Am Anfang war das Wort: Verdun. Es prangte auf einem feldgrauen Buch, im hintersten Regal der väterlichen Bibliothek. Mit heißen Ohren verschlang ich Josef Magnus Wehners Sieben vor Verdun. Erregt und angewidert las ich 1966 vom deutschen Opfergang des Jahres 1916, in orgelnder Sprache, voller Glut und Blut. Singend ziehen die deutschen Soldaten in die Schicksalsschlacht. Gott ist mit ihnen, muss es sein. Wie eine blonde Flamme lodert Germanien wider die unreinen Franzosen, die sich mit "übelriechenden Horden" gurgelschlitzender "Wollköpfe" verstärken.

Am Ende steht kein Sieg, doch Ruhm, "die Jahrtausende hinauf". "Der Sieg, das ist der Zweck des Krieges, nicht sein Sinn. [...] Der Krieg stellt eine Frage an die Völker: Bist du bereit und geweiht, der Welt Ordnung und Gesetz zu geben? Willst du dich opfern um des kommenden Gesetzes willen, das höher ist als du selbst?"

Wohl 143.000 Deutsche und 162.000 Franzosen starben vor Verdun. Josef Magnus Wehner überlebte schwer verletzt. Sein Buch, 1930 erschienen, war ein völkischer Sturmangriff auf Erich Maria Remarques pazifistischen Welterfolg Im Westen nichts Neues. Später gelobte er Hitler treueste Gefolgschaft, Goebbels erhob ihn zum Ehrenpensionär. In der DDR, wo ich aufwuchs, wurde Wehners Georgel so wenig verlegt wie Ernst Jüngers landsknechtstolzes Kampfgeschreib. Hoch geschätzt war Arnold Zweig, der Fontane des 20. Jahrhunderts. Zweig orgelt nicht, sondern erzählt episch von den Opfern, Betreibern und Profiteuren der Massenschlächterei. Seinen Roman Erziehung vor Verdun schrieb er 1935, im palästinischen Exil. Zweig war Jude – und Verdun-Veteran, wie Hitlers Paladine Heß, Keitel, von Manstein, Paulus, von Kluge, Guderian...

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 1/2014

All das steht geschrieben. Nun will ich endlich selbst nach Verdun. Und erleben, wie der Ort sich von den Mythen unterscheidet.

Von Metz rollt der Zug gen Westen durchs flache Lothringer Land. Die Gegend hügelt auf. Nach 70 Minuten ist eine nette Kleinstadt erreicht, geteilt von einem Fluss. Grün glitzert die Maas in der Wintersonne. Man kann am Quai de Londres spazieren oder in der Rue Mazel Léon Braquiers berühmte Mandel-Dragées de Verdun erwerben – Letzteres seit 1783. Vis-à-vis der Pont Chaussée eröffnet sich der berühmte Postkartenblick hinauf zur Kathedrale, deren weiße Doppeltürme die Altstadt krönen. Man wird irritiert, auf perverse Art: Die Stadt ist heil. Die Postkarten zeigen das kriegszerstörte Verdun. Krieg meint hier immer den Ersten Weltkrieg, nicht wie in Deutschland den Zweiten.

Um 1900 lebten in der Garnisonsstadt mehr Soldaten als Zivilisten. Heute ist hier nur noch ein Regiment stationiert. Zwei sichtlich ungediente Burschen schlurfen vorbei. Sagt mal, wie lebt es sich hier?

Normal. Stadt wie jede andere.

Und der Krieg?

Denken wir nicht dran. Die Kriegstouristen sind gut, bringen Geld.

Könnte es wieder Krieg geben?

Nicht gegen die Deutschen, sagt Dylan Mousseau. Die Deutschen sind wie wir. Vielleicht gegen Russland. Große Militärmacht.

Oder gegen die Amerikaner, meint Romain Campolucci. Die wollen die ganze Welt kontrollieren.

Ich war Soldat, und ich bin Patriot, erklärt ein lebhafter älterer Herr namens Tyrell Devendin. Mein Vater war in deutscher Kriegsgefangenschaft, auf einem bayerischen Bauernhof. Zu Weihnachten bekamen die Bauersleute die Nachricht vom Tod ihres Sohns, gefallen an der Ostfront.

Was hat Ihr Vater gesagt?

Dass er den Krieg hasst, nicht die Deutschen.

Ein Uniformierter tritt hinzu. Jawohl, er sei Berufssoldat, 1. Kavallerieregiment.

Was, Sie reiten in die Schlacht? Mit Säbel?

Kavallerie bedeute Panzer, erklärt der junge Mann. Er hoffe, das heutige Geschichtsbewusstsein und die europäische Gemeinschaft machten Krieg unmöglich. Allerdings gebe es in jeder Generation eine gewisse Neugier, eine Sehnsucht nach Kampf.

Ist Verduns Kriegsgedenken patriotisch?

Früher. Jetzt gilt es allen, die hier gekämpft haben.

Natürlich. Die westdeutsch-französische Versöhnung, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Reimser Kathedrale, der Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterrand über den Gräbern von Verdun – all das ist Nachkrieg: Rekonvaleszenz.

Die Vorgeschichte bleibt so konträr wie Angriff und Verteidigung. An Verduns Promenade schreit Rodins Riesenplastik La Defense. Auch das Gefallenenmal auf der Place de la Nation ist eine Trutzburg der Defensive. In einer Mauerbresche wachen, Brust an Brust, Kämpfer der fünf Heeresgattungen: Kavallerist, Pionier, Infanterist, Artillerist, Landwehrsoldat. ON NE PASSE PAS! Keiner kommt durch!

Nun nahen Grauköpfe in Uniform. Sie präsentieren Fahnen, sie legen Blumen nieder. Sie sind nachgeborene Veteranen vom Bund Ceux de Verdun. Sie hüten ein unsterbliches Erbe und halten die Toten am Leben. Lanzare Ponticelli, Frankreichs letzter Frontsoldat aus dem Ersten Weltkrieg, starb 2008 im Gnadenalter von 110 Jahren.

Am Kathedral-Berg führen 73 Stufen hinauf zum Siegesmonument. Ein Behelmter lehnt à la Jeanne d’Arc auf dem gesenkten Schwert. Ihn flankieren Beutekanonen, ostwärts zielend, auf die Höhen der Maas. In deren Rücken stürmten und verbluteten die Deutschen. Keiner von ihnen sah Verdun, obwohl sie bis hart vor die Stadt gelangten. Zweieinhalb Kilometer trennten die 5. Armee von Frankreichs Herz, möglicherweise vom Gewinn des Kriegs. Wäre Verdun gefallen, hätte Frankreich kapituliert, vielleicht sogar die gesamte Entente cordiale. So der Mythos.