipiert in meinen Augen.
    Sie hat den Würgegriff des Mannes getauscht gegen den Würgegriff der Werbung, und das freiwillig.
    "Die Männer zwingen uns dazu, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen" sagen manche Frauen. "wenn wir erfolgreich sein wollen (privat wie beruflich) dann müssen wir das tun.

    "Ok", sage ich, " dann viel ERfolg auf dem Weg zur wirklichen Emanzipation".

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    inwieweit es für Frauen am Ende ein Gewinn ist, wenn sie sich vom Bienchen-und-Blümchen-Spiel emanzipieren, bei dem das Äußere (heute u.a. auch durch maßgeschneiderte, bequeme Korsette erreichbar) immer eine enorme Rolle spielen wird. Ob es dagegen für sie (und für die Männer) ein Gewinn ist, wenn das einzige was sie in diesem Zusammenhang zu bieten haben, im gepimpten Äußeren liegt, bleibt davon unbenommen.

  5. inwieweit es für Frauen am Ende ein Gewinn ist, wenn sie sich vom Bienchen-und-Blümchen-Spiel emanzipieren, bei dem das Äußere (heute u.a. auch durch maßgeschneiderte, bequeme Korsette erreichbar) immer eine enorme Rolle spielen wird. Ob es dagegen für sie (und für die Männer) ein Gewinn ist, wenn das einzige was sie in diesem Zusammenhang zu bieten haben, im gepimpten Äußeren liegt, bleibt davon unbenommen.

    Antwort auf "Raus aus dem Korsett"
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    Wieso meinen Sie, das wäre das Einzige, was ich in diesem Zusammenhang bieten kann?
    Ich finde es nur schade, daß sich viele Frauen (nicht alle) in dieses neue Korsett zwingen (lassen?).
    Im Berufsleben habe ich die Erfhrung gemacht, daß Frauen, die erfolgreich sein wollen einfach Männer immitieren. Ich wünschte mir, daß Frauen ihre jeweiligen Eigenheiten in die Männergesellschaft mehr einbringen würden.

    Die Emanzipation ist gelungen, wenn niemand mehr über eine notwendige Emanzipatin redet. Ich meine so wie das bei Katholiken und Protestanten der Fall ist. Es ist kein Thema mehr, an was man glaubt. Alle sind gleich anerkannt - man kann in Ruhe diskutieren ohne daß sich jemand gleich angegriffen fühlt.
    Aber davon sind wir noch weit entfernt.

    Ich z.B. habe die Erfahrng gemacht, daß die Behandlung von Hormonproblemen bei Frauen von den Krankenkassen ganz selbstverständlich bezahlt werden. Männer dagegen, müssen alles selbst bezahlen: die Blutuntersuchung (34€), die Urinunersucheung (34€), die Medikamente (50€ im Monat).
    Es ist wohl so, daß Männer und Frauen doch nicht gleich sind. Soll ich jetzt wettern gegen die Frauen, die bevorzugt behandelt werden? Nein, mache ich nicht. Sonst zahlen am Ende alle ihre Medikamente selbst.

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