Als Livia und Octavian heiraten, deutet nichts darauf hin, dass diese Ehe 52 Jahre halten wird. Erst recht kann niemand ahnen, dass es Livia gelingen wird, aus dem Schatten ihres mächtigen Mannes zu treten, zur Priesterin und schließlich sogar zur Gottheit erhoben zu werden. Am wenigsten wohl sie selbst.

Das erste Mal trifft sie Octavian im Jahr 39 v. Chr., als er seinen 24. Geburtstag feiert. Livia Drusilla ist schwanger, sie besucht ein Bankett zusammen mit ihrem Mann Tiberius Claudius Nero. Die Begegnung mit Octavian hat dramatische Folgen: Er selbst will Livia zur Frau. Noch im selben Jahr findet ihre Hochzeit statt. Octavian verstößt dafür kurzerhand seine ebenfalls hochschwangere Frau Scribonia.

Livia dürfte über die Vermählung zunächst wenig glücklich gewesen sein. Kurz vor der Niederkunft mit ihrem zweiten Kind soll sie ins Haus eines einstigen Erzfeindes ihrer Familie ziehen. Noch zwei Jahre zuvor sind sie und Nero während des Bürgerkriegs in Todesangst vor Octavians Heer geflohen. Aber während sich Livias Vater das Leben nahm, war Nero pragmatischer – und schloss sich Octavian an. Der ist auf Aussöhnung mit dem Adel bedacht, nachdem er viele ehrwürdige Familien der römischen Oberschicht ermorden ließ. Die Heirat mit Livia soll dabei helfen. Immerhin gehört sie dem Geschlecht der Claudier an, einer der ältesten Familien Roms.

Octavian sehnt sich in den ersten Ehejahren nach einem männlichen Erben, um die Nachfolge zu sichern; seine erste Frau Scribonia hat ihm nur eine Tochter, Iulia, geschenkt. Aber Livia, mit 15 Jahren zum ersten Mal verheiratet und bereits Mutter von zwei Söhnen, bekommt bis auf eine Totgeburt kein Kind mehr. Die Frau des Prinzeps ist also gezwungen, sich auf andere Weise unentbehrlich zu machen: Sie stilisiert sich zur Ikone der von ihrem Mann ins Leben gerufenen Tugendbewegung. Als Octavian den Namen Augustus annimmt und neue sittliche Regeln erlässt, geht Livia den Römerinnen mit gutem Beispiel voran. Sie wird zu einem Gegenentwurf der exzentrischen ägyptischen Königin Kleopatra, die Augustus’ Widersacher Antonius den Kopf verdreht hatte.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Schon mit ihrer Kleiderwahl demonstriert Livia die Abkehr von Prunk, Verschwendung und Frivolität: Haben sich die Frauen der Oberschicht früher in kostbare, durchscheinende Stoffe gehüllt, trägt die ehrenhafte, verheiratete Frau über der Tunika nun ein schlichtes, ärmelloses Wollkleid, das bis zu den Füßen reicht – die Stola. Ein Überwurf verhüllt alle Körperformen und bedeckt sogar den Kopf. Man wird Livia nicht mehr in anderer Tracht sehen. Sie spinnt sogar die Wolle für ihre Stola und die Togen des Augustus selbst. Der Prinzeps schmückt sich mit ihrer Tugendhaftigkeit.

Doch Livia ist mehr als nur ein Aushängeschild für die Politik ihres Mannes. Sie führt auch ihre eigenen Geschäfte. Während für gewöhnlich ein männlicher Vormund den Besitz einer römischen Frau verwaltet, hat ihr Octavian das Recht verliehen, selbst über ihr Vermögen zu bestimmen. Sie hilft Freunden mit Geld oder vermittelt Posten. Zu Augustus führt für viele bald kaum ein Weg an Livia vorbei. Er selbst sucht häufig ihren Rat in politischen Fragen.

Wie sie es zu so viel Einfluss auf den Prinzeps gebracht habe, wird Livia einmal gefragt. Ihre Antwort lautet dem römischen Geschichtsschreiber Cassius Dio nach: Sie habe selbst stets peinlich auf ihre sittliche Reinheit geachtet, mit Freude seine Wünsche erfüllt, sich niemals in seine Angelegenheiten eingemischt und vor allem immer bei seinen Liebesgeschichten weggesehen. Gelegenheiten zum Wegsehen gibt es viele, denn Augustus pflegt zahlreiche Affären. Livia unterstützt ihren Mann angeblich sogar dabei und vermittelt ihm neue Geliebte.

Auf der Münze wird Livias als Göttin Iustitia dargestellt. (Ca. 22–23 n. Chr.)

Aber Diskretion und Keuschheit allein erklären kaum den Aufstieg zur mächtigsten Herrscherfrau der Geschichte Roms. Ihr ehrgeizigstes Projekt ist die Schaffung einer neuen Dynastie – mit ihr als Oberhaupt, als mater familias. Schließlich ist ihre Zukunft ohne gemeinsamen Sohn ungewiss, falls der Prinzeps stirbt. Also verwebt sie ihre Familie – das Geschlecht der Claudier – mit dem iulischen Geschlecht des Augustus und nutzt dafür das Instrument der Eheschließungen mindestens ebenso virtuos wie ihr Mann. Sie verheiratet ihre Enkelin mit Augustus’ Enkel Gaius. Ihr Sohn Drusus wiederum heiratet eine Nichte von Augustus. Als seine Enkel Gaius und Lucius, in denen der Prinzeps bislang seine Nachfolger gesehen hat, sterben, erreicht die Verschmelzung der Familien ihren Höhepunkt: Tiberius, Livias Sohn aus erster Ehe, wird zum Erben erkoren, und Augustus zwingt seine gerade verwitwete Tochter Iulia, ihn zu heiraten. Als sich Tiberius wieder von Iulia scheiden lässt – sie wird um 2 v. Chr. wegen ehelicher Untreue in die Verbannung geschickt –, adoptiert Augustus seinen Stiefsohn, um die Nachfolge aufrechtzuerhalten. Damit hat Livia eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht: Als Mutter des zukünftigen Prinzeps ist ihr auch nach dem Tod ihres Mannes eine bedeutende Position sicher.

Tatsächlich setzt sich Livias Aufstieg nach dem Ableben des Augustus zunächst fort: Gemäß seinem letzten Willen wird sie von seiner Familie adoptiert und darf nun den Ehrennamen Iulia Augusta tragen. Als der Senat Augustus auf ihr Betreiben hin zum Gott erhebt, wird sie zu seiner Priesterin ernannt. Eine Frau als Priesterin eines männlichen Gottes: Das hat es in der Geschichte des Imperiums noch nicht gegeben. Geht sie durch die Stadt, schreitet nun eine Leibwache vor ihr her. Die römische Gesellschaft betrachtet sie als nahezu gleichrangig mit dem neuen Herrscher, ihrem Sohn Tiberius. Erste Schriftstücke verlassen den Haushalt mit ihrem Namen neben seinem.