Seit dem Ende des Kalten Krieges wird der Faschismus in Italien nicht mehr nur von rechtsextremen Spinnern verharmlost. Auch Minister, Abgeordnete und angesehene Intellektuelle reden ihn schön. Als Premierminister Silvio Berlusconi 2003 behauptete, dass die faschistische Diktatur "gutartig" gewesen sei und dass Benito Mussolini nie jemanden habe ermorden lassen, sondern die Antifaschisten auf Gefängnisinseln in den Urlaub geschickt hätte, verlieh er damit einer in Mitte-rechts-Kreisen weit verbreiteten Meinung Ausdruck. Jahrzehntelang war die politische Kultur der italienischen Republik antifaschistisch geprägt. Äußerungen wie die Berlusconis wirken vor diesem Hindergrund besonders skandalös – ganz davon abgesehen, dass die Legende von der "sanften Diktatur" längst widerlegt ist: Der "Duce" hat Italien in die größte Katastrophe seiner Geschichte geführt und ist verantwortlich für den gewaltsamen Tod von mindestens einer Million Menschen. Kaum ein seriöser Historiker würde dem heute noch widersprechen.

Benito Mussolini kam am 29. Juli 1883 in Dovia bei Predappio zur Welt. Als Sohn eines Schmieds und einer Volksschullehrerin wuchs er im Milieu der "roten Romagna" auf. Sein Vater war Sozialist und das, was man jenseits der Alpen einen "Priesterfresser" nannte. Alessandro Mussolini sehnte sich nach einer gerechteren Gesellschaft, in der die kleinen Leute – anders als im bürgerlich-liberal dominierten Königreich Italien – in Anstand leben konnten.

Benito übernahm nicht nur diese Überzeugungen, sondern erbte auch das rebellische Temperament seines Vaters: Traditionelle Autoritäten und bürgerlich-kirchliche Konventionen stellte er radikal infrage. Bildungshungrig und mit einer raschen Auffassungsgabe gesegnet, fiel ihm die Schule leicht. 1901 erwarb der 18-Jährige ein Diplom als Volksschullehrer. Eine feste Anstellung fand er allerdings nicht – unter anderem weil ihm der Ruf vorauseilte, ein notorischer Schürzenjäger zu sein.

Wie viele Italiener vor ihm entschloss sich Mussolini 1902 zur Emigration in die wohlhabende Schweiz. Zwei Jahre lang schlug er sich dort unter anderem als Hilfsarbeiter durch. Er schlief zeitweise unter Brücken, wurde öfter von der Polizei aufgegriffen und landete mehrmals im Gefängnis. "Es waren intensive, ausschlaggebende Jahre für sein politisches Engagement", schreibt sein Biograf Giovanni de Luna.

In der Schweiz entdeckte der spätere Diktator auch seine politische Berufung: Er machte als Agitator von sich reden, predigte den Umsturz der bestehenden Verhältnisse. Wie später Adolf Hitler fiel Mussolini durch die Radikalität seiner Ansichten und sein rhetorisches Talent auf. Er konnte seine Zuhörer förmlich zum Toben bringen.

Zurück in Italien, machte er in der Sozialistischen Partei Karriere. Beeinflusst von der Schrift Über die Gewalt des französischen Syndikalisten George Sorel, glaubte er im Unterschied zu den orthodoxen Marxisten unter seinen Genossen, dass die Revolution durch gewalttätige Aktionen herbeizuführen sei. Schon 1912 wählten ihn die Delegierten eines Parteikongresses in den engeren Führungszirkel. Kurz darauf wurde ihm die Chefredaktion der einflussreichen Mailänder Tageszeitung Avanti anvertraut. Während der "roten Woche" im Juni 1914 wiegelte er seine Genossen in Nord- und Mittelitalien zum Aufstand gegen "das System" auf. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war Mussolini Chef des linksextremen Flügels innerhalb der Sozialistischen Partei: Der Weg an die Spitze der größten Oppositionspartei des Landes schien vorgezeichnet zu sein.

Doch schon bald brach Mussolini mit dem pazifistischen Antikriegskurs seiner Partei. Im Oktober 1914 publizierte er im Avanti einen provokativen Leitartikel: Italien dürfe dem Weltenbrand nicht neutral gegenüberstehen. Es gelte vielmehr, möglichst rasch aufseiten der Entente in den Krieg einzutreten. Die Kriegsbeteiligung werde dem Land dann die Revolution und in deren Fahrwasser die ersehnte sozialistische Gesellschaft bescheren.

Dieser Tabubruch empörte die meisten seiner Genossen. Mussolini sah sich gezwungen, die Chefredaktion des Avanti abzugeben, und war fortan in der Partei isoliert. Zusammen mit Gesinnungsfreunden rief er nur wenige Wochen später die Tageszeitung Popolo d’Italia ins Leben. Gleichzeitig begann seine langsame Wandlung zum Faschisten – es sollte mehrere Jahre dauern, bis sie ganz vollzogen war.

Je länger der Krieg anhielt, desto stärker lud Mussolini seine Revolutionsidee nationalistisch auf und entwickelte sich zum Fürsprecher eines nationalen Sozialismus. Hatte er die bestehenden Verhältnisse bislang von links attackiert, tat er dies nach 1918 von rechts.