Reformpädagogik"Gegen allen Zwang"

Das Lichtschulheim Lüneburger Land war eines der gewagtesten reformpädagogischen Projekte seiner Zeit: Eine Schule, in der vegetarisch gegessen und die Freude am Nacktsein gelehrt wurde. von Maren Preiß

Die Geschichte des Lichtschulheims Lüneburger Land im niedersächsischen Glüsingen beginnt mit einem Schlag auf einen chinesischen Gong. An einem Maimorgen des Jahres 1927 weckt er um fünf Uhr früh zwei Jungen und ein Mädchen in einer reetgedeckten Fachwerkkate. Die drei sind die ersten Schüler des Reformpädagogen Walter Fränzel. Ein zweiter sanfter Gongschlag (keine grelle Schulklingel!) gibt das Signal zum Aufbruch: Gemeinsam mit ihren Lehrern laufen die drei Sextaner durch die Heidelandschaft und machen gymnastische Übungen. Schüler und Lehrer sind unbekleidet. "Turnen völlig nackt", so steht es in der Heimordnung, Paragraf 5.

Nach der Heimkehr versammelt man sich zum Frühstück; es gibt Haferflocken und Milch. Um sieben Uhr beginnt der Unterricht in der Stube der Bauernkate. 15 Quadratmeter, Holzdielen, Fenster an zwei Seiten, Blick ins Grüne. Eine dunkle Eichenbank, ein großer Tisch, ein paar Stühle. Kinder und Lehrer, so berichten es zahlreiche Besucher, die das Lichtschulheim besichtigen, sind unbekleidet, wann immer die Temperaturen es erlauben. "Kein dummes sich Genieren! Körperfroh! Nacktfroh!", heißt es in Paragraf 22.

Anzeige

Das Lichtschulheim ist eines der mutigsten reformpädagogischen Experimente seiner Zeit. Nackt zu turnen ist zwar an vielen Reformschulen seit der Jahrhundertwende üblich, Walter Fränzel aber erklärt die Freikörperkultur auch darüber hinaus zum Programm. Wie Gustav Wyneken und andere Neuerer lehnt er die Untertanenerziehung mit ihren strengen Sitzreihen und dem Frontalunterricht eines monarchengleich agierenden Lehrers ab. Zuwendung und Empathie sollen das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern bestimmen – in einer Schule, die sich fernab von den schädlichen Einflüssen der Großstadt als familiäre Gemeinschaft versteht. Ausflüge, Aktzeichnen, Leseabende, Theaterspiel und Gartenarbeit stehen ebenso auf dem Lehrplan wie die klassischen Unterrichtsfächer. Dazwischen dürfen die Schüler an "einsamen Tagen" allein durch die Natur streifen oder in die Stadt fahren, um Selbstständigkeit zu erlernen. Im Landschulheim herrscht von 13 bis 15 und von 21 bis 5 Uhr Ruhe. Türen bleiben unverschlossen.

ZEIT Geschichte 2/2013
ZEIT Geschichte 2/2013

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Wirklich einzigartig macht die Heidekolonie die konsequente Verbindung fast sämtlicher Ideen der Lebensreform: Nur in der Priory Gate School im englischen Suffolk werden Vegetarismus, Freikörperkultur und Koedukation mit derselben Selbstverständlichkeit gelebt wie in Glüsingen. Ein Wunder, dass die radikale Reformschule trotzdem staatlich anerkannt wurde.

Ihr Gründer, der 1889 im vogtländischen Plauen geborene Offizierssohn Walter Fränzel, leidet schon als Jugendlicher unter dem restriktiven Klima des Kaiserreichs. Schulen sind für ihn "graue Kästen, in denen einem beim Eintritt vor lauter teils weihrauch-, teils bazillengeschwängerter Luft übel wurde". Als 17-Jähriger notiert er in seinem Tagebuch: "An mir selbst mache ich höchst interessante Beobachtungen. Von maßlosem Idealismus, der sich gegen allen Zwang und alle Regeln, gegen seichte, platte Denkungsart der Gegenwart stemmt, sich für Natur und Kunst, für ein höheres, geistiges Naturerleben begeistert."

Maren Preiß

Jahrgang 1970, arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Fränzel studiert in Rostock, Leipzig, Jena und Berlin, zunächst Naturwissenschaften, dann Germanistik, Englisch, Geschichte und Philosophie. In Jena gründet er eine Freistudentenschaft und schließt sich dem jugendbewegten Sera-Kreis um den Verleger Eugen Diederichs an. Nach dem Krieg hält der mittlerweile Promovierte eine Schulreform für dringlicher denn je. 1919 erscheint im Verlag seines Mentors sein Werk Volksstaat und höhere Schule, ein Plädoyer für die nationale Einheitsschule.

Acht Jahre später ist es so weit: "Jetzt schien uns die Zeit gekommen", schreibt Fränzel in seinen autobiografischen Aufzeichnungen, "alles, was wir je über Schulreform gelesen und uns selbst zurechtgemacht hatten, mit einem kühnen Handstreich oder zähem Unterminieren umzusetzen." Fränzel pachtet mehrere Hektar Land, und er kauft zwei reetgedeckte Bauernkaten mit einem großen Obst- und Gemüsegarten zur Selbstversorgung.

Leserkommentare
  1. Nicht völlig unüblich bei Reformpädagogen, wie man heute auch weiß.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Melu
    • 21. August 2013 18:43 Uhr

    ...unter Pädagogen im Allgemeinen, das beschränkt sich nicht auf die Reformpädagogik. In meiner Schulzeit an einem bayerischen Regelgymnasium wusste ich von einigen solcher "Beziehungen".

    • Melu
    • 21. August 2013 18:43 Uhr

    ...unter Pädagogen im Allgemeinen, das beschränkt sich nicht auf die Reformpädagogik. In meiner Schulzeit an einem bayerischen Regelgymnasium wusste ich von einigen solcher "Beziehungen".

    3 Leserempfehlungen
  2. 3. Schade

    Ich hatte auf mehr Fotos gehofft.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

  3. und offenbar auch in einem eigenen Geschichtsheft verkauft wird, nehme jetzt einfach mal an, dass es auch um Geschichte gehen soll. Tatsächlich aber handelt um eine Art Erlebniserzählung, die einfach irgendwelche Anekdoten aus früheren Zeiten irgendwie zusammenschustert, ohne einen erkennbaren roten Faden, ohne Hintergründe zu berücksichtigen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, gesellschaftliche Vorgänge darzustellen, zu durchdringen, zu ordnen, zu interpretieren, zu analysieren. Dasselbe gilt für die handelnden Personen. Kurzum: es fehlt alles, was Geschichte relevant macht, stattdessen wird dem Leser hier eine Art Gala oder Bunte für bereits Vergangenes dargeboten. Kein Wunder, wenn viele Menschen glauben, Geschichte wäre irrelevant.

    10 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

    Antwort auf "Schade"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jk

  5. 6. [...]

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jk

    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also es ist in Beitrag #3 Konstruktiv zu Bedauern, dass keine Bilder von den Nackten Kindern zu sehen ist aber es ist nicht konstruktiv und am Artikelthema vorbei dieses nicht gutzuheißen?
    Meine liebe Redaktion, genau dies ist doch der Geist der "Reformpädagogen" der hier zu spüren ist und damit würden Sie und ich zum Titelthema diskutieren, wenn Sie nicht meine Texte immer weglöschen würden.

  6. Also es ist in Beitrag #3 Konstruktiv zu Bedauern, dass keine Bilder von den Nackten Kindern zu sehen ist aber es ist nicht konstruktiv und am Artikelthema vorbei dieses nicht gutzuheißen?
    Meine liebe Redaktion, genau dies ist doch der Geist der "Reformpädagogen" der hier zu spüren ist und damit würden Sie und ich zum Titelthema diskutieren, wenn Sie nicht meine Texte immer weglöschen würden.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  7. "Ein Wunder, dass die radikale Reformschule trotzdem staatlich anerkannt wurde."

    Tja, heute wäre sowas nicht mehr möglich. So viel zur Frage Freiheit in Deutschland.

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Pädagogik | Eugen Diederichs | Schüler
Service