Wenn es je eine Kanzlerschaft voller Dramen in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat, dann ist es die Willy Brandts. Dramatisch war schon ihr Beginn: Gegen den Willen Helmut Schmidts und Herbert Wehners sagte sich Brandt in der Wahlnacht 1969 von der Großen Koalition los, um im Bündnis mit der FDP bei knappster Mehrheit seine Ostpolitik durchzusetzen. Dramatisch war auch das Ende: Die Wahl vom Herbst 1972 geriet zur glanzvollen Bestätigung des Kanzlers Brandt und seiner Ostpolitik und bescherte der SPD mit 45,8 Prozent der Stimmen den größten Erfolg ihrer Geschichte. Schon 1973 aber wurde zum Jahr eines ungeahnten Autoritätsverfalls, und am 24. April 1974 folgte mit der Verhaftung des DDR-Spions Günter Guillaume, seines Parteireferenten im Kanzleramt, der Schlussakt seiner Kanzlerschaft. Boulevardzeitungen und Illustrierte zeigten den Spitzel, wie er dem Kanzler allzu vertraut über die Schulter schaut. Am 7. Mai 1974 trat Willy Brandt überraschend zurück.

Ob dieser Schritt nötig war, welche Gründe Brandt bewogen haben, auch über die Rolle, die Herbert Wehner gespielt hat, darüber wird bis heute gestritten. Sogar Brandt selbst schwankte in seinem Urteil. In einem Brief an Breschnew vom Mai 1974 bezeichnete er seine Entscheidung als "leider nötig", in seinen Notizen zum Fall G. dagegen, posthum 1994 von Brigitte Seebacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, legte er den Schluss nahe, der Amtsverzicht sei "unnötig" und vermeidbar gewesen.

"Ein entschlossener Kanzler hätte den Fall Guillaume abreiten und überstehen können", schrieb ZEIT-Chefredakteur Theo Sommer damals und vermutete wohl zu Recht: "Womöglich besaß Willy Brandt solche Entschlossenheit nicht mehr." Jedenfalls habe er – frei nach dem Motto des letzten sächsischen Königs: "Macht euren Dreck alleene" – seinem Nachfolger Helmut Schmidt "die Macht in die Schürze gekippt wie einen Haufen Küchenabfall".

Das sind harte Worte, geschrieben aus der Sicht eines Schmidt besonders eng verbundenen Journalisten, doch spiegeln sie nur das damals weitverbreitete Unverständnis dafür wider, wie sehr Brandt nach seinem Wahltriumph von 1972 die Zügel schleifen ließ. Im Kampf um die Verträge mit Moskau, Warschau und Ost-Berlin hat er sich als entschlossener, zielstrebiger, durch und durch führungsstarker Kanzler erwiesen. Nun bringt er selbst Freunde gegen sich auf.

Ausgerechnet der Spiegel, der seine Sympathien für Brandt und dessen Ostpolitik nie verhehlt hat, erscheint zu Brandts 60. Geburtstag im Dezember 1973 mit einem Titelbild, das den Kanzler als der Realität entrücktes, bereits verwittertes Monument zeigt: Der von Rissen überzogene Kopf schwebt hoch über den Wolken. In der dazugehörigen Geschichte – Kanzler in der Krise – wird offen von Überlegungen sozialdemokratischer Genossen berichtet, für die der Sturz Brandts kein Tabu mehr ist. Chefredakteur Rudolf Augstein rät dem "führungsschwachen Kanzler" gar, ins "Oberstübchen" zu desertieren und die Nachfolge Gustav Heinemanns als Bundespräsident anzutreten. Und Blechtrommler Günter Grass, Autor des Lobliedes auf Willy, gibt schon zwei Wochen vor der Spiegel-Schelte im Fernsehen zu Protokoll: Der Kanzler strahle Lustlosigkeit aus, die Koalition wurstele im "Schlafmützentrott" vor sich hin und verströme eine geradezu "lähmende Selbstgefälligkeit".

Koalitionsverhandlungen am Krankenbett

Am Beginn dieser rasanten Talfahrt standen Krankheit und physische Erschöpfung. Die Jahre aufreibenden Ringens um die Ostpolitik hatten Brandt ausgelaugt. Dazu forderte der Wahlkampf 1972 nach dem nur knapp gescheiterten Misstrauensvotum gegen ihn seinen Preis. Brandt ging bis ans Ende seiner Kräfte, sprach in den letzten zehn Tagen auf bis zu acht Großkundgebungen täglich, kam vor zwei Uhr morgens fast nie ins Bett und rauchte Kette. Kein Wunder, dass er nach dem Wahltag an einer Stimmbänderentzündung laborierte, sich eine Geschwulst entfernen lassen musste und nach gelungener Operation wochenlang am Reden gehindert war. Der Arzt verbat ihm strikt das Rauchen, worunter er zwei Jahre lang "wie ein Hund" litt – was zweifellos zu seinem Formtief beitrug.

Vom Krankenbett aus konnte Brandt nur schriftlich Einfluss auf die Koalitionsverhandlungen mit der FDP nehmen, die nun Helmut Schmidt und Herbert Wehner führten und dabei den Liberalen mehr Macht verliehen, als durch das Wahlergebnis gerechtfertigt war. Brandt brachte dies später viel Ärger in der eigenen Partei ein. Als wirklich entscheidender Fehler der Kabinettsbildung stellte sich allerdings der von Schmidt erzwungene Verzicht Brandts auf seinen Kanzleramtschef Horst Ehmke heraus.

Brandt war ein Ideengeber, ein Mann der politischen Konzeptionen, keiner des Apparats. Er bedurfte eines Kanzleramtschefs, der über Autorität und Sachverstand, Energie und Durchsetzungskraft verfügte und keine Angst vor Konfrontationen hatte. Die Zusammenarbeit zwischen dem eher kontemplativen Regierungschef und dem intellektuell ebenso brillanten wie forschen Ehmke funktionierte glänzend. Doch Helmut Schmidt nahm Anstoß am Ministerrang von Ehmke, an dessen Hemdsärmeligkeit und fröhlich-unverfrorenem Drang zur Selbstdarstellung. Noch vor den Wahlen hatte er signalisiert, er werde einer zweiten Regierung Brandt unter einem "Unterkanzler" Ehmke niemals angehören.