Was der neue Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung am 28. Oktober 1969 verkündet, klingt nach einer Selbstverständlichkeit: "Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein und werden im Innern und nach außen." Und doch vollzieht Willy Brandt damit einen spektakuläreren Umschwung in der Innen- und Außenpolitik: Der Beginn der sozialliberalen Koalition im Herbst 1969, die mit Brandt erstmals einen Sozialdemokraten zum Bundeskanzler wählt, markiert einen Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Kabinett Brandt versteht sich als Reformbündnis, das Deutschland grundlegend verändern will. Im Inneren strebt die Regierung einen Aufbruch zu "mehr Demokratie" an, in der Außenpolitik wollen Brandt und sein Vizekanzler Walter Scheel (FDP) einen neuen Weg zum Frieden suchen.

Die Anfänge dieser Reformpolitik reichen zurück bis in Brandts Zeit als Westberliner Bürgermeister. Den Ausschlag gibt der Schock über den Mauerbau von 1961, denn spätestens nun ist offensichtlich: Die deutsche Zweistaatlichkeit, die 1949 mit der doppelten Staatsgründung ihren Anfang genommen hat, wird sich nicht kurzfristig aus der Welt schaffen lassen. Die sofortige Wiedervereinigung zu fordern, hält Brandt daher für kontraproduktiv. Stattdessen entwickelt er mit seinem Weggefährten und engen Mitarbeiter Egon Bahr ein Konzept für eine internationale Entspannungspolitik – nach der Devise: "Kleine Schritte sind immer besser als große Worte."

Bereits im Dezember 1963 zeitigt ihre Politik einen ersten Erfolg: 28 Monate nach dem Mauerbau handelt der Berliner Senat mit der DDR-Regierung ein Passierscheinabkommen aus. Ein weiteres folgt 1964.

100. Geburtstag - Willy Brandt wurde vom Gegner zum Idol Viele mochten Willy Brandt früher nicht, heute finden ihn alle toll. Der Historiker Peter Brandt erinnert sich zum 100. Geburtstag an seinen Vater Willy Brandt.

Als Außenminister und Vizekanzler der Großen Koalition setzt Brandt diesen Kurs fort. 1966 tritt er für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Rumänien und Jugoslawien ein. Während seiner Amtszeit werden Handelsvertretungen in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn eingerichtet. Dass Brandt auch 1969 nach seiner Wahl zum Kanzler für mehr Pragmatismus in den Beziehungen zur DDR und in der Ostpolitik plädiert, ist daher nur konsequent. "Über ein geregeltes Nebeneinander" will er zu einem "Miteinander" kommen und die "Verkrampfung" zwischen den beiden deutschen Staaten beenden.

Zu dieser Verkrampfung gehörte es, dass innerdeutsche Staatsbesuche tabu waren. Brandt bricht mit dieser Logik der Blockkonfrontation. Am 19. März 1970 reist er als erster deutscher Bundeskanzler in die DDR. Allerdings vermeidet er es, die Hauptstadt zu besuchen, denn es soll nicht der Anschein einer offiziellen Anerkennung des DDR-Regimes entstehen: Er trifft den Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph in Erfurt. Vor Brandts Hotel versammeln sich am Tag seiner Ankunft Hunderte Menschen. Die Menge ruft: "Willy Brandt ans Fenster", und jubelt dem Westkanzler zu. Am 21. Mai reist Stoph zum Gegenbesuch in die Bundesrepublik – nach Kassel.

Die Beziehungen zwischen den Regierungen in Bonn und Ost-Berlin verbessern sich nun tatsächlich in kleinen Schritten, obwohl Brandt die von der DDR geforderte verfassungs- und völkerrechtliche Anerkennung der Zweistaatlichkeit auch weiterhin nicht zugestehen kann und will. Für ihn sind die beiden deutschen Staaten trotz ihrer Doppelexistenz "füreinander nicht Ausland", wie er in seiner ersten Regierungserklärung betont. Ihre Beziehungen könnten deshalb "nur von besonderer Art sein". Er bietet jedoch an, den bislang von der Bundesrepublik erhobenen deutschen Alleinvertretungsanspruch auf internationaler Bühne fallen zu lassen. Das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes allerdings gibt er nicht auf. Brandt lässt offen, ob und wann es für die beiden deutschen Staaten eine gemeinsame Zukunft – sprich: die nationale Einheit – geben könne. Damit legt er eine Leitlinie fest, an der sich seine Nachfolger bis zum Herbst 1989 orientieren werden.

Brandts Annäherung an die DDR geht von Anfang an mit einer Neuorientierung in der gesamten Ostpolitik einher. In einem mehrere Monate dauernden Gesprächsmarathon handeln Egon Bahr und der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko 1970 den sogenannte Moskauer Vertrag aus, der als Modell für die weiteren Ostverträge mit Polen (1970) und der Tschechoslowakei (1973) dient. Die Unterzeichner sichern einander zu, auf jegliche Gewalt zu verzichten und die Unverletzlichkeit der bestehenden europäischen Nachkriegsgrenzen anzuerkennen. Das Ziel lautet wie in der Deutschlandpolitik: "Wandel durch Annäherung".

Zunächst aber lösen die Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR Irritationen aus. Die DDR-Regierung reagiert beunruhigt, weil die sowjetische Schutzmacht sie nicht an den Treffen beteiligt und damit vor aller Welt brüskiert hat. Die polnische Regierung sieht es als Affront an, dass über ihren Kopf hinweg die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens definiert wird: Sie fühlt sich durch dieses Vorgehen an die jahrhundertelange Fremdbestimmung durch Deutschland und Russland erinnert. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt und dem deutschen Überfall von 1939 war Polen für mehrere Jahre von der europäischen Landkarte getilgt worden. Nur wenige andere Länder hatten in den Jahren bis 1945 so sehr unter dem NS-Terror zu leiden. Brandt steht daher vor einer schwierigen Aufgabe, als er am 7. Dezember 1970 nach Polen aufbricht.