Zwei junge Frauen auf einem Spezialrad (um 1900). Sie profitieren von den neuen alltäglichen Freiheiten. © Scherl/SZ Photo

Kaiserzeit war Männerzeit: schneidiger Schnurrbart, stramm sitzender Rock, selbstbewusster Auftritt. Um standesgemäß zu reüssieren, investierte der gutbürgerliche Mann unverhältnismäßig hohe Summen. Gäste wurden im Salon hinter gründerzeitlicher Prunkfassade empfangen. Die repräsentative Gattin servierte mehrgängige Diners und beförderte so die Karriere des Herrn Gemahls. Die gutbürgerliche Frau war von Beruf Gattin, die familiäre Vorherrschaft hatte der Mann inne.

Dieses Missverhältnis der Geschlechter wurde durch die Neuauflage des Bürgerlichen Gesetzbuchs von 1900 noch einmal fest- und fortgeschrieben. Ohne die Zustimmung ihres Mannes durfte eine Verheiratete weder einem Broterwerb nachgehen noch über ihr Geld verfügen, noch ihren Wohnort bestimmen. Sie hatte nicht einmal das Recht auf ihre Kinder. Das Einzige, was ihr als Hausfrau zustand, war die Schlüsselgewalt über die Speisekammer.

Immer mehr bürgerliche Frauen aber wollten sich nicht in dieses Schicksal fügen. Die Frauenbewegung verlangte nach Befreiung, forderte Rechte ein. Sie opponierte gegen die männlich dominierte, militärisch geprägte Erziehung, gegen die eigene rein repräsentative Tätigkeit, gegen sinnentleerte Konventionen. Ebenso kritisierten viele Lebensreformerinnen der Jahrhundertwende die ungesunden und diskriminierenden Bedingungen, unter denen Frauen in der Gründerzeit-Gesellschaft lebten.

Doch während die Frauenbewegung vor allem gegen die rechtliche und finanzielle Benachteiligung und für mehr Gleichberechtigung kämpfte, wollten die Lebensreformerinnen in erster Linie das Alltagsleben verbessern. Dasselbe Ziel, zwei Wege. Aber das eine schloss das andere nicht aus. So gab es zahlreiche Frauen, die den Kampf für Rechte mit dem lebensreformerischen Bemühen um eine unmittelbare Erleichterung und Verbesserung des Alltagslebens verbanden.

Ottilie Hoffmann wollte Emanzipation

Eine dieser Frauen war Ottilie Hoffmann. 1835 wurde sie in Bremen geboren. In England lernte sie als Privatlehrerin die Mäßigkeitsbewegung kennen, die sich gegen den Alkoholmissbrauch in den Großstädten wandte. Nach Deutschland zurückgekehrt, gründete sie zusammen mit Gleichgesinnten den Bremer Frauenerwerbsverein. 1894 wurde sie in den Vorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine gewählt. Sie trat für das Frauenstimmrecht ein, und als die kirchlichen Frauenbünde die Forderung nach Gleichstellung der unehelichen Mütter ablehnten, engagierte sie sich in Helene Stöckers Bund für Mutterschutz.

Auch privat wagte Ottilie Hoffmann die Emanzipation. Wie die meisten Frauen, die um 1900 für ihre Rechte stritten – von Helene Lange bis Anita Augspurg –, blieb sie unverheiratet. Sie wollte sich nicht in die unmittelbare Abhängigkeit von einem Mann begeben. Stattdessen lebte sie in verschiedenen Städten zusammen mit Tanten, Freundinnen oder befreundeten Familien. 65-jährig zog sie mit einer jungen Frau zusammen. Auch als diese wenig später Kinder bekam, blieb die Wohngemeinschaft bestehen.

Früh erkannte Ottilie Hoffmann, dass emanzipatorische und lebensreformerische Ideen einander ergänzen. Und dass, wer für die Belange von Frauen kämpfen will, über die Grenzen des eigenen, des bürgerlichen Milieus hinausschauen muss. Zunächst tat sie dies vor allem als Publizistin: Sie schrieb Aufsätze über die Mäßigkeitsbewegung und hielt Vorträge. 1890 wurde sie in ihrer Heimatstadt Bremen dann auch ganz praktisch aktiv. Ausschlaggebend war eine Beobachtung, die sie auf der Bremer Bürgerweide machte: Dort wurde in jenem Jahr eine große Halle für eine Industrieausstellung aufgebaut. Die Arbeiter stillten ihren Durst, wie üblich, ausschließlich mit Schnaps und Bier. Denn Alkohol war billig und – im Gegensatz zum Flusswasser – keimfrei. Und so kam es auch auf dieser Baustelle zu vielen schweren Arbeitsunfällen.

Ottilie Hoffmann war entsetzt und mietete kurzerhand mit zwei Mitstreiterinnen für 300 Mark einen Glaspavillon an. Als die Halle auf der Bürgerweide dann wieder abgebaut wurde, verkauften sie an die Arbeiter Kaffee und Suppe, Milch und Bouillon. Später bekamen auch die auf dem Deich spielenden Kinder Milch und warme Getränke, damit sie nicht, wie Ende des 19. Jahrhunderts noch üblich, schon Bier tranken. Die Frauen verteilten Broschüren über die Wirkung von Alkohol, und die Arbeiter halfen, einen temporären Getränkepavillon zu bauen. Gemeinsam gründeten Arbeiter und Frauen den Bremer Mäßigkeitsverein und weitere alkoholfreie Speisehäuser, die Vorläufer der Werkskantinen. Auch eine Art Volkshochschule ging aus diesem Engagement hervor, die Unterhaltungsabende mit Vorträgen, Musik und Rezitationen veranstaltete.

Dieses sozialreformerische Engagement war so lebensreformerisch wie frauenbewegt, denn nicht wenige Männer vertranken ihren Tageslohn, mit dem die Frau eigentlich die Familie hätte ernähren sollen – und wurden im Rausch gewalttätig. Kein Wunder, dass Frauen für die Antialkoholbewegung kämpften. Vor allem sie hatten unter der Sauferei der Männer zu leiden.

Dass sie mit ihrem Engagement auch Teil der Lebensreformbewegung war, wurde Ottilie Hoffmann dabei womöglich erst allmählich bewusst. Kein Alkohol! – neben dem Verzicht auf Tabak gehörte just dies ja zu den Forderungen der Jugendbewegung. Beim Ersten Freideutschen Jugendtag 1913 auf dem Hohen Meißner verpflichtete man sich, weder zu rauchen noch zu trinken. Umgekehrt wirkte die Frauenbewegung auch auf die Jugendbünde ein: 1915 ernannte die in ihren Anfängen rein männliche Wandervogel-Bewegung Ottilie Hoffmann als erste Frau zum Ehrenmitglied.