Darmstadt, ein früher Morgen Anfang Mai des Jahres 1901. Bestimmt wird es wieder so ein Tag, an dem die Sonne nur bleiern scheint, wie durch einen dünnen Vorhang hindurch. Ein schwerer Nebel liegt über den Straßen und Gassen, manchmal faulig-schweflig, manchmal beißend, dann wieder wie Wäsche riechend, die zu lange feucht herumgelegen hat.

Es ist der Atem aus den Essen und Schloten der Möbelfabriken, Maschinenfabriken, Kesselfabriken und Chemieküchen, jener Tempel des Fortschritts, die überall emporgewachsen sind und das schläfrige Garnisons- und Beamtenstädtchen binnen zwei Jahrzehnten in eine fiebrig atmende Industriestadt verwandelt haben.

Jetzt, kurz nach Tagesanbruch, verlassen die Heloten der neuen Zeit ihre ärmlichen Behausungen in der Altstadt, dem schlechtesten Wohnquartier; aus den Kammern, Löchern und Kellern der Großen Ochsengasse, der Langgasse und der Kaplaneigasse strömen sie zu den Fabriken, wo sie an Öfen, Werkbänken, Maschinen und Apparaturen ihr Tagwerk verrichten.

Kaum vierzig Meter oberhalb, auf einer sanften Erhebung, Mathildenhöhe genannt, liegt alles in Ruhe da. Manchmal bricht das Rätschen eines Hähers die Stille. Das Husten und Keuchen der Stadt dringt nicht herauf bis hier; in den prächtigen Villen des Hangs regt sich noch nichts.

Doch bald werden auch hier die Verrichtungen des Tages beginnen. In den Speisezimmern, unter goldenen Ornamenten aus Blütenpyramiden, wird Frühstück bereitet, in den weißen Bädern werden die Wasserhähne der Duschen aufgedreht. Es ist viel zu tun. Wein muss bestellt, die Lieferanten für das Festmahl müssen kontaktiert werden.

Möweneier mit Trüffelsoße in Römischen Pastetchen soll es geben, Klare Schildkrötensuppe, Rehrücken nach Russischer Art und Getrüffelte Gansleber in Gelee – nur noch wenige Tage bleiben bis zur Eröffnung der großen Ausstellung: Zwischen den beiden Kolossalstatuen aus Andernacher Tuffstein, "Mann und Weib", werden sie, die Künstler, in einer Prozession, in lange, sanft fallende Gewänder gehüllt wie Priester einer fremden Religion, die große Freitreppe vor dem Ernst-Ludwig-Haus, das sie "Tempel der Arbeit" nennen, hinabschreiten und feierlich einen Kristall enthüllen wie eine Monstranz.

Großes, geradezu Epochales steht bevor hier oben "am höchsten Streif" der Stadt. Sechs Monate lang werden jene sieben Männer, die hier leben und arbeiten, Architekten, Maler und Bildhauer, der Welt die Resultate ihres Schaffens präsentieren. Ein Dokument deutscher Kunst heißt die Ausstellung. Gezeigt werden, neben allerlei hübschem Beiwerk wie Pavillons, Postkartenkiosk, Blumenhaus und Gartenrestaurants, nicht mehr und nicht weniger als jene Häuser, die sie entworfen, gebaut und eingerichtet haben und in denen sie selbst wohnen: großzügige, lichtdurchflutete, edel möblierte Villen. Angetrieben von dem Willen, eine neue, schönere Welt zu schaffen, haben die Künstler ihre Wohnentwürfe der Zukunft im Maßstab eins zu eins realisiert.

Der Anspruch der sieben, von denen der Jüngste gerade mal 21 und der Älteste 31 Jahre alt ist, war bereits formuliert, bevor der Erste von ihnen Darmstädter Boden betrat. "Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt! Alles Andere ist nichts", proklamierte der aus Österreich stammende Architekt Joseph Maria Olbrich. "Die Regierung soll uns ein Feld geben, und da wollen wir dann eine Welt schaffen. Alles von demselben Geist beherrscht, die Strassen und die Gärten und die Paläste und die Hütten und die Tische und die Sessel und die Leuchter und die Löffel Ausdrücker derselben Empfindung, in der Mitte aber, wie ein Tempel in einem heiligen Haine, ein Haus der Arbeit, zugleich Atelier der Künstler und Werkstätte der Handwerker."

Gerade zwei Jahre ist es her, dass Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein die sieben Künstler berufen hat, jeden einzelnen persönlich. Der junge Großherzog, ein den schönen Künsten zugewandter Mensch, war dabei geleitet von dem ehrgeizigen Willen, Darmstadt zu einem kulturellen und sozialen Vorbild für Hessen und die übrigen Staaten des Reiches zu entwickeln. Von der Künstlerkolonie versprach er sich neben dem Prestigegewinn für die Residenzstadt auch Aufträge für das heimische Gewerbe. Die künftige Wirkungsstätte der Kolonisten hatte er schon ausgewählt, einen ehemaligen Weinberg, bis auf eine russische Kirche und ein Wasserreservoir frei von Bebauung.

Der Mäzen gewährt allen Künstlern ein "nicht pensionsfähiges Grundgehalt". Joseph Maria Olbrich, der sich als Architekt in Wien bereits einen Namen gemacht hat, wird als inoffizieller Führer der Kolonie mit 4.000 Mark am großzügigsten alimentiert, während hoffnungsvolle Talente wie Paul Bürck und Patriz Huber sich mit je 900 Mark begnügen müssen. Den Grund und Boden auf der Mathildenhöhe erhalten die Künstler vom Großherzog geschenkt, den Bau und die Einrichtung ihrer Häuser müssen sie selbst bestreiten. Da einige die Baukosten nicht aufbringen können, kauft ein Darmstädter Möbelfabrikant zwei der fertigen Häuser und präsentiert dort die von ihm gelieferte Innenausstattung.