Wer die Heraufkunft des deutschen Faschismus studieren will, der blickt für gewöhnlich ins nachrevolutionäre Bayern der frühen zwanziger Jahre. Doch es gab einen zweiten Freistaat, dem Adolf Hitler und seine nationalsozialistische "Bewegung" einiges verdankten. Im Landtag von Braunschweig war die NSDAP, wenn auch zunächst nur durch den Parteiübertritt eines Unabhängigen Sozialdemokraten, seit Anfang 1924 vertreten, und der Freistaat Braunschweig war es auch, der Hitler Ende Februar 1932 per Ernennung zum Regierungsrat zur deutschen Staatsbürgerschaft verhalf – sodass er zwei Wochen später bei der Reichspräsidentenwahl gegen Paul von Hindenburg antreten konnte.

Mit nur einer halben Million Einwohnern zählte das vormalige Herzogtum zu den anachronistischen Kleinstaaten der Weimarer Republik, aber die dortige parteipolitische Lagerbildung spiegelte im Kleinen ziemlich exakt die Probleme im Großen: die Gespaltenheit der politischen Kultur und die wechselseitige Abschottung der politischen Milieus in der ersten deutschen Demokratie.

Während die Industriestadt Braunschweig mit ihren 200.000 Einwohnern sozialdemokratisch regiert wurde, wählte das agrarisch-protestantische Umland mehrheitlich rechts. Noch bei der Landtagswahl im September 1930, die gleichzeitig mit der Reichstagswahl stattfand, lag die rechtskonservative Deutsche Volkspartei mit 26 Prozent der Stimmen vor der NSDAP, die allerdings schlagartig auf über 22 Prozent zugelegt hatte (womit sie den Reichsdurchschnitt um vier Prozent übertraf). Gleichwohl blieben die Sozialdemokraten mit 41 Prozent stärkste Partei, und entsprechend prallten nun die Gegensätze aufeinander. Aufregende Zeiten – nicht nur für den sprichwörtlichen Mann auf der Straße, sondern auch für die lokalen Honoratioren.

Einer von ihnen war Karl Gebensleben, seit 1915 parteiloser Stadtbaurat und seit ein paar Jahren stellvertretender Oberbürgermeister von Braunschweig. An seiner Geschichte und an der seiner Familie lässt sich exemplarisch zeigen, was der "nationale Aufbruch" von 1933 für das deutsche Bürgertum bedeutete.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

"Ja, unsere politische Wirrnis! Mit dem Scheitern der Verhandlungen Hitler/Hindenburg sind die Hoffnungen von Millionen Deutscher zunichte geworden", klagte Elisabeth Gebensleben-von Alten noch am 1. Dezember 1932 in einem ihrer regelmäßigen Briefe an ihre in Utrecht lebende Tochter Irmgard. Politisch lebhaft interessiert und leicht entflammbar, genoss die gesellschaftlich ambitionierte Gemahlin des Stadtbaurats den Umgang mit politischen Größen wie dem vormaligen (und künftigen) Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht. Dessen Darlegungen bei einem Abendessen im kleinen Kreis hatten ihr neue Zuversicht gegeben: "Daß Hitler noch zum Ziele kommt, glaube ich bestimmt; es wird schon die Not so groß werden, daß sie ihn rufen und froh sind, wenn er dann kommt."

Zwei Monate später war es so weit, und Tochter Irmgard erhielt umgehend einen detaillierten Bericht: "Die Mittagnachrichten hatte ich leider verpaßt, aber da kam auch Vati mit dem Extrablatt. Vati lachte übers ganze Gesicht. Ich lachte auch mit, aber als die erste Freude vorüber war, mußte ich mich doch mal einen Augenblick in einen geheimen Sessel zurückziehen und ein paar Tränen kullern lassen. Endlich, endlich! Nun sitzt dieser ehemals einfachste Mann, der im Schützengraben lag, da, wo Bismarck saß, nach den unglaublichsten Anfeindungen und Verleumdungen. Vor 14 Jahren hatte er 7 Anhänger, jetzt 12 Millionen. Das ist das Resultat einer so unfaßbaren Energie, Selbstaufopferung und Kraft, wie man es wohl kaum je erlebt hat in der Weltgeschichte. Und die Kämpfe, die jetzt kommen werden! Vorgestern nachmittag, als ich in der Stadt war, geriet ich auf dem Bohlweg in Tumulte der Kommunisten; es war schrecklich. [...] Der Bolschewismus ist ja viel, viel weiter drin im Volke als man ahnt."

In ihrer Mischung aus privater Sentimentalität und unverdauter Propaganda machen solche Sätze auch noch im Abstand von 80 Jahren staunen. Und sie verdeutlichen einmal mehr: Die Erwartungen, mit denen das deutsche Bürgertum, zumal in seiner nationalprotestantischen Ausprägung, die Ankunft des "Führers" begrüßte, waren so überbordend wie das Vertrauen, das man in ihn zu setzen bereit war.

Nur ein paar Tage nach Hitlers Machtübernahme hatte Elisabeth Gebensleben-von Alten Gelegenheit, ihre neu gewonnene politische Seligkeit einem größeren Kreis zu offenbaren. Am 8. Februar 1933 berichtete sie ihrer Tochter über die Abendgesellschaft im eigenen Haus, mit der man eine Einladung des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters ("noch zu Schleichers Zeiten, als noch keiner daran dachte, daß Hitler so bald Reichskanzler werden würde") erwidert hatte: "Da saßen wir um einen großen runden Tisch, alle in feiner gesellschaftlicher Pose, als die Rede auf die Politik zu sprechen kam, was bis dahin ängstlich vermieden wurde. Allerdings über Hitler war es schon von seiten einiger Hochschulprofessoren hergegangen [...]. Ich hatte mich bis dahin zurückgehalten, wartete aber nur auf den passenden Augenblick, um meine Meinung zu sagen; von den Anwesenden waren alle gegen die Nazis. Da sagte ein Professor von der Hochschule: 'Es ist ja auch merkwürdig, daß sich in der Gesellschaft niemals jemand offen zum Nationalsozialismus bekennt.' Ich sagte in der Stille, die nach diesen Worten eintrat: 'Ich tue es.' – Da hättest Du nur mal all die Gesichter sehen müssen! Frau Oberbürgermeister sagte nur: 'Was, Sie?', und Stadtrat S. sagte: 'Und Sie haben den Mut, das zu sagen, so ganz offen?' Ich glaube aber, dieser Nazigeist hat ihnen ein bißchen imponiert!"

Wie viel "Nazigeist" in der höheren Beamtenfamilie bereits eingezogen war, zeigte nicht zuletzt der Stolz, mit dem die Mutter in demselben langen Brief die "ganz fröhliche Karte" zitierte, die Sohn Eberhard, der in Berlin studierte, nach dem 30. Januar 1933 nach Hause geschickt hatte: "Die historische Nacht (Fackelzug) war ich von 8–12 nachts auf den Beinen. Die vielleicht überschwänglich scheinenden Schilderungen, wie sie z. B. die Deutsche Allgemeine Zeitung gebracht hat, sind nicht übertrieben."