Vegetarier, Antialkoholiker, Naturheiler, Naturschützer, Wandervögel, Reformpädagogen, Propheten der freien Liebe, der Nacktkultur, der Reformkleidung, des Jugendstils, der östlichen Weisheit, der naturnahen Lebensgemeinschaft fern der Städte – die Aufbruchsbewegungen um 1900 bieten ein kunterbuntes Panorama. Wer hier Strukturen entdecken will, ist erst einmal ratlos.

"Lebensreform" wurde die vielgestaltige Suche nach einem alternativem, einem besseren Leben bald genannt, die um die Jahrhundertwende ihren ersten Höhepunkt erreichte und in ihren Ausläufern bis in die dreißiger Jahre reichte.

Doch auch dieser Begriff macht die Dinge nicht klarer. Was verbindet Pädagogen, die einen menschenfreundlicheren Schulunterricht erproben, mit Nudisten, die im Nacktbaden und in Sonnenbädern Befreiung von den Zwängen der wilhelminischen Gesellschaft erleben? Was haben die Propheten einer neuen Körperhygiene mit einem Philosophen wie Friedrich Nietzsche gemein? Und was hat der Jugendstil mit der Jugendbewegung zu tun, mit Zupfgeigenhansel und Wanderlust, mit dem Bedürfnis, "aus grauer Städte Mauern" in die Natur zu entfliehen?

Die Lebensreform war so vielfältig und diffus, wie es ihr Name andeutet: Sie reichte von der Propagierung von Odol-Mundwasser und bequemer Kleidung bis zur Errichtung von genossenschaftlichen Siedlungen, von Kampagnen gegen Alkohol und Tabak bis zur Lyrik des George-Kreises.

Schärfere Konturen gewinnen all diese unterschiedlichen Bewegungen am ehesten im Spiegel der Satire. Etwa in dem von dem Ex-Kolonialoffizier Hans Paasche fingierten Bericht Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland von 1913, einer Parodie auf die damals beliebten Abenteuererzählungen von Expeditionen "ins innerste Afrika", die daran erinnert, dass es auch einen afrikanerfreundlichen Rassismus gab. Da sieht sich der schwarze Naturmensch voller Schauder in ein Land ebenso hässlicher wie hektischer Kreaturen versetzt, die er nur noch mit Mühe als Menschen zu erkennen vermag: in ein Land der "Stinker" und "Schlucker", der Kettenraucher und Alkoholiker, in dem sich die Männer Schmerbäuche wie Mastschweine anfressen und schon die zarten Mädchenkörper ins Korsett gezwängt werden, sodass "ihr Leib aus zwei Teilen besteht, die nur lose miteinander verbunden sind".

Zu guter Letzt gerät der dunkelhäutige Naturbursche staunend in das Treffen der Jugendbewegung auf dem Hohen Meißner. Da auf einmal trifft er auf einen ganz neuen Typus des Deutschen, von dem er bis dahin nichts geahnt hatte: strahlend vor Jugend und Schönheit, die Mädchen barfuss und in Flatterkleidern, lachend und singend, tanzend und springend, mit reiner Haut und klarem Blick. Sie schwören: "Unser Atem soll nicht stinken, und unser Schluck soll nicht rülpsen, dann werden wir auch immer rein und jung bleiben, und unser ganzes Volk wird klug und stark sein." Lukanga Mukara ist überwältigt: "Ich sah, als Fremder, die Zukunft eines Menschenvolkes." Ein Gesang von tausend Stimmen schallt in die sternklare Nacht, auf dem Berg lodert das Feuer, dem Häuptlingssohn kommen die Tränen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Kaum eine Programmschrift jener Zeit hat die Weltsicht damaliger Jugend- und Lebensreformbewegungen so schlicht und klar wiedergegeben wie dieser fiktive Bericht mit seiner gespielten Naivität. Er bot eine zugespitzte Diagnose, wie sie viele begeisterte Reformer liebten: Da zerfiel das deutsche Volk in zwei konträre Menschentypen – die Raucher, Säufer und Vielfraße mit ihren deformierten Körpern, ihrem glasigen Blick und ihrem penetranten Bier- und Tabakdunst und auf der anderen Seite die neue schlanke Reformjugend mit ihrer Morgenfrische und ihren leuchtenden Augen. Die wichtigsten Motive der vielen damaligen Reformbewegungen klingen hier an: der Körperkult, das neue Gesundheitsbewusstsein, die Kritik an Großstadtmoderne und wilhelminischer Spießbürgerlichkeit und vor allem der Drang "zurück zur Natur".

Das wohl berühmteste Bekenntnis zu diesem naturnah panerotischen Lebensgefühl stammt von dem Philosophen Ludwig Klages (1872–1956), der zur Boheme von Schwabing gehörte und der Liebhaber der Gräfin Franziska zu Reventlow war. In Mensch und Erde, seiner Botschaft an den Freideutschen Jugendtag auf dem nordhessischen Hohen Meißner im Jahr 1913, schildert er eindrucksvoll die Gefährdung der Natur, der animalischen wie der menschlichen. Am Ende mündet der Text in die Vision einer Rettung der Erde durch einen kosmischen Eros, durch die "weltschaffende Webekraft allverbindender Liebe".

Auch der Reformpädagoge Ludwig Gurlitt (1855–1931) erhoffte sich in seiner Grußbotschaft an den Hohen Meißner Erlösung von den Übeln der Gegenwart durch eine Rückkehr zum "natürlichen" Leben. Einst hatte Gurlitt als Lehrer in Berlin-Steglitz die Wandervogelbewegung mitbegründet und in der Folge voll Abscheu den Schuldienst quittiert. Seither führte er einen publizistischen Kampf gegen die Schule.

Die Wurzel des Übels liegt für ihn, ähnlich wie für Paasches fiktiven Reisenden aus Afrika, in den heruntergekommenen Leibern der Deutschen: "Die deutsche Bildung mit all ihren Verirrungen wird verständlich, wenn man sie als Produkt eines körperlich vernachlässigten Volkes ansieht. […] Es fehlt uns an Muskel- und Nervenkraft. Unser Blut ist verdickt, unser Kopf benommen, unsere Augen sind trübe. […] Mit Kartoffel- und Bierbäuchen ist eine wahre Kultur unvereinbar. Ich lasse mir auch nicht gern ästhetische und moralische Vorträge von einem Lehrer halten, der grüne Zähne und schmutzige Nägel und ein Gesicht voller Pickel und Mitesser hat."

Was aber wurde mit solcher Rhetorik präludiert? Eine linksalternative Kritik an technischer Modernisierung und obrigkeitsstaatlichem Mief? Oder aber der faschistische und nationalsozialistische Körper- und Gemeinschaftskult? Welchen Platz haben die vielfältigen Bewegungen der Lebensreform in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts?